17.09.1958

IMPFUNGDie Vierfach-Spritze

An versteckter Stelle konnten die Besucher der "Deutschen Heilmittel-Ausstellung", die in der vorletzten Woche anläßlich des Therapie-Kongresses in Karlsruhe stattfand, den Hinweis auf die wahrscheinlich bedeutendste Heilmittel -Neuheit dieser Arznei-Schau entdecken: Aus zwei unauffälligen Druckzeilen in einer unter Vitrinenglas aufgeschlagenen Broschüre war zu erfahren, daß die renommierte amerikanische Heilmittel-Firma Parke, Davis & Co. zum ersten Male einen Mehrfach-Impfstoff entwickelt hat, der nicht nur gegen drei Kinderkrankheiten, sondern auch gegen die gefürchtete spinale Kinderlähmung (Poliomyelitis) schützt.
Die Vertreter von Parke-Davis lehnten es allerdings ab, weitere Einzelheiten über den Mehrzwecke-Impfstoff mitzuteilen - angeblich, weil über die neue Entwicklung vorläufig "noch nichts an die Öffentlichkeit dringen soll". Immerhin wurde der Impfstoff der US-Firma in der Zwei-Zeilen-Mitteilung bereits unter dem Handelsnamen "Quadrigen" aufgeführt. Deutsche Ärzte schlossen daraus, daß das neue Produkt trotz aller Heimlichtuerei zumindest in Amerika demnächst für den Massengebrauch freigegeben wird.
Auch in der Bundesrepublik Deutschland, deren Impfgebräuche hinter den amerikanischen Gepflogenheiten zurückgeblieben sind, wird die Methode der Mehrfach -Impfung bereits angewendet. Für die Ärzte und die staatlichen Gesundheitsämter, aber auch für die Eltern der Impflinge birgt dieses Verfahren den Vorteil, daß Kleinkinder mit einem einzigen kombinierten Impfstoff gegen zwei bis drei Krankheiten zugleich immunisiert werden können.
Mehrfach-Impfstoffe sind Kombinationspräparate aus den Impfstoffen, die gegen einzelne Krankheiten wirken; eine Impfserie (Hauptimpfung und entsprechende Nachimpfungen) ersetzt die früher notwendigen Einzel-Impfungen gegen jede einzelne Krankheit. Damit bei einem Vierfach-Impfstoff nicht auch ein vierfacher Ampulleninhalt gespritzt werden muß, galt es allerdings, die Impfstoffmenge zu verringern, ohne die vierfache Wirksamkeit des Impfstoffes zu beeinträchtigen.
In Deutschland werden bereits seit 1949 Dreifach-Impfstoffe - zum Beispiel gegen Diphtherie, Keuchhusten und Scharlach - hergestellt. Mehrfach-Impfstoffe, die auch gegen die spinale Kinderlähmung wirken, gibt es dagegen in Deutschland noch nicht. Nach den deutschen Regeln müssen Kinder, deren Eltern der (freiwilligen) Polio -Schutzimpfung zustimmen, mehrmals mit einem Impfstoff gespritzt werden, der ausschließlich gegen die Kinderlähmung immun macht.
Wenn der amerikanische Vierfach-Impfstoff auch in Deutschland erhältlich wäre, ergäbe sich die Möglichkeit, Kinder gleichzeitig gegen drei Krankheiten wie auch gegen die Kinderlähmung zu impfen. Voraussetzung wäre allerdings nach den derzeit gültigen Bestimmungen, daß der amerikanische Impfstoff unter Beachtung der strengen deutschen Prüfregeln geprüft und amtlich freigegeben werden würde.
Fachleute, die in Karlsruhe über die Einführung des neuen Vierfach-Impfstoffes debattierten, der die deutschen Impfbräuche grundlegend verändern könnte, waren der Ansicht, daß für die erforderliche langwierige Prüfung in Deutschland vorerst nicht genügend Laborkapazität in den staatlichen Instituten verfügbar sei.

DER SPIEGEL 38/1958
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