17.09.1958

INDUSTRIE / FLICKDer Eisenmann

Mit erkennbarer Genugtuung gab unlängst die Dynamit-Actien-Gesellschaft in Troisdorf bei Bonn bekannt, daß in der letzten Hauptversammlung zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. h. c. Dr. e. h. Friedrich Flick gewählt worden sei.
Die Folge dieser Bekanntmachung war ein Beweis dafür, daß Flicks Ruf, eine untrügliche Witterung für lukrative Geschäfte zu haben, die wirren Zeitläufte des letzten Halbjahrhunderts ungeschmälert überdauert hat: Die Nachfrage nach Dynamit-Aktien stieg derartig an, daß der Kurs der Papiere binnen kurzem um 60 Punkte auf 620 hochging.
Dem 75jährigen Flick war freilich an dieser Bestätigung der hohen Meinung von seinen Fähigkeiten wenig gelegen; er wäre viel lieber im Hintergrund geblieben und hatte sich lange gesträubt, die Wahl zum Aufsichtsratsvorsitzenden anzunehmen, durch die überhaupt erst allgemein bekannt wurde, daß Flick an der von dem sagenhaften Dynamit-Krösus Alfred Nobel gegründeten Firma beteiligt ist.
Dabei ist die Beteiligung gar nicht so neuen Datums; schon seit Monaten besitzt Flick ein Paket Dynamit-Aktien im Nennwert von siebeneinhalb Millionen Mark, das an der Börse bare 46 Millionen Mark wert ist.
Anlaß zu dieser Millionen-Investition des hageren, schlohweißen Industriefürsten, der sein Imperium in der abgeschiedenen Stille des waldumgebenen Hauses "Hohbeck" bei Düsseldorf regiert, war nicht etwa eine Spekulation, auf Munitionsgeschäfte, obschon die Dynamit-AG in ständig steigendem Umfang Schießzeug für die Bundeswehr produziert. Flicks Hoffnungen richten sich vielmehr auf die Kunststoffverarbeitung, von der sich auch ein anderes. Flick-Unternehmen, die Papierfabrik Feldmühle, eine große Zukunft verspricht.
Die zahlreichen Millionen, die der Herr vom Haus Hohbeck bei den Nachfahren des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel investierte, sind ein Teil des Geldschatzes, der ihm durch eine Zwangsauflage der alliierten Siegermächte zufloß. Das Nürnberger Kriegsverbrechergericht hatte den ehemaligen Stahlkönig nach der Kapitulation zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt; sein Vermögen wurde treuhänderisch verwaltet.
Es war allerdings nur ein Vermögensrest, der sequestriert werden konnte - zwei Drittel des Flickschen Montan-Reiches lagen hinter dem Eisernen Vorhang und waren ohnehin verloren. Das restliche - westliche - Drittel bestand aus
- einem Mehrheitspaket an der Harpener Bergbau-AG, Dortmund, dem ehemals größten Kohlekonzern Deutschlands, in dessen Besitz sich unter anderem die fast gleichgroße Essener Steinkohlenbergwerke AG befand;
- dem Gesamtkapital der Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte AG, Sulzbach-Rosenberg ("Maxhütte");
- einer neunzigprozentigen Beteiligung an
der Hochofenwerk Lübeck AG;
- der Schrottag in Nürnberg und München;
- der Waggon- und Maschinenbau GmbH
Donauwörth und
- der Landmaschinenfabrik Fella-Werke G.m.b.H. in Feucht bei Nürnberg.
Flick war also mit seinem Restvermögen zu etwa gleichen Teilen an Kohle und Stahl beteiligt - eine Tatsache, die von den Alliierten als eine bedrohliche Machtkonzentration bewertet wurde, weshalb sie ihm auferlegten, sich entweder von der Kohle oder von Eisen und Stahl zu trennen.
Flick nennt sich selbst einen "Eisenmann": Er entschied sich für den Eisen- und Stahlbereich; dementsprechend mußte er die Beteiligungen an den großen Grubenfirmen Harpener Bergbau und Essener Steinkohle verkaufen. Lediglich eine Einzelzeche - die spätere Monopol-Bergwerks-GmbH Kamen - durfte er für den Aufbau seines Nachkriegs-Konzerns behalten.
Aus dem Zwangsverkauf der Kohlengesellschaften - Essener Steinkohle ging an Mannesmann, Harpener Bergbau an ein Konsortium von zehn französischen Stahlfirmen-floß Flick rund eine Viertelmilliarde zu. Er ließ das Geld nicht liegen, sondern erwarb sofort neue Beteiligungen im Stahl-Bereich. Schon mit dem Verkauf der Harpener Firma an die französischen Stahlfirmen war ein Gegengeschäft gekoppelt. Als einziger Deutscher erwarb Flick Beteiligungen an zwei bedeutenden Stahlunternehmen Westeuropas, an der Société des Aciéries et Tréfileries des Neuves Maisons in Lothringen und der Société Métallurgique Hainaut - Sambre, Couillet in Belgien
170 Millionen Mark, die es anzulegen galt, blieben in der Kasse. Makler und kreditlüsterne Interessenten gaben einander in den Düsseldorfer Flick-Büros die Klinke in die Hand. Aber Flick hatte es mit dem Rest nicht mehr so eilig; er analysierte zunächst einmal die Bilanzen interessierender Objekte und legte sich ein neues Rezept für den Wiederaufbau seines Konzerns zurecht: Einsteigen in die Fertigindustrie derjenigen Branchen, die der Montan-Industrie verwandt oder ihre unmittelbaren Abnehmer sind.
Eine solche Branche ist die Chemie. Flick kennt sie von der Kohlechemie her. Einer seiner ersten Käufe im Inland war deshalb der Erwerb von 75 Prozent des Firmenkapitals bei Wolff & Co, Walsrode, aus der Liquidation der IG-Farbenindustrie. Flick wußte von dem Interesse der Feldmühle Papier- und Zellstoffwerke AG, der größten kontinentalen Papierfabrik, an diesem Unternehmen. Sehr bald bot sich denn auch die Möglichkeit, das Walsroder Paket gegen eine Beteiligung bei der Feldmühle einzutauschen, die neben der Papierfabrikation groß in die Kunststoff-Rohstoffherstellung einsteigen will.
Der nächste Kauf brachte ihm die Kapitalmehrheit bei den Buderus'schen Eisenwerken in Wetzlar. Mit dem Besitz dieser größten Gießerei Westdeutschlands wandelte sich der Kohle- und Stahlmagnat Flick bereits in einen Lieferanten von Ofen, Herden und Badewannen für den Endverbraucher. Aus Staats- und Kommunalbesitz übernahm er außerdem 50 Prozent der Maschinenbauanstalt Kiel.
Damit hatte Flick zwar wieder ein ganz beachtliches wirtschaftliches Reich beisammen, doch fehlte ihm noch die Kernprovinz, auf die er es abgesehen hatte: die Beteiligung an der lukrativsten stahlverarbeitenden Branche, an der Automobil-Industrie. Flick zählt die Autobranche - wie Chemie und Papier - zu den "wachsenden Industrien", und er versteht, obschon er wie Henry Ford I nie einen Führerschein besessen hat, durchaus etwas von Automobilen und ihren Absatzchancen. Der deutschen Nachkriegs-Automobilindustrie prophezeite Flick eine langdauernde Hochkonjunktur und begann, Aktien der Daimler-Benz AG aufzukaufen - so heimlich wie möglich.
Wie alle Vorstandsvorsitzer von Aktiengesellschaften beobachtet Daimler-Benz-Generaldirektor Dr. Fritz Könecke in Stuttgart stets die Entwicklung des Kurses der Aktien seiner Gesellschaft auf Anzeichen dafür, daß ein anonymer Interessent größere Aktienpakete in seinen Besitz zu bringen sucht. Um die Jahreswende 1952/53 äußerte Könecke gegenüber dem Aufsichtsratsvorsitzer seiner Gesellschaft, Hermann Abs von der Deutschen Bank, erstmalig den Verdacht, irgendwer kaufe systematisch Daimler-Aktien auf. Abs beruhigte ihn, er habe die Aktienbewegung genau unter Kontrolle: "Das würde mir gemeldet!"
Flicks Strohmänner und Bankverbindungen jedoch sind noch nie zu kontrollieren gewesen. Sie arbeiteten geräuschlos wie einst, ohne daß Hermann Abs etwas bemerkte: Eines Tages hatte Flick 15 Prozent des Kapitals beisammen und entpuppte sich neben dem Großindustriellen Dr. Günther Quandt und der Deutschen Bank als der dritte Großaktionär. Von Journalisten befragt, wieso das Haus Flick sich plötzlich für Automobile interessiere, winkte man in Düsseldorf mit dem Bemerken ab, der Alte mache das als Hobby.
Immerhin nahm er sein neues Hobby ernst und kaufte heimlich nach und nach 40 Prozent vom Stammkapital der Ingolstädter Auto Union GmbH. Als offiziellen Käufer schickte er aus seinem verschachtelten Konzerngebilde die Maximilianshütte AG vor.
