17.09.1958

ITALIEN / FERNSEHENRationen für Mönche

Mauern und streng bewachte Pforten haben durch Jahrhunderte aus Klöstern und Abteien den Betrieb der Welt ausgesperrt, dem Nonnen und Mönche freiwillig entsagten. Vor Wellen, die Fernsehprogramme transportieren, bieten die efeuumrankten Gartenmauern allerdings keinen Schutz - nicht immer zum Mißbehagen der Mönche, wohl aber zum Mißbehagen von einigen hochgestellten kirchlichen Würdenträgern.
Bereits im vergangenen Jahr hat zum Beispiel der Rektor der katholischen Universität in Mailand, der 80jährige Franziskanerpater Agostino Gemelli, seine Entrüstung darüber formuliert, daß immer häufiger auf den Dächern von Priesterhäusern und Klostergebäuden Fernsehantennen montiert wurden.
Gemellis Protest hat jetzt zu einem offiziellen vatikanischen Dekret geführt, das den Konsum von Fernsehsendungen für Ordensangehörige rationiert und zum Teil sogar verbietet.
Die Religiosen-Kongregation*, die Spitzenbehörde für etwa 250 000 Mönche und 750 000 Nonnen in aller Welt, informierte die Ordensgenerale über Gefahren, die geistlichem Leben durch Fernsehprogramme drohen: "Der Einfluß des Weltgeistes, der in die Konvente eindringt, kann dazu führen, daß Mönche und Nonnen den Geschmack an den geistlichen Dingen und den Drang nach Vervollkommnung verlieren."
Um dieser Gefahr zu begegnen, der Ordensbrüder und -schwestern aus eigener Kraft offensichtlich nicht überall zu widerstreben vermochten, verbot die Kongregation generell den Fernseh-Empfang für die Angehörigen von Klausur-Orden, also solcher Orden, deren Angehörige ihre Klöster nie verlassen dürfen. Für die übrigen, weniger strengen Ordensgemeinschaften sind alle Sendungen verboten, die "lediglich dem Zweck der Unterhaltung der Ordensleute dienen".
Ihre Anweisungen an die Ordensgenerale rechtfertigt die Kongregation mit dem Hinweis: "Die Kirche will nicht auf die Errungenschaften verzichten; die Wissenschaft und Fortschritt der Menschheit schenken, aber sie kann auch nicht von dem Grundsatz 'salus animorum suprema lex' (Das Heil der Seelen ist oberstes Gesetz) abweichen."
Die strengen Gehorsamsregeln, denen sich die Angehörigen katholischer Orden unterwerfen, schließen jedwede Kritik an diesem Reglement aus den Reihen der Mönche und Nonnen aus. Die Priester dagegen, die im Kontakt mit ihren Gemeindemitgliedern bleiben müssen und deren Unterhaltungen wenn nicht teilen, so doch wenigstens kennen wollen, sehen den vatikanischen Brief an die Ordensgenerale als einen ersten Schritt auf dem Wege dazu an, die Zensur des Vatikans auch auf die Fernseh-Apparate der Weltgeistlichen auszudehnen.
Über den Geist der Rebellion, der aus diesem Anlaß unter den geistlichen Fernseh-Zuschauern herrschen soll, berichtet die italienische Wochenschrift "L'Europeo": "Mancher von ihnen (den Priestern) wendet ein, man brauche nur die Nase in den Vatikan zu stecken, um die stattliche Zahl von Antennen festzustellen, die dort auf den Palästen ragen."
Zu den Vatikan-Bürgern, die allabendlich nach ihrem Tagewerk vor dem Fernseh -Empfänger Entspannung finden, gehört auch Papst Pius XII.
* Vatikanische Kommission zur Regelung von Angelegenheiten der Ordensleute.

DER SPIEGEL 38/1958
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