25.12.1957

ATOM-EXPLOSIONDie Kochkiste

Ein Sonderkommando der amerikanischen Atomenergiekommission (AEC) bereitete im letzten Herbst auf dem Testgelände des US-Bundesstaates Nevada den bisher ungewöhnlichsten Atombombenversuch vor. Bautrupps trieben einen Stollen 510 Meter weit in einen namenlosen Tafelberg und lagerten am Ende des Ganges - 270 Meter unter dem Bergplateau - eine Atombombe ein.
Zum ersten, Male sollte ein atomarer Sprengkörper nicht über oder auf dem Erdboden detonieren und seine Sprengkraft zum größten Teil in die Luft verpuffen. Die Forscher des Projektes "Rainier" - wie das Unternehmen offiziell genannt wurde - wollten ihre Atombombe im Innern des Berges zünden, um auf diese Weise ein Erdbeben auszulösen, das der Wissenschaft neue Erkenntnisse über die Struktur des Erdkörpers vermitteln sollte.
Die Hoffnungen, die Wissenschaftler von 600 Erdbebenwarten in diesen größten geophysikalischen Versuch gesetzt hatten, wurden jedoch enttäuscht. Statt dessen erbrachte die Auswertung des Experiments eine sensationelle Erkenntnis, die alle Abrüstungssachverständigen der Großmächte zwingt, die bisherigen Vorschläge über eine Einstellung der Atombombenversuche zu überprüfen. Der Test von Nevada erwies nämlich, daß Atomversuchsexplosionen entgegen den Thesen der Wissenschaftler geheimgehalten werden können.
Die Befürworter eines bedingungslosen Verzichts auf Atomwaffentests waren stets von der Auffassung ausgegangen, daß H oder A-Bomben-Detonationen praktisch nicht verborgen bleiben würden. Bei allen Atomversuchsexplosionen der Sowjets wie auch der Amerikaner sind beträchtliche Mengen radioaktiver Substanzen in die irdische Lufthülle geschleudert und von den Winden rund um den Erdball getragen worden. So hatten beispielsweise die Amerikaner mit Hilfe von Luftproben im Sommer 1949 herausgefunden, daß im Territorium der UdSSR zum ersten Male eine Atombombe gezündet worden war.
Vor dem Versuch von Nevada waren viele Physiker überzeugt, daß auch eine unterirdische Atomexplosion nicht geheimgehalten werden könnte. Zwar würden in diesem Fall keine radioaktiven Teilchen in die Atmosphäre geblasen werden, aber empfindliche Seismographen müßten die Erdbebenwellen der Explosion auch über große Entfernungen hinweg registrieren.
Diese Auffassung hatte einen der namhaftesten Erdbeben-Experten der Welt, den australischen Geophysik-Professor Keith Edward Bullen, veranlaßt, die amerikanische Atomenergiekommission um eine Atomexplosion für wissenschaftliche Zwecke zu bitten. Bullen hatte eine Theorie über den Schalenaufbau des Erdballs erarbeitet und hoffte, seine Thesen mit Hilfe einer Atom-Detonation überprüfen zu können.
Die Stöße, die von einem Erdbebenherd ausgehen, werden nämlich von den Schichten der Erdrinde verschieden stark abgelenkt und reflektiert; sie pflanzen sich etwa in einer Sandablagerung langsamer fort als in einem Kohlenflöz. Die Erdbebenforscher nutzen diese physikalischen Gesetzmäßigkeiten, um aus ihren Meßergebnissen (Seismogrammen) ein genaues Bild vom Innern der Erde zusammenzustellen.
Zur Untersuchung der obersten Erdschichten, etwa bei der Suche nach Öl oder Erzen, erzeugen die Geophysiker durch Dynamitsprengungen bescheidene Erdbeben und lesen an ihren Seismogrammen Tiefe, Lage und sogar Ergiebigkeit von Erdölvorkommen oder Erzlagern ab.