Die Automobilbauer in Stuttgart-Untertürkheim regte das zu sorgenvollen Überlegungen an. Ohne Wissen seines Aufsichtsratsvorsitzers Hermann Abs machte Könecke kurz entschlossen dem neuen Großaktionär einen Besuch. Der Daimler-Benz-Chef sagt von sich selbst mit Recht, er habe eine ziemlich offene Schnauze. Trotzdem wagte er es nicht, offen zu fragen, ob der Finanzjongleur Flick bei Daimler-Benz nur "jobbern", das heißt Kursgewinne mitnehmen oder Pakete tauschen wolle.
Respektvoll umschrieb Könecke seine Sorge mit einem Hinweis auf die alten Traditionen und die Seriosität von Daimler. Er bot dem neuen Großaktionär an, einem Flick-Repräsentanten seinen Posten abzutreten. Flick grunzte, Könecke solle getrost auf seinem Posten bleiben; man werde bei Daimler bald merken, daß er - Flick - nicht nur abkassieren wolle.
Um in Stuttgart-Untertürkheim ein entscheidendes Wort mitreden zu können, fehlte Flick damals noch die sogenannte qualifizierte Minderheit von 25 Prozent des Aktienkapitals*. Seine Mittelsmänner kauften deshalb weiter Aktien auf. Am 18. Juli 1955 konnte Flicks Vetter und Generalbevollmächtigter Konrad Kaletsch schon mit einem Paket von runden 25 Prozent die Hauptversammlung besuchen.
Auf einem abenteuerlichen Umweg über Bremen kam ein weiteres Daimler-Paket an Flick. Während der Adventstage des Jahres 1955 hatte Flicks Hofstaat ein vertrauliches Gespräch zwischen Flick und einem ihm ebenbürtigen Äquilibristen des westdeutschen Effektenmarktes arrangiert, dem Nachwuchsmann Hermann D. Krages aus Bremen. Der Holzindustrielle hatte das Gespräch über einen Bankier angeregt. Unter einem Bismarck-Porträt saßen sich beide gegenüber. Man unterhielt sich über die Ertragsaussichten aller möglichen Branchen, wobei Friedrich Flick erkennen ließ, daß er die Automobil-Industrie für besonders zukunftsträchtig ansieht. Das Gespräch schweifte dann auf allgemeine wirtschaftliche Betrachtungen ab, ohne daß etwas Konkretes besprochen wurde. Als Krages sich verabschiedet hatte, rätselte Konrad Kaletsch: "Was wollte der bloß von uns?"
Einige Monate später wurde im Hause Flick bekannt, daß der Bremer Großaktionär, der aus Flick Interesse am Automobilgeschäft herausgehorcht hatte, acht Prozent des nominellen Aktienkapitals von Daimler-Benz zusammengekauft habe und bereit sei, dieses Paket zu verkaufen. Der Kurs lag um diese Zeit bei 385 Prozent. Zum Kurs von 430, also mit einem sogenannten Paketzuschlag, kam das Geschäft zustande. Krages gab das Paket ab an Dr. Quandt, und dieser wiederum reichte zwei Drittel der Aktien an Flick weiter.
Für die Düsseldorfer Konzernstrategen war es nur eine Frage der Zeit, weitere Schritte zum Aufbau eines umfassenden und von Flick kontrollierten Automobilkonzerns zu tun. Als Daimler-Chief Könecke den Großaktionär Flick gegen Ende des Jahres 1957 fragte, wie er sich auf längere Sicht die Zukunft der Auto Union vorstelle, waren sich beide schnell einig, daß besonders im- Hinblick auf-den Gemeinsamen Europäischen Markt ein Zusammengehen der Gruppen Daimler-Benz und Auto Union erstrebenswert sei.
Die Auto Union hatte seit der Neugründung des einst in Sachsen beheimateten Unternehmens stets mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Insbesondere fehlte das Geld für die Aufnahme der Produktion eines dreisitzigen Kleinwagens aus Kunststoff, der in Ingolstadt und später in Düsseldorf entwickelt worden war. Die Geschäftsleitung der Auto Union GmbH erhoffte sich rund 50 Millionen Mark, die nötig waren, um das Kunststoffauto in Serie zu produzieren, von ihrem kapitalkräftigen Teilhaber Friedrich Flick Auf das beständige Abraten des Daimler-Chefs Könecke jedoch verweigerte Flick das Geld.
In der Zwischenzeit hatte der Ingenieur William Werner einen neuen Kleinwagen mit Stahlkarosse, den DKW 600, konstruiert, der Flick und Könecke sehr viel besser gefiel als das Kunststoff-Vehikel. Nachdem Könecke und Flick sich einmal über die Angliederung der Auto Union einig waren, brauchte Flick nur noch den auf das Kunststoffauto eingeschworenen Generaldirektor Dr. Richard Bruhn und den technischen Direktor Zerbst auszubooten - beide wurden pensioniert -, um dann den gemeinsamen Schlachtplan ausführen zu können.
Dr. Könecke fuhr zu den neuen Leitern der Auto Union, den Geschäftsführern Werner Henze und William Werner, nach Düsseldorf und bereitete sie schonend auf die Angliederung vor. Er sicherte beiden in Flicks Namen zu, daß sie ihren Posten behalten würden. Die Aussicht, mit Daimler-Benz und Flick im Rücken der ewigen Geldnot entrinnen zu können, machte Werner und Henze dem Projekt geneigt.
Am 1. Januar 1958 waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Köneckes Überprüfung der Auto Union-Bilanzen hatte ergeben, daß das Unternehmen im Kern gesund ist (Könecke: "Wir wollten ja kein buckliges Mädchen ins Bett nehmen"). Die Daimler-Benz AG übernahm daraufhin offiziell 88 Prozent der Kapitalanteile der Auto Union GmbH.
Unter Experten der westdeutschen Zweirad-Industrie kursierte daraufhin bald das Gerücht, Flick wolle seinem neuen Reich auch die Fabrikation von Mopeds und Motorrädern einverleiben. Solche Kombinationen rühren daher, daß die Auto Union vor kurzem mit der Victoriawerke AG ein Abkommen getroffen hat, wonach die Fertigung motorisierter Auto Union-Zweiräder (DKW) auf die Victoria AG übergeht. Flick wird mit dieser Abmachung in Zusammenhang gebracht, weil Großaktionär der Victoria AG, die ihrerseits vor einiger Zeit das illiquide Motorrad-Unternehmen Expresswerke AG übernommen hat, jener Dr. Odilo Burkard ist, der als Generaldirektor bei der Flickschen Maxhütte sitzt.
Die Überlegung, Flick wolle die teilweise notleidende Zweirad-Produktion unter einen Hut bringen und wieder rentabel machen, wird in der Düsseldorfer Konzernverwaltung als unrichtig hingestellt. Es heißt, das alles mache Flick-Direktor Dr. Burkard abseits vom Flick-Konzern als Privatmann.
Der Ruf Flicks, direkt oder indirekt bei allen interessanten Transaktionen die Hand im Spiel zu haben, gründet sich nicht zuletzt auf das überaus reichhaltige Sortiment von Wertpapieren, über das Flick verfügt. Es enthält Aktien von wenigstens 50 Gesellschaften. Dadurch haben die Düsseldorfer Effekten-Jongleure immer sofort ein Fundament, auf dem sie aufbauen können, wenn eines dieser Unternehmen plötzlich besondere Ertragsaussichten erkennen läßt.
Auch die weit verbreitete Ansicht, daß Flick an dem Frankfurter Versandhaus Neckermann beteiligt sei, beruht auf diesem Zusammenhang: In Flicks Wertpapierdepot liegen auch Aktien der Berliner Handels-Gesellschaft, Kommanditgesellschaft auf Aktien. Dieses ebenso renommierte wie schweigsame Bankhaus besitzt in Frankfurt eine Tochterfirma namens Investierungs-Gesellschaft für Industrie- und Handelsunternehmungen m. b. H. Und diese abgekürzt Investiha genannte Gesellschaft ist mit 20 Millionen Mark Teilhaberin bei Josef Neckermann.
Flicks neuer Auto-Konzern ist der größte Automobilproduzent Europas; das Volkswagenwerk, das bisher diesen Rang für sich beanspruchen konnte, ist an die zweite Stelle gerutscht. Das Produktionsvolumen allein ist jedoch nicht der entscheidende Vorteil, den die Kombination Daimler-Benz-Auto Union bietet. In dem scharfen Konkurrenzkampf, der auf dem - wenn auch erst in mehrjährigen Etappen erreichbaren - zollfreien europäischen Automarkt zu erwarten ist, wird der Wettbewerbsfähigkeit des Flickschen Kraftfahrzeugkombinats vor allem zugute kommen,
- daß es als einziges sämtliche Fahrzeugtypen vom Kleinwagen bis zum Schwerst-Lastwagen baut (außerdem Motoren verschiedener Art), wodurch Nachfrageschwankungen leicht aufgefangen werden können.
Für Daimler brachte die von Flick und Könecke ausgetüftelte Kombination noch den besonderen Vorteil, daß durch die Verbindung mit der Auto Union 150 Millionen eingespart werden, die Könecke hätte ausgeben müssen, um einen bereits fertigentwickelten Mercedes-Kleinwagen in großer Serie herzustellen.
