12.09.2005

Der letzte Mann

Weil New Orleans nicht genügend auf den Hurrikan „Katrina“ vorbereitet war, versuchen die Verantwortlichen jetzt, die Stadt und ihren Ruf zu retten. Der Polizeichef der versunkenen Stadt wird zur Symbolfigur dieser Bemühungen. Von Alexander Osang
Der Tag, an dem der Hurrikan "Katrina" New Orleans traf, ist Eddie Compass' Geburtstag, und tief in seinem Herzen glaubt Eddie Compass wohl nicht daran, dass dies ein Zufall ist. Am 29. August wurde er 47 Jahre alt. Er sagt, dass Gott ihm mit dem Sturm eine Aufgabe gestellt habe. Und er, Eddie Compass, sei bereit, diese Aufgabe zu erfüllen. Er werde nicht weichen, er werde kämpfen und siegen, sagt er. Er werde die Stadt sichern. Er sei der letzte Mann, der New Orleans verlasse. "The Last Man Standing".
Eddie Compass ist der Polizeichef von New Orleans.
Er steht mit gespreizten Beinen, die Hände auf dem Rücken gefaltet, unterm Vordach des "Harrah's Casino" im Zentrum von New Orleans, wo sich Rettungskräfte aus allen Teilen des Landes treffen, um zu essen, zu warten und zu beraten, wie es weitergeht mit der Rettung der Stadt. Compass' Blick streicht über Hunderte schwerbewaffnete Männer in engsitzenden Uniformen, an denen so viele Gegenstände befestigt sind, dass die Männer nur eckige, schwerfällige Bewegungen machen können. Die Männer tragen Sonnenbrillen, ihre Gesichter sind verbrannt, ihre Oberarme aufgepumpt, und auf Brust und Rücken steht in großen Buchstaben, wen sie hier repräsentieren. Es sind verwirrend viele Organisationen. Sie kommen aus Los Angeles, Chicago, Oklahoma, Texas, New York und Washington, vom Zoll, von der US-Drogenbehörde, der Nationalgarde, vom FBI, dem Grenzschutz, der Feuerwehr, der Army, den Marines und der Navy.
Auf die Brust von Eddie Compass' Polizeihemd ist in feinen Lettern das Wort Superintendent gestickt. Er ist eigentlich nur der Polizeichef von New Orleans, aber er wippt auf den Fußspitzen, als würde er dieses große Heer dirigieren.
Es gibt viele Verantwortliche, die im Angesicht des Sturms versagten. Die Regierung in Washington kürzte die Mittel, mit denen die Dämme hätten gestärkt werden können. Die Fema, die US-Behörde, die für Katastrophen wie diese zuständig ist, wird von einem alten Kumpel des US-Präsidenten geführt, der vorher Funktionär eines Pferdezüchterverbandes war. In der Krise hatte der Fema-Boss weniger Informationen als die Journalisten, die ihn befragten. Inzwischen hat Bush ihn aus dem Krisengebiet zurückbeordert. Die Gouverneurin von Louisiana wollte zu lange keine Hilfe von
außen akzeptieren. Der Bürgermeister von New Orleans ordnete zu spät die Evakuierung seiner Stadt an. Und der Polizeichef von New Orleans verlor in den Stunden des Sturms einen großen Teil seiner Autos, die Funkverbindung und etwa ein Drittel seiner Polizisten. 500 der 1700 Cops der NOPD meldeten sich am Tag nach dem Sturm nicht mehr zum Dienst.
Alle beschuldigten sich in der vorigen Woche gegenseitig, und ganz am Ende stand das New Orleans Police Departement. Sie ließen 30 000 Menschen im Superdome allein, sie zogen sich zurück, als 20 000 ohnmächtige Flüchtlinge vor dem Convention Center wüteten. Sie rannten weg, sie schienen sich aufzulösen, sie verloren die Kontrolle über ihre Stadt.
Eddie Compass ist der Chief. Fühlt er sich schuldig?
"Wie können Sie mir so eine Frage stellen?", ruft Compass. "Meine Männer kämpfen bis zum Umfallen. Wir haben ein provisorisches Gefängnis eingerichtet. Wir haben das Plündern unterbunden. Wir haben Hunderttausende evakuiert. Wir retten jeden Menschen aus den überfluteten Gebieten. Ich habe seit zehn Tagen meine Unterwäsche nicht gewechselt. Ich habe einen schlimmen Rücken, aber ich stehe hier jeden Tag 21 Stunden lang meinen Mann."