Die Sprengkraft der Atombombe, die Amerikas AEC für das geophysikalische Experiment zur Verfügung stellte, war jedoch viele tausend Male größer als die Detonationsstärke der Dynamitladungen von Erdöl-Prospektoren. Deswegen saßen an dem Tag, an dem die Bombe des unterirdischen Versuchs "Rainier" detonierte, die Forscher in rund 600 Erdbebenwarten aller fünf Kontinente gespannt vor ihren Seismographen. Ort und Zeitpunkt der Detonation - 19. September, 18 Uhr Weltzeit - waren vorher bekanntgegeben worden.
Als die Wissenschaftler der AEC die Bombe zur festgesetzten Zeit zündeten, hüpfte das Plateau des Berges unter der Wucht der Detonation rund 15 cm in die Höhe, dennoch zeigten die hochempfindlichen Meßgeräte in den Erdbebenwarten die Explosion nicht an.
Die Geophysiker konnten sich das überraschende Ausbleiben der Erdbebenwellen erst Monate später erklären, als die ersten Bautrupps der AEC in den 2100 m hohen Tafelberg vordringen durften. Vorsichtig begannen die Arbeitskolonnen den verschütteten Schacht zum Explosionszentrum freizulegen. Strahlenspürer überwachten die Arbeiten, denn die Wissenschaftler waren bereit, den Vorstoß in den Atombombenberg abzubrechen, sobald die Bautrupps die Zonen lebensgefährlicher Atomstrahlung erreichen würden.
Die Atom-Wissenschaftler konnten jedoch entgegen ihren Erwartungen den Stollen bis nahe an den Explosionsort vortreiben, ohne daß ihre Geigerzähler gefährliche Strahlungsmengen anzeigten. Dagegen mußten sie feststellen, daß die Temperatur immer stärker stieg, je mehr sie sich der Stelle näherten, an der Wochen zuvor die Bombe des Unternehmens "Rainier" detoniert war. Die unerträgliche Hitze und nicht - wie sie vermutet hatten - die radioaktive Gefahr erzwang schließlich den Abbruch der Arbeiten.
Dennoch hatten die Spezialisten der Bautrupps genügend Erkenntnisse gesammelt, um das Explosionsrätsel lösen zu können. Die gewaltige Explosionshitze hatte das Gestein am Detonationsort zu einer riesigen glühenden Flüssigkeitsblase eingeschmolzen, die den größten Teil der Bombenenergie schluckte. Das schmelzende Gestein versiegelte den Explosionsort vollkommen, so daß nicht einmal gasförmige radioaktive Stoffe durch feinste Poren und Risse des Felsens entweichen konnten. Der überwiegende Teil der Explosionsenergie hatte sich in Wärme umgesetzt, die - wie in einer Kochkiste - noch heute in dem Versuchsberg aufgespeichert ist.
Aus diesem unerwarteten Befund, der bei dem Experiment gewissermaßen beiläufig anfiel, schließen die Wissenschaftler der Atomenergiekommission, daß man mit Hilfe dieser Kochkisten-Methode die Energie von Atomexplosionen möglicherweise technisch nutzen kann. Die Wissenschaftler denken zum Beispiel daran, Wasser in den heißen Berg hineinzuleiten. Der dabei entstehende Dampf könnte Turbinen zur Stromerzeugung antreiben.
Wenn die Forscher diese Vorstellungen tatsächlich verwirklichen können, hätten sie mithin ein neues Modell für ein höchst simples Atomkraftwerk entdeckt, das wahrscheinlich nicht einmal mit aufwendigen Schutzvorrichtungen gegen radioaktive Strahlen ausgerüstet zu sein brauchte. Kommentierte der amerikanische Atom-Kommissar Willard F. Libby den "Rainier"-Test: "Ich habe seit Jahren nichts gesehen, was so interessant ist wie unser neuartiger Wärmespeicher."
US-Atomkommissar Libby
Ein Berg sprang in die Höhe

DER SPIEGEL 52/1957
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