12.09.2005

ITALIENTödlicher Auftrag

Sie nannten ihn „das Engelsgesicht": Der Mafia-Killer Giorgio Basile, Gastarbeitersohn aus dem Ruhrgebiet, soll rund 30 Menschen getötet haben. Seit deutsche Fahnder ihn fassten, redet er - seine Lebensbeichte hat viele Mafiosi vor Gericht gebracht. Von Andreas Ulrich
Es regnete Bindfäden an diesem kalten Novemberabend in Holland. Drei Männer gingen an der Landstraße bei Arcen entlang. Sie redeten kaum. Eine Straßenlaterne schickte trübes Licht in die feuchte Dunkelheit. Nur selten erhellten Lichtkegel vorbeifahrender Autos die Nacht.
"Mimmo, da sind Schafe. Siehst du einen Hirten?", fragte der kleinste der drei Männer den anderen, der vor ihm ging.
"Da ist kein Hirte", antwortete der.
"Gut!", sagte der Kleinere. Dann zog er eine Pistole und schoss dem Vordermann aus kurzer Entfernung in den Hinterkopf. Der fiel um, war aber noch nicht tot und rief: "Nein, tu es nicht!" Der Schütze setzte den Lauf der Waffe an die Stirn seines Opfers und drückte noch einmal ab.
"Hilf mir", befahl er dem dritten Mann. Sie rollten den Toten einen Abhang hinunter zu einem Entwässerungsgraben, dort schoss der Mörder seinem Opfer noch zwei Kugeln in den Kopf, zur Sicherheit.
Der Täter heißt Giorgio Basile, geboren 1960 in der Kleinstadt Corigliano Calabro, Italien, aufgewachsen in Mülheim an der Ruhr. Er war ein Profi-Killer der 'Ndrangheta, der kalabrischen Variante der Mafia. Ein halbes Jahr nach diesem Mord wurde er auf dem Bahnhof von Kempten im Allgäu festgenommen.
Basiles Verhaftung 1998 war einer der spektakulärsten Schläge gegen die italienische Mafia. Denn einem zähen bayerischen Polizisten gelang es mit Drohungen und Angeboten, den Mafia-Killer weich zu kochen, bis er die Omertà brach, das Schweigegelübde der ehrenwerten Gesellschaft. Basile fing an zu reden, und bis heute munitioniert er die Ankläger immer wieder. Er ist einer der wichtigsten Kronzeugen gegen die Mafia. Dafür versteckt und schützt ihn die italienische Polizei, damit er noch möglichst lange am Leben bleibt.
Dem SPIEGEL erzählte der Mann, der in seiner Organisation den Spitznamen "das Engelsgesicht" trug, seine Lebensgeschichte: Basile, Sohn italienischer Gastarbeiter, wurde nach seiner Jugend im Ruhrgebiet Mitglied des Carelli-Clans aus Kalabrien, der in Deutschland zahlreiche Stützpunkte hat - in Berlin, Frankfurt am Main, Offenbach, Mülheim, Essen, Gelsenkirchen, Wuppertal, Heidenheim, Schwalbach, Nürnberg, Kempten, Garmisch-Partenkirchen und München. Das Geschäft der Mafiosi: Drogen- und Waffenhandel, Autoschieberei, Geldwäsche. "90 Prozent aller italienischen Gastwirte und Geschäftsleute zahlen Schutzgeld", sagt Basile den Ermittlern.
Das Bundeskriminalamt mag sich wegen noch immer laufender Ermittlungen nicht zu dem Fall äußern. In Mafia-Clans einzudringen ist ein langwieriges Geschäft, die Omertà steht wie eine Mauer, wer redet, muss sterben. Giorgio Basile steht ganz oben auf der Todesliste der 'Ndrangheta.
Fahnder nördlich und südlich der Alpen glauben, dass Basile im Lauf seiner Karriere an der Ermordung von rund 30 Männern beteiligt war. Die italienische Justiz hat ihn für vier Morde angeklagt und in
das Kronzeugenprogramm aufgenommen. Über die anderen Taten wurde der Mantel des Schweigens gelegt.
Wie wird aus einem Mülheimer Gastarbeiterkind ein für seine kalte Sachlichkeit berüchtigter Killer? Was muss geschehen, damit alle Skrupel fallen, einen Menschen zu töten? Und was bewegt einen Mörder schließlich, mit seinen Komplizen zu brechen und mit der Polizei zusammenzuarbeiten? Die Lebensgeschichte des Giorgio Basile gibt bislang unbekannte Einblicke in das Innere der archaischen Verbrecherorganisation.
