18.12.1957

PLANUNGDer Eier-Kreislauf

Seit geraumer Zeit haben die Bewohner der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik Gelegenheit, sich beim Frühstück oder bei anderen Mahlzeiten über ein besonders groteskes Nebenprodukt volksdemokratischer Wirtschaftsplanung zu ärgern: Zwar hat der Eierverbrauch in der "DDR", wie das neueste Statistische Jahrbuch vermeldet, im Jahre 1956 den Vorkriegsstand überschritten und 144 Eier je Kopf der Bevölkerung erreicht, doch erweisen sich stets etliche dieser 144 Durchschnittseier als faul, wenn sie in die Pfanne, den Kuchen oder die Suppe geschlagen Werden. Davon freilich steht nichts im Statistischen Jahrbuch.
Plantheoretisch ist es auch gar nicht möglich, daß der DDR-Bürger auf seine Lebensmittelmarken oder - für 45 Pfennig - im staatlichen HO-Laden faule Eier bekommt. Dennoch gleicht der Eierkauf einem Lotteriespiel mit vielen Nieten.
Nicht einmal die wirklich frischen Sowjetzonen-Eier entsprechen den Vorstellungen der Käufer. Beklagte sich die (Ost)-"Berliner Zeitung": "Wenn auch der Verbrauch den Vorkriegsstand überschritten hat, so hat doch die Verkaufskultur dieses wichtigen Nahrungsmittels diesen Stand keinesfalls erreicht. Wir müssen nach wie vor die Eier für den Einheitspreis zu 0,45 DM abnehmen, ganz gleich, ob sie der Größe von Taubeneiern oder Straußeneiern nahekommen, ob es sich um frische Eier oder Kühlhauseier handelt."
Von faulen Eiern schwieg das Blatt, obschon gerade in nächster Zeit das Angebot von faulen, wenn auch als frisch bezeichneten Eiern besonders groß sein wird. Dieses Phänomen hängt innig mit dem Wunsch der volksdemokratischen Hühnerhalter zusammen, im nächsten Frühjahr zu Küken zu kommen, um so ihre Hühnerbestände aufzufrischen; nach dem zweiten Legejahr läßt die Leistung eines jeden Huhnes nach, so daß die Hühnerhalter ihr hochbemessenes Eiersoll nicht erfüllen können. Andererseits sind die Küken so knapp, daß sie nur gegen Lieferung von frischen Eiern erhältlich sind, sechs Küken für zehn Eier. Wer im Frühjahr Küken haben will, kann die Eier dafür schon im voraus liefern.
Die Situation der Hühnerhalter ist nahezu ausweglos: Geben sie Eier für Küken her, so fehlen ihnen diese Eier am Ablieferungssoll, und sie bekommen Schwierigkeiten. Erfüllen sie dagegen ihr Soll, so bleiben keine Eier für die Kükenbeschaffung übrig, und die Legeleistung des Hühnerbestandes sinkt unter das Eiersoll.
Aus diesem Dilemma helfen sich die Hühnerhalter auf ebenso einfache wie folgenschwere Weise: Sie kaufen im HO-Laden Eier für 45 Pfennig das Stück, entfernen mit einer Salzsäurelösung die Prüf- und Datumstempel und tauschen diese nur äußerlich "frischen" Eier bei der Eiersammelstelle gegen Küken ein.
Die auf diese Weise behandelten Eier werden dann abermals gestempelt und als Frischeier an die HO-Läden geliefert, obschon sie dann bereits alles andere als frisch sind. Mitunter geraten diese Eier über den HO-Laden abermals in die Hände von Kükeninteressenten, so daß der fatale Eierkreislauf von vorn beginnt, sehr zum Schaden des Verbrauchers, der solche Eier schließlich arglos zu Speisezwecken erwirbt.
Da die Eierverteilungsbehörden bislang noch keine Abhilfe für diesen Kurzschluß im sorgsam gelenkten Eierstrom gefunden haben, bleiben die Sowjetzonen-Bürger auch weiterhin dem Risiko ausgesetzt, gelegentlich - zum Preise von 45 Pfennig am Frühstückstisch eine übelriechende Überraschung zu erleben.
Ostberliner HO-Laden: Die Verkaufskultur hält nicht Schritt

DER SPIEGEL 51/1957
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