17.09.1958

HEMINGWAYDas nie Gedruckte

Der Lauf der Zeiten", so wurde ein New-Yorker Gericht kürzlich in einem Schriftsatz "respektvoll" belehrt, "kann den Arbeiten eines Schriftstellers günstig oder ungünstig sein. Ein gutes Beispiel dafür ist die öffentliche Meinung gegenüber den schriftstellerischen Produkten aus der Zeit, als die Sowjet-Union unser Verbündeter war, und die öffentliche Meinung über den gleichen Gegenstand heute, da die Sowjet-Union unser vielleicht ärgster Feind ist."
Verfasser dieser belehrenden Sätze war nach Ansicht der "New York Times", die den Schriftsatz auf ihrer Titelseite zitierte, der 59jährige amerikanische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Ernest Hemingway. Hemingway hatte das amerikanische Herrenmagazin "Esquire" verklagt und, nach Ansicht der "New York Times", einen von seinem Anwalt eingereichten Schriftsatz selbst verfaßt: Um einen Schaden zu verhüten, "der nicht wieder gutzumachen ist", möge das Gericht dem Magazin verbieten, einige Kurzgeschichten Hemingways abermals zu veröffentlichen, die der Schriftsteller dem Magazin vor etwa zwanzig Jahren geliefert hatte.
Wirklich plante die Zeitschrift "Esquire". zur Feier ihres 25jährigen Bestehens im Oktober dieses Jahres aus bereits bei ihr publizierten Geschichten prominenter Autoren einen Sammelband zusammenzustellen. Vorgesehen waren vornehmlich die Beiträge solcher Autoren, die überhaupt zum erstenmal in "Esquire" veröffentlicht hatten, oder Geschichten, die außer im "Esquire" niemals wieder gedruckt worden waren. Das stolze Autorenregister des geplanten Sammelbandes enthielt die Namen von Luigi Pirandello, Thomas Wolfe, Erskine Caldwell, John Dos Passos, Thomas Mann, Norman Mailer, Theodore Dreiser und Albert Camus.
In dieser Sammlung sollten auch die Beiträge des - neben Thomas Mann, Luigi Pirandello und Albert Camus - vierten Nobelpreisträgers nicht fehlen, der einst für "Esquire" geschrieben hatte. "Esquire" -Verleger Arnold Gingrich wählte drei Geschichten Hemingways aus - "Die Denunziation", "Der Schmetterling und der Tank" und "Am Vorabend der Schlacht" -, die im November und Dezember 1938 und im Februar 1939 von "Esquire" veröffentlicht worden waren. Alle drei Geschichten spielten im Spanischen Bürgerkrieg, den Hemingway zeitweilig auf seiten der Roten mitgemacht hatte.
In einem Routinegespräch ließ sich "Esquire"-Verleger Gingrich bei Hemingways New-Yorker Agenten, dem Rechtsanwalt Alfred Rice, die Genehmigung für den Wiederabdruck geben. Einige Zeit später fand er aber zu seiner Überraschung auf seinem Schreibtisch eine gerichtliche Vorladung: Hemingway wollte durch einen Gerichtsbeschluß die Wiederveröffentlichung der Geschichten verhindern lassen.
Mit einigen Telephonaten schaffte Gingrich, dem nichts ferner lag, als gegen seinen Autor Hemingway Krieg zu führen, die Angelegenheit aus der Welt. Hemingways Agent Rice - Gingrich über Rice: "Er trägt zwei Hüte, einen als Hemingways Agent, einen als Hemingways Anwalt" - erklärte sich einverstanden, daß nur eine der drei Geschichten, "Der Schmetterling und der Tank", in den Sammelband aufgenommen werden solle; "Esquire" verzichtete sofort auf die beiden anderen.
