17.09.1958

ADAM WAR KEIN GROSS-AFFE

Die dezidierten Angaben, die in der Bibel über die Entstehung der Welt und des Menschengeschlechts gemacht werden, sind durch die Resultate der Naturwissenschaft nicht bestätigt worden. So muß die Kirche von Zeit zu Zeit bekanntgeben, wie weit sie ihrer Gemeinde einen buchstabengetreuen Glauben an den Bibeltext abverlangt, oder welche Formulierungen der Heiligen Schrift sie nicht weiter gegen die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung zu verteidigen wünscht. In Berlin faßte der Pfarrer Hubert Muschalek den Standpunkt der katholischen Kirche zur Vorzeitforschung zusammen:
Im Altertum und im Mittelalter war eine wörtlich-buchstäbliche Auffassung der beiden Berichte der Heiligen Schrift über die Erschaffung des Menschen (Genesis 1, 26-28 und Genesis 2, 7-8) vorherrschend. Neuere katholische Erklärer der Heiligen Schrift vertreten eine "natürliche", beziehungsweise populär-didaktische Auffassung. Nach dieser will die Heilige Schrift keine naturwissenschaftliche Erklärung bieten, sie will kein zoologisches, botanisches, anatomisches, physikalisches oder geographisches Lehr- oder Nachschlagewerk sein und auch nicht irgendwelche Auskunft über diese Gebiete erteilen, sondern es ist ihr Ziel, das religiöse Gedankengut des Schöpfungsberichtes dem Menschen und Leser des Alten Testaments, auch dem einfachen Mann, nahezubringen.
Nicht zuletzt unter dem Einfluß des naturwissenschaftlichen Denkens des neunzehnten Jahrhunderts wurde die wörtliche Auffassung der Heiligen Schrift, als ob Gott mit leiblichen Händen nach Art eines Töpfers den Leib des Menschen erschaffen und ihm wie ein Glasbläser den Lebensodem in das Angesicht geblasen habe (Genesis 2, 7), insbesondere von außerkirchlichen und kirchenfeindlichen Kreisen einer entscheidenden Kritik unterzogen. Bei steigender Anerkennung der Evolutionstheorie wird auch der menschliche Leib in die entwickelten Vorstellungen vom Gesamtablauf der phylogenetischen* Entfaltung der Organismen miteinbezogen.
Nach dem Erscheinen von Charles Robert Darwins (1809 bis 1882) Werk "Über die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe ums Dasein" (1859) wurde die Frage nach der Herkunft des menschlichen Leibes zu einem Thema, an dem sich nicht nur ein erbittert geführter wissenschaftlicher, sondern weit darüber hinaus ein weltanschaulicher Kampf entzünden sollte, der die Gemüter vor allem religiös interessierter Menschen wie selten eine Frage bewegte. Darwin hatte in diesem Werk sich bewußt zur Frage der Herkunft des menschlichen Leibes sehr vorsichtig geäußert, allerdings auch deutlich zu verstehen gegeben, daß dieser, seiner Auffassung nach, das Produkt eines langdauernden Evolutionsprozesses sei. Zwölf Jahre erst nach dem Erscheinen des Werkes "Über die Entstehung der Arten" gab Darwin sein Werk "Die Abstammung des Menschen" heraus. Seit jenen Jahren ist der Ruf: "Der Mensch stammt vom Affen ab" nicht mehr verstummt, er wurde zu einem flammenden Kampfruf gegen Kirche und Gottesglauben. Der Wesensunterschied von Mensch und Tier wurde eingeebnet, der Mensch wurde zu einem modifizierten Groß-Affen. Gegenüber diesen Verkennungen, Entstellungen und Verzerrungen des Menschenbildes hat der Christ der Gegenwart die Aufgabe und Verpflichtung, das wahre Bild des Menschen, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, herauszustellen und durch sein eigenes Beispiel der Mitwelt vorzuleben.
Die Frage nach dem Ursprung des Menschen ist auf das engste verknüpft mit der nach seinem Wesen Erst wenn wir uns die grundlegende Frage "Was ist der Mensch?" beantwortet haben, vermögen wir die noch seiner Herkunft einer klaren Lösung zuzuführen. Seinem Wesen noch ist der Mensch Leib-Seele-Ganzheit, bestehend aus den zwei inkompletten (unvollständigen) Substanzen seines in anatomischer, morphologischer und physiologischer Hinsicht wundervoll aufgebauten Leibes und der individuellen, einen, ungeteilten und unteilbaren geistigen, unsterblichen Seele. Leib und Seele sind aufeinander hingeordnet und bilden in Verbindung miteinander die eine menschliche Substanz.
