12.09.2005

Das Titanic-Syndrom

„Katrina“ konfrontiert die US-Gesellschaft mit einem ihrer größten Tabus: der wachsenden Armut in einem der reichsten Länder der Welt.
Die Austernfischer von Pointe a la Hache haben es nicht leicht gehabt. Zehn Stunden pro Tag ist Tinson Myron Lamar früher mit seinen Kumpanen in den Golf von Mexico gefahren, hinaus zu den Bänken, wo die begehrte Gulf-Coast-Oyster siedelt. Lamar hat das Boot geschrubbt, die anderen sammelten die Austern ein, am Abend wurde geteilt. Zwei Dollar für jeden Erntesack, das war der Anteil von Lamar. An guten Tagen hat er so 100 Dollar geschafft.
Dann kam "Katrina", der Hurrikan, und hat alles zerstört, die Austernbänke und das Boot, sein Haus und sein Dorf, das nur einige Meilen südlich von New Orleans im Mississippi-Delta liegt - oder vielmehr: lag.
Nun sitzt Lamar auf einem Feldbett in Baton Rouge und sortiert die Trümmer seines Lebens: Er ist 43, seit 24 Jahren hat er Fischerboote geputzt, etwa 2000 Dollar im Monat oder 24 000 Dollar im Jahr hat das gebracht, wenn er nicht krank war und keinen Urlaub nahm.
Es reichte gerade, um seine Frau zu ernähren und die drei Kinder und um sein kleines Haus im Camping-Park zu finanzieren, eine Mischung aus Wohnwagen und Baracke. Für eine Sturm- und Flutversicherung reichte es nicht. Im Fernsehen hat er Luftaufnahmen seines Ortes gesehen, alles kaputt. "Wir müssen von vorn anfangen", sagt er.
Das River Center in Baton Rouge ist eine der wichtigsten Sport- und Veranstaltungshallen Louisianas. Am linken Rand des Spielfelds leben derzeit auf ein paar Matratzen die Lamars. Direkt daneben kampiert Lennox Battle, 40, mit seiner Frau und vier Kindern, Austernfischer auch er. Seine Schneidezähne: höchst lückenhaft, ein Zahnarzt wäre zu teuer. Krankenversicherung? Undenkbar.
"Es ist so schwer, alle Rechnungen zu bezahlen", sagt er. Nebenan döst Dennis Lanico, Koch aus New Orleans, der ebenfalls vor dem Nichts steht wie all die anderen hier, die schon vor der Flut kaum etwas besaßen. Über 4000 Menschen hat es in diese Halle gespült. Die meisten sind arm oder kinderreich, schlecht ausgebildet oder schwarz. Etliche sind alles zugleich.
Und Amerika? Hat in die Fluten von New Orleans geschaut und Armut und Elend unfassbaren Ausmaßes gesehen, hunderttausendfach. Das abfließende Wasser legt neben Leichen und Unrat auch erschreckende Einblicke in die Lebensbedingungen am unteren Rand der US-Gesellschaft frei.
Am selben Tag, als die Dämme brachen, stellte Charles Nelson vom U. S. Census Bureau in Washington den jüngsten Einkommens- und Armutsbericht seines Amtes vor. Nelson erläuterte mehr als ein Dutzend Schautafeln, viele zeichneten ein hässliches Bild der USA.
Die Zahl der Armen in Amerika ist 2004 um 1,1 Millionen auf 37 Millionen gewachsen - zum vierten Mal in Folge. Während die offizielle Statistik unter Präsident Bill Clinton deutlich zurückgegangen war, ist sie unter George W. Bush um 12 Prozent gestiegen.
Für die Behörde ist der Termin im Spätsommer jährliche Routine wie für die Öffentlichkeit auch, die das Unterschichten-Thema bislang gern wegschwieg. Diesmal ist eine Grundsatzdebatte entbrannt, weil das Fernsehen die grauen Zahlen mit Katastrophenbildern in Echtzeit begleitete. Amerika sieht sich selbst - und erschrickt.
Jetzt diskutiert eines der reichsten Länder der Welt, wie man komplette Bevölkerungsgruppen sich selbst überlassen hat. So intensiv wie seit langem nicht ist wieder von den langen Schatten der Sklaverei die Rede, von den späten Folgen des Rassismus und vom dunklen, armen und verletzlichen Gesicht Amerikas. Quer durchs Land hat sich das Elend verschärft, von Detroit im Norden, wo ein Drittel der Einwohner unterhalb der Armutsgrenze lebt, bis zur Hauptstadt Washington an der Ostküste, wo die Säuglingssterblichkeit doppelt so hoch ist wie in Peking.