Die Untertürkheimer hatten schon seit Jahren überlegt, wie Daimler-Benz die mittlere und untere Schicht der Automobil-Käufer erfassen könne, für die der kleinste Wagen mit dem Mercedes-Stern - der Typ 180 für 8700 Mark - noch immer zu groß ist. Könecke: "Jetzt ist es anders. Der DKW-Kunde gehört jetzt auch zu uns, und er bleibt bei uns im Stall. Wenn ihm nämlich der DKW zu klein oder sonst nicht mehr angemessen erscheint, wird er sich sagen, nun will ich mal den Mercedes 180 ausprobieren. Bisher stiegen solche Leute auf den Opel Kapitän oder den Borgward um. Wir gehen also mit der Auto Union auf zwei Beinen in den Gemeinsamen Markt, den sicherlich einige Automobilhersteller Westdeutschlands nicht überleben werden."
Mit Hilfe des kapitalkräftigeren Partners wird die Auto Union nun ihren DKW 600 in größerer Serie als zunächst geplant herausbringen können. Ebenso werden künftig Mittel für das Projekt vorhanden sein, auf lange Sicht einen DKW-Viertakter zu entwickeln. Den in der Branche als etwas hochmütig geltenden Mercedes-Konstrukteuren tut andererseits die Blutzufuhr von einem Unternehmen gut, das mit geringeren Mitteln ebenfalls Qualitätsautos gebaut hat.
Flicks Transaktion auf dem Autosektor entsprach seinem jahrzehntelang bewährten Prinzip, stets genau zu erforschen, "was ein Unternehmen wert ist, und vor allem, welche Ergänzung es einem anderen Unternehmen bringen kann". Flick hofft, daß eine Koordination von Verkauf und Service der beiden Autofirmen weitere kostensparende Rationalisierungserfolge erbringen wird. Als Endziel streben Könecke und Flick an, daß Reparaturwerkstätten beider Firmen künftig ebenso Mercedes-Fahrzeuge wie Wagen der Auto Union betreuen können.
Seit er die ersten Auto-Aktien kaufte, sind westeuropäische Autostatistiken und Verkehrsexpertisen Flicks bevorzugte Lektüre. Kunst, Musik oder Literatur ("Lesen Sie mal 'Drei Männer im Schnee', das ist ganz lustig") interessieren ihn ohnehin wenig.. In den Sitzungen des Aufsichtsrats von Daimler, dem er nebst Vetter Konrad Kaletsch und Sohn Friedrich-Karl angehört, zitiert er immer wieder aus dem Gedächtnis detaillierte Produktionszahlen derjenigen Unternehmen, von denen Daimler-Auto Union in Zukunft die schärfste Konkurrenz erwarten muß.
Flick redet einer sorgfältigen Vorbereitung auf den Gemeinsamen Markt das Wort In Düsseldorf, Ingolstadt und Untertürkheim zerlegen Techniker alle Fahrzeuge der ausländischen Konkurrenz in ihre Einzelteile - nicht um technische Details zu kopieren, sondern um die Selbstkosten der Konkurrenz zu ermitteln und so Preisvergleiche für die Zeit zu ermöglichen, zu der die verfälschenden Zölle wegfallen.
Fast die gesamte westdeutsche Automobilindustrie rechnet damit, daß der Abbau dieser Zölle im Gemeinsamen Markt ihre Absatzchancen verbessern wird. Bisher nämlich beträgt die Belastung für die Einfuhr ausländischer Autos nach Deutschland durchweg 20 Prozent, die Abgaben auf deutsche Autoexporte etwa nach Frankreich und Italien dagegen liegen bei durchschnittlich 60 Prozent des Fahrzeugpreises.
Flicks Exportspezialisten schätzen, daß sich die Ausfuhr von Mercedes-Wagen nach Frankreich und Italien bei Wegfall aller Zölle und Importbeschränkungen mindestens verdoppeln wird. Im DKW-Export wird ihrer Schätzung nach sogar die jetzige Jahreszahl zur Monatszahl werden.
Gefahren für den deutschen Markt, die Mercedes etwa von Citroén drohen oder DKW von Fiat, will man mit dem DKW 600 und neuen Mercedes-Typen begegnen. Eines der neuen Produkte aus Untertürkheim soll ein Sportwagen für 10 000 Mark sein.
Flick diskutiert bei der Erörterung solcher Probleme bis in Einzelheiten mit. Der einstige Montanfachmann hat sich durch fleißiges Branchenstudium mit allen Problemen der Motorisierung vertraut gemacht und offensichtlich an der neuen Rolle Gefallen gefunden.
Was Flick nach dem Willen der Alliierten zum Schaden gereichen sollte - der Verzicht auf Kohle oder Stahl -, schlug ihm zum Wohle aus. Er ist die Papiere der heute wenig rentablen und von Haldenbeständen umgebenen Kohlenzechen losgeworden und besitzt dafür Anteile der lukrativsten Unternehmen der Bundesrepublik. Flick kann sich heute bestätigen, daß er nach dem Krieg gut daran tat, sich den neuen Gegebenheiten unverzüglich und ohne Sentimentalität anzupassen und seinen Konzern auf eine neue Basis zu stellen, während sein Mitgefangener Alfried Krupp, dem aufgegeben war, das Stahlwerk. Rheinhausen zu verkaufen, auf bessere Zeiten hoffte und zum Kampf um die Befreiung von der Auflage den robusten Berthold Beitz engagierte. Rheinhausen ist zwar noch immer nicht verkauft, aber das Werk wird von Treuhändern beaufsichtigt, und Krupp darf es nicht betreten.
Friedrich Flick war keinen Augenblick bereit, sich unter das Kuratel von Treuhändern zu stellen: "Ich habe alles versucht, um die Verkaufsauflage abzuschütteln. Aber auch der Bundeskanzler konnte mir nichts in Aussicht stellen. Ich sollte also bei der Kohle, wenn ich nicht verkaufte, das volle unternehmerische Risiko laufen, aber nicht einmal einen Sitz im Aufsichtsrat bekommen. Aber das Risiko laufen und keinen Einfluß auf die Geschäfte nehmen. das paßte nicht in meinen Fahrplan. Ich habe meine Geschäfte immer selbst geführt, und es wäre mir scheußlich gewesen, wenn das Leute tun sollten, die von den Dingen nicht so viel verstehen, wie ich es von mir glaube."
Der Stahlkönig Flick hat nie andere Herren neben sich geduldet. Er ist unter Managern und Gründer-Erben der letzte der absoluten Wirtschaftsmonarchen, wie sie die Gründerzeit hervorgebracht hat. Bei ihm verdienten zwar die Vorstandsmitglieder schon während der dreißiger Jahre 150 000 Mark pro Jahr und mehr. Wichtige Entscheidungen aber traf er allein. Flick: "Natürlich konnten die Mitarbeiter ihrer Ansicht Ausdruck geben. Aber meine eigene Meinung ist entscheidend für meine Entschließungen. Es ist ja mein Vermögen, und ich trage die Verantwortung."
Sein Unternehmer - Königtum demonstrierte er auch seinen Nürnberger Richtern. Flick ging als einziger aller deutschen Angeklagten der Industrie-Prozesse 14 Tage lang in den Zeugenstand*. Gleich am Anfang der Verhöre, als er den Aufbau seines industriellen Imperiums schildern mußte, entspann sich zwischen ihm und dem Gericht ein bezeichnender Dialog:
Vorsitzender: "Einen Augenblick, Sie brauchen immer das Pronomen 'wir'?"
Angeklagter: "Mit 'wir' meine ich 'uns'."
Vorsitzender: "'Wir' soll also bedeuten alle Leute, die an dieser Industrie interessiert waren?"
Angeklagter: "Nein, das sollte bedeuten die Mittelstahlwerke, meine Firmengruppe also."
Dabei ist der Lebensstil dieses alten Industriemonarchen einfach. Als er bereits mehrfacher Millionär war, fuhr Flick noch dritter Klasse Eisenbahn. Noch heute ißt er oft aus einem sogenannten Henkelmann im neunten Stockwerk seines Verwaltungshauses in Düsseldorf, wo ihm ein gedrilltes Team von knapp 60 Angestellten beim Regieren seines Nachkriegs-Konzerns hilft.
Flick knausert mit Geld - wenngleich es eine Legende ist, er habe nach seiner Kasseler Militärzeit noch jahrelang eine Militär-Ausgehhose getragen. Wahr ist, daß er sie nicht tragen konnte, weil Flick am Entlassungstage als letzter Wache schieben mußte und ihm unterdes irgendeiner der abrückenden Kameraden die Ausgehhose aus dem Spind stahl.
Nur einmal hat Flick versucht, es den älteren Industrie-Königen, die im Ruhrtal ihre Schlösser bauten, an äußerem Prunk gleichzutun.
