17.09.1958

ITALIEN / FINANZSKANDALDer Bankier Gottes

Tausend Gebäude erheben sich in Cesena zu seinem Ruhm. Es sind Konvente, Kirchen, Waisenhäuser, Lesesäle, Pfarrtheater, Sporthallen und Arbeiterwohnungen." Mit diesen Worten huldigte das Blatt der Diözese Cesena vor einigen Jahren dem italienischen Finanzmann Gian Battista Giuffré, der bald darauf vom Vatikan zum Ritter des Ordens vom Heiligen Grabe geschlagen wurde.
Als der vielgepriesene Finanzmann in der vorletzten Woche nach einem Herzkollaps in eine Bologneser Privatklinik eingeliefert wurde, wachte an seinem Krankenbett der Priester Don Otello Grandi und betete für die Genesung des Patienten. Er hatte besonderen Grund dazu: Giuffré schuldete ihm fünfzig Millionen Lire, für die Don Otello gegenüber den Gläubigen seiner Gemeinde haftet. Mit Don Otello bangen rund dreißigtausend Sparer zwischen Rimini und Ferrara um ihr Geld, das sie bei der "Anonima Banchieri", Giuffrés anonymer Bankgesellschaft ohne Schalter, deponiert haben.
Zwanzig bis dreißig Milliarden Lire hat Gian Battista Giuffré nach amtlichen Schätzungen im Laufe von acht Jahren aus den Sparstrümpfen der Bauern und Kleinstädter der reich gesegneten oberitalienischen Landschaften Emilia und Romagna gelockt, bis Italiens sozialdemokratischer Finanzminister Preti in der zweiten Augusthälfte eine Untersuchung gegen Giuffrés Geschäftsgebaren anordnete und damit den größten Skandal der italienischen Bankengeschichte auslöste.
Giuffré, so enthüllte der Minister auf einer Pressekonferenz, habe den Sparern für die ihm "zur Verwaltung" anvertrauten Gelder die geradezu phantastischen Zinssätze von 40 bis 100 Prozent gezahlt; eine Großzügigkeit, die sich kein ordnungsgemäß geführtes Geldinstitut leisten, könne. Der bis dahin außerhalb der Romagna und der Emilia wenig bekannte Finanzmann wurde über Nacht zu einer nationalen Berühmtheit, ebenso wie vor sechs Jahren die Wasserleiche der römischen Tischlerstochter Wilma Montesi.
Ähnlich wie beim Montesi-Skandal schlitterte Italiens schwarz-rote Koalition auch diesmal haarscharf am Rande einer Regierungskrise vorbei. Die Affäre Giuffré geriet schon deshalb auf ein politisches Gleis, weil Finanzminister Pretis Steuerfahnder feststellten, daß zahlreiche Geistliche, unter ihnen der Erzbischof von Ferrara, Monsignor Mosconi, in den Skandal verwickelt sind. Priester und Mönche hatten sich für die Großzügigkeit, mit der Giuffré für wohltätige Zwecke Geld auswarf, dadurch erkenntlich gezeigt, daß sie die Spargroschen der Gläubigen mobilisierten und für Giuffré das Inkassogeschäft besorgten.
Sozialdemokraten, die von Anfang an gegen das Koalitionsbündnis ihrer Partei mit den Klerikalen rebelliert hatten, sprachen von "christdemokratischer Korruption", und das undisziplinierte Parteiblatt "La Giustizia" feuerte einen Torpedo gegen den christdemokratischen Schatzminister Andreotti ab: Das Blatt warf dem Minister vor, er habe vor einem Jahr eine Untersuchung gegen den undurchsichtigen Spekulanten Giuffré bewußt unterdrückt.
In einer bewegten Ministerratssitzung rauften Christdemokraten und Sozialdemokraten sich jedoch wieder zusammen. Als die Koalitionseinheit wiederhergestellt war, soll Italiens energischer Ministerpräsident Fanfani - nach einem Bericht der Wochenschrift "L'Europeo" - geseufzt haben: "Am liebsten möchte ich euch alle zum Teufel jagen."
Gian Battista Giuffré, dessen Milliarden -Spekulationen politischen Sprengstoff lieferten, hat bis zu seinem 45. Lebensjahr in der Kleinstadt Imola bei Bologna die achtbare, aber glanzlose Tätigkeit eines Kassierers der Lokalbank "Credito Agrario" ausgeübt.