Giorgio Basile kommt im Alter von einem Jahr nach Deutschland. Sein Vater hat im Ruhrgebiet Arbeit gefunden, und so zieht die Familie aus dem malerischen, aber armen Corigliano Calabro im Süden Italiens in das Land der rauchenden Schlote, in eine Barackensiedlung an der Friedhofstraße in Mülheim.
Doch das Leben ist nicht gut dort, die Eltern streiten sich ständig, die Kinder werden selten satt. 1966 beginnt die Mutter ein Verhältnis mit einem Mann in der Heimat: Antonio De Cicco. Als der Vater dahinterkommt, trennen sich die Eltern. De Cicco kümmert sich um die Frau und die Kinder.
Er ist das Gegenteil des Vaters, ein kräftiger Mann mit einem mächtigen, schwarzen Schnurrbart. Er trägt elegante Anzüge, ein stets offenes Hemd und eine schwere Goldkette auf der behaarten Brust. Ganz Corigliano fürchtet diesen Mann, den örtlichen Boss der 'Ndrangheta.
Dem kleinen Giorgio vermittelt De Cicco alles: Liebe, Wohlstand, Respekt. Es gibt jetzt regelmäßig etwas zu essen, Giorgio trägt feine Hosen und sogar Strümpfe. Als seine Mutter aber 1968 von De Cicco schwanger wird, zwingen ihre Verwandten sie, nach Deutschland zurückzugehen. Sie wollen die Schande im Städtchen mit den strengen katholischen Werten nicht ertragen, und dagegen kann selbst De Cicco nichts machen. Gerade Mafiosi müssen sich an die Regeln halten, und die Familienehre gilt als höchstes Gut.
Giorgio besucht nun die Schule an der Mülheimer Bruchstraße. Die Lehrerin mag den kleinen Italiener mit den schwarzen Locken, aber seine Leistungen lassen zu wünschen übrig. Mit Mühe beendet er die sechste Klasse und findet eine Lehrstelle als Schlosser in der Drahtseilerei Kocks.
Völlig unerwartet taucht im Spätsommer 1979 De Cicco in Mülheim auf. "Komm zurück nach Italien. Du kannst für mich arbeiten", sagt der Mafioso dem Teenager. Er spricht vom Meer und vom guten Essen, von schönen Mädchen und schnellen Autos: "Du kannst endlich das Leben führen, für das du geboren bist." Das klingt viel verlockender als die Tristesse in Mülheim. Giorgio sagt zu und reist nach Corigliano, erst mal nur für ein paar Wochen.
De Cicco setzt ihn als Fahrer ein. Die beiden kutschieren tagsüber nun immer ganz entspannt durch die Gegend. De Cicco redet nicht viel, aber Giorgio Basile bekommt mit, dass er Firmen und Geschäfte besucht - und stets mit Briefumschlägen voller Geld wieder herauskommt. Und überall stellt De Cicco Giorgio als seinen Neffen vor: "Behandelt ihn gut!", sagt er dann. Nie muss der 19-Jährige bezahlen, wenn er in einem Restaurant isst oder in einem Geschäft ein Kleid für eine Freundin vom Haken nimmt. Wildfremde Männer spendieren ihm Drinks oder was immer er haben will. Auf der Straße nicken sie ihm unterwürfig zu. Giorgio genießt das.
Eines Tages fragt er De Cicco: "Ist es wahr, was man so sagt? Gehörst du zur ehrenwerten Gesellschaft?" Die ehrenwerte Gesellschaft - das ist die 'Ndrangheta. "Das ist wahr, ich bin ein respektierter Mann", antwortet De Cicco. Giorgio ist beeindruckt.
Dennoch fährt er bald danach zurück nach Mülheim. Er hat nicht den Mut, seinem Vater zu erklären, dass er für die Mafia arbeiten will - und auch noch für jenen Mann, der dem Vater die Frau ausspannte.
Anfang 1980 meldet sich ein Mafioso namens Finuzzu bei Giorgio. "Wir brauchen deine Hilfe", sagt er. Ein Clan-Mitglied, Arcangelo Maglio, sitzt in Wuppertal wegen Schutzgelderpressung in Untersuchungshaft. Ein Kommando aus Italien soll ihn befreien, und der ortskundige Giorgio müsse den Fluchtwagen dirigieren. Giorgio ist stolz, den Männern helfen zu können.
