17.09.1958

GEHEIMHALTUNGAbsurde Beispiele

Eine Ansicht, die amerikanische Wissenschaftler bislang nur im vertraulichen Gespräch mit Kollegen zu äußern wagten, ist jetzt von einem Kongreß-Untersuchungskomitee ausdrücklich und in aller Offenheit bestätigt worden: Die ängstliche Geheimhaltung auch der kleinsten wissenschaftlichen oder technischen Neuerung, zu der amerikanische Geistesarbeiter von den staatlichen Sicherheitsdienststellen verpflichtet werden, schadet den USA mehr als sie ihnen nützt.
Der Kongreßausschuß, der zwei Jahre lang weisungsgemäß Nutzen und Schaden der Geheimhaltungsvorschriften untersuchte, glaubte sich in seinem Abschlußbericht sogar zu einer verwegenen Feststellung berechtigt. Die Ausschußmitglieder schrieben: "Der Geheimnis-Morast, in dem unsere Wissenschaftler arbeiten müssen, ist mit daran schuld, daß wir im Weltraum -Rennen die erste Runde verloren haben."
Der deprimierende Bericht des "Moss -Ausschusses" - genannt nach seinem Vorsitzenden, dem demokratischen Kongreßmann John E. Moss aus Kalifornien - beeindruckte die amerikanischen Geheimnisverwalter und Sicherheitsbeamten vor allem, weil er von einigen Elite-Wissenschaftlern unterzeichnet war, unter anderem von dem Nobelpreisträger (Chemie) Harold C. Urey, dem Präsidenten der amerikanischen Akademie der Wissenschaften, Detlev W. Bronk, und dem Chefphysiker der Atom-Laboratorien von Brookhaven, Donald J. Hughes.
Dieses erlesene Forschergremium war nach der Auswertung von Zeugenaussagen Dutzender nicht weniger prominenter Wissenschaftler zu der Erkenntnis gelangt, "daß die nationale Sicherheit nicht in der Geheimhaltung, sondern im wissenschaftlichen Fortschritt" liege - der allerdings durch die übertriebenen Geheimhaltungsregeln gehemmt werde.
Wie aus dem Untersuchungsbericht hervorgeht, herrscht in den amerikanischen Forschungszentren, mehr aber noch in den militärischen, und behördlichen Überwachungsinstanzen ein Hang zu grotesker Geheimniskrämerei, der im Widerspruch zu dem Reklamerummel steht, den Amerikas Sicherheitsbeamte einzelnen propagandistisch wertvollen Unternehmen zugestehen, etwa dem ersten (gescheiterten) Versuch eines Erdsatelliten-Starts oder dem ersten (mißglückten) Mondraketenabschuß.
Die drei Wehrmachtteile - Heer, Marine, Luftwaffe - sowie die Atom-Energie -Kommission (AEC) wenden jeweils in ihrem Bereich ein eigenes Geheimhaltungssystem an. Einem Armee-Wissenschaftler wird es beispielsweise unmöglich gemacht, etwa mit einem Wissenschaftler der Atom -Energie-Kommission über eine "geheime" Entwicklungsarbeit zu sprechen - es sei denn, er beschafft sich von der Geheimnisverwaltung der AEC die (schwer erhältliche) "clearence", die Genehmigung für den Umgang mit Geheimsachen aus dem Bereich der Atom-Energie-Kommission.
Die Erlaubnis, Einblick in die Dokumente eines anderen Sicherheitsbereichs zu nehmen, wird - wie der Moss-Bericht mißbilligend feststellt - nur erteilt, wenn eine "Notwendigkeit" nachgewiesen werden kann. Sagte ein Wissenschaftler-Zeuge vor dem Ausschuß: "Es ist nicht einfach, nachzuweisen, daß man etwas wissen muß, wenn man gar nicht weiß, ob es überhaupt existiert."
Nach Ansicht des Moss-Komitees erwachsen dem amerikanischen Staat aus dem verwickelten Nebeneinander von Sicherheitssystemen beträchtliche materielle Schäden: Weil die Forscher des einen Sicherheitsbereichs nicht wissen und nicht wissen können, an welchen Geheim-Entwicklungen ihre Kollegen in anderen Bereichen arbeiten, kann es vorkommen, daß bestimmte Forschungsaufgaben in verschiedenen Laboratorien zugleich bearbeitet werden.
Schon vor der Veröffentlichung des Moss -Berichts hatten Leitartikler diesen Zustand kritisiert, nachdem bekanntgeworden war daß die drei Wehrmachtteile auf dem Gebiet der Raketentechnik und Weltraumfahrt derartige kostspielige Parallel-Entwicklungen betrieben. Die Sicherheitsämter hatten zwar Berichte über phantastische Zukunftsprojekte zur Veröffentlichung freigegeben, jedoch gleichzeitig eifersüchtig darüber gewacht, daß kein Wissenschaftler eines anderen Bereichs die geheimen technischen Details der Erfolge oder die Ursachen der Rückschläge erfuhr.
