25.12.1957

ASIEN / LAOSEinigung unterm Sonnenschirm

Das ebenso unbekannte wie rätselhafte Königreich Laos, ein Überbleibsel aus der Konkursmasse der französischen Kolonialherrschaft in Indochina, hat jüngst durch eine eigenwillige Tat Aufmerksamkeit erregt: Es ist der erste im Hick-Hack des Kalten Krieges geteilte Staat der Welt, der sich wiedervereinigt hat.
Die antikommunistische Laos-Regierung schloß mit dem Führer der kommunistischen Zone des Landes einen Vertrag der bei einer Anwendung auf deutsche Verhältnisse etwa besagen würde, daß SED -Chef Walter Ulbricht Bundeswirtschaftsminister im Kabinett Adenauer, die Sozialistische Einheitspartei eine Fraktion des Bundestages und die Volkspolizei Bestandteil der Bundeswehr werden.
Einer Nachahmung des laotischen Beispiels steht allerdings entgegen, daß die deutschen Politiker zweier Attribute ermangeln, die jene Wiedervereinigung im Fernen Osten ermöglichten: Den deutschen Politikern fehlt die exotische Nonchalance ihrer asiatischen Kollegen, und außerdem sind sie nicht miteinander verwandt.
Der jahrelange Kampf zwischen der antikommunistischen und der kommunistischen Zone, in die Laos durch den Indochinakrieg zerrissen worden war, glich nämlich weniger einem Bürgerkrieg als einem Bruderkrieg: Er wurde zwischen zwei Brüdern aus der laotischen Königsdynastie ausgefochten. Ein dritter Bruder schlichtete schließlich den Bruderstreit.
Diese Brüder gehören einer an Zahl schier unübersehbaren Prinzen-Sippe an, die seit langer Zeit das verschlafene Königreich in Indochina mit seinen heute 1,4 Millionen Einwohnern beherrscht. Die drei Prinzen sind Neffen des betagten Königs Sisavang Vong und üben sich seit geraumer Zeit darin, ihrem königlichen Onkel den weißen Sonnenschirm* abzujagen, das traditionelle Symbol für Macht und Würde im farbengläubigen Laos.
Der älteste der drei Brüder, Prinz Phetsarath, entriß seinem Onkel bereits einmal den weißen Sonnenschirm. Im Sommer 1945 stürzte er den König vom Thron und proklamierte sich zum Herrn über Laos Doch den anderen Brüdern mißfiel der allzu gewaltsame Geltungsdrang des Phetsarath. Mit Hilfe der französischen Kolonialherren setzten sie den König wieder ein und schoben den vorlauten Prinz-Diktator nach Thailand ab.
Darauf visierte Bruder Souvanna Phouma den kostbaren Sonnenschirm seines Onkels auf eine feinere Art an. Er wurde der engste Berater des Königs und stieg sogar zum ersten Ministerpräsidenten des Landes auf, was aber wiederum der dritte Bruder namens Souphanouvong übelnahm. 1949 kam es zwischen diesen beiden Brüdern zum Bruch, und Souphanouvong tauchte in Richtung Rotchina unter. Ein Jahr später fiel er an der Spitze einer kommunistischen Partisanenarmee in Nordlaos ein.
Aus den traditionellen Hofintrigen wurde ein Konflikt mit weltpolitischem Anstrich. Während sein Konkurrent in Peking Hilfe suchte, bot sich Premier Souvanna den Amerikanern an. Washington sagte sofort eine üppige Wirtschaftshilfe zu.
Der Krieg zwischen den feindlichen Brüdern endete zunächst mit der Teilung von Laos: Souphanouvong besetzte mit seinen kommunistischen Partisanen die Nordostprovinzen des Königsreichs und errichtete dort ein Regime nach dem Vorbild roter Volksdemokratien. Er wäre seinem antikommunistischen Bruder noch bedrohlicher auf den Leib gerückt, hätte nicht das Genfer Waffenstillstands-Abkommen vom Juli 1954 den Indochinakrieg und damit auch den laotischen Bürgerkrieg beendet.
Das Abkommen sah zwar friedliche Wiedervereinigungs-Verhandlungen zwischen der Laos-Regierung und den kommunistischen Rebellen vor, aber die feindlichen Brüder bekämpften sich in der Folgezeit immer wütender. Als indes die Gefahr auftauchte, daß sich Rotchina des Bruder -Kampfes bedienen könnte, um Laos zu annektieren, gab Ministerpräsident Souvanna nach: Ende 1956 knüpfte er die ersten Verbindungen zu seinem Bruder an.
Der rote Prinz war jedoch mit der Rückkehr seiner Zone zu Laos nur unter der Bedingung einverstanden, daß sich Premier Souvanna bereit erklärte, die Regierungsgewalt brüderlich zu teilen und eine neutralistische Außenpolitik zu treiben. Das lehnte der Premier ab, zumal ihn der amerikanische Botschafter bestürmt, auf keinen Fall das Lager des Westens zu verlassen. Im Mai dieses Jahres brachen die Verhandlungen zusammen.
In diesem Augenblick tauchte der älteste der drei Prinzenbrüder, der 1945 ins Ausland abgeschoben worden war, als Retter aus der Not auf. Prinz Phetsarath zeigte sich über den Bruderstreit höchst bekümmert und redete seinen Brüdern gut zu, noch einmal zu verhandeln.
Sein unermüdliches Vermittlungswerk trug im November reiche Früchte: Souvanna und Souphanouvong schlossen einen Vertrag über die Wiedervereinigung von Laos. Sie kamen überein, die rote Zone mit Laos zu vereinigen, zwei kommunistische Minister, in die Regierung aufzunehmen, einen Teil der Rebellentruppen in die Königliche Armee einzugliedern und die Partei des roten Prinzen für legal zu erklären. In Washington reagierte man sogleich mit Nervosität. Ein Sprecher des State Departments erklärte: "Laos hat einen sehr gefährlichen Weg eingeschlagen." Außenminister Dulles ließ die laotische Regierung darauf hinweisen, daß der Vertrag es den Kommunisten erlaube, Laos von innen zu erobern. Das Unbehagen der Amerikaner entzündete sich vor allem an der Tatsache, daß ausgerechnet der rote Prinz als neuer Planungsminister die
amerikanische Wirtschaftshilfe für Laos (jährlich etwa 45 Millionen Dollar) verwalten wird.
Inzwischen ist Ministerpräsident Souvanna redlich bemüht, sich die amerikanische Wirtschaftshilfe auf keinen Fall zu verscherzen. In der zweiten Dezemberwoche ließ er von der laotischen Gesandtschaft in Saigon (Südvietnam) eine Erklärung verbreiten, die zu den seltsamsten Verlautbarungen einer prokommunistischen Koalitionsregierung gehört. "Volk und Regierung von Laos sind entschlossen, ihren Kampf gegen den Kommunismus fortzusetzen", hieß es darin. "Ihr Sieg wäre am sichersten, wenn die westlichen Mächte Laos weiter Hilfe und Unterstützung leisten würden."
* Sonnenschirme In verschiedenen Farben und Größen bezeugen in Laos die soziale Stellung Ihrer Besitzer. Der König trägt einen großen und weißen Sonnenschirm, seine Statthalter in den Provinzen besitzen kleinere gelbe Sonnenschirme.
Ministerpräsident Souvanna
Wiedervereinigung ...
König Sisavang Vong ... aber unter Brüdern

DER SPIEGEL 52/1957
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