25.12.1957

FRISCHDer Ingenieur

Jeden, der an der amerikanischen Nation etwas auszusetzen hat, hält der fünfzigjährige Schweizer Ingenieur Walter Faber für einen heimlichen Kommunisten oder böswilligen Urfeind demokratischer Menschenrechte.
Kurze Zeit darauf aber ist es Faber selbst, der über die Charaktereigenschaften und Lebensgewohnheiten der Amerikaner die bittersten Sätze notiert: "Sie leben, weil es Penicillin gibt, das ist alles . . . "
"Wie sie herumstehen", schimpft er,
"ihre linke Hand in der Hosentasche, ihre Schulter an die Wand gelehnt ihr Glas in der anderen Hand, ungezwungen, die
Schutzherren der Menschheit, ihr Schulterklopfen, ihr Optimismus, bis sie besoffen sind, dann Heulkrampf, Ausverkauf der weißen Rasse . . ."
Ingenieur Faber ist Titelfigur eines neuen Buches, "Homo faber" *, das der Schweizer Architekt, Dramatiker und Romancier Max Frisch in diesem Herbst veröffentlicht hat. Die herben Anmerkungen, die Frischs Titelheld Faber über die Amerikaner macht, mögen vielleicht der Ansicht des Schweizer Autors über die Vereinigten Staaten entsprechen - seinen Helden Faber läßt Frisch diese Äußerungen höflich als "Zorn auf mich selbst" bezeichnen, insofern nämlich, als der Ingenieur Faber den "american way of life", die amerikanische Lebensart, bis dahin als die natürlichste Sache der Welt empfunden und goutiert hatte.
Fabers Sinneswandel in bezug auf die Amerikaner signalisiert nämlich nur eine andere Wandlung, die Fabers Selbstbewußtsein betrifft. Gegen Schluß des Buches stimmt er bedingungslos einem Bekannten zu, der die Nordamerikaner noch grimmiger charakterisiert: "Ihre falsche Gesundheit, ihre falsche Jugendlichkeit ihre Weiber, die nicht zugeben können, daß sie älter werden, ihre Kosmetik noch an der Leiche, überhaupt ihr pornographisches Verhältnis zum Tod, ihr Präsident, der auf jeder Titelseite lachen muß wie ein rosiges Baby, sonst wählen sie ihn nicht wieder..."
Die Amerikaner, die mit solchen Kaskaden unfreundlicher Charakteristiken überschüttet werden, spielen dabei in Frischs Buch eine nur symbolische Rolle, wie auch der Titelheld, Faber, mehr die Personifizierung eines Menschentyps sein soll. Ein "Homo faber" ist, aus dem Lateinischen sinngemäß ins Deutsche übersetzt, der werkende, tätige Mensch - der Mensch, der als Techniker die Welt in seine Gewalt bekommen möchte. In dieser Beziehung gelten die Vereinigten Staaten dem Autor Frisch als das Land, in dem die Herrschaft des "Homo faber" am weitesten fortgeschritten ist.
In Frischs neuem Buch - gibt nun ein solcher "Homo faber" einen "Bericht" seines Lebens. Der Ingenieur Walter Faber arbeitet für die Unesco an Projekten, mit deren Hilfe "unterentwickelte Gebiete" gefördert werden sollen: "Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal", bekennt er, "als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen."
Faber ist der Typ des selbstbewußten Technikers, der glaubt, die Natur unterworfen zu haben, und der auch sich selbst nicht mehr als einen Bestandteil der Natur anzusehen wünscht. "Gefühle sind Ermüdungserscheinungen, nichts weiter, jedenfalls bei mir. Man macht schlapp", konstatiert er, und haßt es, schlecht rasiert zu sein: "Ich habe dann das Gefühl, ich werde etwas wie eine Pflanze ... "
Für dieses Selbstbewußtsein, sich über seine eigene Natur zu erheben, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und zu meistern, läßt der 46jährige Autor Frisch seinen "Homo faber" schwer büßen. Er setzt ihn einer Kette von gröbsten Unwahrscheinlichkeiten - sogenannten "Zufällen" - aus, die mit einer Notlandung in Mexiko beginnen, und bringt ihn am Ende in eine tragische Situation, die Frisch einer der grausamsten Episoden der antiken Mythologie entlehnt hat - dem Thyestes-Stoff*: Faber macht ahnungslos seine uneheliche Tochter zu seiner Geliebten.
Am Ende trifft den Ingenieur Faber noch eine gewisse Mitschuld am Tode seiner natürlichen Tochter: Er unterrichtet die Ärzte nicht präzise genug über die Natur eines Unfalls, den seine Tochter erlitt. So wird sie zwar wirksam gegen den Biß einer Viper behandelt, stirbt aber an den Folgen eines Schädelbasisbruchs, den sie sich beim Sturz zugezogen hatte.