Er greift sich einen vorbeilaufenden Polizisten mit einem gelben Stirnband und umarmt ihn lange.
"Das ist Darren", sagt er, nachdem er ihn losgelassen hat. "Officer Hartman. Ein guter Mann. Die Leute, die uns verlassen haben, sind keine Polizisten. Das hier sind die richtigen Polizisten."
Darren Hartman steht da, die dicken Arme schaukeln an seinem Körper. Compass findet einen weiteren Kollegen, den er umarmen kann. Dann noch einen und noch einen. Er stellt sie alle vor. Kräftige Männer mit Waffen im Hosenbund, am Gürtel, über der Schulter. Als er damit fertig ist, sagt Compass: "Ich muss jetzt los."
Er möchte den Superdome inspizieren, in den während des Sturms 30 000 Leute flüchteten, und dann auch noch ins Convention Center, wo er herausfinden will, wie viele Menschen dort wirklich in der vorigen Woche starben. Er springt auf die Pritsche eines feuerroten Pick-up-Trucks, fährt aber nur drei Straßen weiter zu einem Interview mit dem Fernsehsender NBC, dem er sagt, dass er nicht weichen wird, bis die Stadt sicher sei.
Der Präsident behauptet, die lokalen Kräfte seien nicht ausreichend vorbereitet gewesen, sagt die Moderatorin, vorsichtig.
"Niemand ist auf einen Hurrikan der Stärke fünf vorbereitet", sagt Compass, entschieden.
Anschließend fährt er zu Fox News weiter und dann, als sich die Sonne langsam über den Mississippi senkt, zu CNN, deren Reporterin sich am Ufer aufgebaut hat. Er wird an- und abgekabelt und sagt überall ähnliche Dinge. In der Dunkelheit dann, betritt er ein Boot, das CBS gemietet hat, um ihn für die Sendung "60 Minutes" im Wasser treibend befragen zu können.
"Nicht länger als eine halbe Stunde, ich muss noch arbeiten", sagt Compass der Redakteurin, bevor das Boot ablegt. Zwei Stunden später kehrt er ans Ufer zurück. Der Polizeichef hat kleine rote Augen, es ist kurz vor Mitternacht.
"Wir sind fertig für heute. Wir hauen uns aufs Ohr", sagt Chief Compass.
Wollte er nicht noch den Zustand des Superdome prüfen und die Leichen im Convention Center zählen?
Compass scheint einen Moment nachzudenken, dann sagt er: "Sie können bei mir schlafen, in der City Hall. Da bekommen Sie gleich mal einen Eindruck, was bei uns so abgeht."
Wir rollen die schwarze Canal Street hinunter durch das Zentrum von New Orleans, vorbei an den Campingwagen der Fernsehsender, umgestürzten Palmen, dem Hyatt mit den herausgeblasenen Scheiben, auf den letzten Metern zum Rathaus steht das Wasser einen halben Meter hoch.
"Hebt die Füße, verdammt noch mal", ruft der Polizeichef. "In dem verdammten Wasser steckt der Tod."
In den vergangenen Tagen hörte man, es gebe Cholera- und Ebola-Viren im Wasser, die ersten Menschen seien bereits daran gestorben. Es hieß auch, im Superdome seien Leute vergewaltigt und gegessen worden, Polizisten hätten sich untereinander beschossen, und Tausende Menschen seien in den Fluten von New Orleans ertrunken. Niemand konnte diese Gerüchte bislang bestätigen. Fest steht nur, dass 25 000 Leichensäcke in New Orleans angeliefert wurden und das Rathaus wieder Strom hat.
Der Lastenaufzug rumpelt nach oben, vorbei an der Etage des Bürgermeisters, der nicht da ist, weil er sich zum ersten Mal mit seiner Familie außerhalb der Stadt trifft, sagt Compass. Er erklärt, dass Nagin der beste Bürgermeister Amerikas, wahrscheinlich sogar der Welt sei. Sie kennen sich aus Schulzeiten. Oben, im neunten Stock, laufen wir an den verblichenen Porträts früherer Polizeichefs vorbei. Das letzte ist von Chief Richard Pennigton, den Bürgermeister Nagin entließ, als er vor dreieinhalb Jahren die Stadt übernahm.
Die Polizei von New Orleans galt lange Zeit als korrupt. Die Polizisten patrouillierten in schwarzen Trucks, trugen keine Marken, aber schwarze Kopftücher, Cargo-Hosen und Sonnenbrillen, sie waren von den Kriminellen, die sie jagen sollten, kaum zu unterscheiden. Das alles wollte Ray Nagin verändern, und dafür holte er sich seinen Schulkumpel Eddie Compass, der als erste Amtshandlung von seinen Polizisten verlangte, die Bürger der Stadt mit "Sir" beziehungsweise "Ma'am" anzusprechen.