Aber es ist der Süden, der seit langem die traurigsten Zahlen liefert. Die alte Heimat der Baumwollplantagen lag schon immer hinter dem reichen Norden zurück.
Seit der für sie ruinösen Niederlage im amerikanischen Bürgerkrieg vor 140 Jahren hat sie sich nie mehr richtig erholt. "Katrinas" Hauptopfer, Louisiana und Mississippi, gehören zu den ärmsten Bundesstaaten der USA. In New Orleans waren zwei Drittel der Bevölkerung schwarz, 23 Prozent der Einwohner lebten am Rande des Existenzminimums.
Der Hurrikan brachte Anarchie und Leid hinzu. Yale-Dozent Jim Sleeper erklärte die Stadt zum "Bagdad am Mississippi". Einer der schärfsten Bush-Kritiker, "New York Times"-Autor Frank Rich, spricht vom "Titanic-Syndrom": Im Unterdeck war jeder auf sich selbst gestellt, sagt er. Nur die First-Class-Passagiere schafften es sicher in die Rettungsboote.
Inzwischen kehren die Ersten aus New Orleans' weißer Oberschicht mit privaten Hubschraubern in ihre Villen zurück. Auf den Grünflächen von Audubon Park, einer kaum beschädigten Reichensiedlung, landen Helikopter mit Truppen einer israelischen Sicherheitsfirma, die gefährdete Anwesen schützen sollen. Ende voriger Woche war ein Treffen der High Society mit Bürgermeister Ray Nagin in Dallas geplant, um den Wiederaufbau zu besprechen. Die Reichen wollen das Desaster nutzen, um die Strukturen ihrer Stadt zu ändern: demografisch, geografisch und politisch.
Die High School von Biloxi, einer Kleinstadt an der Golfküste, dient derweil als Notunterkunft. Sie ist ein Ort der Gestrandeten. Alte Menschen laufen verwirrt über die Flure, ausgemergelte Körper liegen auf dem nackten Fußboden. Es gibt Gescheiterte wie Charles Parfait, 27, der psychisch krank ist und seit längerem vor Gericht um Unterstützung kämpft. Und es gibt die Tapferen.
Ann Blackmon, 29, zwei Kinder, kein Mann, ist eine von ihnen. Ihr Geld hat sie als Sandwich-Verkäuferin in einem Casino verdient, zehn Dollar pro Stunde. Jetzt wartet sie mit ihrer Großfamilie, ihren Eltern und Kindern, Geschwistern, Nichten und Neffen, auf irgendeine Zukunft. Ihr ganzer Clan, 34 Menschen, will in Florida ein neues Leben starten.
Hunderttausende werden wie Blackmon die Region für immer verlassen, in einem Exodus von geradezu historischer Dimension. Sie hatten kein Geld, kein Auto oder keine Kraft, um sich und ihr Gut rechtzeitig zu retten. Für den Neustart in der alten Heimat fehlen ihnen nun Mittel, Zeit und Perspektiven.
Zwei fremde Welten, zwei Amerikas treffen in diesen Tagen aufeinander, und das ist vielleicht das einzig Gute an der Katastrophe. In der Baptisten-Kirche von Baton Rouge sind das auf der einen Seite Pastor Stuart Rothberg und seine 4000 Gläubigen: Sie sind fast alle weiß, haben gepflegte Einfamilienhäuser, große Vans und gutbezahlte Jobs. Auf der anderen Seite stehen 700 Schwarze aus New Orleans, die in Turnhalle und Klassenräumen der Gemeinde Quartier bezogen haben.
Am Sonntag beim Gottesdienst haben sie alle zusammen gesungen und sind sich in die Arme gefallen. Da hat Zena Segure wenigstens für ein paar Stunden verdrängt, wie hilflos sie sich in den Fluten fühlte, als keine Rettung kam und Babys und alte Menschen ertranken. Und wie wütend sie war, als danach im Fernsehen ständig von Flüchtlingen die Rede war wie in einem afrikanischen Bürgerkrieg.
"Wir sind keine Flüchtlinge", sagt sie empört, "wir sind Bürger der USA." Als wäre das keine Selbstverständlichkeit.
FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 37/2005
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