19.02.1958

TRINKER, RAUCHER UND RAUFBOLD

Wegen Trunksucht, Arroganz und unsportlichen Verhaltens wurde der renommierte Mittelstürmer der sowjetischen Fußball-Nationalmannschaft, Eduard Strelzow, 20, aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen, Vom Moskauer Kommunistischen Jugendverband mit einem "strengen Tadel" bestraft und von der sowjetischen Presse scharf gerügt über Strelzows Verfehlungen berichtete "Komsomolskaja Prawda", die Zeitung der sowjetischen Staatsjugend (in der übersetzung des FDJ-Blattes "Junge Welt"):
Es war im Vorjahr unmittelbar vor der Abreise der sowjetischen Auswahlelf zu einem wichtigen Länderspiel. Alles war zur Stelle, lediglich Strelzow und Iwanow, fehlten. Alle machten sich Sorgen. Walentin Antipjonok, der Leiter der Abteilung Fußball im Unionskomitee, eilte zum Telephon, um einen Sanitätswagen loszuschicken: Vielleicht war ihnen ein Unglück zugestoßen?
Als sich der D-Zug in Bewegung setzte, sah Antipjonok am Bahnhofseingang die schwankenden Gestalten - betrunken. Die beiden wurden in einen Kraftwagen gesetzt, um dem Zug nachzujagen. Nach etlichen Telephongesprächen, sogar mit dem Verkehrsministerium, konnte der Zug angehalten und die Sündenböcke verfrachtet werden. Doch es folgte ein großer Sieg, und die Sache geriet in Vergessenheit.
Mit einem anderen trauten Gespann, Tatuschin-Issajew ("Spartak"), erhielten Strelzow-Iwanow ("Torpedo") Ende 1957 vom Komitee eine ernste Verwarnung. Das Quartett versprach, sich zu bessern. Drei hielten Wort, der vierte, Strelzow, brach es.
Wie konnte aus dem sauberen, ehrenhaften "Edik", der weder rauchte noch trank, der errötete, wenn der Trainer ihn kritisierte, ein Raucher, Trinker und Raufbold werden? Wer ist schuld? In einem Beitrag, den S. Narinjani, ein bekannter Journalist, auf Bitten der Spieler (!) in der "Komsomolskaja Prawda" schrieb, heißt es:
"in erster Linie der Trainer. Er ist nicht nur ein technischer Leiter der Elf, sondern Erzieher. Aber wie kann Maslow Erzieher sein, wenn er sich fürchtet, Strelzow zu verwarnen? 'Mein Gott, darf man denn das? Strelzow und Iwanow sind doch unsere Stars!' Welcher Neunmalkluge hat bloß diese Hollywood-Terminologie in unser Sportlexikon gebracht ..."
Aber diese Stars werden auch von anderer Seite verzogen und verzärtelt, zum Beispiel vom Autowerk, dem Trägerbetrieb (des Fußballklubs) Torpedo"-Moskaus. Während die Mannschaft im Omnibus fährt, holt man Strelzow und Iwanow in einem SIL (Personenkraftwagen) vom Bahnhof ab.
Ein anderes Beispiel: Als der "Center" (Mittelstürmer) Strelzow vor drei Monaten im Krankenhaus lag, brachte ihm seine Mutter nicht etwa Obst oder Bücher, sondern - Wodka. Die Ärzte untersagten das, die Mutter aber riet ihrem Sohn, eine Schnur durchs Fenster hinunterzulassen. Auf diese Weise schickte sie ihm nicht eine Flasche. sondern zwei! "Hier hätte die Leitung der Fußballsektion eingreifen müssen", schreibt die "Komsomolskaja Prawda". Sie hätte mit der Mutter sprechen und den Trainer ernstlich verwarnen sollen. Sie hätte den Gönnern" auf die Finger klopfen müssen. Statt dessen aber habe man noch Öl Ins Feuer gegossen, indem man vor etwa einem Jahr "dem 19jährigen Bürschchen" den Titel eines "Verdienten Meisters des Sports" verlieh.
"Möge er ein Talent sein und Tore erzielt haben. Warum aber mußte sich das Unionskomitee damit so beeilen?" fragt die Zeitung. "Wir haben auch auf anderen Gebieten außerhalb des Sports begabte Menschen - in der Musik, Malerei, im Gesang und in der Wissenschaft. Aber weder Schostakowitsch noch Chatschaturjan (Komponisten), weder Tupolew (Flugzeugkonstrukteur) noch Ulanowa (Primaballerina) wurden mit 19 Jahren Ehrentitel zuerkannt. Einen Fußballspieler muß man nicht für ein Dutzend Tore auszeichnen, die er im Laufe des Sommers erzielt hat, sondern für bleibende sportliche Qualitäten.
"Ein solcher durch Aufmerksamkeiten übersättigter Mensch wird hochmütig. Er tritt bei den Spielen nicht als Mitglied seiner Mannschaft auf, sondern wie ein bekannter Schauspieler bei einem Gastspiel in einem Provinztheater. Die Kameraden spielen ihm die Bälle zu, er aber kokettiert. Einmal schießt er, dreimal läßt er den Ball aus. Dieser Star führt sich dann sowohl auf dem Fußballplatz wie auch im Leben nicht so auf, wie es die Regeln des sozialistischen Lebens erfordern.
"Am letzten Januarsonntag (1958) ließ sich Strelzow von völlig fremden Leuten als Ehrengast zu einem kleinen Schmaus einladen. Er trank, krakeelte und landete schließlich bei der - Miliz (Polizei). Damit war das Maß voll und die Geduld der Kameraden zu Ende. Sie beschlossen einmütig, ihn sowohl aus der Landesauswahl auszuschließen, als auch das Unionskomitee zu bitten, ihm den Titel Verdienter Meister abzusprechen."
Narinjani schließt sein Feuilleton mit den Worten: "Ist das etwa das Ende, der Untergang des Mittelstürmers? Alles hängt von ihm selbst ab. Die Kameraden boten ihm die Möglichkeit. Sie sagten: Beginne von vorn, Freund Edik. Spiele in der Klubelf. Schaffe Ordnung in deiner Lebensweise, in der Familie. Beweise, daß du deine Vergehen ernst nimmst, aber nicht durch Worte, sondern durch Taten, und vielleicht nehmen wir dich wieder in der Auswahl auf. Allerdings wollen wir dann den jungen, sauberen, ehrenhaften, bescheidenen Strelzow.'"*
* Stretzow schoß am 15. September 1956 zu Hannover Im Länderspiel Deutschland gegen Rußland (1:2) drei Minuten nach Spielbeginn das Führungstor. - Bei den Olympischen Spielen 1956 erzielte Strelzow im Vorrundenspiel gegen die deutsche Amateur-Nationalmannschaft (2:1) eines der russischen Tore.
Strelzow

DER SPIEGEL 8/1958
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