29.01.1958

HYPNOSEZurück nach Stalingrad

Unverhofft sieht sich der Studienrat Dr. Heinrich Gerlach, 49, aus Brake bei Bremen im Mittelpunkt einer erstaunlichen Kontroverse, die in der Geschichte der deutschen Literatur ohne Beispiel ist. Sie verschaffte seinem Erstlingswerk - dem Stalingrad-Roman "Die verratene Armee"* - soviel Publicity, daß die Nymphenburger Verlagshandlung sich auf konventionelle Werbefloskeln beschränken konnte, als sie in der vergangenen Woche den Buchhändlern die sechste Auflage des Werkes (26. bis 30. Tausend) ankündigte.
Die werbewirksame Kontroverse wird zwischen dem Autor Gerlach und dem Münchener Psychotherapeuten Dr. Karl Schmitz, 69, ausgefochten. Durch umfangreiche Schriftsätze schüren die Rechtsvertreter der beiden Kontrahenten den Streit, der auf ein kurioses Experiment zurückgeht: Dr. Schmitz, der erst kürzlich ein Buch über "völlig neue Erkenntnisse der Hypnose" (Titel: "Heilung durch Hypnose") herausgegeben hat, schreibt es nämlich seinen Hypnose-Künsten zu, daß der Studienrat Gerlach überhaupt in die Lage versetzt wurde, den Stalingrad-Roman zu Papier zu bringen. Auf diese Überzeugung und auf eine Reihe wohlsortierter Beweisstücke gründet der Mediziner Schmitz seine Hoffnung, zwanzig Prozent von den Autorenanteilen an diesem Bestseller-Erfolg als Tantieme kassieren zu können.
Am 30. Januar 1943 war Heinrich Gerlach, damals Offizier im Stabe der 14. Panzerdivision, bei Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft geraten. "Erschüttert von dem Erlebten", berichtet Gerlach, "schloß ich mich dem 'Bund deutscher Offiziere' des Generals von Seydlitz an und war vom Herbst 1943 bis zur Selbstauflösung des Bundes im November 1945 als Vorstandsmitglied vor allem für die Zeitung 'Freies Deutschland' und den Rundfunk tätig. In diesen zwei Jahren schrieb ich, zur gleichen Zeit und am gleichen Ort wie Theodor Plievier, mein Buch, durch das ich von den Schreckensbildern des Stalingrad-Geschehens freizukommen hoffte."
Im "bewußten Gegensatz" zur Arbeit Plieviers - des Verfassers von "Stalingrad" - wollte Gerlach jedoch keine "Symphonie des Grauens" komponieren, "sondern mehr die seelische Wandlung der Menschen, die Umwertung aller Werte, den Durchbruch zu neuen Einsichten verdeutlichen - Dinge, zu denen Plievier als Außenstehender kaum Zugang hatte".
Nach Kriegsende schleppte Gerlach sein Manuskript (Titel: "Durchbruch bei Stalingrad") durch viele russische Arbeitslager, in denen er als Handlanger, Eisengießer, Gerüstbauer, Maler und "Spezialist für Betonverschalung" arbeitete. Im Herbst 1949 entdeckte und beschlagnahmte der MWD den Roman, Gerlach aber hatte vorsorglich auf zwanzig Seiten eines Schulheftes eine Miniaturabschrift des über 600 Seiten starken Manuskriptes angefertigt. Als er die Zweitschrift bei der Entlassung im doppelten Boden eines Holz-Koffers nach Deutschland schmuggeln wollte, wurde auch dieses Manuskript entdeckt und konfisziert. Gerlach mußte noch monatelang peinliche Untersuchungen über sich ergehen lassen; erst im April 1950 traf er als Spätheimkehrer in Deutschland ein.
"Der Verlust des Buches", sagt er, "schien mir der Preis zu sein, mit dem ich mir die Freiheit erkauft hatte. Ich war aber nicht bereit, diesen Preis zu zahlen. Zuviel Mühe und Nervenkraft hatte ich an dieses Buch gewendet, um es kampflos verlorenzugeben."
