17.09.1958

FÜRSTENHÄUSER / HAUS WITTELSBACHDie zornigen Prinzessinnen

Noch immer meinen in manchen deutschen Landesteilen politische Wanderprediger, die von ihnen als labil empfundene westdeutsche Demokratie könne durch die Re-Inthronisation gottbegnadeter Fürsten stabilisiert werden. Der zumal in Bayern gar nicht geringen Publikumswirkung solcher Heilslehren ist es freilich keineswegs zuträglich, wenn ab und an aus den Burgen des Gottesgnadentums Gerüchte über Zänkereien um Geld und Erbansprüche und andere allzu menschliche Konflikte dringen. Eben eine solche Prüfung steht nun den Getreuen des angestammten Königshauses der Bayern bevor: In Kürze wird sich die achte Zivilkammer des Landgerichts München I mit einem Erbstreit befassen müssen, der seit geraumer Zeit in den Schlössern der königlichen Linie* des Hauses Wittelsbach ausgetragen wird.
Albrecht Luitpold Ferdinand Michael, 53, ist der älteste Sohn des 1955 verstorbenen Kronprinzen Rupprecht und das einzige Kind aus Rupprechts erster Ehe. Die zweite Ehe des Kronprinzen bescherte dem Albrecht sechs Halbgeschwister, und einige davon wollen nun den Herzog wegen Unstimmigkeiten bei der Verteilung des Kronprinzen-Erbes vor Gericht ziehen.
Für einen solchen Fall hatte freilich Albrecht schon bei Lebzeiten seines Vaters versucht, Vorsorge zu treffen. So legten seine Berater bereits im August 1952 den Rupprecht-Töchtern aus zweiter Ehe Irmingard und Gabriele ein Dokument vor, wonach die beiden gegen Zahlung von 80 000 Mark auf alle Erbansprüche verzichten sollten.
Indes, die zwei Prinzessinnen zeigten sich zunächst verstockt und unterschrieben nichts. Auch ihre Schwester Hilda weigerte sich, noch bei Lebzeiten Rupprechts gegen bare 20 000 Mark alle Erbansprüche aufzugeben.
Prinzessin Editha gar sollte überhaupt nichts erhalten. Ihr erklärte Halbbruder Albrecht, falls sie auf ihre Erbansprüche verzichte, werde er bemüht sein, das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Vater Rupprecht zu verbessern.
Albrechts Bemühungen war schließlich doch ein Erfolg beschieden: Am 19. Mai 1954 signierten seine Halbschwestern ein Dokument, wonach jede für einen Betrag von 150 000 Mark, "welcher dem errechneten Pflichtanteil entspricht", auf das Rupprecht-Erbe verzichtete. Den Prinzessinnen wurden keinerlei Unterlagen gezeigt, Rupprechts verantwortlicher Vermögensverwalter Baron Franz von Redwitz gab sein Ehrenwort, alle Bewertungen seien richtig erfolgt. Tönte der Baron: "Ein Zweifel an meinem Wort ist ein Zweifel am Wort des Kronprinzen."
Nach dem Tod des Kronprinzen am 2. August 1955 kamen den Prinzessinnen jedoch Zweifel am Ehrenwort des Redwitz, der Albrechts engster Vertrauter ist. Einen Vorschlag der Prinzessinnen, Feststellung und Bewertung des kronprinzlichen Nachlasses einer Treuhandgesellschaft anzuvertrauen, lehnte Albrecht ab. Daraufhin fochten die Schwestern den Erbverzichtsvertrag an.
Daß diese Anfechtung nicht gerade ein Fehler war, erwies sich, als die Vermögensverwalter und Testamentsvollstrecker des Verblichenen das Erbe bewerteten. War man beim Erbverzichtsvertrag noch von einem Nettovermögen in Höhe von zwei Millionen Mark ausgegangen, so kamen Redwitz und seine Freunde allmählich nicht umhin, den Nachlaß auf über vier Millionen Mark zu taxieren - immer noch, ohne daß die Prinzessinnen Einblick in die Unterlagen hatten.
Den Prinzessinnen Hilda (verehelichte Lockett de Loayza), Gabriele (verehelichte Erbprinzessin von Croy) und Sophie (verehelichte Prinzessin und Herzogin von Arenberg) reichten schließlich Klage ein. Daraufhin erhielten sie ein Nachlaßverzeichnis, das ihr Anwalt in seinem nächsten Schriftsatz verhöhnte: Die Testamentsvollstrecker wollten wohl glauben machen, daß "der verstorbene hohe Herr von Papiertellern und Holzlöffeln gegessen" habe.
Neben Auseinandersetzungen von der Art, ob eine Toilette der Napoleon-Gemahlin Marie Louise aus reinem Gold und Silber wirklich nur 30000 Mark oder das Zwölffache dieses Betrages* wert sei, wie die Klägerinnen im Gegensatz zu ihrem Halbbruder schätzen, ist besonders das Auslandsvermögen des Verstorbenen umstritten.
Herzog Albrecht reist mitunter nach Brasilien, wo seine Interessen vornehmlich fünf Unternehmen gelten, an denen er beteiligt ist. Über diese seine Anlagen wird Albrecht nun dem Gericht Auskunft erteilen müssen, nachdem er seinen Halbgeschwistern gegenüber behauptete, der Kronprinz habe ihm an dem gleichen Tage, an dem die Prinzessinnen den Erbschaftsverzichtsvertrag unterzeichnet hatten, das Auslandsvermögen geschenkt.
Als ganz besonders anstößig empfinden bajuwarische Gläubige des Wittelsbacher Gottesgnadentums die Tatsache, daß vor dem Münchener Landgericht auch ein höchst profaner Verstoß des Chefs der Dynastie gegen die Devisenbestimmungen der Bundesrepublik zur Sprache kommen soll. Diesen Verstoß hat der Herzog schon vor längerer Zeit zugegeben, indem- er sich in einem Unterwerfungsverfahren zur Zahlung einer beträchtlichen Summe an die Oberfinanzdirektion München bereit erklärte.
Einen Teil dieser Summe, nämlich 20 000 Mark, hat der Herzog schon bezahlt, allerdings nicht aus der eigenen Kasse, sondern was zumindest ungewöhnlich ist und denn auch den Zorn der Prinzessinnen mobilisierte - aus dem Kronprinzen-Nachlaß, der schließlich ja auch neben dem Herzog den anderen Erben gehört.
Ebenfalls ungeklärt ist ein Betrag von 600 000 Mark, den Herzog Albrecht vor der Erbteilung vom Erbe abziehen möchte. Er, der Herzog, habe diese Summe seinem Vater, dem verstorbenen Kronprinzen, geliehen. Sie gehöre also nicht zur Erbmasse.
Der Anwalt der Prinzessinnen bezeichnete in einem Schriftsatz diesen Anspruch des Herzogs Albrecht schlicht als eine "fiktive Darlehensforderung". Gerade in diesem Punkte erweise sich, in welch unglaublicher Weise die Pflichtbeteiligungsberechtigten von dem Erben (Albrecht) übervorteilt werden sollen". Es handele sich um nichts anderes als um eine "Manipulation".
Außer der königlichen gibt es noch eine herzogliche Linie der Wittelsbacher, deren Angehörige den Titel Herzog(in) in Bayern führen.
* Für einen Brief mit 43 handgeschriebenen Zeilen des Korsen wurden kürzlich auf einer Pariser Auktion rund 6000 Mark bezahlt.
Herzog Albrecht
Holzlöffel geerbt?

DER SPIEGEL 38/1958
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