An einem Sonntagmorgen im April singen die Gefangenen in der Kapelle der Haftanstalt Bendahl gerade "Er weckt mich alle Morgen", als mit einer gewaltigen Detonation eine Stahltür an der Westseite aus den Angeln fliegt. Die Italiener haben Dynamit benutzt.
Häftlinge und Wärter werfen sich vor Schreck auf den Boden, Arcangelo Maglio sprintet durch Staub und Pulverqualm zu dem blauen Alfa Romeo, der mit laufendem Motor bereitsteht. Giorgio wartet in seinem Auto davor und gibt Gas. Die bis dahin
spektakulärste Gefangenenbefreiung aus einem deutschen Gefängnis gelingt. Giorgio hat seine Bewährungsprobe bestanden.
In Italien stellt De Cicco ihn wenig später dem damaligen Boss vor. "Wir brauchen gute Jungs in unseren Reihen", sagt der und küsst Giorgio auf die Wangen. Giorgio platzt beinahe vor Stolz. Als Kind haben sie immer über ihn gelacht im Ort. Und nun spricht er mit den höchsten Ehrenmännern seiner Heimat.
Finuzzu, ein runder Mann mit wachen Augen und Schiebermütze, bringt Giorgio in Italien jetzt das Schießen bei - das Handwerkszeug des Mafioso. Auf einem abgelegenen Grundstück am Meer trainiert er ihn mit Pistolen, Revolvern, Gewehren. Giorgio lernt, wie man tötet. "Du musst die Waffe von unten nach oben führen, so kannst du besser visieren und abdrücken", sagt Finuzzu - der später von einem Killer genauso erschossen werden soll, wie er es Giorgio Basile nun beibringt.
Schnell sehen De Ciccos Männer, dass Giorgio ein Talent ist. Er schießt gut, und
er zeigt offenbar überhaupt keine Nerven. Ihm fehlt jener Draht zur Wirklichkeit, der normale Menschen Angst spüren lässt.
Und nun lernt Giorgio Basile auch, wie einfach das Geschäft der 'Ndrangheta funktioniert: Eines Abends wird ein wichtiges Treffen anberaumt. Die Männer sitzen in einem Restaurant - die wichtigen Mafiosi aus Corigliano und dazu einige Stadträte. Sie reden über Aufträge für eine Baufirma, die dem Clan gehört.
"Meine Waffe drückt mich so beim Sitzen", sagt einer der Clan-Männer, "hat jemand was dagegen, wenn ich sie auf den Tisch lege?" Die Augen der Politiker weiten sich. Dann legen auch die anderen Mafiosi ihre Waffen auf den Tisch. Und natürlich erhält die Firma den Auftrag.
Was passieren kann, wenn man sich mit der 'Ndrangheta anlegt, erfährt Giorgio einige Wochen später. Wieder ist ein Treffen anberaumt, diesmal unten am Fluss Coriglianeto, auf De Ciccos Grundstück. Es ist Abend, ein milder Wind weht über das Land und bringt angenehme Kühle. Der Tisch unter Olivenbäumen ist reichlich gedeckt. Es gibt Fleisch, Brot, Oliven und Wein. "Merk dir genau, was du sehen wirst", sagt De Cicco zu Giorgio.
Es beginnt wie immer. Zunächst reden die Männer über das Wetter und die Weinernte - bis sie plötzlich über einen in der Runde herfallen. Als der Mann ohnmächtig ist, fast tot schon, schleppen sie ihn zum Schweinestall. Dort quiekt gierig eine Rotte, die seit Tagen nichts zu fressen bekommen hat. Die Männer nehmen den blutig geschlagenen Körper und werfen ihn in den Trog. Wie wild stürzen sich die Schweine auf den Ohnmächtigen.
Die Männer lachen herzhaft, während die Schweine ihre Kiefer in das Menschenfleisch graben. In kurzer Zeit ist von dem armen Teufel kaum noch etwas übrig.
Allmählich kehren die Mafiosi an den Tisch zurück und essen ungerührt weiter. Giorgio schaut zu. Und lernt. "Das passiert mit Leuten, die einen Fehler machen", sagt De Cicco zu ihm.
Giorgio ist beeindruckt, fasziniert von der archaischen Macht. Seine Vorstellungen von Recht und Ehre beruhen bald allein auf den Gesetzen der Mafia. Nach den Regeln der 'Ndrangheta ist etwa Schutzgeld zu zahlen, und wer nicht zahlt, muss halt büßen. Aber getötet wird nur, wer gegen die Regeln verstößt. Damals glaubt Giorgio so etwas noch. Er will jetzt mehr wissen, mehr tun.
