22.01.1958

RÜSTUNG / WETTERKONTROLLEDen Regen abmelken

Der amerikanische Marine-Kapitän Howard T. Orville hat jüngst die Welt von der fragwürdigen Hoffnung befreit, daß Sputniks und interkontinentale Raketen die allerletzten Kreationen des west östlichen Rüstungswettbewerbs sein könnten. Er empfahl seinen Landsleuten, die Sturmfluten, die einst die spanische Armada verschlangen, und den "General Winter", der Napoleons Großer Armee in Rußland den Garaus machte, als Dauer -Bundesgenossen zu abonnieren.
Kapitän Orville ist nach vierjähriger Tätigkeit als Vorsitzender eines Sonderausschusses für Fragen der Wetterkontrolle nämlich zu der Schlußfolgerung gelangt, daß man das Wetter im Rahmen der militärischen Strategie verwenden und vor allem ändern kann.
"Sollte die Sowjet-Union", alarmierte er Anfang Januar Präsident Eisenhower in einem Memorandum, "den Wettlauf um die Weltwetterkontrolle gewinnen, so könnten die Folgen katastrophaler sein als ein Krieg mit H-Bomben."
Der Orville-Ausschuß war eingesetzt worden, als im Westen die Meldung durchgesickert war, die Sowjet-Union habe ein bedeutendes Forschungsprogramm für Wetterkontrolle aufgestellt. Besonders verdächtig erschien den Amerikanern das Treiben sowjetischer Meteorologen in der Arktis, die dort offenbar Erfahrungen auf dem Gebiet der Klimakunde sammelten.
Bei den amerikanischen Wissenschaftlern entstand schließlich der Eindruck, die Sowjets könnten Versuche anstellen, um eine gewaltige Klimaänderung herbeizuführen. Sie fürchten, daß ein Staat, der die Nordpol-Temperaturen nur um wenige Grade heben oder senken könnte, in der Lage wäre,
- große Gebiete Kanadas und der Vereinigten Staaten zu vereisen oder
- Europa durch eine Steigerung des arktischen Klimas mit dem Wasser des geschmolzenen Nördlichen Eismeeres zu überfluten.
Die amerikanische Öffentlichkeit sah sich unversehens der Gefahr gegenüber, daß ein Gegner aus einer Entfernung von Tausenden von Kilometern die Regenfälle über amerikanischem Gebiet vermindern und damit Trockenheit und Mißernten erzeugen könnte. Präsident Eisenhower beauftragte deshalb Orville, amerikanische Wissenschaftler über das Problem der Wetterkontrolle zu befragen.
"Mir schaudert vor den Konsequenzen, falls die Sowjets als erste eine Methode für die Kontrolle des Wetters finden würden", gab der Meteorologie-Professor Henry Houghton zu, und der H-Bomben -Erfinder Edward Teller, Liebhaber futuristischer Schreckensgemälde, sekundierte: "Stellen Sie sich bitte eine Welt vor, in der es den Sowjets möglich ist, den Regenfall über Rußland zu ändern und damit den Regenfall über unserem eigenen Lande in ungünstiger Weise zu beeinflussen. In ein paar Jahren wird Rußland allen Regen der Welt für sich abmelken können"
Von den Wissenschaftlern erfuhr Orville, daß man noch nicht genau wisse, wie und wo das Wetter entsteht. Man vermute aber, so erklärten sie, daß die Atmosphäre die in ihr aufgestapelte Sonnen-Energie in mechanische Bewegung verwandelt und so Winde und Meeresbewegungen entstehen: Wetter und Klima würden außerdem durch den Kohlendioxyd-Gehalt in der Atmosphäre bestimmt.
Würde es nun gelingen - so setzten die amerikanischen Meteorologen dem Kapitän Orville auseinander -, den Kohlendioxyd-Gehalt der Atmosphäre zu verringern oder zu steigern, dann könne man wahrscheinlich Wetter und Klima steuern. Als die "Wetterwaffe der Zukunft" bezeichneten die Wissenschaftler eine
von Menschenhand erzeugte Wolkenschicht, die nach der Erde strömende Wärmemengen aufhalten und verringern könnte.
Die Argumente der Wissenschaftler beeindruckten Kapitän Orville derart, daß er Präsident Eisenhower und die amerikanische Öffentlichkeit aufrief, sich für den Wettkampf um die Wetterkontrolle zu wappnen. "Die Frage lautet", kommentierte das Nachrichtenmagazin "Newsweek" in der vorletzten Woche, "nicht mehr: 'Ist eine Änderung des Wetters und eine Kontrolle des Klimas möglich?', sondern sie heißt: 'Wer wird es zuerst schaffen, die Vereinigten Staaten oder die Sowjet-Union?'"
In dem Aufruhr um den Orville-Report ging freilich eine Feststellung unter, um die auch der Wetterkontroll-Kapitän nicht gänzlich herumgekommen war: daß der Kampf um Klima und Wetter erst in 20 Jahren entscheidungsreif sein wird.
Atomphysiker Teller: Wird Amerika eine Eiswüste?

DER SPIEGEL 4/1958
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