Als er 1947 ausschied, sollen private Gründe hierfür maßgebend gewesen sein. Die unter katholischem Einfluß stehende Bankdirektion mißbilligte, daß Giuffré mit der Frau eines Freundes zusammenlebte, der sich wirtschaftlich ruiniert hatte. Erst als sich der Freund in einem Verzweiflungsanfall mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm, konnte Giuffré das Verhältnis mit der Frau des Freundes vor Gott und den Menschen legalisieren.
Weniger engherzig als die Bankdirektion waren verschiedene Mönchsorden, für die der Ex-Bankkassierer als "apostolischer Syndikus" - als eine Art Finanzverwalter - weiterwirkte. Diese Ehrenstellung wurde die Basis für Giuffrés erstaunliche Karriere. Als erstes Operationsgebiet wählte er sich zwei verarmte Orte der Romagna - die Dörfer Casola Valsenio und San Vittore aus, die während des Krieges schwer beschädigt worden waren
- und organisierte ein Aufbau-Programm:
Zwei Klöster, mehrere Pfarreien und ganze Wohnviertel für Ausgebombte wurden errichtet.
Giuffrés Finanzierungsmethode war sensationell: Er schickte die Priester zu den Bauern der Umgebung auf die Suche nach Einlage-Geldern und versprach allen Einlegern einen Zinssatz bis zu hundert, in einzelnen Fällen sogar bis zu 130 Prozent. Ein, Jahr nach dem Start dieses Unternehmens war Giuffré ein reicher Mann. Pfarrherren und Klosterbrüder trugen den strahlenden Geldeinlegern die fetten Zinsen ins Haus.
Die Kunde von dieser einzigartigen Geldanlage drang bald bis in die entlegensten Gehöfte. Die Bauern leerten ihre Sparstrümpfe und trugen ihr Geld zu den Priestern, die Giuffré als Vermittler einspannte. Von Giuffré floß ein großer Teil der Gelder wieder zu den Geistlichen zurück: In dem Dorf Cesta di Copparo baute er den dort ansässigen Passionisten ein Kloster für dreieinhalb Millionen Mark, nicht weit davon einen Konvent für die Kapuziner. In Imola gründete er ein Seminar für die Franziskaner.
Giuffré konzentrierte sein segensreiches Wirken zunächst auf das Gebiet des Erzbistums Ferrara, weitete dann aber sein Tätigkeitsfeld auf sieben weitere Diözesen aus, in denen alsbald Waisenhäuser, Jugendheime, Sportplätze und Pfarrkinos, emporwuchsen.
Zugleich wuchsen die Ansprüche der Geistlichen. Mönche erbaten sich von Giuffré Gelder für die Anlage von Zentralheizungen in ihren Klöstern. Der Pfarrer Don Otello Grandi in dem Dorf Rusco ließ sich ein Heim für 150 Waisenkinder bauen, obwohl es deren in der Gegend nur dreißig gab. Kommentierte der linksliberale römische "Espresso": "Giuffré galt als eine Art Messias, der wie einst der Heiland die Fische und das Brot vermehrte."
Einzelne Geistliche behielten erhebliche Provisionen für sich. So erwarb der Pfarrer Don Filippo Bregoli aus der Gemeinde Gambuluga in den letzten vier Jahren auf seinen Namen Grundstücke im Werte von 140 000 bis 170 000 Mark.
Nur vereinzelt begegnete der Wundermann auch mißtrauischen Geistlichen. So lehnte der Bischof von Imola es ab, die Wohltätigkeit des Finanziers in Anspruch zu nehmen, weil Giuffré sich weigerte, Aufschluß über sein Finanzierungssystem zu geben. Giuffré: "Das ist ein Geheimnis, das ich nur dem Heiligen Vater anvertrauen kann."
Dem Vatikan kam jedoch der Geldsegen, der sich so reichlich über Klöster und Pfarreien ergoß, allmählich unheimlich vor. Die päpstliche Konsistorial-Kongregation, von der die ordentlichen Bistümer überwacht werden, schickte bereits 1956 und 1957 an alle italienischen Bischöfe Rundschreiben mit der Aufforderung, die kirchlichen Stellen hätten ihre Beziehungen zu Giuffré unverzüglich abzubrechen.
Daß ein Untersuchungsverfahren gegen Giuffré ins Rollen kam, ist freilich nicht so sehr das Verdienst des Vatikans als vielmehr der Bankiers in Ferrara und Umgebung. Sie hatten sich nämlich ausgerechnet, daß der Wundermann durch seine Tätigkeit schätzungsweise zwanzig Milliarden Lire von den normalen Bankeinlagen abzog. Die örtlichen Banken unterstützten daher den Wahlfeldzug des jetzigen Finanzministers Preti, der gegen Giuffré vorzugehen versprach, als er bei den diesjährigen Parlamentswahlen in Ferrara als Abgeordneter kandidierte.