Doch De Cicco will noch nicht, dass Giorgio richtiges Mitglied der Mafia wird. Er ist zu jung. Und er ist der Sohn jener Frau, die De Cicco liebt. Aus den heiklen Geschäften und der Schmutzarbeit hält er ihn also konsequent raus. Enttäuscht reist Giorgio ab, zurück nach Mülheim.
An der Hingbergstraße eröffnet er Ende 1982 eine Pizzeria, im Januar 1984 pachtet er von dem Unternehmer Rudolf Möhlenbeck eine Discothek, er nennt sie "Flair". Giorgio will in Mülheim nun seinen eigenen Clan gründen, die Disco soll sein Hauptquartier werden. Giorgio ist jetzt 22 Jahre alt. Er ist kleiner als die meisten seiner Freunde, trägt die Haare halb- lang, dazu einen Oberlippenbart. Er spricht besser Deutsch als Italienisch, mit dem eindeutigen Akzent des Ruhrgebiets.
Er macht krumme Geschäfte, Versicherungsbetrug zum Beispiel, und gerät allmählich ins Visier der Mülheimer Kripo. In seiner Disco tummelt sich bald die halbe Mülheimer Unterwelt, darunter ein deutscher Boxmeister, ein ehemaliger Bankräuber, Zuhälter und leichte Mädchen. Als es im "Flair" zu einer Schießerei kommt, sorgt die Polizei dafür, dass Giorgio die Konzession verliert. Möhlenbeck kündigt den Pachtvertrag.
Giorgio sieht sich am Abgrund. All seine Träume stehen vor dem Aus. Und auf
keinen Fall will er vor De Cicco das Gesicht verlieren. Sein Plan: Möhlenbeck soll eine Lektion erhalten, auf dass er den Pachtvertrag verlängert.
Am Dienstag nach Ostern 1985 dringen drei bewaffnete Italiener in die Wohnung Möhlenbecks ein und schlagen den Mann zusammen. Er erstickt schließlich an einem blutigen Knebel im Rachen. Weil Anwohner sich das Nummernschild des Fluchtwagens notieren, wird der Fall schnell aufgeklärt.
Das Urteil fällt am 7. Januar 1986. Giorgio als Auftraggeber muss für neuneinhalb Jahre hinter Gitter, denn einer seiner Italiener hat mit den Anklägern einen Deal ausgemacht und ihn verraten. Der Zeuge wird gleich nach seiner Haftentlassung in Italien ermordet, aus Rache für den Verstoß gegen die Omertà. Das herausgeschnittene Herz des Mannes legen die Mörder den Eltern vor die Haustür - als Warnung an alle anderen. Doch Giorgio hilft das auch nicht mehr.
Er brummt, in Oberhausen, Bochum und Münster. In der Haft organisiert er den Handel mit Haschisch und Kokain. Er schließt auch eine nützliche Freundschaft: mit dem Sizilianer Domenico Sanfilippo, genannt Mimmo. Der sitzt wegen bewaffneten Raubüberfalls ein, und er ist vor allem ein Mann ohne eigene Meinung, dem umtriebigen Giorgio bald treu ergeben.
Nach sechseinhalb Jahren hinter Gittern, im September 1991, wird Giorgio Basile nach Italien abgeschoben. Er ist erwachsen geworden in dieser Zeit, und er ist sehr hart geworden. Aber auch die Welt draußen hat sich verändert: In der 'Ndrangheta haben sich die Machtverhältnisse verschoben. Der alte Boss ist geflüchtet, ein ehemaliger Unterboss namens Santo Carelli hat sich an die Spitze des Clans gesetzt. Er lässt seine Gegner gerade Mann für Mann beseitigen. De Cicco steht ebenfalls auf der Abschussliste. Auch Giorgio Basiles private Welt ist während seiner Haft aus den Fugen geraten. Denn ausgerechnet De Cicco, sein Vorbild, hat in der Zwischenzeit Giorgios jüngste Schwester missbraucht.
Giorgio sinnt auf Rache und erfasst die Situation schnell. Er geht zu Carelli und bietet ihm seine Mitarbeit an. "Wenn es so weit ist, dass De Cicco sterben muss, dann will ich ihn töten", sagt er. Das ist seine Eintrittskarte in die 'Ndrangheta, mit der er zu Ruhm gelangen und seine Rache stillen kann. Santo Carelli stimmt zu.
