17.09.1958

AKTIVISTINNENMit rotem Kraftstoff

Im Juli beschloß der V. SED-Parteitag auf Vorschlag Walter Ulbrichts, bis zum Jahre 1961 "die Volkswirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik so zu entwickeln, daß der Pro-Kopf-Verbrauch in der DDR mit allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern den Pro-Kopf-Verbrauch der Bevölkerung in Westdeutschland erreicht und übertrifft".
Für die Zone, deren Möglichkeiten zu industriellen Investitionen und Rationalisierungen beschränkt sind, bedeutet Ulbrichts Lebensstandard-Programm vorerst den rigorosen Versuch, alle noch zur Verfügung stehenden Arbeitskraft-Reserven mobil zu machen. Der Wechsel auf die Zukunft, den der Generalsekretär ausgestellt hat, muß durch zusätzliche Leistung in der Gegenwart vorfinanziert werden. Erläuterte "Die Junge Welt". "Im Sozialismus dagegen, wo der Arbeiter herrscht, die Früchte seiner Arbeit genießt und einen angesehenen Namen hat, legt er alle seine Reserven auf den Tisch, zum Nutzen für sich und alle. Das sind die unerschöpflichen Reserven des Sozialismus."
Nun sind aber die Arbeitskraft-Reserven der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik - von der Zonenflucht ganz abgesehen - nicht unerschöpflich. Zumindest aber sind sie nicht unbeschränkt greifbar. Während im Westen Deutschlands die Konsum-Verlockung als stiller, aber stetiger Zubringer zum Arbeitsmarkt wirkt, hat der Pankower Staat, der das Notwendige sozialistisch verteilt und die gehobenen Bedürfnisse in tristen HO -Läden leugnet, nur geringe materielle Anreize vorzuweisen, um sein Arbeitskraft -Potential bis an die Grenze auszuschöpfen.
In der Tat sind alle Bemühungen der SED um die Gewinnung neuer Arbeitskraft
- ebenso wie ihre Anstrengungen zur
Steigerung der individuellen Arbeitsleistung - seit etwa zwei Jahren an der Resistenz der Bevölkerung gescheitert. Nach Angaben des Statistischen Jahrbuches der "DDR" gab es am 31. Dezember 1957 rund 7,8 Millionen männliche und rund 9,6 Millionen weibliche Einwohner in der "DDR" einschließlich Ostberlins. Während die Zahl der männlichen Beschäftigten knapp konstant blieb, ging die Zahl der weiblichen Beschäftigten von 3,6 Millionen im Jahre 1954 in den folgenden Jahren 1955 und 1956 zurück. Erst 1957 wurde bei der Frauenarbeit der Stand von 1954 wieder erreicht. Die Zahl der weiblichen Lehrlinge fiel von 190 263 im Jahre 1954 auf 155 524 im Jahre 1957.
Hier soll nun Abhilfe geschaffen werden. Ulbricht läßt für die Frauen der Zone heroisierte Symbole aufstellen, an denen sich die sozialistische Arbeitsmoral orientieren soll. Unversehens finden sich seit einigen Wochen Arbeiterinnen, die sich irgendwann durch Initiative oder auch nur durch ein großes Mundwerk hervorgetan haben, in Presse und Rundfunk zu Modellen einer Staatsgesinnung herausgeputzt, wie sie das
Pankower System allgemein erzwingen will - und, von seinem Standpunkt aus, erzwingen muß:
- die Hausfrau Magdalena Petzold, 34,
aus dem mecklenburgischen Kreisstädtchen Sternberg;
- die werktätige Genossenschaftsbäuerin Lucie Wolter, 24, aus der Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaft (LPG) "7. Oktober" in Waltersdorf, Kreis Jüterbog;
- die Weberin und "Heldin der Arbeit" Ismena Nötzold, 22, aus dem Volkseigenen Betrieb (VEB) Textilwerk Mülsen bei Glauchau.
Mit bei ihm bisher nicht beobachtetem Charme komplimentierte der Erste Sekretär des SED-Zentralkomitees in seinem Schlußwort zum V. Parteitag an die Adresse der Magdalena Petzold: "Wenn sie in der Landwirtschaft nicht so notwendig wäre, würde ich vorschlagen, sie soll als Professor an die Universität gehen."
Natürlich hatte sich die Hausfrau Petzold bei ihrem vorangegangenen Rededebüt vor dem höchsten Parteigremium nicht durch akademische Kenntnisse ausgezeichnet ("Wir fahren mit rotem Kraftstoff ... Wir schrecken auch nicht davor zurück, die Hacke mit dem Gewehr zu vertauschen"). Was Ulbricht so lobenswert, an ihr fand und als Zeichen "neuen geistigen Lebens" deutete, war die Tatsache, daß die Mecklenburgerin einen Plan entwickelt hatte, der Landwirtschaft billige und vorher noch nicht erfaßte Arbeitskräfte zuzuführen.
Im Sommer 1955, als sich die Sternberger Frauen wie alle Frauen in der "DDR" darüber beschwerten, daß es keinen Zucker gab, während zur gleichen Zeit auf den Zuckerrübenfeldern das Unkraut besser gedieh als die Frucht, hatte Hausfrau Petzold die Parole geprägt: "Nicht schimpfen, sondern helfen - Zucker wächst nicht im Laden, sondern auf dem Feld." Als sie sieben gleichgesinnte Frauen gefunden hatte, fuhr sie mit ihnen auf eines der Güter im Sternberger Bezirk. Die Brigade Petzold verdingte sich zum Verziehen und Hacken der Zuckerrüben. Für jeden bearbeiteten Morgen Land gab es 80 Mark Lohn.
