17.09.1958

SPANIENZwei Schuster

Ich möchte", so formulierte im Jahre 1931 der Romanist Ernst Robert Curtius, "auf das Werk eines Mannes hinweisen der seit Jahrzehnten als Dichter, als Kritiker, als Romancier eine umfangreiche, durch Kraft- und Blutfülle, durch großartige Originalität und komplexe Geistigkeit ausgezeichnete Produktion entfaltet hat. Ich spreche von Ramón Perez de Ayala, den die spanische Republik 1931 als Botschafter nach London sandte."
Siebenundzwanzig Jahre nach dem deutlichen Hinweis des Romanisten Curtius, der die Literatur der romanischen Völker nach Talenten durchforschte und zum Beispiel als einer der ersten Deutschen auf den Dichter Marcel Proust aufmerksam machte (SPIEGEL 4/1958), ist endlich ein Buch des Schriftstellers Ayala auch in deutscher Sprache erschienen. Der Frankfurter Verlag Suhrkamp veröffentlichte eine Übersetzung des Romans "Belarmino und Apolonio"*, den Ayala bereits 1920 in Spanien publiziert hatte.
Zwar war schon im Jahre 1912 in Berlin eine deutsche Übersetzung von Ayalas autobiographischem Roman "A.M.D.G." - für "Ad Majorem Dei Gloriam" (zur höheren Ehre Gottes) - gedruckt worden, doch blieb diese Ausgabe in der breiten Öffentlichkeit so gut wie unbeachtet. Erst jetzt können deutsche Buchleser mit einem Romancier bekannt werden, dessen Bücher "zu den wichtigsten Werken der modernen spanischen Prosa gezählt" werden, wie die Züricher "Weltwoche" formulierte. Die Hamburger "Welt" bekundete: "Die Bekanntschaft mit Ramón Perez de Ayala ... ist Bekanntschaft mit einem Romancier von europäischem Rang. Daß sein Roman 'Belarmino und Apolonio', abgeschlossen 1920, erst jetzt dem deutschen Leser zugänglich gemacht wird, ist ein besonders krasser Beweis dafür, wie sehr und wie zu Unrecht Spanien auch in den Dingen der Literatur bei uns als Land an der verschwimmenden Peripherie des Kontinents betrachtet wird."
Bereits im Jahre 1931, als Curtius auf den Essayisten, Lyriker und Romancier Ayala aufmerksam machte, umfaßte das Gesamtwerk dieses Dichters fast zwanzig Bände seit - der Konstituierung des Franco-Regimes sind in Spanien keine weiteren Bücher von Ayala veröffentlicht worden. Der Roman "Belarmino und Apolonio", der nun in deutscher Sprache vorliegt, gilt als das erfolgreichste Buch in der zweiten Produktionsperiode Ayalas, in der er sich nicht mehr ausschließlich mit der eigenen Person beschäftigte. In der ersten Periode hatten seine Romane mehr oder minder autobiographischen Charakter.
Ayala - er wurde 1881 in Oviedo geboren - zählt zu einem Kreis spanischer Intellektueller, der sich den Namen "Generation von 98" gab und dem etwa auch der Philosoph Jose Ortega y Gasset angehörte. Dieser Kreis hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Spaniens Kultur ihrer spätromantischen Fesseln zu entledigen und auf das Niveau der in England, Frankreich und Deutschland vorherrschenden Moderne zu bringen. Ayala gehörte zu jener Gruppe junger Intellektueller, die - wie Robert Haerdter in der "Gegenwart" schrieb "um die Jahrhundertwende das geistigverdorrte Spanien wieder an die europäische Tradition angeschlossen und eine außerordentliche Fülle von glänzenden schriftstellerischen Taten vollbracht hat, die der spanischen Literatur Respekt und fortdauernde Geltung errangen".