Alfred Krupp hatte mit seiner "Villa Hügel" den Anfang gemacht, Stinnes und Klöckner folgten. Dann erwarb August Thyssen das alte Schloß Landsberg. Auf dem Hausberg oberhalb Kettwigs an der Ruhr erstand deshalb Flick ein 50 Morgen großes Grundstück. Dort errichtete er für mehrere Millionen Mark den Charlottenhof, im Volksmund das "Schloß Flick". Hatte Alfred Krupp die Gäste mit einer frappierenden Entlüftungs - Maschinerie überrascht, so wartete Flick mit einer Vorrichtung auf, mit der er durch einen Knopfdruck alle Blendläden des Schlosses öffnen und schließen konnte. Im Dachgeschoß befand sich für die drei Söhne eine, große Turnhalle.
Dieses einzige äußere Zeichen seiner Herrlichkeit wurde zwar vollendet, Flick hat es jedoch nie bezogen. Denn als er seiner Frau an seinem 50. Geburtstag einen Wunsch freigab, da wünschte die Tochter des Textilkaufmanns und Ratsherrn Schuß aus Siegen ein kleines Haus für sich und die Familie. Flick erfüllte ihr den Wunsch, den Charlottenhof schenkte er dem Müttererholungswerk der NSV.
Im Dienstverhältnis nach innen ist Flicks Reich eine absolute Monarchie. Oberstes Gebot ist Verschwiegenheit, zu der auch längst ausgeschiedene führende Angestellte verpflichtet bleiben. Durch monatliche Zuwendungen von 500 bis 2000 Mark erleichtert der Konzernherr seinen ehemaligen leitenden Mitarbeitern das Schweigen und sichert sich gleichzeitig ihre Späherdienste und gelegentliche Mitteilungen über interessante Geschäfte.
Nichts haßt Flick mehr als Publizität. Vor dem Nürnberger Prozeß existierte von ihm nicht ein einziges Pressephoto.
Als Anfang der zwanziger Jahre, während Flick sein Industrie-Imperium aufbaute, ein Journalist namens Becker-Strecker von Rautenstrauch nach Flicks Geschmack zuviel über dessen Börsengeschäfte schrieb, lud Flick ihn in sein Haus. Flick und der Journalist schlossen einen Vertrag, nach dessen Wortlaut Becker "von der Fortsetzung seiner Tätigkeit Abstand" nahm. Das Abkommen galt zwanzig Jahre lang, bis zum 31. März 1943. Es lohnte sich für beide Teile.
Die Zurückhaltung Flicks gegenüber Journalisten hat dazu geführt, daß er vielen nur als ein großer Börsenjobber aus der Inflationszeit gilt. Richtig ist allerdings, daß er seine immensen Besitztümer vornehmlich in den turbulenten Jahren nach dem ersten Weltkrieg ansammelte. Über diese Zeit berichtete damals der "Hamburgische Wirtschafts-Correspondent": "Flick erwies sich als der geschickteste Finanzoperateur. Das waren die gleichen Methoden, mit denen auch Stinnes, Jakob Michael und Otto Wolff arbeiteten und dabei in die größten und umworbensten Werke eindrangen - man kaufte einfach mit geborgtem Geld, zahlte die Schuld mit Assignaten (Papiergeldscheinen) zurück und wurde dabei immer reicher."
Im Hause Flick wird nicht bestritten, daß die Rückzahlung großer Kredite in rasch verfallender Reichsmark Flicks Aufstieg während der Inflation beschleunigt hat. Vetter Kaletsch wendet jedoch ein, von der Inflation habe schließlich jeder profitieren können. Viele der großen Inflations-Gewinnler seien bald wieder von der Bildfläche verschwunden. Und nicht zuletzt: Der Chef habe schon vor der Inflation als junger Direktor der Charlottenhütte AG in seiner siegerländischen Heimat Aktien für mehr als eine Million besessen.
Als der erste Weltkrieg endete, stand Flick immerhin schon 16 Jahre im Beruf. Vom Realgymnasium Siegen hatte ihn der Vater, Landwirt und Grubenholzlieferant des benachbarten Ruhrgebiets, 1902 als Lehrling zur Bremerhütte in Weidenau geschickt. Diesem Siegerländer Eisenbetrieb mit Hochofen und kleinem Walzwerk machte die damalige Absatzkrise schwer zu schaffen.
Flick hält es für ein Glück, daß er bei einem Unternehmen gelernt hat, das mit jeder Mark sorgsam umging. Der Lehrling aus Siegen mußte damals als eine seiner ersten Arbeiten die Sanierungsbilanz vervielfältigen. Ihre Minuszahlen sagt noch der 75jährige aus dem Gedächtnis her: Bei 2,5 Millionen Mark Aktienkapital 1 667 000 Mark Verlust.
Nach der Lehrzeit schrieb sich Flick bei der damals gerade gegründeten Handelshochschule in Köln ein. Er wollte halb Kaufmann, halb Techniker in der Eisenindustrie werden. Als Diplomkaufmann kehrte er in die Bremerhütte zurück. Mit 24 Jahren wurde er dort Prokurist. Am 1. Mai 1913 nahm ihn die Eisenfirma Menden & Schwerte AG in den Vorstand auf. Gleichzeitig heiratete er.
Nur zwei Jahre später trat Flick dann in das Unternehmen ein, von dem aus er Jahrzehnte lang seine Feldzüge auf den Aktienmarkt unternahm: Er wurde Vorstandsmitglied der Charlottenhütte AG in Niederschelden an der Sieg. Er war 32 Jahre alt und - weil für die Kriegswirtschaft wichtig -, uk-gestellt. Mit seinen ersten Ersparnissen vom Direktoren-Gehalt und den 30 000 Mark Mitgift der Ratsherrn-Tochter Marie Schuß kaufte er bald ein
erstes Paket Aktien der Firma, deren Angestellter er war.
Die Aktionäre ernannten den jungen Mann zum alleinvertretungsberechtigten Generaldirektor. Sie hatten nichts dagegen, daß Flick selbst zum Großaktionär aufstieg. Dazu Flick: "So ein großes Kunststück war das gar nicht, denn die Charlottenhütte besaß nur fünf Millionen Park Aktienkapital."
Der junge Generaldirektor revolutionierte nicht nur durch den Einsatz von Stahlspänen die Verhüttung, er vertrat auch sonst revolutionäre Ideen: Er hetzte im Siegerland gegen die mächtige Montan-Industrie an der Ruhr, von der die kleinen Siegerländer Eisenwerke mangels eigener Kohlenzechen in einem unerfreulichen Maße abhängig waren.
Flick sammelte die Siegerländer Eisenmänner um sich. Er schlug ihnen am Biertisch und in den Büros vor, die Siegerländer Eisenindustrie solle eine geschlossene Gruppe bilden, sich eine eigene Kohlengrundlage schaffen und gegen das Diktat der Ruhrkönige ankämpfen.
Seiner Charlottenhütte gliederte Flick ein Hochofenwerk seines Geburtsortes Kreuztal, den Köln-Müsener Bergwerkaktien Verein, an.
Im gleichen Jahr, 1916, verstärkte er als Generaldirektor durch Kauf der Gesellschaft Luise die Erzbasis der Charlottenhütte. Dann gliederte er das Eichener Walzwerk an. 1917/18 schluckte sein Unternehmen zwei Feinblechwalzwerke in Weidenau und Siegen. Nachdem Flicks Firma sich schließlich die Waggon-Fabrik Siegener Eisenbahnbedarf AG einverleibt hatte, streckte er die Hand nach den Eisenwerken in Geisweid aus.
Da schlug die Ruhr zurück. Ihre längst gekrönten Häupter August Thyssen und Peter Klöckner brachten den Thron des jungen Siegerländers mit wenigen Wohlgezielten Stößen ins Wanken. Otto Wolff schloß sich ihnen an. Das Triumvirat der Ruhr brach Flicks Festung kurzerhand von innen auf. Die Ruhrkönige kauften fleißig Aktien der Charlottenhütte AG.
Ihre Absicht war eindeutig. Sobald sie über die Mehrheit verfügten, sollte Generaldirektor Flick entlassen werden. Dagegen hätte ihn auch seine Stellung als Minderheits-Aktionär der Firma nicht geschützt. Flick selbst bekannte später, damals habe seine Karriere auf des Messers Schneide gestanden. Um ein Haar wäre die Charlottenhütte auf den Status einer Filiale des Thyssen-Konzerns herabgesunken.
Flick kam mit knapper Not davon: Er konnte den Ruhrherren die Aktien der Charlottenhütte abtauschen - gegen seine gesammelten Geisweider Aktien. Damit war sein Plan, die Eisenwerke Geisweid in die Hand zu bekommen, gescheitert; zudem mußte er sich verpflichten, den bereits eingeleiteten Ankauf von Aktien der Ruhrzeche Königsborn einzustellen. Flicks großangelegter Einigungsversuch in Südwestfalen war gestoppt.
Am 30. Januar 1920 ereiferte er sich in der Hauptversammlung der Charlottenhütte über die Niederlage: "Neid, Mißgunst und Eifersucht haben auch in diesem Falle eine Rolle gespielt." Immerhin behielt die Charlottenhütte AG ihre Unabhängigkeit. Flicks eigener Anteil am Kapital der Firma belief sich nun auf mehr als 50 Prozent. Die Lust, sich mit den Montanmagnaten der Ruhr anzulegen, war ihm aber fürs erste vergangen. Er suchte sich sein Königreich woanders: im Osten.
