11.12.1957

VERBRECHENDie Mörder sind unter uns

Die Ostausläufer des Arnsberger Waldes schimmerten schon im zarten Grün, als am ersten Frühlingstag des Jahres 1945 zwei Männer durch die flache Mulde des Langenbachtales unweit des westfälischen Städtchens Warstein stapften. Es waren der SS-Obersturmbannführer Wolfgang Wetzling und der Panzerhauptmann Ernst -Moritz ("Emo") Klönne, Sproß einer der bedeutendsten Industriellen-Familien des Ruhrreviers.
Sie suchten einen Platz, der ihnen geeignet erschien, um dort - wie ihnen jetzt zur Last gelegt wird - "eine größere Anzahl von Menschen ... heimtückisch und grausam zu töten". An der Stelle, die Wetzling und Klönne erkundeten, wurden in den Abendstunden des 21. März 1945, insgesamt 14 Männer, 56 Frauen und ein Kind erschossen. Die Leichen wurden verscharrt.
Die apokalyptischen Szenen, die sich damals im Raum Suttrop-Warstein abspielten, werden jetzt noch einmal vor dem Schwurgericht im Arnsberger Rathaussaal lebendig. Dort hat in der vergangenen Woche ein Prozeß begonnen, in dem
- der Assessor Wolfgang Wetzling aus Lüneburg,
- der Regierungsassessor Johannes Miesel aus Eckernförde,
- der Angestellte Bernhard Anhalt aus Kassel,
- der Gewerbeoberlehrer Helmut Gaedt aus Mölln,
- der Vermessungstechniker Heinz Zeuner aus Oberaden (Kreis Unna) und
- der Fabrikbesitzer Ernst-Moritz Klönne aus Dortmund
angeklagt sind, "etwa in der Zeit vom 20. bis 23. März 1945 durch mehrere selbständige Handlungen ... zum Teil gemeinschaftlich handelnd ... durch Rat und Tat wissentlich Hilfe geleistet zu haben" bei der Ermordung von insgesamt 208 russischen Fremdarbeitern (Männern, Frauen und Kindern).
Mit schmucklosen Worten grundiert die Anklageschrift das düstere Bild: "Als sich im Frühjahr 1945 die in Auflösung begriffenen deutschen Truppen vor den nachdrängenden Amerikanern zurückzogen, befanden sich auch zahlreiche Fremdarbeitertrupps (meist Angehörige der osteuropäischen Volksgruppen) auf dem Marsch nach Osten. Soweit sie Suttrop und Warstein berührten, wurden sie dort angehalten und vorübergehend in behelfsmäßigen Lagern untergebracht, wo man sie auch verpflegte. So hielten sich Ende März 1945 in der Schule in Suttrop und in der Schützenhalle in Warstein bis zu 1000 Fremdarbeiter (Männer, Frauen und Kinder) auf ..."
In jener Zeit erschien SS-Obergruppenführer Dr.-ing. Kammler - Kommandeur der Division "z. V." (zur Vergeltung), die ihren Namen von den Vergeltungs (V) -Waffen herleitete, mit denen, sie ausgerüstet war -, der sich sonst verhältnismäßig wenig bei seiner Einheit aufhielt, bei seinem Stabe in Suttrop, rief seine Offiziere in einen Barackenraum neben der Schule zusammen; berichtete über angebliche Ausschreitungen von Fremdarbeitern im Reichsgebiet und behauptete, auch aus dem Gebiet um Warstein und Suttrop seien ihm Fälle von Plünderungen und politischen Terrorakten bekanntgeworden.
Der damalige SS-Obersturmbannführer und heutige Assessor Wolfgang Wetzling, dessen Teilnahme an dieser Besprechung erwiesen ist, berichtet, daß Kammler den Befehl gab, die in Suttrop und Warstein anwesenden Fremdarbeiter zu "dezimieren".
Der Befehl zum Morden wurde sorgfältiger ausgeführt, als er gegeben war. Im Dunkel der Nacht zum 21. März 1945 mußten sich alle Fremdarbeiter, die in der Suttroper Schule untergebracht waren (35 Männer, 21 Frauen und ein Kind) auf dem Schulhof zum Abtransport versammeln. Sie ahnten nicht, daß sie in den Tod fuhren.
Augenzeuge des Massakers, das unweit des Ortes veranstaltet wurde, war der damalige SS-Untersturmführer Zeuner, der Ordonnanzoffizier des Divisionskommandeurs. Obgleich Zeuner selbst nicht zu der Henkermannschaft gehörte, von der bisher nicht zu ermitteln war, wer sie aus den Unteroffizieren und Mannschaften des Stabes zusammenstellte und sie dann während der Exekution kommandierte, beteiligte auch er sich an der Ausführung des Befehls, den sein Kommandeur gegeben hatte.
