17.09.1958

ENGLAND / RASSENKRAWALLEIt cannot happen

Jedesmal wenn die englischen Gazetten ihren Lesern über die neuesten Torheiten der Kontinentaleuropäer berichten, reagieren die Insulaner mit einem selbstzufriedenen "Das kann hier nicht passieren". Je nach den Umständen meinen sie damit Militärcoups, faschistische Diktaturen, kommunistische Staatsstreiche, korrupte Justiz, Rassenverfolgungen und andere traurige Errungenschaften des europäischen Kontinents.
Bis zum Spätsommer 1958 glaubte der zeitgenössische Engländer mit einigem Recht felsenfest an sein "It cannot happen here". Dann aber passierte es doch.
Zuerst in der mittelenglischen Stadt Nottingham, dann im Westlondoner Stadtteil Notting Hill kam es zu jenen Rassenkrawallen, die in der ganzen Welt fast noch mehr Erstaunen als Empörung hervorriefen. Norman Manley, Jamaikas Erster Minister, der flugs nach England geeilt war, weil es bei den Demonstrationen vor allem um seine Landsleute ging, entsetzte sich: "Manche dieser Zwischenfälle würden selbst einen Südstaat der USA beschämen!"
Manley dachte dabei vielleicht an eine Szene, die nahezu alle englischen Zeitungen ausführlich beschrieben hatten: Eine tausendköpfige Menge macht mit Milchflaschen, Rasiermessern, Äxten und Fahrradketten Jagd auf verängstigte Farbige, während die Frauen von Notting Hill aus den Fenstern keifen: "Los, los, Jungens, holt euch ein paar Schwarze!"
Daß niemand getötet oder schwer verwundet wurde, ändert wenig an dem düsteren Gefühl einer Nationalschande, das viele Engländer beschlich. Sie, die sich nicht nur über andere Europäer, sondern auch über die Amerikaner mit ihren Rassenkrawallen erhaben gedünkt hatten, mußten zur Kenntnis nehmen, daß ein Staatsanwalt in New York bei einer Anklage gegen sechs Weiße, die eine Schlägerei mit Negern inszeniert hatten, ausrief: "Wir wollen hier kein zweites Little Rock oder London haben!"
Die den Engländern liebgewordene Vorstellung von ihrer Toleranz und Gastfreundlichkeit gegenüber Fremden, die nun durch das Gesindel von Nottingham und Notting Hill über Nacht zerstört wurde, war freilich in Wirklichkeit kaum mehr als eine Illusion. Seit eh und je hatte der Isolationismus der Insulaner seinen Ausdruck in der Abneigung gegen Ausländer gefunden. Diese Abneigung hatten in den letzten Jahren Italiener und geflüchtete Ungarn zu spüren bekommen, die in den unterbesetzten Kohlengruben des Landes arbeiten wollten. Die Kumpels von England und Wales weigerten sich, die Ausländer an die leerstehenden Arbeitsplätze zu lassen.
Menschen, die sich nicht nur durch Sprache und Sitten, sondern sogar durch ihre Hautfarbe von ihnen unterschieden, kamen den Engländern noch unheimlicher vor. Eine Statistik der Londoner Universität ergab bereits vor vier Jahren, daß siebzig Prozent aller Zimmervermieterinnen vor farbigen Studenten die Tür schlossen. Learie Constantine, ein international renommierter Kricketspieler aus der westindischen Insel Trinidad, schrieb in einem 1954 erschienenen Buch über die Rassenschranke:
"Nach fast 25jährigem Aufenthalt in England, wo ich unzählige weiße Freunde erworben habe, halte ich es immer noch für zutreffend zu sagen: Fast die gesamte Bevölkerung Englands erwartet von einem
Farbigen, daß er in einem schlechten Stadtviertel lebt. Die meisten Engländer würden einen Schwarzen nicht in ihr Heim lassen. Sie würden mit ihm nicht als Kollegen zusammenarbeiten oder mit ihm Schulter an Schulter in einer Fabrik stehen wollen. Diese Intoleranz ist in den unteren Schichten der englischen Gesellschaft viel auffallender als in den höheren."
Zu Gewalttätigkeiten war es in den letzten Jahrzehnten allerdings nicht gekommen. Daß unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, als die Arbeitslosigkeit das Land bedrohte, drei Neger bei Rassenkrawallen umgebracht worden waren, hatte man längst vergessen. Noch im April dieses Jahres erklärte der konservative Abgeordnete James Lindsay in einer Unterhaus -Debatte über die Einschränkung der farbigen Einwanderung zuversichtlich: "Das Schlimmste kann nicht passieren."
Die Statistiken schienen seine Zuversicht zu bestätigen. Insgesamt haben sich nur 200 000 Farbige, die Hälfte davon aus den Westindischen Inseln, in England niedergelassen. Sie bilden nicht einmal 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, während beispielsweise in den Vereinigten Staaten die Neger zehn Prozent ausmachen.