Als Leib-Seele-Einheit ist der Mensch Sinnmitte der gesamten Schöpfung, als in sich geschlossener Mikrokosmos Abbild der gesamten Welt in allen ihren Seinsschichten, des Makrokosmos. Der Mensch trägt in sich die Welt der toten Materie, die von Pflanze und Tier; mit seiner geistigen Seele hat er Anteil an der Welt der Engel als reiner Geister. Die Frage noch der Herkunft des Menschen hat also die Doppelnatur des Menschen, die seines Leibes und die seiner Seele, zu berücksichtigen.
Zusammenfassend läßt sich die kirchliche Stellungnahme zur Frage der Herkunft des menschlichen Leibes wie folgt kurz umreißen:
a) Die Auffassung, der biblische Schöpfungsbericht sei nicht wörtlich zu verstehen, kann heute als allgemein angesehen werden.
b) Die Kirche steht den wissenschaftlichen Ergebnissen in der Frage der Herkunft des menschlichen Leibes keineswegs feindlich gegenüber, im, Gegenteil, der Papst ermuntert zu weiterer eingehender Forschung, mahnt allerdings auch zu kluger und sachlicher Zurückhaltung.
c) Wie immer der Spruch der Wissenschaft einst lauten mag: Der Nachweis einer stammesgeschichtlichen Entwicklung des menschlichen Leibes würde das Wirksamsein eines schöpferischen Prinzips keineswegs überflüssig machen.
Aus der völligen Andersartigkeit der Verhaltensweise von Tier und Mensch, aus der Fähigkeit des Menschen, logisch zu denken, kausal zu schließen, zu abstrahieren, sich im Flug seines Geistes über die konkreten Gegebenheiten dieses Kosmos erheben zu können, aus seinem Bewußtsein, Herr seiner Handlungen zu sein und über dem Bios seines Leibes zu stehen, ergibt sich die unumstößliche Tatsache, daß das menschliche Lebensprinzip, seine Geistseele, einer anderen Ordnung angehört als das Lebensprinzip von Pflanze und Tier und deshalb aus diesem auch nicht abzuleiten ist. Diese Einsicht wird zutiefst bestätigt, bereichert und erhöht durch die Aussagen des biblischen Berichtes über den Ursprung der menschlichen Seele: "Da bildete der Herr Gott den Menschen aus Staub vom Erdboden und blies ihm den Lebens odem in die Nase. So wurde der Mensch zu einem lebenden Wesen" (Genesis 2, 7). In diesem Bericht wird die Herkunft der menschlichen Seele aus Gott deutlich ausgesprochen; durch sie erlangt der Mensch die Ebenbildlichkeit mit Gott und wird zur Sinnmitte und Krone der gesamten Schöpfung. Durch die Mitteilung der menschlichen Seele aus Gott wird der Mensch zu einem völlig neuen Wesen inmitten aller Lebewesen dieser Erde. Damit wird das Wesen des Menschen vom Bereich des Biologisch-Vitalen allein nicht faßbar und verstehbar.
Die Erschaffung des Menschen erfolgt durch Mitteilung der geistigen Seele an einen prädisponierten Leib. Ob es sich bei diesem um einen solchen im adulten Stadium (Erwachsenenstadium) gehandelt hat, oder ob die Mitteilung der Geistseele auf sehr frühen ontogenetischen Stadien** erfolgte, kann bis jetzt nicht entschieden werden. Sicher ist, daß der Mensch als Leib-Seele-Ganzheit nicht als Produkt eines blinden Zufallsspieles mutativer Prozesse aufgefaßt werden kann, daß er auch kein modifizierter Groß-Affe ist, sondern daß es sich bei dem Werden des Menschen um ein einmaliges historisches Ereignis handelt, welches auf ein unmittelbares Eingreifen Gottes zurückgeht. Wann dieses Ereignis erfolgte, ist durch die Wissenschaft bis heute nicht klargestellt; wir dürfen annehmen, daß das Alter, des menschlichen Geschlechtes wahrscheinlich über eine Million Jahre zurückreicht. Auch die Heimat des Menschengeschlechtes kann bis heute nicht angegeben werden.
* Phylogenese = Stammesgeschichte
** Ontogenese = Entwicklung des Einzelwesens
Pfarrer Muschalek

DER SPIEGEL 38/1958
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