Aus der letzten Gruppe, die füsiliert wurde, löste sich ein Mann und lief auf Zeuner zu. Der ließ ihn auf wenige Meter herankommen und feuerte dann aus seiner Pistole mehrere Schüsse auf ihn ab.
Als Zeuner die Stätte des Todes nach vollbrachter Tat verlassen wollte, erfuhr er von Angehörigen des Exekutionskommandos, daß die Soldaten es nicht über das Herz gebracht hatten, das einzige Kind des Transportes umzubringen. "Sie waren unschlüssig, was mit ihm geschehen sollte und wollten es nicht töten." Der SS-Rottenführer Anton Boos erklärte sich freiwillig zur Tötung bereit. Boos konnte bisher nicht ermittelt werden. Als die Leiche des Kindes wenige Wochen später ausgegraben wurde, zeigten deutliche Spuren, daß der Kopf an einem Baum zerschmettert worden war.
Auch in Warstein war Kammlers Mordbefehl befolgt worden. Dienstbeflissen nahm der SS-Obersturmbannführer Wetzling die Regie des Unternehmens in die Hand. Ein Erschießungskommando wurde zusammengestellt. Dem SS-Untersturmführer Anhalt, der als Beurkundungsführer beim Divisionsgericht tätig war, wurde befohlen, an der Exekution teilzunehmen. Anhalt machte keine Einwendungen.
Wetzling hatte bei seinen Vorbereitungen noch einen freiwilligen Helfer; es war der von der Wehrwirtschafts-Heimatfront als unabkömmlich deklarierte Panzerhauptmann Ernst-Moritz ("Emo") Klönne, der mit seinen Eltern, die sich aus dem bombengefährdeten Dortmund abgesetzt hatten, von einem Warsteiner Landhaus aus die Geschicke des Familienunternehmens lenkte.
Auf eine höchst eigenwillige Manier wählten Wetzling, Anhalt und Klönne die Gruppe der Delinquenten aus. Sie gingen zur Warsteiner Schützenhalle, wo 800 Fremdarbeiter zusammengepfercht hausten und ließen durch eine Dolmetscherin Freiwillige suchen, die in ein besseres Lager überwechseln wollten. Es meldeten sich 14 Männer und 56 Frauen. Eine von ihnen hatte ein etwa einjähriges Kind bei sich.
Im Langenbachtal wurden sie alle durch Genickschuß getötet. Die Aufsicht führten Wetzling und Klönne. Anhalt hatte jeweils den Tod festzustellen. Einem Mädchen, das noch Lebenszeichen von sich gab und aufzustehen versuchte, gab er mit einer Pistolenkugel den Gnadenschuß.
Weitere 80 Männer aus dem Fremdarbeiterlager in der Warsteiner Schützenhalle wurden in der Nacht zum 23. März 1945 erschossen. Diesmal war es der Ia-Offizier der Division, SS-Sturmbannführer Miesel, der den Befehl seines Kommandeurs an den Oberleutnant und Waffenoffzier der Division, Gaedt, weitergab.
Als die Staatsanwaltschaft Arnsberg und das Landeskriminalamt von Nordrhein -Westfalen 1953 auf einige Anzeigen hin anfingen, die Geschichte des Warsteiner Fremdarbeiter-Massakers zu untersuchen, waren die Henker - bis auf Kammler, der sich am 9. Mai 1945 das Leben nahm - längst ins bürgerliche Leben zurückgekehrt; sie hatten sich gut darin zurechtgefunden. Da ist nicht einer, über den Nachteiliges bekannt wäre.
Der Assessor Wolfgang Wetzling, der die Regie der Mordunternehmungen führte, fand eine Stellung als Justitiar bei der Niedersächsischen Landeskrankenhilfe. Seit 1951
bewohnt er mit seiner Familie (Frau und drei Kinder) am Stadtrand Lüneburgs eine Siedlungswohnung. Er ist beliebt bei den Kollegen wegen seiner sachlichen, höflichen und zuvorkommenden Art.