Wie Ortega hing auch Ayala schon als junger Mann der Idee an, daß die Republik für Spanien die angemessene Staatsform sei. In Streitschriften, Zeitungsartikeln und in seinen Romanen suchte er für diese Idee zu werben, als Spanien noch eine Monarchie war.
Im ersten seiner insgesamt vier autobiographischen Romane, in "A.M.D.G." - Untertitel: "Das Leben in einem Jesuitenkolleg" - hat Ayala die Stationen seiner eigenen Entwicklung geschildert. Der Held
- ein begabter Knabe namens Alberto gerät immer wieder mit dem starren Mechanismus der jesuitischen Erziehungsmethoden in Konflikt; er erlebt die Mißstände des klerikalen Terrors, die Korruption während der monarchistischen Herrschaft um die Jahrhundertwende und zieht sich endlich, angewidert von einem provinziellen Kulturbetrieb, ins einfache Leben seiner Heimatprovinz Asturien - der auch Ayala entstammt - zurück. Abweichend von der romanhaften Darstellung seiner Jugend blieb Ayala allerdings in Madrid, wo er studiert und sich eine Anwaltspraxis eingerichtet hatte. Als die Republikaner 1931 in Spanien an die Macht kamen, sicherten sie sich den eleganten Anwalt für den diplomatischen Dienst: Ramón Perez de Ayala wurde Botschafter in London.
Zu dieser Zeit war Ayala in Spanien durch seinen Roman "Belarmino und Apolonio" zumindest bei Literaturkennern bereits eine Berühmtheit. In diesem Roman - "das Buch nimmt sich aus wie ein Schelmenstück des Intellektes", schrieb die "Weltwoche" - hat Ayala eine Art Generalabrechnung mit seiner Heimat Spanien gemacht.
Die eigentliche Handlung des Buches dient ihm dabei nur als - freilich oft symbolträchtiger - Vorwand. Belarmino und Apolonio, die beiden Hauptgestalten, haben zwei Eigenschaften gemeinsam und unterscheiden sich in unzähligen anderen: Beide sind Schuster, und beide führen ein einigermaßen unsinniges Leben.
Der Phantast Apolonio glaubt sich zum Dramatiker berufen; sein Konkurrent Belarmino hält sich für einen Philosophen. Damit die obskur-mystischen Gedanken dieses Schuster-Philosophen den Lesern auch verständlich werden, hat Ayala seinem Roman ein Wörterbuch angehängt, das auch in der deutschen Ausgabe erhalten blieb und in dem erklärt wird, was der Schuster Belarmino unter seinen sonderbaren, von ihm erfundenen oder mißverstandenen Fachausdrücken versteht.
In Belarminos philosophischem Oeuvre bedeutet etwa das Wort "beleuchtet" soviel wie "klug"; "chronisch" wird erklärt mit: "tief, bedeutend, einschneidend. Nur bedeutende Tatsachen sollten in Chroniken verzeichnet werden". "Industrialisieren" heißt: "eine Sache beherrschen, mit ihr auf dem Du-Fuß stehen"; unter "Scholastik" versteht der Schuster-Philosoph "Schwerarbeit". Wenn Belarmino das Wort "Zentrifuge" benutzt, so will er damit schlechthin "das Wesensfremde" bezeichnen.
Beide Schuster liefern sich einen erbitterten Konkurrenzkampf. Zwar hat der phantasiereiche Dramatiker Apolonio, der zudem von einer einflußreichen Herzogin protegiert wird, seinen schwächeren Rivalen geschäftlich bald ruiniert. Er leidet aber unter dem Gefühl, Belarmino verfüge über geheime Kräfte und sinne auf Rache, weshalb sich Apolonio in seine dramatische Produktion stürzt, sein Schustergeschäft vernachlässigt und an demselben Ort endet wie Belarmino: im Armenhaus.
Erst in den Kindern der beiden, in Apolonios Sohn Don Guillén - einem Priester, der seinem Gott dadurch auf besondere Weise zu dienen glaubt, daß er dessen Gebote mißachtet - und Belarminos Tochter Angustias, die zum Straßenmädchen geworden ist, versöhnen sich die Gegensätze. Die beiden jungen Leute werden ein glückliches Paar.
