17.09.1958

WELTAUSSTELLUNG / ABBAUPavillons zu verschenken

In den nationalen Pavillons der Brüsseler Weltausstellung beginnen sich Organisatoren und Aussteller des Völker-Jahrmarkts auf ein Problem vorzubereiten, das ihr Interesse an rund fünf Millionen Nachzüglern, die bis zum 19. Oktober - dem letzten Ausstellungstag - noch erwartet werden, spürbar erlahmen läßt: Die ausländischen Pavillon-Herren überlegen, wie sie ihre zum Teil mit enormen Kosten und eigenwilliger Phantasie errichteten Ausstellungsbauten auf bequeme Weise loswerden könnten.
In ihren Verträgen mit dem Gastgeber -Land Belgien hatten sich nämlich die ausländischen Teilnehmer-Staaten verpflichtet, ihre Bauten nach dem Abschluß der Brüsseler "Expo" auf eigene Kosten abzubrechen und das Terrain wieder in den gleichen Zustand zu versetzen, den sie vor Ausstellungsbeginn vorgefunden hatten. Einzelne Nationen - darunter die Bundesrepublik - paßten ihre Bautechnik dieser Klausel an und errichteten ihre Pavillons aus montagefertig hergestellten Teilen, die nach dem 19. Oktober wieder demontiert und zu anderweitiger Verwendung abtransportiert werden sollten.
Die in Brüssel mit einem einstöckigen Holzpavillon vertretenen Norweger lösten das Problem der späteren Verwendung ihrer Ausstellungshalle beizeiten auf eine ebenso simple wie nobel anmutende Weise: Sie boten den Belgiern ihr Holzhaus schon zu Beginn der Brüsseler World's Fair als Geschenk an. Andere Pavillon-Herren überlegten sich dagegen im stillen, welche Kaufsumme sie für den Fall fordern könnten, daß Belgien an der Übernahme ihrer Bauwerke interessiert sei.
Das Geschenk der Norweger wurde von den Belgiern akzeptiert, weil sich das Holzhaus leicht in eine Schule verwandeln läßt, die jederzeit eröffnet werden kann. Andererseits kann das Holzgebäude aber auch ohne sonderliche Mehrkosten abgetragen werden, falls neue Baupläne das angebracht erscheinen lassen.
Die Holländer hatten die Liquidation ihres Pavillons bereits geregelt, bevor der Grundstein des Gebäudes gelegt war. Sie schrieben den Abbruch-Auftrag vor zwei Jahren öffentlich aus und entschieden sich für das Angebot einer Haager Firma, die zu günstigen Bedingungen bereit war, das holländische Haus nach dem Abschluß der Weltausstellung fachmännisch niederzureißen. Ähnlich praktisch kalkulierten die Israelis: Der Architekt ihres Pavillons verpflichtete sich vertraglich, sein Bauwerk nach dem 19. Oktober wieder abzureißen und dafür zu sorgen, daß der Bauplatz der Ausstellungsgesellschaft in der ursprünglichen Form zurückgegeben werde.
Die meisten Teilnehmer-Staaten der Brüsseler Weltausstellung haben in ihrem Budget einen Betrag vorgesehen, mit dem die Abbruch-Kosten bestritten werden sollen. Zu festen Aufträgen an Abbruch -Unternehmer haben sich jedoch bisher die Pavillon-Besitzer nicht entschließen können, weil sie heimlich hofften, daß Belgien einige der denkwürdigsten Schauobjekte der Brüsseler Ausstellungsarchitektur vor der Vernichtung bewahren und sie - als Sinnbilder der in Brüssel gepflegten Völkerverständigung - musealen Zwecken zuführen wurde.
Wünsche solcher Art hegten vor allem die Amerikaner, die auf der Brüsseler "Expo" mit einem großen Rundbau (Durchmesser: 104 Meter) repräsentieren, dessen Errichtung sie über sechs Millionen Dollar gekostet hat. Sie erbauten zudem ein Theater mit 1100 Plätzen, das nach dem Urteil der Stifter als das "schönste Theater Europas" anzusehen ist. Die amerikanische Rotunde wurde in der belgischen Presse eifrig gelobt; sie galt - im Gegensatz zu dem rechteckigen Mausoleumsbau der Sowjets - als rühmliches Beispiel dafür, daß Monumentalität und Grazie in der Ausstellungsarchitektur keine Gegensätze zu sein brauchen.