Die Ereignisse der folgenden Monate lassen sich aus dem Schriftwechsel rekonstruieren, den der Dr. Schmitz mit beispielhafter Sorgfalt gesammelt hat. Im Herbst 1950 las Gerlach einen Bericht über Hypnoseversuche des Psychotherapeuten und bat ihn daraufhin brieflich um Hilfe. Am 31. Januar 1951 schrieb Gerlach dem Münchener Mediziner:
"Der Verlust des Buches schmerzt mich tief. Ich habe mich an den Versuch einer Rekonstruktion gemacht. Aber auch dieser Versuch ist fehlgeschlagen. Ich habe jede Zeile des Manuskriptes in Entwurf und Reinschrift selbst geschrieben, habe nach der Fertigstellung lange und gründlich daran gearbeitet, habe es viele Male ganz und in Auszügen vorgelesen. Jede einzelne Seite steht mir vor Augen mit Schriftcharakter, Papierfarbe und sonstigen Einzelheiten. Es ist mir, als ob ich nur abzulesen brauchte, was mir sichtbar ist. Aber bei jedem Versuch schiebt es sich wie ein Schleier davor ... Halten Sie es für möglich, einen Bewußtseinsinhalt, wie den geschilderten, auf hypnotischem Wege so lebendig werden zu lassen, daß man ihn niederschreiben kann?"
Dr. Schmitz erklärte sich bereit, ein solches Experiment zu unternehmen. Gerlachs Reise nach München drohte jedoch aus finanziellen Gründen zu scheitern, und der Autor sondierte deswegen bei dem Psychotherapeuten, "ob man nicht eine illustrierte Zeitschrift für das Experiment interessieren könnte".
Der Arzt tat sich in München um, und bald konnte er dem Autor mitteilen, daß die zu erwartende Sensations-Reportage den Redakteuren einer Illustrierten die Reisespesenrechnung wert sei. Dr. Schmitz berichtet: "Das Experiment verlief durchaus erfolgreich: Drei Wochen lang, täglich zweimal je zweieinhalb bis drei Stunden, versetzte ich Gerlach in tiefe Hypnose und schickte ihn gewissermaßen wieder nach Stalingrad zurück. Ich ließ ihn die Geschehnisse seines Buches, die er vollkommen vergessen hatte, wieder erleben."
Aber es machte dem Studienrat Gerlach Beschwerden, noch während der Hypnose die auftauchenden Erinnerungsfetzen niederzuschreiben, so daß Dr. Schmitz seine Versuchsperson aufforderte, die Gedankenbruchstücke nach der Sitzung zu diktieren. Dr. Schmitz: "Gerlach diktierte meiner Sekretärin oft in geradezu erstaunlich farbigen Bildern. Zwei Drittel des Romangeschehens wurden so wieder herausgeholt, ehe Gerlach - mit Arbeitsunterlagen für Monate versehen - wieder abreiste. Schon vor der Behandlung hatte ich ihm vorausgesagt, daß die Erinnerung erwartungsgemäß weiterfließt, wenn sie überhaupt erst einmal angestoßen ist."
Schon am 26. August 1951 wurde die erwartete Sensations-Reportage - Schlagzeile: "Ich weiß wieder, was war ... Rußlandheimkehrer erhält durch Hypnosebehandlung sein Gedächtnis zurück" - veröffentlicht.
Noch vor Erscheinen dieses Berichts - aber immerhin nach Beendigung der ersten Experimente - hatte Psychotherapeut Schmitz mit seinem Patienten Gerlach den Vertrag geschlossen, auf dem heute seine Forderungen nach einem Anteil am Autorenhonorar basieren. In diesem Schriftstück waren Gerlach und Schmitz übereingekommen: "Wenn durch die Hypnose-Behandlung von Herrn Dr. Schmitz es Herrn Gerlach gelingt, sein Manuskript 'Durchbruch bei Stalingrad', das er vergessen hatte, wieder zu rekonstruieren, so verpflichtet sich Herr Gerlach als Erfolgs-Honorar zwanzig Prozent der zu erwartenden Bruttohonorare für die Veröffentlichung dieses Manuskriptes oder von Teilen daraus an Herrn Dr. Schmitz zu zahlen."