Die Charlottenhütte hatte im Kriege 1914/18 gut verdient. Auf Flicks Anregung waren in Niederschelden für billiges Geld riesige Mengen Schrott gelagert worden. Sie brachten nach Kriegsende bares Geld. Am ersten Tage der November-Revolution verkaufte Flick überdies sofort die 17 Millionen Mark Kriegsanleihe aus dem Safe der Firma zu günstigem Kurs und dirigierte die flüssigen Mittel, die er so gewann, nach Oberschlesien.
Dem befreundeten Bankier Bergmann gab er im Sommer 1920 den Auftrag, zunächst für eine Million Mark Nennwert Aktien der oberschlesischen Bismarckhütte aufzukaufen. Der Kurs betrug 260 Prozent, stieg aber bald rapide an. Anfang Juli hatte Bergmann ein Paket von 40 Prozent des Kapitals der Bismarckhütte beisammen. Zu diesem Zeitpunkt witterten die oberschlesischen Magnaten Gefahr und versuchten, den Eindringling mit Gegenkäufen zu stoppen. Der Kurs stieg auf 400 Prozent. Wenige Wochen später präsentierte Bankier Bergmann seinem Auftraggeber Flick trotzdem die Mehrheit der Bismarckhütte.
Nur selten kaufte Flick an der Börse, meistens nur das "Fundament". Dann ging er direkt die Banken oder die Familien an, in deren Besitz er die großen Aktienpakete wußte. Vorher sondierte er genau, wie die Interessen seiner Kontrahenten gelagert waren. So konnte er ihnen aus seinem stets gut gefüllten Portefeuille oft andere Aktienpakete offerieren, die ihnen zur Ergänzung ihrer Konzerne fehlten.
Ihm kam dabei sein selbst zusammengestelltes Bilanzarchiv zugute, das er laufend ergänzte. Flick liest Geschäftsberichte wie andere Leute Kurzgeschichten, und Bilanzen sind für ihn verschlüsselte Romane. Schon als Student in Köln war er dem Altmeister der Betriebswirtschaft, Eugen Schmalenbach, freiwillig in den Abendstunden behilflich, das erste wissenschaftlich sortierte Bilanz-Archiv Europas aufzustellen.
Die Aktie ist für Flick ein abstraktes Hilfsmittel, mit dem er kunstvoll verschachtelte industriegebilde aufbaut. Er sammelte Aktien nicht, um etwa beim Wiederverkauf hohe Paketzuschläge einzuhandeln wie der Bremer Nachkriegs-Großkaufmann Krages. Der Handel mit Aktien ist für ihn nur Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck: "Für mich persönlich habe ich nie eine Aktie gekauft."
Flick hatte wie Hugo Stinnes und einige andere frühzeitig erkannt, daß die schlichte Kapitalspekulation der Gründerjahre in einer hochindustrialisierten Wirtschaft überholt ist. Ihnen kam es nicht mehr darauf an, durch geschickte Kapitalanlage unmittelbar hohe Renditen zu erzielen, sondern durch Kapitalbeteiligungs-Kombinationen einander ergänzende Unternehmen zusammenzuführen und so die Voraussetzungen für eine rationelle - und gewinnträchtige - Verbundwirtschaft zu schaffen.
Seine Vorsicht und Bedachtsamkeit hinderten Flick jedoch nicht, bei günstigen Gelegenheiten blitzschnell zuzugreifen. Ende 1921 bot ihm der Bankier Hjalmar Schacht eine solche Gelegenheit: die Kattowitzer Bergbau Aktiengesellschaft.
Die von Flick kurz zuvor erworbene Bismarck-Hütte in Oberschlesien besaß keine eigene Kohlengrundlage; die Kattowitzer Firma war eine Zechengesellschaft. Schacht hatte das Objekt nur wenige Stunden an der Hand. Flick akzeptierte über Nacht.
Trotz seiner westfälischen Sprödigkeit gewann Flick Vertraute. Sie schufen ihm Bastionen in Werken, an denen er interessiert war. So kannte er den kaufmännischen Direktor Möller der Linke-Hofmann-Lauchhammer-Werke - in Sachsen. Möller ermöglicht es Flick, die Werkanlagen inkognito zu besichtigen - inkognito, weil der Generaldirektor- Eichberg nichts von Flicks Interesse wissen darf, denn Eichberg hält es mit den Banken, die über die Mehrheit der Aktien verfügen.
Als das Komplott Flick-Möller dennoch ruchbar wird" will Eichberg den Vorstandskollegen Möller hinausfeuern. Er kommt nicht mehr dazu; denn noch vorher trifft eines der gefürchteten Flick-Telegramme ein, deren lakonischer Text lautet: "Habe Mehrheit erworben, hoffe auf gute Zusammenarbeit."
Im Jahre 1926 bricht über die Stahlindustrie eine Absatzkrise herein. Die Stahlkönige legen ihren Besitz zusammen und gründen die Vereinigte Stahlwerke AG, eine Notgemeinschaft, die über 50 Prozent der Stahl- und 20 Prozent der Kohle-Kapazität Deutschlands verfügt. Widerwillig flüchtet sich Flick mit einem Teil seiner Betriebsanlagen unter das gemeinsame Dach und bringt die Siegerländer Charlottenhütte, später auch die Linke-Hofmann-Werke, in die Gemeinschaftsgründung - kurz Stahlverein genannt - ein.
Vom Grundkapital des Stahlvereins bekam Flick Aktien im Nennwert von rund 20 Prozent. Wie er es fertigbrachte, aus diesen 20 Prozent ohne weiteren Kapitaleinsatz eine klare Mehrheit zu machen, die ihm die beherrschende Position im Stahlverein sicherte, ist ein Musterbeispiel für Flicks Talente auf dem Gebiet der Aktien-Äquilibristik.
Eine der Gesellschaften, die sich dem Mammut-Stahlverein anschloß, war die Gelsenkirchener Bergwerks-AG. Sie war die Hauptkohlenbasis der Gemeinschaft, und ihr waren 51 Prozent vom Aktienkapital des Stahlvereins zugefallen. Wie bei allen Mitgliedsfirmen des Vereins beinhalteten mithin die eigenen, auf das
Unternehmen Gelsenkirchener Bergwerks-AG lautenden Aktien Eigentumsrechte am Stahlverein-Kapital.
Flick begann, die ihm überlassenen Aktien des Stahlvereins in aller Stille gegen Papiere der Gelsenkirchener AG einzuhandeln. Schließlich gehörten ihm 51 Prozent der auf der Hauptversammlung vertretenen Gelsenkirchener Aktien. Da diese AG wiederum die Majorität in dem mit weit höherem Aktienkapital ausgestatteten Stahlverein besaß, verfügte Flick auch über dessen Mehrheit.
Als Angeklagter in Nürnberg gab Flick darüber zu Protokoll: ,Zweifellos war mit diesem Aktienbesitz eine große Machtstellung verbunden. Dennoch habe ich mich auf die Dauer im Stahlverein nicht sehr wohl gefühlt; die Organisation war mir zu groß. Alles mußte in großen Gremien besprochen werden, und ich find nicht genügend Möglichkeit, persönliche Initiative zu entwickeln."
Flick war in der Tat schon bald nach seinem Coup zur Lösung des Engagements gestimmt. Hinzu kam, daß seine Finanzen von der Wirtschaftskrise nicht unbeeinflußt geblieben waren. Er hatte unmittelbar nach dem Ankauf der Gelsenkirchener Mehrheit begonnen, in Mitteldeutschland ein neues, großes Stahlkombinat zusammenzubasteln. Zunächst löste er seine Linke-Hofmann-Werke wieder aus dem Stahlverein heraus, dann erwarb er die Mehrheit der Bautzener Waggon- und Maschinenfabrik, schließlich kamen noch die Maximilianshütte im bayrischen Rosenberg mit ihrem Thüringer Zweigwerk Unterwellenborn hinzu.
Geld war um die Jahreswende 1931/32 äußerst knapp. Es herrschte Deflation. In dieser Situation kursierte in Berlin die vertrauliche Nachricht, die französische Aktienbank Crédit Lyonnais verhandele über den Ankauf der Flickschen Beteiligung an der Gelsenkirchener Bergwerks-AG. Da durch die eigentümliche Aktienverschachtelung im Stahlverein der Eigentümer der Gelsenkirchen-Mehrheit gleichzeitig den Stahlverein kontrollierte, befürchteten Politiker aller Parteien, die nach der Ruhrbesetzung mühsam wieder aus dem Lande gedrängten Franzosen
würden nun über die Börse erneut in das Ruhrgebiet eindringen.
Friedrich Flicks damaliges Geschäft mit den Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG zählt zu den umstrittensten Transaktionen der deutschen Wirtschaftsgeschichte und schadet seinem Ruf bis heute. Denn zum Erstaunen der Öffentlichkeit verkaufte er dieses Paket schließlich weder an die Franzosen noch an eine deutsche Industriegruppe, sondern an die Reichsregierung. Der Kurs der Aktien lag bei 30 Prozent. Das Reich zahlte Friedrich Flick 81 Prozent, das waren 90 Millionen Mark.
