17.09.1958

GENOSSE, WAS MACHT DEINE FRAU?

Zum Thema Frauenarbeit in der Sowjetzone (siehe "Mit rotem Kraftstoff", Seite 36 - 38) schreibt eine Käte Lüders im Zentralorgan der SED "Neues Deutschland":
Wie gewinnen wir Frauen als Verkäuferinnen und als Schaffnerinnen?" so fragen wir uns im Kreisvorstand des DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) Berlin-Weißensee.
"Wir sollten zunächst mit jenen Frauen sprechen, die als erste begreifen müßten, wie notwendig es ist Gehen wir zu den nicht berufstätigen Frauen der Genossen", schlage ich vor. Eine der Frauen vom Vorstand ist skeptisch. Sie meint, daß es bei diesen Frauen oft sehr schwierig sei, sie zur Mitarbeit zu gewinnen. Stimmt das wirklich?
Durch die Gruppenvorsitzende des DFD werde ich an Genossin Pönicke, Parteisekretär der Wohngruppe, verwiesen, und hier bei dem jungen Ehepaar Pönicke entwickelt sich ein fruchtbares Gespräch Sie hat bis vor kurzem in der Staatlichen Plankommission gearbeitet, und er, der tüchtig im Haushalt mit zufaßt, sagt etwa folgendes: "Wenn die Frau arbeitet, besonders wenn es ganztägig ist, dann muß der Mann im Haushalt mit anfassen. Auch im Betrieb muß es sich einrichten lassen, daß der Mann die Kinder mal aus dem Kindergarten abholt."
Es stimmt, denke ich. Ich muß auch mit den Genossen sprechen, wenn ich auf ihre Frauen Einfluß haben will. So gehe ich einige Tage darauf zur Wohngruppen-Parteiversammlung, zu der auch die dort wohnenden Mitglieder aus den Betriebsgruppen eingeladen wurden Mehr als 100 Genossen sind anwesend. Hauptthema ist die Aufklärungsarbeit in den Häusern. In der Diskussion sage ich:
"Meint ihr, daß es unsere Agitation unterstützt, wenn in den Geschäften die Schlangen immer länger werden und die Außenstehenden, besonders die arbeitenden Frauen, dadurch mehr belastet und unzufrieden werden? Und wie ist es bei der Straßenbahn? Wenn zum Winter hin der Andrang steigt und durch Schaffnermangel der Fahrplan, der jetzt schon eingeschränkt wurde, nicht mehr eingehalten werden kann? Wo sind die jungen, nicht berufstätigen Frauen der Genossen, die hier halbtags oder stundenweise einspringen? Die BVG sucht dringend Drei- und Vierstundenschaffnerinnen und der Handel Halbtagskräfte.
"Es gibt in der Produktion Frauenbrigaden, die Hervorragendes leisten. Warum soll es nicht Hausfrauenbrigaden geben, junge Frauen, die sich in den Häusern zusammenfinden, von denen eine die Kinder der anderen mit übernimmt oder eine für die andere einspringt? Seid ihr Kommunisten, dann wißt ihr, daß sich Wege finden lassen."
Viele stimmen lebhaft zu. Mancher junge Genosse sieht schräg an mir vorbei. Am Schluß der Versammlung frage ich sie am Ausgang einzeln: "Genosse, was macht deine Frau?" "Und deine?" Einige erklären stolz: "Meine Frau arbeitet!" Oder: "Hier ist meine Adresse, komm mal zu uns ...!"
Ein Genosse hat glückliche Augen: "Meine Frau ist noch im Entbindungsheim. Aber wie können wir in Verbindung bleiben?" Ein anderer sagt: "Meine Frau wird hier im neuen HO -Geschäft mitarbeiten." Eine junge Genossin mit zwei Kindern will schaffnern.
An den nächsten Tagen suche ich die Frauen der Genossen auf und frage, wie es mit einer Halbtagsarbeit bei der BVG oder im Handel wäre. Eine Frau meint: "Ja, es ist gut, wenn man mal einen Schubs bekommt. Ich bin dabei!" Aber auch faule Ausreden gibt es. So sagt eine Frau, die keine Kinder hat: "Wenn alle Frauen im Wohnblock arbeiten, dann mache ich auch mit. Aber dann müssen erst Kinderheime gebaut werden!"
Auch spreche ich mit einzelnen Genossen, deren Frauen nicht arbeiten, und ich staune, wie sich einige herauswinden: "Meine berufliche Arbeit würde leiden, wenn ich mich zu Hause und bei den Kindern um irgend etwas kümmern muß. Das geht auf keinen Fall!"
Und wie verteidigt mancher Genosse seine häusliche Bequemlichkeit! Was da doch mitunter für Sonderumstände für leitende Genossen gelten sollen! Neben der beruflichen Überlastung ist es z. B. das Fernstudium. Darum muß seine Frau ihn bestens umsorgen und füttern; denn schließlich bekommt er ein hohes Gehalt, und man erwartet besonderes Wissen von ihm. Er hat darum zu Hause auch Telephon, und wenn seine Arbeit im Büro beendet ist, dann greift er zum Schluß der Sitzung zum Apparat und ruft zu Hause an: Ja, hier bin ICH. Du kannst jetzt die Kartoffeln aufstellen. Ich komme gleich."
Die Hausfrauen solcher Genossen sind es, die dann zu uns sagen: "Eine gesellschaftliche Funktion im DFD soll ich übernehmen? Unmöglich!" Oder: "Abends eine DFD-Versammlung? Kann ich nicht! Um diese Zeit kommt mein Mann nach Hause."
Wir sind ganz anderer Ansicht. Die Vorstellung, daß die Frau eines Mannes in höherer Position und mit dem entsprechenden Einkommen nicht zu arbeiten braucht, gehört der bürgerlichen Ideologie, einer vergangenen und verkommenen Gesellschaftsordnung an. Unsere Gesellschaftsordnung zwingt die Frauen nicht zum Arbeiten. Jedoch gibt es Tausende Frauen, die nicht aus vorwiegend materiellen Gründen im Berufsleben stehen, sondern weil sie sich ihr Leben ohne berufliche Arbeit nicht mehr denken können. Das Streben und der Stolz all dieser Frauen sind es, am Aufbau unserer Gesellschaftsordnung teilzuhaben, wissen sie doch, daß - um Reichtum und Überfluß für alle zu schaffen - jede Kraft gebraucht wird.

DER SPIEGEL 38/1958
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