"Hier sind wir", sagt Chief Compass und macht eine einladende Geste zu einem schmalen mit Nadelfilz ausgeschlagenen
Flur, wo bereits zwei Reporter der "New York Times" in Boxershorts und T-Shirts hocken, die er offenbar auch eingeladen hat, bei ihm zu schlafen. Es gibt keine Betten, natürlich nicht, aber es gibt nicht mal Kissen oder Decken, von oben brennt Neonlicht, die Kollegen sehen zerzaust aus. Compass verschwindet in einer Tür, hinter der man ausgeklappte Liegen erkennt. Er habe heute eine Impfung gegen Tetanus und zwei gegen Hepatitis bekommen, deswegen fühle er sich ein bisschen schwach. Dann fällt die Tür zu und öffnet sich nicht mehr bis zum nächsten Morgen.
Um sieben Uhr steht Chief Compass wieder unterm Casinodach und schaut auf die Menge der Kämpfer, die über Nacht noch größer geworden ist. New York hat 600 Polizisten und Feuerwehrleute in die Stadt geschickt. In den Straßen drängeln sich Schwimmpanzer, Polizeiautos und Trucks, an denen Boote hängen. In der Nacht hat Bürgermeister Nagin angekündigt, dass New Orleans zwangsgeräumt wird. Anschließend ist er verschwunden. Es heißt, er erhole sich ein bisschen von all dem Stress. Er hatte in Interviews den Präsidenten beschimpft, war in Tränen ausgebrochen und wollte nicht aus dem Hyatt-Hotel ausziehen, wo es weder Strom noch fließendes Wasser noch Telefone gab.
Polizeichef Eddie Compass ist jetzt Sprecher von New Orleans.
Er korrigiert seinen Bürgermeister vorsichtig. Immer noch seien Tausende in ihren Häusern gefangen, die die Stadt freiwillig verlassen wollten. Diese Menschen würden sie in Sicherheit bringen, bevor Zwang angewendet werde. Bislang hätten sie 30 Prozent der Stadt noch gar nicht kontrolliert. Compass läuft, immer wieder Kollegen umarmend, auf eine kleine Holzwand unterm Casinodach zu, an der eine Karte hängt, auf der die kontrollierten Gebiete schraffiert sind. Vor der Karte steht Captain Tim Gayord.
Compass umarmt ihn lange.
Gayord ist 49 und seit 31 Jahren Polizist. Er hat breite Schultern, wasserblaue Augen und wippt in den Knien wie sein Chef. Normalerweise leitet er das Rauschgiftdezernat, seit einer Woche organisiert er die Bootstouren durch die untergegangene Stadt. Jeden Morgen fahren freiwillige Helfer mit ihren Booten am Casino vor. Gayord teilt den Bootsführern Polizisten aus New Orleans und auch Soldaten zu, die gerade zur Verfügung sind, und gibt ihnen den Bezirk vor, den sie durchstreifen sollen. Die Männer mit den Booten sehen verwegen aus, sie erinnern an Söldner, alle tragen Waffen. Der Erste in der Reihe ist Mitch Larieaux, ein Hafenarbeiter, an dessen Pickup-Truck ein flaches grünes Metallboot hängt. Mitch ist groß und kräftig, tief an seiner Hüfte baumelt ein Revolver. Gayord teilt ihm den Polizisten Charles Loescher zu sowie zwei junge Marines, die auf eigene Faust aus New York nach New Orleans fuhren, um zu helfen. Er schickt sie in die Zone IV, wo die St. Bernard Projects liegen, eine der ärmsten Gegenden der Stadt.
Mitch steuert das Boot an Sozialbauten vorbei, die in übelriechendem, schlieriggrünem Wasser stehen. Aus den Fundamenten blubbern Gasblasen an die Oberfläche; wenn sie ein offenes Fenster sehen, rufen Mitch und Loescher nach Zurückgebliebenen. Wenn die Fenster zu sind, hat sowieso keiner überlebt, sagt Mitch, der seit sieben Tagen mit dem Boot nach Überlebenden sucht. Niemand antwortet, außer zurückgelassenen Hunden, die von den Balkonen bellen. Manchmal klettern sie in ein Haus, um sich drinnen umzusehen. Aber ohne Hoffnung, es wirkt eher so, als wollten sie den beiden jungen Marines eine Freude machen, die nach ihrer langen Autofahrt natürlich auch ein bisschen was erleben wollen. Über ihnen kreisen Helikopter, gelegentlich begegnet ihnen ein anderes Rettungsboot, wenn es nicht so stinken würde, könnte man denken, sie machen einen Bootsausflug. Chief Compass hat von zehntausend Bürgern gesprochen, die noch in ihren Häusern auf Rettung warteten, die Zahl beginnt in der Hitze zu zerfließen wie die mindestens zehntausend Toten, die der Bürgermeister angekündigt hatte.