In der Öffentlichkeit wurde Flick daraufhin vorgeworfen - süddeutsche Gewerkschaften organisierten Protestdemonstrationen, ein Untersuchungsausschuß des Parlaments drang in seine Büros ein-, er habe das Gerücht über ein Kaufinteresse der Franzosen selbst lanciert oder zumindest geduldet, mit dem Ziel, die Regierung zu schnellem Handeln und zur Zahlung eines möglichst hohen Kaufpreises für das Aktienpaket zu veranlassen. Mit Hilfe der erlösten 90 Millionen Mark wiederum habe er sein außerhalb der zum Verkauf stehenden Beteiligungen immer noch beachtliches Industriereich - Flick besaß die Maxhütte, einige Mittelstahl-Werke, die Rheinische Braunkohle sowie Beteiligungen an Magnesitwerken und anderes - vor dem drohenden finanziellen Ruin retten und sanieren können.
Erst heute ist man in der Konzernverwaltung bereit, das umstrittene Ereignis zu kommentieren*. Damals habe das Haus Flick "sich verpflichten müssen, über die Transaktion keinerlei Auskünfte zu erteilen. Das Reich, das heißt in diesem Falle der federführende Vizekanzler und Finanzminister Dietrich und der damalige Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, Dr. Zarden, hatten sich das vorbehalten."
Nach Flicks heutiger Erklärung hat 1932 nicht sein eigener Konzern vor dem finanziellen Zusammenbruch gestanden, sondern vielmehr die große Vereinigte Stahlwerke AG selbst. Die Lage des Mammut-Unternehmens sei so schlecht gewesen, daß die Reichsregierung von seinem drohenden Zusammenbruch schlimmste Folgen für die Allgemeinwirtschaft befürchtet habe und deshalb durch eine Kapitalbeteiligung den Status des Unternehmens nach außen garantieren wollte.
Flick weist darauf hin, daß damals der Regierung Brüning schon die Sanierung der in Zahlungsschwierigkeiten geratenen deutschen Großbanken nur mit Hilfe eines Fonds von Haushaltsmitteln gelungen war, und erklärt: "Die große Gefahr, die dieses *Sanierungswerk erneut in Frage stellte, war eine drohende Zahlungsunfähigkeit bei der Vereinigte Stahlwerke AG, dem größten Schwerindustriellen-Unternehmen des Kontinents."
Das Haus Flick verlautbart heute weiter: "Die Reichsregierung trat damals an die beiden Großaktionäre des Stahlvereins, Fritz Thyssen und Friedrich Flick, heran, um die Möglichkeit zu sondieren, inwieweit diese beiden Industriellen dazu in der Lage waren, zur Behebung der finanziellen Schwierigkeiten des Stahlvereins beizutragen. Sowohl Fritz Thyssen als auch Friedrich Flick, deren Gruppen in sich finanziell völlig intakt waren, sahen aber in der damaligen Situation keine Möglichkeit, von sich aus einzugreifen."
Zusammen mit den wirtschaftlichen Interessen spielten damals - nach Flicks heutigem Kommunique - auch außenpolitische Überlegungen der Regierung eine Rolle. Sie betrafen das deutsch-französische Verhältnis. Die insbesondere von Stresemann verfochtenen Aussöhnungsbestrebungen seien zu seiner Zeit immer wieder von dem wirtschaftlichen Gegensatz zwischen der Ruhr und Lothringen belastet gewesen:
"In dieser Situation wurde von dem damaligen Reichsfinanzminister Dr. Dietrich die Idee geboren, der Reichsregierung einen maßgeblichen Einfluß auf das größte schwerindustrielle Ruhrunternehmen zu sichern, mit dem Ziel, dem französischen Gesprächspartner die beruhigende Erklärung abgeben zu können, daß die Reichsregierung nunmehr einen maßgeblichen Einfluß auf die Ruhrindustrie besäße und sie zu Gesprächen zwecks Herstellung eines Kräfteausgleichs zwischen Lothringen und der Ruhr bereit sei.
"Gleichzeitig wurde in diesem Zusammenhang erreicht, daß der größte Aktionär der Vereinigten Stahlwerke AG, nämlich die Gelsenkirchener Bergwerks-AG, aus bestehenden Verpflichtungen befreit und damit der Weg frei gemacht wurde, die Vereinigten Stahlwerke aus der drohenden Gefahr eines finanziellen Zusammenbruchs herauszubringen."
Von den 90 Millionen Mark Kaufpreis, so erklärt Flick, sei keine einzige Mark in bar gezahlt worden. Vielmehr habe das Reich für 27 Millionen Mark langfristige Schuldverpflichtungen der Gelsenkirchener Bergwerks-AG sowie 38 Millionen Mark Stillhalteschulden der Flickschen Charlottenhütte AG übernommen und den Restbetrag von 25 Millionen Mark in Gestalt von Reichsschatzanweisungen bezahlt, die nicht vor Ablauf eines Jahres in Bargeld eingelöst werden konnten.
Der Kritik an dem Preis, den das Reich für das Aktienpaket zahlte, begegnet das Haus Flick mit dem Argument, es sei unsinnig, bei der Bewertung von Beteiligungen die damaligen Börsenkurse heranzuziehen: "Nach dem Börsenkurs war die Gelsenkirchener Bergwerks-AG einschließlich der Majorität an den Vereinigten Stahlwerken damals nicht höher bewertet als der Sachwert einer einzigen Schachtanlage an der Ruhr.
"Feststeht jedenfalls, daß nicht die Gruppe Flick, sondern der Stahlverein in finanziellen Schwierigkeiten war, und feststeht auch, daß das Haus Flick niemals das angeblich vorhandene französische Interesse der Reichsregierung gegenüber als Anreiz- oder gar als Druckmittel benutzt hat."
Immerhin stellt sich damit heraus, daß im Jahre 1932 die Öffentlichkeit und der Reichstag über die tatsächlichen wirtschaftlichen und politischen Hintergründe von beiden Vertragspartnern im unklaren gelassen worden sind. Noch der amtliche Reichshaushaltsbericht, der nach dem Sturz des Kabinetts Brüning die Gründe für den Kauf der Flick-Aktien erläuterte, begann mit dem Satz: "Die finanzielle Lage der Charlottenhütte AG verursachte außerordentliche Besorgnis." Von Plänen Brünings zur Beruhigung der Franzosen enthielt der Bericht nichts.
In Nürnberg schilderte Flick die Jahre 1931/32 als die seiner größten Machtposition. In dieser Zeit konsolidierte er das so augenfällig mit dem Reichsinteresse verbundene Flick-Imperium.
Anders als die meisten Montan-Industriellen stand Flick politisch nicht der Deutschnationalen, sondern der (liberalen) Deutschen Volkspartei nahe. Außenminister Stresemann verkehrte in seinem Haus. Einmal half Flick ihm sogar, persönliche Schulden aus der Welt zu schaffen. Später befürwortete der Konzernchef die Politik Reichskanzler Brünings.
Die Ruhrkönige hatten sich mit ihm arrangiert. Thyssen und Klöckner saßen mit dem einstigen Gegner in vielen Aufsichtsräten zusammen.
Über den sogenannten Dispositionsfonds Flicks flossen allein im Jahre 1932 rund 950 000 Mark an politische Parteien, sowohl an die Deutschnationalen als an die Sozialdemokraten. Flick unterstützte die Präsidentenwahl Hindenburgs. Auch Reichskanzler von Schleicher bekam Geld. Notiz eines Bankiers an Flick aus jener Zeit: "Schl. mahnt dringend an, ich werde von Dortmund aus 150 anweisen. Sie müßten davon möglichst heute 100 übernehmen." Die Zahl 100 bedeutet 100 000 Mark.
Flicks Werksleiter gaben im gleichen Jahr rund 50 000 Mark an örtliche Parteiführer der NSDAP. Nach der Machtübernahme zahlte der Konzern jährlich 100 000 Mark an den Freundeskreis Himmlers. Nicht zuletzt diese Gelder brachten ihm später das Nürnberger Urteil ein.
Nach den strapaziösen Börsenschlachten der Weimarer Zeit ging Flick daran, seine Beute zu ordnen. Er teilte die Sehnsucht aller Börsengiganten, sich als Industrieführer zu bewähren. Hatte er bis dahin vorwiegend spekuliert und geschachtelt, so leistete Flick nun mit der Neugruppierung kleinerer Eisenschmelzereien in Mitteldeutschland einen echten volkswirtschaftlichen Beitrag. Er kaufte zu dem was er schon hatte, noch einiges hinzu und zimmerte daraus einen bedeutenden mitteldeutschen Stahltrust.
Die Hütten in Sachsen und Brandenburg waren vor Auftauchen des Konzernherrn aus dem Siegerland ohne Bedeutung. Man hatte sie nicht einmal aufgefordert, dem Deutschen Stahlverband beizutreten. Nachdem der Aktienjobber Flick die Betriebe gekauft hatte, begann der Industrielle Flick, sie kaufmännisch und technisch zu rationalisieren.