Erklärt das Partei-Zentralorgan "Neues Deutschland" die Rolle, die der Magdalena Petzold zugedacht ist: "Denn für die Frauen ist klar, daß Magdalena ... die Partei verkörpert ... und da 'Lena' gut und tüchtig ist, ist für sie (die Frauen) auch die Partei gut und tüchtig. So ist aus der Rübenhackbrigade ... ein Agitationsaktiv" geworden.
Lucie Wolter, obschon wesentlich jünger als die Petzold, ist ebenfalls verheiratet und Mutter, aber berufstätig. Sie zeigte Initiative auf ihrem speziellen Arbeitsgebiet. Sie hat eine jener Neuerer-Methoden erfunden, mit deren Propagierung die Sowjetzone seit Jahren ihre technischen Blößen dürftig tarnt. Begeisterte sich das FDJ -Blatt "Junge Welt": "Der Name Lucie Wolter ist seit einigen Wochen bei den Jungen und Mädchen auf dem Lande in aller Mund."
Lucie Wolter kam eines Tages zu der agrarpolitischen Adam-Riese-Erleuchtung, daß der im III. Fünfjahrplan für 1963 errechnete Rindfleischbedarf nur dann ohne Importe gedeckt werden kann, wenn die Rinder im Lande gezüchtet werden. Sie verfertigte also einen Aufruf an alle Jugendlichen in den Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften, in dem sie empfahl, nicht soviel Kälber wie bisher vorzeitig zu schlachten, sondern aus den Kälbern Rinder heranzuziehen. Das soll durch Leistung zusätzlicher Arbeit, und durch Verwendung zusätzlichen Futters geschehen' damit die eingeplante Norm nicht gefährdet wird. In ihrer gesellschaftlichen Arbeit wird Lucie selbstverständlich von Musterehemann Wolters unterstützt. "Er ist ... das, was sich viele junge Frauen von ihren Männern wünschen: Er hilft seiner Frau, wo er nur kann."
Die Bauern müssen geradezu auf Lucies Aufruf gewartet haben. Schon jetzt, wenige Wochen, nachdem die Lucie-Wolter-Methode bekannt wurde, kommen aus den Agrar-Distrikten Meldungen, die das sichtbare Wachsen der Rinderherden auf den Einfluß der Genossenschaftsbäuerin aus dem Kreis Jüterbog zurückführen.
Gilt die Hausfrau Petzold als Muster und Vorbild für die bisher nicht in die Produktion eingespannten Frauen, und soll die kälbermästende Mutter Wolter den schon berufstätigen Frauen Ansporn sein, so ist schließlich die Dritte im neuen Aktivistinnen-Bunde, die Jungfrau Ismena Nötzold, für die unverheirateten Arbeiterinnen das nachahmenswerte Ideal.
Ismena Nötzold wurde zur "Heldin der Arbeit" und zur vielgerühmten Anführerin der 500-Schuß-Bewegung, weil sie sich entschloß, "dem 40. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution zu Ehren" in ihrer täglichen Schicht 500 Schuß mehr zu weben. Das Mädchen mit dem blumigen Namen eifert damit ihrer Kollegin und Seniorin der weiblichen Aktivisten-Bewegung in der "DDR" nach, der Weberin Frieda Hockauf. Aber sie ist nicht wie jene nur einzelgängerische Athletin der Arbeitsnorm. Ismena Nötzold praktiziert das sozialistische Bewußtsein im fortschrittlichen Sinne: Sie hat ihre Spitzenleistung im Kollektiv erzielt und wünscht sich auch nur Kollektivs als Nachahmer.
Die "Tribüne", das Organ des "Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes", weiß suggestiv von ihren Erfolgen zu erzählen: Im gesamten Industriezweig des Spinnereiwesens arbeiten bereits 2300 Arbeiterinnen im Sinne der 50-Kilometer-Bewegung; sie spinnen täglich 50 000 Meter mehr Garn, damit Ismena Nötzold und ihre Weberinnen ihren Selbstverpflichtungsplan in der 500 -Schuß-Bewegung einhalten können.
Allein, trotz Petzold-Bewegung, Lucie -Wolter-Methode und 500-Schuß-Bewegung - die desillusionierten Frauen in der "DDR" versagen sich dem fast verzweifelten Appell der Partei an ihre Opferbereitschaft, selbst auf die Gefahr hin, daß der Pro-Kopf-Verbrauch in ihren Familien so niedrig bleibt wie bisher. Die mühsam manipulierten Symbole Petzold, Wolter und Nötzold stehen einsam auf ihren täglich neu bekränzten Sockeln. Klagt die Leiterin der Abteilung "Frauen" beim SED -Zentralkomitee, Edith Baumann: "Die Zahl der (beruflich) qualifizierten Frauen stagniert. Auf einigen Gebieten ist sie sogar zurückgegangen."
Heldin der 500-Schuß-Bewegung Nötzold: Spinnt im 50-Kilometer-Tempo
Rüben-Brigadiere Petzold
Als Professor an die Universität

DER SPIEGEL 38/1958
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