17.09.1958

VORMENSCHEN-FUNDAlle von einem

In einem toskanischen Braunkohlen-Bergwerk, aus dessen Flözen schon einige für Anthropologen und Vorzeitforscher bedeutsame Knochenreste zutage gefördert worden sind, entdeckte der Schweizer Forscher Dr. Johannes Hürzeler im vergangenen Monat ein Skelett: das von Braunkohle umschlossene, fast unversehrte Knochengerüst eines sogenannten Oreopithecus.
Der Oreopithecus, auf dessen Existenz bis dahin nur aus aufgefundenen kleinen Knochenteilen geschlossen werden konnte, ist ein Wesen, das vor zehn bis zwölf Millionen Jahren gelebt haben soll. Er kann dem menschlichen Zweig jener Entwicklungsreihe zugerechnet werden, die vom Menschen und Affen zu einem gemeinsamen Urahn führt, aus dem sich beide entwickelt haben.
Die weltweite Sensation dieses Fundes - sein wissenschaftlicher Wert ist mindestens dem Fund des etwa 100 000 bis 200 000 Jahre alten Neandertal-Menschen vergleichbar - wurde in Italien freilich nicht nur als wissenschaftlicher Glücksfall empfunden. Alle Entdeckungen, die Charles Darwins ketzerische Deszendenztheorie bestätigen - ihr zufolge ist der Mensch nicht fertig auf die Welt gekommen, sondern hat sich aus niederen Arten entwickelt -, werden von der katholischen Kirche mit aufmerksamem Mißtrauen registriert.
So hat auch der Oreopithecus bambolii so genannt nach dem Monte Bamboli, in dessen Nähe er gefunden wurde - beim italienischen Kirchenvolk die Diskussion darüber neu belebt, ob ein katholischer Christ die Schöpfungsgeschichte der Bibel wortwörtlich glauben müsse oder ob er den menschenähnlichen Oreopithecus als indirekten Vorfahr anerkennen dürfe. Die im Vatikan erscheinende Zeitung "Osservatore della Domenica" fühlte sich daher veranlaßt, den Standpunkt der Kirche zu erläutern.
Das Blatt belehrte seine Leser zunächst vorsichtig, die Kirche habe keine Bedenken mehr dagegen, daß "die Frage nach der Entwicklung des Menschen Gegenstand der Forschung und der Diskussion sei. Tatsächlich ist der Vatikan nach seiner spektakulären Niederlage bei der ersten Begegnung mit der Naturwissenschaft - als er nämlich den Astronomen Galileo Galilei zum Widerruf der These zwang, die Erde drehe sich um die Sonne, und sich dadurch in aller Öffentlichkeit diskreditierte - gegenüber der Forschung auf eine vorsichtigere Taktik eingeschwenkt.
Die biblische Schöpfungsgeschichte, so erläuterte der "Osservatore della Domenica" nun, sei "in einer sehr einfachen, bildhaften Sprache" gehalten und müsse als "historisch" angesehen werden. Es sei durchaus denkbar, daß der menschliche Körper "aus einer schon vorher bestehenden organischen Materie" hervorgegangen sei.
Dagegen bleibe es unabdingbarer Glaubenssatz, daß die Seele des Menschen direkt von Gott geschaffen worden sei. Das Auftreten des ersten Menschenpaares ist, nach Auffassung des kirchlichen Lehramtes, der göttlichen Vorsehung zu verdanken. "Dies vorausgesetzt", könnte die Abstammung des menschlichen Körpers von dem eines höheren Tieres zugegeben werden.
Die Zeitung, die mit diesen Erläuterungen auf besorgte Anfragen ihrer Leser reagierte, dementiert ausdrücklich, etwa einen neuen Standpunkt des Vatikans zu publizieren. Zwar habe sich die Lehre der Kirche im Verhältnis zur Vorzeitforschung "vervollkommnet und verbessert", im übrigen sei aber der Standpunkt des Vatikans in zwei Enzykliken festgelegt: in der Enzyklika "Providentissimus Deus" (1893) des Papstes Leo XIII. und in der Enzyklika "Humani generis" (1950) des gegenwärtig regierenden Papstes Pius XII.
Tatsächlich hat Papst Pius XII. in seiner Enzyklika ausdrücklich erlaubt, daß "die Gründe für beide Ansichten, also dieser, die der Entwicklungslehre zustimmt, wie jener, die ihr entgegensteht, mit
dem nötigen Ernst abgewogen und beurteilt werden" - er hat demnach Darwins Theorie nicht mehr generell verdammt.
Die Toleranz des Papstes in dieser Frage ist freilich an zwei Bedingungen geknüpft, die ihren Wert für vorurteilsfreie Forschung stark vermindern. Der Papst erlaubt den Wissenschaftlern die Auslegung ihrer Vorzeitforschungen nur "vorausgesetzt, daß alle bereit sind, das Urteil der Kirche anzunehmen, der Christus das Amt anvertraut hat, die Bibel authentisch zu erklären".
Die zweite Bedingung des Papstes zwängt die Anthropologen in noch engere Grenzen. Pius XII. verlangt, daß die Forscher akzeptieren müßten, alle Menschen stammten von einem Stammvater ab, nämlich dem von Gott beseelten Adam. Gläubige, so formulierte der Papst, dürften sich "nicht der Meinung anschließen, nach der es entweder nach Adam hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben habe, die nicht von ihm als dem Stammvater aller auf natürliche Weise abstammen, oder daß 'Adam' eine Menge von Stammvätern bezeichne".
Forscher Hürzeler (l.), Oreopithecus: Vorsicht im Vatikan

DER SPIEGEL 38/1958
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