Auf die Elogen der Presse und die Popularität, die der amerikanische Pavillon in Belgien genießt, berief sich vor einigen Wochen der amerikanische Generalkommissar bei der Brüsseler "Expo", Howard S. Cullman, als er das Werk des Architekten Stone der belgischen Regierung als Geschenk anbot. Cullman war von der amerikanischen Regierung beauftragt worden, über den belgischen Ausstellungskommissar Baron Moens de Fernig in Erfahrung zu bringen, ob die Belgier an einer solchen Schenkung interessiert seien, mit der die Amerikaner Abbruchkosten in Höhe von rund 100 000 Dollar einsparen könnten.
Belgische Architekten und Ingenieure beschäftigten sich inzwischen inoffiziell mit dem Studium der technischen Veränderungen, die an dem Pavillon vorgenommen werden mußten, wenn er erhalten und seiner von den Amerikanern empfohlenen Bestimmung als Museum gerecht werden soll. Sie rieten dringend, die Dachkonstruktion zu verändern, die in ihrer jetzigen Form - das Dach ist im Zentrum des Bauwerks offen - keinen Wetterschutz bietet. Außerdem schlugen die belgischen Sachverständigen vor, eine Heizung einzubauen, die es ermöglicht, in der gigantischen Rotunde auch während der Wintermonate eine angenehme Temperatur zu erhalten.
"Die Kosten der Umbau-Arbeiten", so schmeichelte die "New York Times" den Belgiern in einem optimistisch gehaltenen Kommentar, "werden beträchtlich sein; sie sind jedoch erheblich geringer als die Beträge, die aufgewendet werden müßten, wenn das Bauwerk eine neue Struktur erhalten soll." Die Zeitung gab zu verstehen, daß die amerikanische Regierung eine "schnelle Entscheidung" für wünschenswert halte. Die Annahme des Geschenks durch die Belgier sei möglich, weil das Terrain, auf dem der Pavillon errichtet wurde, Stadteigentum ist - im Gegensatz zu jenen Teilen des Ausstellungsgeländes, die zum königlichen Schloßpark von Laeken gehören.
Im Büro des amerikanischen Pavillons behauptete man in der letzten Woche, daß bereits diplomatische Verhandlungen zwischen Belgien und den Vereinigten Staaten eingeleitet worden seien. In den Gesprächen soll darüber entschieden werden, ob es den Belgiern zumutbar ist, den US -Pavillon als Geschenk anzunehmen. Gerüchte besagen nämlich, daß auch die Russen versuchen wollen, sich durch einen Schenkungsakt um die Abbruchkosten für ihren Pavillon zu drücken, obwohl sie offiziell noch immer die Lesart verbreiten, ihr Pavillon solle nach dem 19. Oktober programmgemäß abgerissen und für die Unterbringung der jährlich stattfindenden Landwirtschafts-Ausstellung in Moskau neu errichtet werden.
In der bundesdeutschen Pavillon-Gruppe kamen die Verantwortlichen inzwischen zu der Erkenntnis, daß die Rückführung der Montage-Teile nach Deutschland und die Neuerrichtung der Ausstellungsbauten gemäß den ursprünglichen Plänen, die Stil und Bautechnik der deutschen Beteiligung bestimmt hatten, nicht lohnt. Da die Belgier bisher wenig Interesse an der Erhaltung des biedermännischen deutschen Pavillons zeigten - den eine Architekturzeitschrift als "saubere Bodennummer" bezeichnete -, soll das achtgeteilte Bauwerk in Kürze auf dem Wege der Ausschreibung einem Abbruch-Unternehmer zugeschlagen werden.
US-Pavillon in Brüssel: Abbruch vertraglich vorgeschrieben

DER SPIEGEL 38/1958
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