Mitch umkurvt die gestrandeten Autowracks, die Marines starren auf das giftige Wasser, Officer Loescher zieht sein Hemd aus. Er ist normalerweise Streifenpolizist im French Quarter und schlug sich mit betrunkenen Touristen herum. Bevor der Sturm kam, fuhr er seine Familie nach Alabama und hatte Schwierigkeiten zurückzukommen, weil überall Wasser war, sagt er. Sein Haus war überflutet, sein Auto unbrauchbar. Er nahm nur die feuchte Polizeimarke und meldete sich am Mittwoch nach dem Sturm zum Dienst zurück, vielleicht hat auch er darüber nachgedacht aufzugeben. Es war so überwältigend, und er ist ja nur ein Streifenpolizist im French Quarter. Loescher erzählt von seinem Freund Paul Accardo, der sich in der Woche nach dem Sturm das Leben nahm. Sie sind zusammen auf die katholische Highschool in New Orleans gegangen und später zusammen auf die Polizeiakademie. Accardo war als Officer für Public Relations der Polizei von New Orleans zuständig, am Ende gab es für ihn keine guten Nachrichten mehr zu verkaufen. Accordo verbrachte zwei Tage im Superdome, er fing an unzusammenhängende Dinge zu erzählen und hörte dann ganz auf zu sprechen. Am Freitag nach dem Sturm setzte er sich in seinen Polizeiwagen, fuhr aus der Stadt und schoss sich eine Kugel in den Kopf.
"Der Stress ist schon ziemlich groß", sagt Loescher. Die Polizeimarke an seiner Brust ist inzwischen leicht angerostet.
Nach drei Stunden finden sie im zweiten Stock eines Wohnblocks Luis Fernandez, einen zahnlosen Mann in Strümpfen, der sein Haus zunächst nicht verlassen will, weil er das Boot eines Freundes bewachen soll, wie er sagt. Weil aber nirgendwo ein
Boot zu sehen ist, kommt er schließlich doch mit. Nach fünf Stunden finden sie auf der Terrasse eines Hauses vier Leichen, schwarz und aufgebläht. Man kann sich vorstellen, was man sehen wird, wenn all das Wasser abgelaufen ist. Sie melden den Fund der Zentrale, dann fahren sie weiter. Die beiden New Yorker Marines entspannen sich ein bisschen, sie haben das Gefühl, gebraucht zu werden, helfen zu können. Es ist ein sehr amerikanisches Gefühl.
Es steckt in den Körpern all der schwerbewaffneten Männer, die jetzt durch die Straßen von New Orleans laufen. Sie wollen ihre trainierten Oberarme benutzen und auch all die Gerätschaften, die an ihren Uniformen baumeln, die Magazine, Messer, Handschellen, Spritzen, Sprays und Waffen, aber da ist nur das Wasser, die leeren Häuser, die streunenden Hunde und ab und zu ein paar kranke, ausgehungerte und verwirrte Menschen, die nicht wissen, ob sie gehen oder bleiben sollen. Und so wirkt all die Kraft der bewaffneten Helfer unangemessen und bedrohlich. An vielen Stellen sieht New Orleans aus, als wäre es in die Hände einer südamerikanischen Militärdiktatur gefallen.
Polizeichef Compass würde keinen schlechten Diktator abgeben. Das ganze Umarmen und Gebrülle, das Wippen auf den Zehenspitzen. Compass ist am Rande seiner Möglichkeiten. "Ich schlafe nur vier Stunden, aber sehe ich müde aus? Nein. Das ist, weil ich bete. Wir sollten alle beten", sagt er.
Eddie Compass wurde in der Mitte der Stadt groß, nur einen Block entfernt von einem verrufenen Sozialviertel, wo all die Leute wohnen, die nun als Plünderer beschimpft werden. Sein Vater arbeitete bei der Post, seine Mutter war Hausfrau. Er hat zwei Schwestern. Die vor allem hätten ihn zu dem Mann gemacht, der er sei, sagt er grinsend. Mitunter redet er wie ein Fernsehprediger, mitunter wie ein Footballcoach, aber manchmal starrt er auch nur gedankenverloren. Eddie Compass ist ein Mann zwischen Stolz und Scham. Er erinnert an seine Stadt. Womöglich ist er deshalb ein so gefragter Mann.
