17.09.1958

NITRIBITTDie notwendige Klarheit

Mit einer höchst ungewöhnlichen Texteinblendung wurden in den vergangenen drei Wochen die Besucher des Nitribitt-Films "Das Mädchen Rosemarie" traktiert: Schon in einer der ersten Filmszenen, in der Hubert von Meyerinck als Hotelportier die noch schäbig gekleidete Dirne Nitribitt aus der Hotelhalle weist, erscheint unvermittelt in einer Leinwand -Ecke der in kleiner Schrift einkopierte Hinweis "Reception Palast-Hotel" - wie später noch mehrmals, wenn die Handlung in die Hotelhalle zurückkehrt. Der abrupt aufblendende Hinweis soll den Zuschauer belehren, daß alle diese Szenen in einem fiktiven "Palast-Hotel" spielen.
Die merkwürdige Betextung des Bildes in der Manier der Comic-Strips ist durch eine Beschwerde des Hotelkonzernherrn Steigenberger verursacht worden, der verhindert wissen möchte, daß das Publikum die Praktiken des Film-Hotelportiers - er vermittelt den Hotelgästen Telephon -Kokotten an Hand einer spezifizierten Liste - als Geschäftsgepflogenheit eines bekannten Steigenberger-Hotels empfindet: des deutlich im Bilde auftauchenden "Frankfurter Hofs".
Weil Steigenberger sich nachdrücklich über die bübische Art der Filmleute beklagte, die stellenweise ihre Filmhandlung - für alle Frankfurt-Reisenden deutlich erkennbar - in die unmittelbare Umgebung seines "Frankfurter Hofs" verlegt hatten, muß in jeder Vorstellung vor Beginn des Hauptfilms ein befremdliches Diapositiv eingeschoben werden. Es belehrt die Kinobesucher, das im Film gezeigte "Palast-Hotel" sei "nicht identisch mit einem bestehenden Betrieb".
Darüber hinaus mußte sich Produzent Waldleitner auch noch zum Herausschneiden einer anderen Hotelhallen -Szene bequemen: In der Fassung des Nitribitt-Films, die seit Ende des vergangenen Monats in 60 Premierenkinos der Bundesrepublik läuft, versichert Hubert von Meyerinck als Hotelportier seinen Stammkunden nicht mehr, daß sie die Vermittlung von Call-Girls getrost als "Kundendienst" betrachten können.
Weniger auffällig als die treuherzigen Hinweise auf die Hotel-Fiktion sind allerdings die Änderungen, die dem Film von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) verordnet wurden. Nachdem eine Kopie des Films dem achtköpfigen Arbeitsausschuß der FSK vorgeführt worden war, erhoben drei Selbstkontrolleure - der evangelische Filmpfarrer Hess, der Vertreter des Bundes, Dr. Theo Fürstenau, und ein Fräulein Körner - Einspruch.
Durch das Zusammenwirken von kabarettistischen Übertreibungen und realistischen Daten, meinten die drei Prüfer, entstehe in der Wirkung auf das Publikum "leicht der Eindruck, als seien die tatsächlich gezeigten Mißstände in hohem Maße symptomatisch und allgemeingültig für diese Gesellschaftsklasse (der Industriekapitäne)". Dieser Eindruck werde noch dadurch verdichtet, daß die dargestellten Konzernherren sich ohne Ausnahme von der unerfreulichsten Seite zeigten.
Die drei Selbstkontrolleure glaubten deswegen kritisch anmerken zu müssen, daß es doch "durchaus andere und positiv zu wertende Persönlichkeiten gerade in den Kreisen der Unternehmer gibt". Die Prüfer sahen in dem Nitribitt-Film eine besonders eindringliche "Anleitung zur gewerbsmäßigen Unzucht" und beantragten, die vorgeführte Fassung des Films nicht freizugeben.
Die allgemeinen sittlichen Bedenken aber wurden von der Mehrheit des Arbeitsausschusses nicht honoriert, die indes ganz bestimmte Filmszenen als anstößig empfand: eingeblendete Wochenschauaufnahmen von einer Marschkolonne der Bundeswehr, die mit klingendem Spiel durch eine Stadt zieht. Zwei Bänkelsänger (Jo Herbst und Mario Adorf) singen zur Marschmusik den Refrain "Wir haben den Kanal noch lange nicht voll", ehe sie sich in ein Trümmergelände entfernen.
"Der Ausschuß war der Auffassung", entschied der FSK-Arbeitsausschuß unter seinem Vorsitzenden Dr. Krüger, "daß diese Szene in Verbindung mit dem Text ... den Passus A II ld der FSK -Grundsätze (Herabwürdigung der verfassungsmäßigen und rechtsstaatlichen Grundlagen) betreffe, da die Bundeswehr eine verfassungsmäßige rechtsstaatliche Einrichtung der Bundesrepublik ist und von dieser Kombination - Bundeswehr -Bilder-Schlagertext - eine herabsetzende Wirkung ausgeht." Die meisten Ausschuß -Mitglieder fanden sogar, daß durch diese Kombination "auch das Prüfkriterium der Herabwürdigung des deutschen Ansehens" betroffen werde.