Diese provinzielle, aber anekdotische Rahmenhandlung benutzt der Autor Ayala, um seine spanische Umwelt zu ironisieren. Er analysiert die Elemente, aus denen sich die spanische Gesellschaft unter der Monarchie zusammensetzte, und nutzt außerdem die Gelegenheit, den ihm verhaßten katholischen Klerus zu verhöhnen.
Nach Ayalas Darstellung ist der spanische Klerus, der nur aus eitlen Nichtsnutzen besteht, deshalb monarchistisch gesinnt, weil er seine Existenz der Aristokratie verdanke: Die adligen Familien bezahlen die theologische Ausbildung von Kindern minderbemittelter Eltern und ziehen auf diese Weise eine Geistlichkeit heran, die ihnen hörig ist.
Ihrem Protegé, dem sie die theologische Ausbildung finanzieren will, erläutert zum Beispiel eine Herzogin: "Heutzutage, mein Sohn, sind in Spanien die Geistlichen diejenigen, die die beste Zukunft vor sich haben, besonders wenn einflußreiche Gönner hinter ihnen stehen. Jeden Tölpel aus der niedersten Schicht läßt man in den besten Familien zu, wenn er nur ein Schwarzkittel ist. Wenn er auch keinen Centimo besitzt, verachten die Reichen ihn dennoch nicht. Und ist er auch ein Kürbiskopf, so hören doch Politiker und Akademiker auf ihn, und ist er häßlicher als die Nacht, so betrachten ihn doch die hübschesten Weiblein mit Wonne."
Die Interessengemeinschaft von höriger Geistlichkeit und Adel hält, so glaubt Ayala, die Bürger im Zustand der Unfreiheit. Da sie sich nicht zu befreien verstehen, toben sie ihren Mißmut in gegenseitigem Haß aus. Die sinnlose und selbstmörderische Konkurrenz der beiden Schuster steht dafür als Beispiel.
Alle diese Mißstände, so hoffte Ayala, würden zu beseitigen sein, sobald mit dem Ende der Monarchie auch die Vorherrschaft des Klerus in Spanien beseitigt werden könne. Seine Hoffnungen haben sich nicht verwirklicht: Acht Jahre nach ihrem Beginn bereitete Franco im Jahre 1939 der demokratischen Republik Spanien wieder ein Ende.
Kurz nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges mußte der Republikaner Ayala seinen Botschafterposten in London räumen; er verbrachte die ersten Jahre der Franco-Herrschaft in südamerikanischem Exil. Erst eine allgemeine politische Entspannung, die auch dem Philosophen Ortega y Gasset die Heimkehr ermöglichte, erlaubte es ihm, nach Madrid zurückzukehren.
Eine Charakteristik seiner eigenen Situation im gegenwärtigen Franco-Spanien, in dem er zwar keine Bücher mehr publizieren darf, wohl aber eine Staatsrente bezieht, hat Ayala bereits in seinem Roman "Belarmino und Apolonio" vorweggenommen. "Ein Philosoph stört nicht, ist nicht lästig, richtet keinen Schaden an, solange man ihn nicht ernst nimmt", schrieb Ayala. Man müsse ihn "vor allem mit Leberwürsten bändigen".
* Ramón Perez de Ayala: "Belarmino und Apolonio"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 281 Seiten; 14,80 Mark.
Roman-Autor Ayala
Der Philosoph und die Leberwurst

DER SPIEGEL 38/1958
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 38/1958
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPANIEN:
Zwei Schuster

  • Neue iPhones im Test: "iPhone 11 ist ein No-Brainer"
  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • E-Zigaretten-Verbote in den USA: Ist das Dampfen zu gefährlich?
  • Video aus Saudi-Arabien: "Man sieht sich als Opfer einer brutalen Anschlagsserie"