Andererseits verleitet, wie Nobelpreisträger Urey feststellte, die Kenntnis der Geheimhaltungspraktiken manchen amerikanischen Wissenschaftler dazu, eine möglicherweise wertvolle Idee nicht weiter zu verfolgen. Urey: "Ich selbst habe seit 1946 immer wieder erwogen, mir nur solche Arbeiten auszusuchen, die mich nicht sofort zum Geheimnisträger machen, etwa die Bestimmung der Wassertemperaturen der Weltmeere im Altertum."
Professor Otto Struve von der Staatsuniversität Kalifornien erklärte im Zeugenstand: "Falls ich einmal eine blendende Idee auf dem Gebiet der Atomkernverschmelzung haben sollte, würde ich mich sogleich schlafen legen und alles wieder vergessen." Denn, so begründete Struve seine skurrile Aussage, er müsse ja annehmen, daß sein Gedanke längst insgeheim in irgendeinem Laboratorium überprüft werde.
Der Moss-Bericht verzeichnet neben den schwerwiegenden Exempeln auch einige "absurde Beispiele" von recht eigenwilliger Auslegung der Geheimhaltungsregeln, unter anderem:
- Das US-Arbeitsministerium hält die Statistiken über den Einkauf von Erdnußbutter für die Streitkräfte mit der Begründung geheim, die Russen könnten daraus die Stärke der Armee errechnen. Gleichzeitig veröffentlicht jedoch das US-Verteidigungsministerium jeden Monat einen offiziellen Bericht über den Mannschaftsbestand der Armee.
- Einem Offizier wurde von dem zuständigen Sicherheitsamt untersagt, ein Buch zu veröffentlichen, das sich mit spionageähnlichen Fällen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775) befaßt.
- Die US-Luftwaffe beschäftigt einen "international anerkannten" Wissenschaftler, dessen "clearence" vor einiger Zeit zurückgezogen wurde. Nach der Zeugenaussage des Luftwaffen-Forschungsleiters Gardner "hat dieser Mann aber unglücklicherweise eine Erfindergabe, die ihm ständig neue 'secret'- und 'top secret'-Ideen einfallen läßt". Die Sicherheitsdienststellen sind gezwungen, die Arbeitsergebnisse des fleißigen Erfinders stets als "geheim" zu klassifizieren. Der Wissenschaftler darf folglich nicht mehr an seinen Ideen weiterarbeiten, er darf nicht einmal mehr seine eigenen Unterlagen einsehen.
Daneben beschäftigt sich der Bericht auch mit den Weiterungen, die sich gelegentlich ergeben, weil es bei den Praktiken der amerikanischen Geheimnisverwaltungen "so gut wie ausgeschlossen ist, daß ein Dokument jemals freigegeben wird, wenn es erst einmal den Geheimstempel trägt". Das Moss-Komitee hat beispielsweise errechnet, daß die gegenwärtig als "geheim" zu behandelnden Papiere einen Panzerschrank von 920 Kilometer Breite füllen würden.
Als Ausweg aus der noch andauernden Geheimhaltungsmisere empfiehlt der Ausschuß, den "Vorschriften-Morast" (Moss) vorerst an drei Stellen trockenzulegen:
- Die Wissenschaftler im Staatsdienst wie auch die Privatfirmen mit geheimen Entwicklungsaufträgen sollen einem einheitlichen Geheimhaltungssystem unterworfen werden.
- Die "need to know"-Regel, nach der ein
Wissenschaftler nachweisen muß, daß die Einsichtnahme in die Unterlagen eines anderen Geheimbereichs notwendig ist, soll wegfallen.
- Die Praxis, "Naturgesetze zur Geheimsache zu erklären", soll unterbleiben.
Es scheint, als ob einige Sicherheitsdienststellen aufgrund dieser Empfehlungen geneigt sind, das komplizierte System der Geheimhaltung von Forschungsergebnissen wenigstens teilweise abzubauen. Kurz nach Bekanntwerden des - nicht geheimen - Berichts über die Gepflogenheiten der Geheimhaltung kündigte jedenfalls das amerikanischeVerteidigungsministerium an, in Kürze werde es "fast alle" Geheimsachen aus der Zeit vor 1946 freigeben.
Die meisten Mitglieder des Moss-Komitees hatten allerdings bei Abschluß der Verhöre und Untersuchungen verlautbart, daß ihrer Ansicht nach nur ungefähr die Hälfte aller geheimen Dokumente zu Recht als "secret" eingestuft sei. Der Radar -Spezialist Lloyd V. Berkner erklärte sogar, daß rund 90 Prozent aller noch geheimgehaltenen Forschungsergebnisse "ohne Schaden für Amerika sofort" veröffentlicht werden könnten.
Nobelpreisträger Urey
Die geheime Erdnußbutter

DER SPIEGEL 38/1958
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