Compass schickt die Eingreiftruppe seiner Polizei in ein verlassenes Warenhaus an der West Bank, wo sich eine bewaffnete Bande versteckt haben soll. Fünf Schützenpanzer, bestückt mit schwarzgekleideten, grimmigen Polizisten, dirigiert von Captain Will Lynn. Eddie Compass umarmt seinen Captain, als rechne er nicht damit, dass er aus dem Krieg zurückkommt. Die Einheit bringt drei Stunden später zwei schmutzige Männer in Unterhemden in das provisorische Gefängnis am Bahnhof von New Orleans. Es ist nicht klar, was sie verbrochen haben, aber das wird man herausfinden. Die Männer werden fotografiert, registriert und dann in Käfige gesteckt, die die Polizei auf einem Bahnsteig aus Maschen- und Stacheldraht gebaut hat. Ihren Prozess bekommen sie später. Das eigentliche Gefängnis wurde überflutet, die 7000 Häftlinge evakuiert und auf andere Haftanstalten in Louisiana verteilt. 58 Leute hocken im Moment in den Käfigen. Es gibt Platz für mehr, viel mehr. Vor den Käfigen stehen Männer mit dicken schwarzen Schrotflinten.
Am Mittwochnachmittag kommt die Gouverneurin von Louisiana nach New Orleans. Kathleen Babineaux Blanco sieht sich den Superdome an und die Polizeizentrale unterm Casinodach, dann fährt sie ins Rathaus, um sich mit dem Bürgermeister zu treffen. Aber der Bürgermeister ist nicht da, und so tritt sie anschließend zusammen mit Polizeichef Compass vor die Fernsehkameras. Die Gouverneurin sagt auf kritische Fragen, dass man jetzt nach vorn schauen müsse und nicht nach hinten. Sie freue sich, dass endlich nationale Hilfe da sei. Sie verweist auf "ihre" beiden Generäle, die neben ihr stehen. Den Chef der Joint Task Force Katrina und den Chef der Nationalgarde. Die Generäle nicken leicht. Eddi Compass wirkt einen Moment verunsichert. Vielleicht fragt er sich, was er eigentlich noch zu sagen hat in seiner Stadt. Aber dann strafft er sich und spult sein übliches Programm ab. Sie würden die Stadt evakuieren, säubern und wieder aufbauen, schöner und stärker als zuvor. Sie arbeiteten rund um die Uhr. Er sei der erste Mann auf dem Schlachtfeld gewesen und werde der letzte sein, der es verlasse.
Als er fertig ist, öffnet die Gouverneurin ihre Arme, doch Chief Compass lässt sich nur widerwillig in die Arme nehmen. Vielleicht will er sich nicht mit den falschen Leuten verbünden. Aber wer sind die? Was ist mit dem Vizepräsidenten, der morgen kommt?
Am nächsten Morgen lässt er sich sicherheitshalber ein frisches weißes Uniformhemd bringen. Es hat Schulterstücke mit vier goldenen Sternen. Dick Cheney läuft mit seiner Frau und den Chefs von Fema und Homeland Security durch das Stadtzentrum, in ihrer Mitte hält sich Compass in seinem blütenweißen Hemd, lächelnd wie ein Frühstücksdirektor. Der amerikanische Vizepräsident dreht nur eine kurze Runde, schüttelt ein paar Hände, drückt den Chief und springt, ohne eine einzige Frage beantwortet zu haben, in einen Militärjeep, der ihn zum Flughafen bringt, fort von hier nach Washington.
Zurück bleibt Compass, er steht vor dem Casino, die Beine leicht gespreizt, die Hände auf dem Rücken, der Blick im Himmel. Die Evakuierung läuft auf Hochtouren. Er hat angeordnet, dass alle Bewohner der Stadt entwaffnet werden. Das bedeutet viel in Amerika, besonders hier im Süden. Der Kampf der Letzten, die sich in ihren Häusern festkrallen gegen die bewaffneten Kräfte, die ihre Stadt erobern, wird immer aussichtsloser. Sie werden wohl nicht mehr viel Gewalt anwenden müssen, um die Lage in New Orleans zu klären. Wenn alles nach Plan läuft, wird Polizeichef Compass bald eine leere Stadt bewachen.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 37/2005
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