Als reifer Beamter, dessen Vorzüge Ruhe, Überlegung und Zuverlässigkeit sind, wird Johannes Miesel geschildert, der den Mordbefehl ohne Murren weitergab und nach dem Krieg in den Verwaltungsdienst des Landes Schleswig-Holstein übernommen wurde. Auf das Assessoren-Prädikat, das er während des Krieges zugeteilt bekam, mußte er freilich verzichten. Dennoch avancierte er verhältnismäßig schnell und hatte gute Aussichten, Regierungsinspektor zu werden. Sein Vorgesetzter, der Rendsburger Bürgermeister Dr. Schmidt, sagt: "Er erfreute sich bei allen Mitarbeitern und Angestellten größter Beliebtheit."
Als Musterbeispiel pedantischer Pünktlichkeit und Sorgfalt gilt der SS-Untersturmführer außer Dienst Anhalt, der an der Exekution teilnahm und nun schon seit Jahren in der Kasseler Hauptverwaltung der Elektrizitäts AG Mitteldeutschland (EAM) an einer Hollerithmaschine arbeitet. Trotz der Anklage, die gegen ihn erhoben worden ist blieb ihm der Arbeitsplatz erhalten. Betriebsleitung und Betriebsrat waren sich einig. Man wollte nicht "wegen bloßer Anschuldigungen einen Mann brotlos machen, mit dessen Arbeit man allgemein zufrieden war". Zum Termin vor dem Arnsberger Schwurgericht bekommt Anhalt "Dienstbefreiung ohne Bezahlung".
Der Oberleutnant und Waffenoffizier der Division z. V., Helmut Gaedt, der ebenfalls an dem Massaker teilnahm, kam erst 1950 erschöpft und arbeitsuntauglich aus sowjetischer Gefangenschaft zurück. Sein Vater, ein pommerscher Gendarmeriemeister, war im Frühjahr 1945 von den Russen verschleppt und ermordet worden. Mit Fleiß stürzte sich der Heimkehrer auf die Ausbildung zum Gewerbeoberlehrer. Er ist seit zwei Jahren im schleswig-holsteinischen Städtchen Mölln im Amt. Als er im Januar dieses Jahres für drei Wochen verhaftet wurde, hielten seine Freunde zu ihm. Der Kreisberufschuldirektor, seine Kollegen und seine Schüler setzten sich für ihn ein, die Nachbarn schickten Blumen.
Alles "prima Kerle"?
Der SS-Untersturmführer und Ordonnanzoffizier außer Dienst Heinz Zeuner, der den auf ihn zulaufenden Russen erschoß, arbeitet als Bergvermessungstechniker auf der Schachtanlage Hausaden bei Oberaden im westfälischen Industriekreis Unna. Im Jargon der Kumpel war die Zeche lange ein Nazi-Pütt, weil dort viele ehemalige Nationalsozialisten beschäftigt waren. Aber der Betriebsratsvorsitzende, der über den Verdacht, nationalsozialistischen Erinnerungen nachzuhängen, erhaben ist, hält mit seiner Meinung über Zeuner nicht zurück: "Ich würde es ja lieber nicht sagen, aber er ist ein prima Kerl."
Der Hauptmann außer Dienst Ernst-Moritz Klönne unterscheidet sich wesentlich von seinen fünf Mitangeklagten, die durchweg aus sozial kleinen Verhältnissen stammen und auch nach dem Kriege kaum mittelständischen Durchschnitt erreichten. Dem Ernst-Moritz Klönne, Sproß einer der bedeutendsten Unternehmerfamilien des Industriereviers, blieben seit dem Warsteiner Massaker, an dem er aus Gefälligkeit so viel freiwilligen Anteil hatte, manche Fährlichkeiten des Lebens erspart. Ihn trug bald wieder die Woge der Konjunktur.
Sämtliche Angeklagten erklärten sich für "nicht schuldig" im Sinne der Anklage. Das, was sie taten sei - wie sie sagen - erwachsen aus dem Staats- und Befehlsnotstand. Sagt der Divisionsrichter außer Dienst Wetzling, der den Auftrag bekam, Henker zu sein: "Ich hatte dem Befehl zu gehorchen, ganz gleich, was ich von ihm dachte."
Die Richter und Geschworenen haben die dornige Aufgabe, nicht nur diese Behauptung zu prüfen, sondern in ihrem Urteil auch den Umstand zu berücksichtigen, daß der gute Leumund (Wetzling: "Ich bin mit einem Instinkt behaftet, der mir stets aufgibt, anderen zu helfen!") noch nichts aussagt über die Bereitschaft, zu töten, wenn das "von oben" befohlen ist.
Krankenhilfe-Justitiar Wetzling (l.: Anwalt)
Regisseur eines grausigen Massakers?
Mordbefehls-Empfänger Klönne, Gaedt, Miesel (l. n. r.): "Nichts Nachteiliges bekannt"

DER SPIEGEL 50/1957
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