09.07.1958

UHRENBatterie am Arm

Jedem Anrufer, der den Pforzheimer Telephon-Anschluß 89076 wählt, tönt
seit kurzem eine Männerstimme mit den schwäbisch akzentuierten Worten ins Ohr: "Der Name ist Epperlein - die Armbanduhr ist elektrisch. Einen Augenblick bitte, Sie werden sofort verbunden." Dann meldet sich der Teilnehmer: das Uhrenwerk Ersingen bei Pforzheim.
Die Telephon-Reklame mit einem Tonband, die der Pforzheimer Uhrenfabrik als erstem deutschem Unternehmen von der Bundespost genehmigt wurde, ist nicht minder neuartig wie der Gegenstand, für den damit geworben wird. Die telephonische Mitteilung ist Teil einer umfänglichen Werbekampagne, die der Inhaber des Uhrenwerkes, Helmut Epperlein, 44, unlängst gestartet hat, um eine "Revolution in der Branche der Uhrenhersteller" vorzubereiten: In den Wochen vom 15. bis 30. Juli 1958 will er - zu einem Ladenpreis von rund 185 Mark - dem bundesdeutschen Uhrenfachhandel die ersten elektrischen Armbanduhren liefern.
In seinem Werbeprospekt verheißt Epperlein: "Es wurde ... eine batterie-getriebene Armbanduhr entwickelt, die ... eine neue Ära innerhalb der Kleinuhren-Industrie einleitet." Der über den Stand der Uhren-Technik stets gut informierte "Pforzheimer Kurier" konstatierte wehmütig: "Das Mechanische hat mit der elektrisch betriebenen Armbanduhr aufgehört und die reine Wissenschaft .. begonnen."
Schon seit dreizehn Monaten tragen Helmut Epperlein und etliche seiner Techniker die ersten Exemplare der "Epperlein Electric Nr. 100" am Handgelenk - eine Armbanduhr von üblicher Form und Größe mit modernem schwarzem oder weißem Zifferblatt. "Seit dem 1. Juni 1957", behauptet Epperlein, "gehen die Probe-Uhren trotz stärkster Beanspruchung durch Bewegung, Stoß und Fall mit frappierender Genauigkeit, obwohl sie nicht aufgezogen wurden oder werden."
Die Epperlein-Uhr entbehrt nämlich sämtlicher Teile, die seit fast dreihundert Jahren eine Federuhr in Gang zu halten pflegen. Das Element, das die "Electric Nr. 100" betreibt, ist eine winzige runde Trockenbatterie von elf Millimeter Durchmesser und drei Millimeter Dicke. Sie stammt aus den USA, wo der einzige Hersteller der Liliput-Batterie sitzt.
Wenn die "Epperleins" in den nächsten Tagen bei den deutschen Uhren-Einzelhändlern eintreffen, wird die Krone jeder Uhr (die lediglich zum Stellen der Zeiger dient) von einem Kunststoffring umschlossen sein. Beim Verkauf der "Electric" drückt der Uhrmacher die Krone wie einen Knopf hinein, und das elektrische Uhrwerk beginnt zu laufen. Rund ein Jahr lang soll die Uhr ohne Stockung und Störung die genaue Zeit angeben.
Die einzige Wartung, deren die neue Uhr nach Epperleins Angaben bedarf, ist das Auswechseln der Batterie nach einer Laufzeit von dreizehn bis vierzehn Monaten. Der Uhrmacher soll dazu etwa zwei Minuten benötigen. Kostenpunkt laut Epperlein: Rund zehn Mark.
Die Rückseite der Epperlein-Uhr ist mit einer durchsichtigen Glasscheibe umschlossen. Epperlein: "Jeder Besitzer soll das Werk genau sehen und zeigen können." Hinter dem, Schaufenster der elektrischen Armbanduhr ist ein Werk von verblüffend einfacher Konstruktionsweise zu sehen. Mehr als 25 der wichtigsten Bestandteile gängiger Armbanduhren fehlen, so Federhaus mit Feder, Triebwerk, Aufzug, Anker und Ankerrad.
Unter einer Deckplatte im Uhrwerk ist außerdem die Batterie zu erkennen, sowie die Kontaktfeder, das wichtigste Teilchen der elektrischen Armbanduhr. Sie ist aus dünnstem, nicht ermüdendem Metall hergestellt; durch einen für das bloße Auge nicht sichtbaren Metallkontakt unterbricht und schließt sie den Stromkreislauf.
"Durch einen gleichmäßig pulsierenden Stromfluß", behauptet Epperlein, "ergeben sich bisher noch nicht erzielte Ganggenauigkeiten." Seine vierköpfige Entwicklungsgruppe hat in den letzten dreizehn Monaten durch Vergleiche mit geprüften Schweizer Chronometern angeblich ermittelt, daß die "Electric 100" Abweichungen von maximal zwei Sekunden je 24 Stunden aufweist. Bei besten Präzisionsuhren sind drei bis sechs Sekunden Abweichungen nicht ungewöhnlich.
Weil die elektrische Uhr kein Triebwerk habe, sagt Epperlein, brauche sie nicht geölt zu werden, und mithin könne das Werk auch nicht "verharzen" - wie die Verschmutzungserscheinung genannt wird, die bei normalen Uhren regelmäßige und oft kostspielige Reinigungen erfordert.
Epperlein hofft, daß die "höchste Einfachheit und Funktionsfähigkeit" seiner elektrischen Uhren ihm einen großen Käufermarkt erschließen wird. Sobald die erste Serie der "Electric 100" ausgeliefert ist, will Epperlein eine zweite, kleinere elektrische Armbanduhr herausbringen: die Epperlein "Piccolo" für Damen.
Fabrikant Epperlein
Die Armbanduhr ist elektrisch
Epperleins Elektro-Uhr
Weniger Teile*
* Die mit Pfeilen versehenen fünf Teile ersetzen sämtliche unten abgebildeten Teile einer üblichen Armbanduhr.

DER SPIEGEL 28/1958
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