Als Flick 1937 die Zentrale des Konzerns in die Personalgesellschaft Friedrich Flick, Kommanditgesellschaft, umwandelt, beschäftigt er 85 000 Menschen. Die Gruppe Mittelstahl-Maxhütte ist hinter dem Stahlverein und Krupp der drittgrößte Rohstahlproduzent im Deutschen Reich. Wozu die Krupps vier Generationen brauchten, das hat der Siegener Holzhändlersohn in 25 Jahren geschafft. Flicks damals zusammengetragener Industriebesitz in Ost- und Mitteldeutschland ist heute der schwerindustrielle Kern im Staate des Walter Ulbricht:
- Mitteldeutsche Stahlwerke GmbH in Riesa, Groditz, Lauchhammer, Brandenburg/Havel und Hennigsdorf bei Berlin,
- Sächsische Gußstahlwerke Döhlen AG, Freital/Sachsen,
- Anhaltische Kohlenwerke AG, Halle, Busch, Bautzen,
- Waggon- und Maschinenfabrik vormals
ATG-Maschinenfabrik, Leipzig,
- Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte AG, Werk Unterwellenborn/Thüringen.
Die Gründung der Personengesellschaft entbindet Flick von der für einen absoluten Industrie-Monarchen unangenehmen Pflicht, Bilanzen für die Spitzengesellschaft zu veröffentlichen. Vollhaftender Gesellschafter der Kommandozentrale wird Vater Flick, Kommanditist der Kronprinz Otto-Ernst, der mittlerweile bei der Maxhütte das Stahlschmelzen gelernt hat.
Allerdings bricht aus dem Imperium gelegentlich auch ein Stück heraus. Für die Gründung der Reichswerke Hermann Göring muß Flick beispielsweise einige Erzgruben, die im Besitz der Maxhütte sind, herausrücken. Bald danach verlangt das Reich von ihm, er solle mehrere der besten Steinkohlenzechen der Harpener Bergbau-AG abgeben. Sie sind ebenfalls für die Reichswerke Salzgitter bestimmt.
Flick bietet sofort andere Kohlenfelder im Werte von zehn Millionen Mark samt 1000 Bergarbeiterwohnungen gratis an, um die Auflage abzuschütteln. Trotzdem werden die wertvollsten Schächte von Harpen ausgegliedert. Andererseits kann Flick durch zwei Kaufgeschäfte in Anhalt und in der Niederlausitz Braunkohlengruben aus dem Besitz der Prager Familie Petschek erwerben. Im ersteren Falle kauft er direkt gegen Zahlung von 6,35 Millionen Dollar an die Petscheks. Im zweiten Fall übernimmt er Anfang des Krieges weitere Braunkohlengruben aus der Hand der Reichswerke.
Flicks Gruppe erwirtschaftete nach dem Umschlag der Konjunktur hohe Erträge. In Nürnberg über seinen Vermögenszuwachs während dieser Jahre befragt, sagte Flick- "Sollte von 1933 bis 1945 ein Vermögenszuwachs eingetreten sein, so wäre er selbst dann eingetreten, wenn ich während dieser Jahre nur spazierengegangen wäre."
Frühzeitig traf Flick während des Krieges Vorsorge für die Nachkriegszeit. Denn daß Deutschland den Krieg verlieren würde, sagten dem Stahlfachmann sehr bald die sinkenden Produktionsziffern seiner Fabriken. Überdies verschaffte ihm sein privater Nachrichtendienst 1943 eine Landkarte, der er entnehmen konnte, wie die Sieger Deutschland aufzuteilen gedachten. Es schien ihm an der Zeit zu sein, entsprechende Maßnahmen zu treffen.
Am 21. März 1944 ordnete er vor einem Notar in Berlin-Friedenau abschließend die Kapitalverhältnisse der Friedrich Flick Kommanditgesellschaft, der Dachfirma des Konzerns. Durch die letzte einer bereits 1937 begonnenen Reihe von Schenkungen an seine Söhne Otto-Ernst und Friedrich-Karl - sein dritter Sohn Rudolf war als Leutnant im Polenfeldzug gefallen - verteilte er das Nominalkapital der Firma derart, daß nun jeder Sohn 16 875 000 Mark besaß. Er selbst behielt mit 3 750 000 Mark nur zehn Prozent des Kapitals, so daß das Eigentum jetzt größtenteils bei den Söhnen lag.. Das Entscheidungsrecht in der Geschäftsführung behielt der Vater indessen sich selbst vor.
Durch den Bankier Hermann Abs ließ Flick auch dem Zweig der jüdischen Familie Petschek in Amerika, deren Braunkohlengruben sein Konzern erworben hatte, Nachricht zukommen. Er sei bereit, so ließ Flick die einstigen Braunkohlenkönige Mitteldeutschlands wissen, gegebenenfalls über das damalige Geschäft neu zu verhandeln, sobald die Regierung Hitler beseitigt sei. (Flick- beherbergte zeitweise einen der Verschwörer vom 20. Juli 1944.)
Als das Kriegsende nahte, ordneten leitende Angestellte des Konzerns vorsorglich auch die Spenden-Buchführung aus der Weimarer Zeit. Besonders die Belege der Jahre 1931/32 über Zahlungen in Höhe von 1,5 Millionen Mark an hitlerfeindliche Parteien legten sie Flick parat.
Flick rechnete damit, daß nach der Niederlage Deutschlands eine Volksfront-Regierung in Berlin gebildet werden würde. Er bestimmte seinen Vetter Konrad Kaletsch, in der Reichshauptstadt zu bleiben. Damit der Kontakt zu den Alliierten nicht an Sprachschwierigkeiten scheitere, heuerte er den jungen Willy Schlieker aus dem Rüstungsministerium an, der Englisch wie seine Muttersprache spricht Schliekler wurde im Februar 1945 Vorstandsmitglied in Flicks Konzern und blieb mit Vetter Kaletsch in Berlin. Außerdem setzte Flick für jede der vier Zonen einen Bevollmächtigten in Marsch.
Doch seine Vorstellungen erwiesen sich
als zu optimistisch: Am 13. Juni 1945 verhafteten ihn die Amerikaner auf seinem Landsitz "Hof Sauersberg" in Bad Tölz. Wenig später waren auch die übrigen leitenden Männer des Konzerns geschallt. Allein Schlieker konnte bei der Festnahme Kaletschs in Berlins Bellevuestraße durch den Keller entwischen.
Nur die Amerikaner machten dem Stahlkönig aus Mitteldeutschland nach dem Zusammenbruch den Prozeß. Trotz eifrigen Bemühens schlossen sich weder die Engländer noch die Franzosen dem Verfahren an, sogar die Sowjets hielten sich heraus.
Der Prozeß dauerte acht Monate und endete für Flick mit einem Urteil auf sieben Jahre Gefängnis. Abgesehen von den Schecks für den Freundeskreis Himmlers stützte sich das Urteil insbesondere auf zwei Tatsachen: Im Auftrage des Reiches hatte Flicks Konzern nach dem Frankreich-Feldzug den Betrieb der Rombachhütte in Lothringen übernommen. Sohn Otto-Ernst hatte das Werk geleitet und vor der Zerstörung bewahrt. Während jedoch die Flicks Rombach nur treuhänderisch betrieben haben wollen und der französische Präsident der Firma sich als Zeuge in Nürnberg bei Flick für die faire Leitung bedankte, befand sie das amerikanische Militärtribunal der Plünderung schuldig.
Zum zweiten mußte Flick ins Gefängnis, weil sein Neffe und Mitarbeiter Bernhard Weiß als Leiter der Breslauer Waggonfabrik russische Kriegsgefangene angefordert und eingesetzt hatte. Das Nürnberger Gericht deklarierte den Bau von Güterwagen als Kriegsproduktion und ahndete den Einsatz der Russen als einen Verstoß gegen die Haager Konvention.
Flick und Weiß wurden in das Gefängnis Landsberg eingeliefert. Hatte Flick vorher in den verschiedenen Internierungslagern meist Kartoffeln geschält, so mußte er dort Hosen flicken und Schuhe besohlen. Später machte man ihn zum Registrator der Gefängnisbibliothek.
Durch die amerikanischen Anwälte Carter, Ledyard und Milburn drang er als einziger Angeklagter der Nürnberger Industriellenprozesse sofort auf eine Revision des Urteils. Die Anwälte trugen Material darüber zusammen, daß Himmler mit Flicks Geldern die altgermanische Wevelsburg hatte restaurieren lassen und die Schlachtfelder Karls des Sachsenschlächters freilegen wollte. Das Rote Kreuz in Genf tat überdies deutsche Kriegsgefangene auf, die den Anwälten beeideten, sie seien in den USA sogar im Heeres-Fahrzeugbau beschäftigt worden.
Doch alle Eingaben an die amerikanische Hohe Kommission in Westdeutschland blieben zwecklos. Deren Juristen vertraten den Standpunkt, in Nürnberg habe auch bei den Prozessen gegen deutsche Industrielle und Ärzte ein Internationaler Gerichtshof geurteilt. Wie beim großen Kriegsverbrecher-Prozeß gebe es mithin keine Revisionsmöglichkeit.