Amtlich ist den Farbigen in England obendrein bestätigt worden, daß sie trotz eines gewissen Hangs zum Zuhältertum alles in allem der Polizei bisher nicht mehr zu schaffen gemacht haben als die Einheimischen. So haben denn in vielen Städten Englands, auch in Südostlondon, die Straßenschlachten von Nottingham und Notting Hill den Rassenfrieden tatsächlich nicht gestört.
Notting Hill, das Zentrum der Nationalschande, ist eine üble Gegend, die schon verschrien war, bevor die letzte große Auswanderungswelle von den Westindischen Inseln nach England flutete. Dort
lebte ungestört jahrelang der Massenmorder Christie, der aus den umliegenden Spelunken Prostituierte zu sich lud und sie umbrachte. Dort hatten Halbstarke, Diebe und Zuhälter ihre Quartiere. Sogar die Glasscheiben der Telephonzellen mußten vergittert werden, weil die Einwohner von Notting Hill zu gern Scherben sahen.
Der trübselige Charakter des Stadtteils konnte nun freilich die neuen Krawalle nicht hinreichend erklären; die Wühltätigkeit von Mosleys kleiner Faschistenhorde, "Union Movement", ebensowenig. Agitatoren Mosleys hatten zwar die Unruhen ausgenutzt und geschürt, aber sie hatten sie nicht ausgelöst.
Der englische Soziologe Anthony H. Richmond macht für die unerfreulichen Beziehungen zwischen Engländern und Farbigen vor allem die Vorurteile auf beiden Seiten verantwortlich. Bald nach ihrem Eintreffen auf der Insel, so schreibt er, mußten viele Einwanderer entdecken, daß England nicht das Paradies ist, von dem sie geträumt hatten. Sie bekamen dafür die Verachtung zu spüren, die sich aus den falschen Denk-Schablonen der Engländer ergibt. Die Reibungen häuften sich. Es ging zunächst um Frauen, dann um Wohnungen, schließlich um Arbeitsplätze.
Auf den Westindischen Inseln mit ihrer chronischen Arbeitslosigkeit gilt eine rechtmäßig geschlossene Ehe als Zeichen des. Wohlstands; im allgemeinen lebt man im Konkubinat zusammen. Etwa siebzig Prozent aller Geburten entstammen solchen illegitimen Verbindungen. Die Sitten des kühlen Englands sind diesen Kindern der Sonne schwer verständlich.
Es fanden sich genug weiße Mädchen, die bereit waren, sich mit den Farbigen anzufreunden. In der Mehrzahl mochten sie für den normalen Londoner kaum begehrenswert sein, aber das Blut von Notting Hill geriet in Wallung, wenn Schwarz und Weiß Arm in Arm über die Straßen schlenderten. Dabei machte es wenig aus, ob die Beziehungen honorig blieben oder nicht.
"Wenn man mich mit der Königin von England spazierengehen sähe, ohne sie zu erkennen, würde sie sofort für ein Geschöpf der Gosse gehalten werden", vertraute sich ein Westinder dem Soziologen Richmond an.
Die Tatsache, daß sich die Westinder in Nottingham nicht widerstandslos verprügeln ließen, sondern zurückgeschlagen hatten, brachte das "Gesindel" von Notting Hill - der Ausdruck stammt von dem Labourführer Aneurin Bevan - vollends in Rage: Was nicht passieren konnte, passierte.
Bekümmert ging die Nation in sich. "Kann unser Bekenntnis zur Rassengleichheit von der Angst erstickt werden, die durch ein paar in grellen Farben beschriebene Messerkämpfe hervorgerufen ist?" fragte die konservative "Sunday Times". Der liberale "News Chronicle" erkannte nach einer Meinungsumfrage jammernd, was Kricketspieler Constantine längst gesagt hatte: "Unsere Rassentoleranz ist nur oberflächlich. Nur dreizehn Prozent billigen Mischehen, und die meisten geben zu, daß sie wahrscheinlich ausziehen würden, wenn sich viele Farbige in ihrer Nähe ansiedelten." Der einflußreiche "Economist" verlangte drakonische Strafen gegen die "Nazis von Notting Hill".
Inzwischen beratschlagte die Regierung, wie sich weitere Krawalle verhindern lassen. Die Einwanderung aus dem Commonwealth einzuschränken, lehnte sie ab. Statt dessen zog sie in Erwägung, ein paar Nachtcafés von Notting Hill zu schließen und in Zukunft schärfer gegen die Zuhälterei vorzugehen.
Rassenkrawalle in London
Die Nation ging in sich
Daily Mirrow, London
Vorwärts, Bursche! Den Krieg habe ich zwar verloren, aber meine Ideen scheinen zu siegen

DER SPIEGEL 38/1958
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