Nach seiner Ernennung zum Finanzminister zögerte Preti nicht, den Feldzug gegen den "Bankier Gottes" zu starten. Eine Handhabe gegen den Geldmagier fand sich leicht: Giuffré wurde beschuldigt, zwei Milliarden Lire Umsatzsteuer nicht bezahlt zu haben. Preti beschuldigte den Wohltäter außerdem, das Geheimnis seines Erfolges beruhe auf dem nicht sehr seriösen System der "Kette des Heiligen Antonius".
Mit diesem Ausdruck bezeichnet man in Italien ein Betrugsmanöver, das in kleinerem Stil hin und wieder von Finanzhochstaplern angewandt wird: Der Geldleiher, der eine hohe Verzinsung verspricht, bezahlt die Zinsen nicht aus Erträgen, sondern mit Geldern, die ihm von neuen Sparern zugetragen werden. Dieses Spiel geht solange gut, wie neue Geldquellen aufgetan werden können.
Daß Giuffré dieses System acht Jahre lang durchhalten konnte, verdankt er seinem genialen Einfall, mit Landpfarrern zusammenzuarbeiten. Das Prestige der Kirche hielt dem Messias der Finanzen für diese lange Frist alle unangenehmen Untersuchungen vom Leibe.
Nach den Eröffnungen des Finanzministers kämpfte Giuffré zunächst verzweifelt gegen das Mißtrauen, das seiner schalterlosen Bank entgegengebracht wurde. "Das Defizit, das durch die hohe Verzinsung entsteht", so versicherte er, "wird gedeckt durch Zuwendungen karitativer Art, und zwar vor allem aus Amerika." Seine Liquidität suchte er dadurch zu beweisen, daß er seinen Rechtsanwalt Tag für Tag von Photographen dabei aufnehmen ließ, wie er den Gläubigern bündelweise Zehntausend-Lire-Scheine aushändigte.
Solche Manöver änderten freilich nichts daran, daß zahlreiche mißtrauisch gewordene Sparer die Pfarreien belagerten und ihre fälligen Gelder zurückverlangten. Der
erste Pfarrer, der, von Gläubigern und Gläubigen gehetzt, hilfesuchend bei Giuffré auftauchte, war Don Otello Grandi aus dem Dorf Rusco. Giuffré befreite ihn aus seiner dringendsten Not mit einem Scheck über 2 Millionen Lire, den der geistliche Herr vor den Kameras herbeigeeilter Photographen inbrünstig küßte (Bild).
Als Giuffré nach zahllosen Untersuchungen und Verhören durch die Steuerfahndung zusammenbrach, rotteten sich überall in der Emilia und Romagna die Gläubiger zusammen, um den Pfarrern Ultimaten zu stellen und mit Klagen zu drohen. Fünf Tage nachdem Giuffré in die Klinik eingeliefert worden war, stellte sein Rechtsanwalt die Zahlungen ein.
Noch vom Krankenbett aus drohte Giuffré, hohe politische Persönlichkeiten in den Strudel seines Bankrotts hineinzureißen. Offenbar hat aber niemand seine Drohungen ernst genommen, denn im italienischen Kabinett wurden keine Einwände gegen eine parlamentarische Untersuchung des Skandals erhoben.
Lediglich die Eminenzen des Vatikans machen sich ernsthafte Sorgen: Das Ansehen der Kirche in der Emilia und der Romagna, den Hochburgen des italienischen Kommunismus, erscheint derart bedroht, daß der katholischen Kirche wahrscheinlich nichts übrigbleiben wird, als selber die Gläubigen abzufinden.
Monsignore Baldelli, Präsident des päpstlichen Hilfswerkes und einer der Finanzexperten des Vatikans, hat bereits eine diskrete Untersuchurig über die Höhe der Verpflichtungen durchgeführt, die Landpfarrer ihren Gläubigen gegenüber für Giuffré eingegangen sind. Das Resultat: Giuffrés ungedeckte Schulden betragen mindestens sieben Milliarden Lire (rund 47 Millionen Mark).
Finanzgenie Giuffré
130 Prozent Zinsen
Bankier Giuffré (M.), Pfarrer Don Otello Grandi: Ein Wechsel für gläubige Gläubiger

DER SPIEGEL 38/1958
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