Gerlachs Erinnerungsvermögen funktionierte in den darauffolgenden Jahren wieder so gut, daß er die Niederschrift fertigstellen konnte. Im Herbst 1956 gelang es ihm, das Manuskript bei der Nymphenburger Verlagshandlung in München zu placieren, die den wenig klangvollen Titel in "Die verratene Armee" abänderte und das Manuskript in Druck gab. Da die mit Andruck - Exemplaren versorgten Sortimentsbuchhändler sich schon beifällig äußerten, bevor das Buch ausgeliefert werden konnte, entschloß sich der Verlag, die erste Auflage gleich reichlich - mit 10 000 Exemplaren - zu bemessen.
Bereits Anfang November 1957 war die erste Auflage vergriffen. Berichtete Vertriebschef Curt Vinz von der Nymphenburger Verlagshandlung: "Außerdem haben wir bereits feste Verträge mit Verlagen in New York, London, Mailand, Stockholm und Holland. Optionen sind vergeben für Frankreich, Spanien, Norwegen, Finnland und Dänemark. Selbst aus Polen kam - zum erstenmal für uns - eine Anfrage, und der ostzonale Deutschlandsender bat um ein Lesestück. So etwas haben wir noch nicht erlebt!"
Der Autor konnte befriedigt konstatieren, daß er nicht nur einen kommerziellen Erfolg, sondern auch die Anerkennung der Kritik errungen hatte. Die "Süddeutsche Zeitung" beispielsweise bestätigte ihm: "Er hat das Zeug, zu schildern, was er gesehen hat, das Formlose des widersinnigen Geschehens in eine Form zu bannen, ohne auf die gehobene Kolportage zurückzugreifen. Dokumentation und Erlebnis verschmelzen zu einem organischen lapidaren Epos von historischer und menschlicher Authentizität."
Hypnose-Arzt Schmitz sah sich derweil veranlaßt, das Erinnerungsvermögen seines Ex-Patienten erneut aufzufrischen und übersandte ihm eine Kopie des Beteiligungsvertrages aus dem Jahre 1951. Autor Gerlach gestand zwar überrascht zu, daß die Unterschrift unter diesem ungewöhnlichen Vertrag tatsächlich von ihm stamme, aber er gab auch zu bedenken, daß er seine Unterschrift möglicherweise zu einem Zeitpunkt geleistet habe, zu dem er nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen sei.
Der Autor heuerte sich einen Rechtsanwalt an, der zunächst den "Ärztlichen Bezirksverein München Stadt und Land" bemühte, um feststellen zu lassen, ob ein solcher Vertrag zwischen Arzt und Patient nicht gegen die Standesehre eines Mediziners verstoße. Dr. Schmitz wiederum, der von dieser Aktion rechtzeitig Wind bekam, ersuchte dieselbe Organisation, ihm das Gegenteil zu bescheinigen. Der Vorsitzende der Standesorganisation ließ sich jedoch weder von Gerlach noch von Dr. Schmitz eine eindeutige Stellungnahme abringen.
Gerlach erklärte sich unterdes bereit, dem Dr. Schmitz nachträglich ein angemessenes Honorar für die ärztliche Behandlung auszuzahlen, aber der Psychotherapeut bestand auf seinem "literarischen Privatvertrag": "So einfach lasse ich mich nicht abspeisen." Dr. Schmitz hat sich ausgerechnet: "Bei einer deutschen Auflage von 30 000 Exemplaren zu 17,80 DM je Stuck kassiert Gerlach (er erhält 10 Prozent vom Ladenpreis) 53 400 Mark! Danach entfielen auf mich also, grob gerechnet, rund 10 000 Mark. Von Auslands-, Film - und sonstigen Rechten, die ja auch etwas einbringen, ganz zu schweigen!"
Der Arzt hat nun dem Autor vorgeschlagen, man möge sich gemeinsam einem Schiedsspruch des Münchener Ärztevereins unterwerfen. Sagt Dr. Schmitz: "Geht Gerlach darauf nicht ein, wird geklagt. Sonst heißt es womöglich noch, ich hätte ihn in Hypnose zu der Vertragsunterschrift veranlaßt."
* Heinrich Gerlach: "Die verratene Armee, ein Stalingrad-Roman"; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 560 Seiten, 17,80 Mark.
Roman-Autor Gerlach Die Erinnerung ...
Psychotherapeut Dr. Schmitz ... wurde angestoßen

DER SPIEGEL 5/1958
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