"Herabsetzung der Bundeswehr?" fragte daraufhin der Filmkritiker Klaus Hebecker in der Korrespondenz "Film-Telegramm". "Man kann zu der Bundeswehr stehen, wie man will - es wird doch in einer Demokratie noch erlaubt sein, die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Wiedereinführung eines deutschen Militärs in Zweifel zu ziehen! Nicht bei den Wiesbadener Zensoren: Wer dies tut, trägt bereits zur Herabwürdigung des deutschen Ansehens bei ... Eine staatliche Zensurstelle hätte für diesen Filmschnitt keine fadenscheinigere Begründung finden können."
Nitribitt-Regisieur Rolf Thiele behalf sich, indem er die beanstandeten Wochenschaubilder durch Aufnahmen von marschierenden Soldatenbeinen ersetzte. Mit dieser Änderung erklärte sich die Selbstkontrolle einverstanden: Der Text des Songs durfte beibehalten werden, und auf einigen der ersatzweise eingefügten
Bildern ziehen Bundeswehrsoldaten, die von Statisten dargestellt werden, an den Sängern Herbst und Adorf vorüber (Bild). Ein weiterer Änderungswunsch der Filmkontrolleure betraf den Vorspann-Text, den Produzent Waldleitner und Regisseur Thiele vorsorglich entworfen hatten, "damit wir uns gegen Ähnlichkeiten zufälliger Art absichern". Er lautete:
- "Wir sind den Umständen nicht dankbar, die uns zu diesem Film herausforderten. Wir halten ihn für notwendig, damit die Ausnahmen nicht als Regel mißverstanden werden. Wir sind den politischen Verhältnissen dankbar, die uns diesen Film erlauben. Rosemarie Nitribitt ist tot, alle übrigen Personen und die Handlung sind frei erfunden. Irgendwelche Ähnlichkeiten sind rein zufällig."
Dieser Text ließ jedoch nach Auffassung der Selbstkontrolleure die "notwendige Klarheit und Deutlichkeit" vermissen. Sie forderten eine neue Formulierung, die präzise zum Ausdruck bringen sollte, "daß es sich bei den im vorliegenden Fall geschilderten Daseinsverhältnissen und Geschehnissen um eine Ausnahme handelt".
Thiele tauschte daraufhin den zweiten Satz gegen einen neuen Passus aus:
- "Sicher sind die Auswüchse unseres Wohlergehens Ausnahmen. Sie sollten uns dennoch nicht dazu verführen, den Kopf in den Sand zu stecken, denn wir haben gar keinen Sand, sondern eine Demokratie."
Nachdem der Film daraufhin endlich freigegeben und uraufgeführt worden war, entrüsteten sich einige Kritiker jedoch gerade über den betulichen Vorspruch. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" monierte Karl Korn: "Was ... soll man dazu sagen, daß die in Anbetracht ihrer unbehinderten Freiheit reichlich tugendstolzen geistigen Urheber des Films es für notwendig halten, ... den unglaublich komischen Satz hinzufügen, sie hätten den Film gemacht, 'damit die Ausnahme nicht die Regel werde'. Hat Firma Kuby es nötig, auf Nummer Sicher zu gehen ...?"
Nitribitt-Autor Erich Kuby - "Wissen Sie, was alles in Gestalt von Einstweiligen Verfügungen uns auf dem kurzen Wege ins Haus stand?" - antwortete daraufhin dem Kritiker Korn: "Der Vorspann in seiner monumentalen Idiotie ist mit Ausnahme des ersten Satzes, den ich für vertretbar halte, Auflage, und die Sache mit dem Sand und der Demokratie ist eine Improvisation von Thiele, gedacht, die ganze Vorkritik ad absurdum zu führen - aber siehe da, eben dies ging (bei der Freiwilligen Selbstkontrolle) durch."
Kuby belehrte den Korn, daß der Film es im Gegensatz zum profilierteren Kabarett mit Millionen Menschen zu tun hat, "und das ist ein ander Ding, da hört die Toleranz auf" - was sich schon an dem Diapositiv erkennen lasse, das seit dem Protest des Hotelkonzernherrn Steigenberger vor Filmbeginn gezeigt werden muß.
Drehbuch-Autor Kuby hat mittlerweile auch einen Nitribitt-Roman mit dem Titel "Rosemarie, des deutschen Wunders liebstes Kind" verfaßt, der Mitte dieses Monats erscheinen soll. Bücher hätten es nicht mit Millionen zu tun, tröstete er in einer Replik auf die Korn-Attacke, der Spielraum des gerade noch Möglichen sei größer. Versicherte Kuby: "Ich hoffe, Sie mit dem Buch mehr nach Wunsch zu bedienen."
Genehmigte Bundeswehr-Szene*: "Von den Bildern geht eine ...
... herabsetzende Wirkung aus": Herausgeschnittene Wochenschau-Aufnahme
* Links: Jo Herbst, rechts: Mario Adorf.

DER SPIEGEL 38/1958
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