Freunden gegenüber kommentierte Flick im Jahre 1951 diesen Standpunkt noch mit großer Verbitterung: "Mein Court war eindeutig ein amerikanisches Gericht. Alle, Sekretärinnen, Hilfsleute und Richter, waren Amerikaner. Außerdem haben sie doch zweimal täglich für die USA gebetet. Die Ablehnung meiner Revision entsprach nur der Staatsräson der USA. Die Amerikaner befürchteten ganz einfach von ihr unangenehme Folgen für ihre anderen Sonderprozesse; die Ärzte hatten sie ja schon aufgehängt."
Flicks Vetter Konrad Kaletsch ging mit zwei weiteren Angeklagten* - in Nürnberg straffrei aus. Man setzte ihn Weihnachten 1947 auf freien Fuß. Damals zeigte sich, wie gut der inhaftierte Konzernherr vor Jahrzehnten daran getan hatte, den um 15 Jahre jüngeren Sohn der Schwester seines Vaters zu sich ins Geschäft zu holen. Denn nun war Kaletsch der einzige Vertraute, der nach Flicks Direktiven aus der Landsberger Zelle die Reste des Konzerns in Westdeutschland sammeln und mit dem Neuaufbau beginnen konnte.
Kaletschs Eltern hatten in Kassel ein Hotel betrieben. Bei den Kasseler Infanteristen leistete Friedrich Flick vor dem ersten Weltkrieg seinen Wehrdienst und brachte es bis zum Vizewachtmeister. Er futterte sich oft bei Onkel und Tante Kaletsch durch. 1920 begann Konrad Kaletsch auf Vorschlag und auf Kosten seines Vetters Friedrich an der Kölner Universität ein Studium der 'Betriebswirtschaft.
Nachdem er drei 'Semester absolviert hatte, bedeutete ihm der ältere Vetter - damals schon Vorstandsmitglied der Siegerländer Charlottenhütte -, es biete sich gerade eine Chance, als Volontär in seine Firma einzutreten. Das sei wichtiger als das Staatsexamen. Kaletsch verließ die Universität und trat im Frühjahr 1922 in Flicks Dienste.
Nach dem Freispruch in Nürnberg setzte er die Pläne in-die Tat um, die der ausgeschaltete Konzernherr auf- Unmengen von Papier im Gefängnis Landsberg entwarf. Seine Pflichten als Bibliothekar vernachlässigte Flick derart, daß sein Nachfolger vier Monate Rückstand, aufarbeiten mußte. Flick verschlang täglich Bilanzen, Statistiken und Produktionsberichte der westdeutschen Industrie.
Zweimal pro Woche kam der Bevollmächtigte Kaletsch. Jedesmal brachte er einen anderen Direktor der im Westen verbliebenen Fabriken mit in das Gefängnis; getarnt als Rechtsanwalt oder Aktenträger. Laut Militärgesetz Nummer 52 durfte niemand von der Familie Eigentumsrechte an den Fabriken ausüben. Die Auswahl der Treuhänder war allerdings Flick überlassen.
Für die Gesellschaft Harpener Bergbau AG beispielsweise hatte er die Bankiers Pferdmenges und Abs sowie den Dortmunder Rechtsanwalt Dr. Marx bestimmt. Sie vertraten auf den Hauptversammlungen Flicks Aktionärsrechte, bis Flick nach Dekretierung des Neuordnungsplanes - im Gegensatz zu Krupp weigerte er sich, irgendeinen Plan der Alliierten zu unterschreiben - am 1. Juli 1951 wieder selbst handeln konnte.
Seitdem ist die Flicksche Monarchie wieder absolut intakt. Flick selbst bestimmt nach wie vor die Richtlinien, obwohl er heute in seinem neuen Imperium mit Branchen zu tun hat, die ihm von Hause aus fremd sind.
Die Börsenschlacht um Daimler leitete der 75jährige von dem Düsseldorfer Kommandohaus in der Friedrichstraße schweigsam wie in alten Zeiten. Im vergangenen Jahr wies ihn die Präsenzliste in Untertürkheim mit 37,5 Prozent der vertretenen Stimmen aus. Damals stand der Daimler-Kurs auf rund 350.
Die Spekulation, Flick werde alles daransetzen die absolute Mehrheit von 51 Prozent zu ergattern, hat den Daimler-Kurs vergangene Woche auf die Rekordhöhe von 760 Prozent getrieben. Aber Friedrich Flick versteht sich nicht nur mit dem Daimler-Großaktionär Dr. Quandt ausgezeichnet, sondern ist sich auch mit seinem einstigen Treuhänder Hermann Abs von der Deutschen Bank einig, die wiederum 15 Prozent des Kapitals der Automobil-Fabrik in Untertürkheim besitzt.
Da beide Großaktionäre von Flicks Maßnahmen nur profitieren können, kann er vorläufig auf die restlichen Prozente in eigener Hand verzichten. (Kaletsch: "Wegschnappen kann uns Daimler niemand mehr, niemand kann bei diesem Kurs da stärker als wir einsteigen.") An dem Tage, an dem Flicks Mitläufer an der Börse diesen Umstand richtig zu würdigen wissen, wird der Kurs trotz einiger Aussichten auf Daimler-Gratisaktien erheblich absacken.
Die Flickschen Söhne sind bisher über ihre) Kronprinzenrolle nicht hinausgekommen, obwohl Otto-Ernst bereits 42 und Friedrich-Karl immerhin 31 Jahre zählt. Erst kürzlich wechselte Vater Flick im Aufsichtsrat von Daimler-Benz kurzerhand den Ältesten gegen Friedrich-Karl aus, der nach drei Jahren Ausbildung in amerikanischen Stahlfirmen, Banken und im Chemie-Konzern Grace wieder heimgekehrt ist. Von einer Reichsteilung unter den Söhnen ist vorläufig keine Rede.
Zum Kummer der musisch interessierten Frau Marie lebt Flick unverändert nach der Devise, die er in der Landsberger Zelle einmal schriftlich umriß: "Günstige Umstände und Glück haben sicher viel zu meiner Karriere beigetragen. Ein ausschlaggebender Punkt aber ist die Tatsache, daß ich mein ganzes Leben in härtester Arbeit lediglich meinem Beruf gewidmet und mich von allen anderen Dingen ferngehalten habe."
Der tägliche zweistündige Spaziergang im Grafenberger Wald mit dem Schäferhund Asso ist des letzten deutschen Industrie-Monarchen einziges Privatvergnügen. Er trinkt keinen Alkohol, raucht nur wenige Zigarren und kennt kein Kino, kein Theater. Im vergangenen Jahr hat er begonnen, seine Memoiren zu diktieren, aber jedesmal, wenn er daran arbeiten will, kommt ihm eine neue Transaktion, dazwischen: Er ist bis jetzt auf Seite 13.
* Wer auch nur einen Bruchteil mehr als 25 Prozent der Aktien einer Gesellschaft besitzt, kann für sich die Sperrklausel beanspruchen: Gegen sein Veto darf die Satzung der Aktiengesellschaft nicht geändert werden Er kann also entscheidende Beschlüsse der Hauptversammlung blockieren.
* Im amerikanischen Gerichtsverfahren wird der Angeklagte nach Feststellung der Person normalerweise weder vom Gericht noch von einer Partei zur Sache vernommen oder gehört. Soll er dennoch aussagen, so kann er auf Antrag einer Partei nur als Zeuge in eigener Sache aussagen: er hat das Recht, die Zeugenaussage zu verweigern.
* Die einzige vorhandene Stellungnahme des Hauses Flick zu den Vorgängen um die Transaktion mit der Regierung Brüning im Jahre 1932 wurde dem SPIEGEL im Zuge seiner Recherchen zu diesem Artikel gegeben.
* Durch Urteil vom 22. Dezember 1947 wurden Friedrich Flick zu sieben Jahren, seine Direktoren Otto Steinbrink zu fünf Jahren und Bernhard Weiß zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Flicks Mitarbeiter Konrad Kaletsch, Odilo Burkhard und Hermann Terberger wurden freigesprochen. Flick wurde bereits 1950 vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.
Flick mit Bewacher in Kriegsverbrecherhaft: Der Erlös der Zwangsverkäufe ...
DKW-Geschaftsführer Werner
... brachte Beteiligungen ...
... an den lukrativsten Firmen ein: Mercedes-Generaldirektor Könecke
Mercedes-Aktien-Verkäufer Krages
Flicks Ansichten gut gemerkt
Mercedes-Aktien-Käufer Quandt
An Flick weiterverkauft
Mercedes-Aufsichtsrat-Vorsitzender Abs
Flicks Aufkäufe nicht bemerkt
Weimarer Finanzminister Dietrich
Flick-Aktien für die Reichspolitik
Flicks Charlottenhof bei Kettwig
Klöckners Haus Hartenfels bei Mülheim
Stinnes' Heimburg bei Niederheimbach
Soldat Flick
Beim Onkel in Kassel durchgefuttert
Kasseler Vetter Kaletsch
Beim Flick in Dienst getreten
Familie Flicks: Von Reichsteilung noch keine Rede
* V. l. n. r.: Sohn Friedrich-Karl, Mutter Marie, Vater Friedrich, Schwiegertochter Barbara, Sohn Otto-Ernst.

DER SPIEGEL 38/1958
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