Während beide Parteien im Begriff waren, dem Gericht mitzuteilen, daß sich eine Verhandlung erübrige, hatte die aufmerksame "New York Times" in den Gerichtsakten den Schriftsatz des Anwalts Rice aufgestöbert und auf ihrer ersten Seite die Nachricht von dem Protest veröffentlicht, den sie von Hemingway formuliert glaubte. Die Meldung über das Gerichtsverfahren, das im Ernst längst nicht mehr stattfinden sollte, wurde von anderen amerikanischen Blättern, sogleich aber auch von der englischen, französischen, italienischen und deutschen Presse übernommen.
In literarischen Zeitschriften und den Literaturteilen der Zeitungen entfaltete sich sogar eine bewegte Diskussion, vornehmlich über das Recht oder Unrecht des Menschen, sein politisches Bekenntnis zu wechseln, sodann aber auch darüber, ob es einem Autor zugebilligt werden solle oder nicht, sich von früheren Werken zu distanzieren, an denen immerhin seine Entwicklung deutlich wird.
Ein amerikanischer Universitätsprofessor erinnerte daran, daß der prominente Lyriker Yeats und der später in England naturalisierte amerikanische Schriftsteller Henry James in ihrem Alter mehr Zeit darauf verwendet hätten, ihre früheren Werke umzuformulieren, als darauf, neue zu schreiben. Die amerikanische Literaturzeitschrift "Saturday Review" verwies auf den Komponisten Richard Strauß, der sein Jugendwerk "Burleske" für Klavier und Orchester später habe verleugnen wollen. "Heute ist sich die Welt im Rückblick einig, daß es ein brillantes Werk ist", schrieb das Blatt und ergänzte, daß Strauß später "niemals mehr etwas von dieser Art" geschrieben habe.
In der Hamburger Tageszeitung "Die Welt" machte sich dagegen Willy Haas zum Verteidiger Hemingways. "Wir glauben", schrieb der Senior-Kritiker des Blattes, "Hemingway hat ein gutes Recht zu diesem Schritt. Es war viel Haß letzthin in dieser unserer Welt, und mancher stand mit seinem guten Gewissen in einer Position, in der er heute nicht mehr steht. Wenn er nicht gemordet hat oder an Mord schuldig ist, sollte man nicht jedes seiner Worte auf die Goldschale legen, das er irgendeinmal irgendwo gesagt oder geschrieben hat.
"Hemingway war im Spanischen Bürgerkrieg ein Sympathisierer der republikanischen Regierung und der Internationalen Brigade. Vieles hat sich seither geändert; und wenn er seine Novellen von damals nicht noch einmal veröffentlicht sehen will, so müssen wir ihn deshalb nicht gleich feige nennen."
Tatsächlich wäre ein solcher Vorwurf kaum gerecht gewesen, denn Hemingway dachte gar nicht daran, sich politisch von seiner Vergangenheit zu distanzieren. Die Formulierungen in der Klageschrift, die zu diesem Fehlschluß geführt hatten, stammten von Hemingways Agenten Rice. Hemingway: "Ich habe ihn (Rice) angerufen und ihm die Hölle heiß gemacht."
Als wahren Grund für seinen Einspruch gibt Hemingway vielmehr an, ihm gefielen die Formulierungen heute nicht mehr, die er vor zwanzig Jahren benutzt habe: "Als ich mir diese 'Esquire'-Geschichten durchsah", erklärte er, "habe ich mir gesagt, du kannst heute Besseres schreiben."
Am Telephon gab Hemingway noch einen anderen, plausibleren Grund dafür preis, warum er gegen die Wiederveröffentlichung seiner Geschichten im "Esquire"-Sammelband protestiert hatte: "Ich habe diese Geschichten für einen eigenen Sammelband vorgesehen." Er sei nur noch nicht dazu gekommen, fügte der Autor hinzu, sie für seinen eigenen Bedarf zu überarbeiten.
Kläger Hemingway
"Du kannst es heute besser"

DER SPIEGEL 38/1958
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