Daß sich der Ingenieur Faber zugrunde richten muß, ergibt sich für den Autor Frisch mit zwingender Notwendigkeit, weil wie Frisch in seinem "Tagebuch" notiert
- "wir unser Tempo überschritten haben".
"Auch der Düsenjäger", so spekuliert Frisch, wird unser Herz nicht einholen. Es gibt, so scheint es, einen menschlichen Maßstab, den wir nicht verändern, sondern nur verlieren können. Daß er verloren ist, steht außer Frage; es fragt sich nur, ob wir ihn noch einmal gewinnen kennen und wie?"
Mit "Homo faber" legt Max Frisch, nach den Romanen "Die Schwierigen" und "Stiller" seinen dritten Prosabeitrag zur Klärung der Frage vor, ob und wie jener "menschliche Maßstab" zurückgewonnen werden könnte.
Jurg Reinhart, Hauptfigur in dem Roman "Die Schwierigen oder J'adore ce qui me brûle" ("Ich bewundere, was mich versengt"), hat sich in sein privates Schicksal so hoffnungslos verstrickt, daß er schließlich keinen anderen Ausweg als den Selbstmord findet. Er hält sich für ein Opfer seines eigenen Größenwahns und sieht es als seine "sittliche Verpflichtung" an, sein Leben auszulöschen. Anatol Ludwig Stiller, Titelheld des Bestseller-Romans "Stiller", muß nach einiger schmerzhafter Selbsterkenntnis bemerken, daß er gescheitert ist - er hat auf kommunistischer Seite als Soldat im Spanien-Krieg wie daheim als Ehemann versagt -, und versucht, mit gefälschten Papieren ein neues Leben anzufangen: ohne Erfolg. Auch der Ingenieur Faber scheitert, nachdem unglaubwürdige, unwahrscheinliche Zufälle sein Selbstbewußtsein als Techniker und "Homo faber" zertrümmert haben.
Obwohl keines dieser drei Prosawerke präzise Einzelheiten aus der Biographie des Autors wiedergibt, enthalten alle Bücher Hinweise auf die Probleme, mit denen sich Frisch herumgeplagt hat. Ebenso wie Jurg Reinhart begann Frisch sein Leben mit einem romantisch-unbekümmerten Künstlertum und viel Selbstbewußtsein. Bereits als Sechzehnjähriger schickte er dem Berliner Theater - Intendanten Max Reinhardt ein erstes Theaterstück, bekam das Manuskript aber zurück.
Danach ging er zur Zeitung. "Als Journalist beschrieb ich, was man mir zuwies:
Umzüge, Vorträge über Buddha, Feuerwerke, Kabaretts siebenten Ranges, Feuersbrünste, Wettschwimmen, Frühling im Zoo; nur Kremationen habe ich abgelehnt. All das war auch keine unnütze Schule."
Doch: "Mit fünfundzwanzig Jahren muß ich nochmals auf die Schulbank zurück. Eine Freundin, als wir heiraten wollten, war der Meinung, daß ich vorerst etwas werden müßte"
Ebenso wie sein Romanheld Stiller versuchte Frisch, sein Leben gewissermaßen von vorn anzufangen. Er wechselte zum Beruf des Architekten über und verbrannte zuvor seine literarischen Erzeugnisse. Mit seinem jüngsten Helden, dem Ingenieur Faber, hat Frisch, der noch heute als Architekt arbeitet, gewisse Berufsneigungen gemeinsam: den Hang, die Natur durch technische Konstruktion einzuengen und zu bewältigen.
Allerdings hat sich Autor Frisch von seinem "Homo faber" drastischer distanziert als von dessen Vorgängern. Im Gegensatz zu diesen "Romanen" nannte Frisch das Buch "Homo faber" ausdrücklich einen "Bericht", den der Ingenieur Faber erstattet.
Frisch trieb das Verschleierungsspiel so weit, daß er dem Ingenieur oft eine trokkene Techniker-Sprache, zuweilen sogar schlechtes Deutsch in die Feder diktierte. So beschreibt Faber eine Mondfinsternis mit den Worten: "Dabei war es, als bloßer Anblick, eher beklemmend, eine immerhin ungeheure Masse, die da im Raum schwebt, beziehungsweise saust...", oder er notiert:
"Unser Pingpong ging besser als meinerseits erwartet "
Die letzten beiden Wörter, die Faber aufschreibt, heißen: "Sie kommen." Sie, das sind die Ärzte, die seine Bauchhöhle öffnen werden. Der Leser bleibt keinen Augenblick im Zweifel, daß Faber die Operation eines Magenkrebses nicht überstehen wird, der er sich unterziehen muß.
* Max Frisch: "Homo faber"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 292 Seiten; 14,- Mark.
* Thyestes ist ein Bruder des Atreus, des Stammvaters der vom Götterfluch heimgesuchten Atriden-Familie. Thyestes zeugt mit seiner Tochter Pelopeia den Sohn Aegisth, den späteren Stiefvater der Iphigenie, der Elektra und des Muttermörders Orest.
Autor Frisch
"Pingpong meinerseits"

DER SPIEGEL 52/1957
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