Die beiden kommen überein, dass Giorgio erst mal den Drogenhandel in Corigliano übernehmen darf. Giorgios Aufstieg beginnt. Und im Sommer erhält er die Erlaubnis, De Cicco zu töten - den Mann, den er zutiefst bewundert hat und der ihn maßlos enttäuschte.
Mit Mimmo, dem Freund aus Bochumer Gefängnistagen, lauert er dem Liebhaber seiner Mutter an einem frühen Juli-Morgen vor der alten Kirche auf. Giorgio trägt einen 38er Revolver und eine abgesägte Schrotflinte, Mimmo einen Revolver, Kaliber 357 Magnum. Giorgio versteckt sich in einem weißen Fiat, der am Ende der schmalen Straße parkt, aus der De Cicco kommen muss. Er wartet. Gegen 5.30 Uhr hört er das Knattern eines Motorrollers, den De Cicco ab und zu fährt.
Giorgio Basile hebt die Waffe. "Oh Mamma mia", ruft De Cicco.
Mimmo und Basile verbringen nach dem Mord ein paar Tage in Florenz. Über einen Türsteher, der die Schickeria von Florenz mit Kokain versorgt, lernt Giorgio Lucia kennen. Sie ist anders als alle Frauen, die er kennt. Sie kommt aus dem Norden, sie stammt aus guter Familie, sie ist wunderschön und klug. Giorgio verliebt sich sofort in sie.
Der Mord an De Cicco verschafft ihm innerhalb des Carelli-Clans Ansehen. Die Bosse werden auf ihn aufmerksam, er hat sich als kaltblütig und zuverlässig erwiesen. Und er ist unauffällig mit seinem Durchschnittsgesicht, dessen Züge sich nie jemand so richtig merken kann. Er könnte als Student durchgehen, als Bankangestellter, als Busfahrer. Freundlich und ein wenig bieder sieht er aus.
Einen Monat später, im August 1993, erhält Giorgio den nächsten tödlichen Auftrag: "Edmondo Le Pera treibt sich zu oft bei den Bullen rum, und wir glauben, er ist ein Spitzel", sagt ihm ein Unterboss.
Giorgio mietet eine Ferienwohnung in Schiavonea und lockt Le Pera dorthin. Er und Mimmo erschlagen ihn mit Eisenstangen. Le Pera stirbt äußerst qualvoll. Das steigert Giorgios Gewicht innerhalb der Organisation. Dazu bringt Basile mit seinem Drogenhandel viel Geld in die Kasse.
Als im Oktober Giorgios Mutter stirbt, muss er sich bereits mit bewaffneten Leibwächtern auf der Trauerfeier bewegen. Ganz Corigliano erweist ihm Respekt, aber
Giorgio wittert Gefahr in dem Ort, in dem Le Pera Freunde hat. Er verbringt nun viel Zeit mit Lucia in der Toskana, wo er einen Kokainring aufgebaut hat.
Jeden Morgen, wenn er Lucia anschaut, weiß er, dass er es fast geschafft hat, den Aufstieg vom Gastarbeitersohn zum respektierten Clan-Mann, zum Kokainlieferanten der Reichen und Schönen. Er hat es schon weit gebracht, findet Giorgio. Er muss jetzt nur noch am Leben bleiben.
Aber im März 1994 werden Giorgio, Lucia und drei Komplizen, darunter ein korrupter Polizist, in Florenz verhaftet - wegen Drogenhandels und Mafia-Mitgliedschaft. Eineinhalb Jahre sitzt Giorgio in Untersuchungshaft. Weil die Ermittlungen bis dahin immer noch nicht abgeschlossen sind, kommt er am 10. September 1995 auf freien Fuß.
Kaum ist er zurück in Corigliano, erhält er den Auftrag, den Anti-Mafia-Staatsanwalt Salvatore Curcio in Catanzaro einzuschüchtern. "Verpass ihm einen Denkzettel, Engelsgesicht", sagt der Boss. Seltsamer Denkzettel: Giorgio Basile soll den Wagen des Staatsanwalts mit einer Panzerfaust beschießen. Doch der ganze Plan wird verraten.
Staatsanwalt Curcio ist alarmiert. Er lässt an einem einzigen Tag mehr als 200 Mafiosi einsperren, darunter Bosse des Carelli-Clans. Als Giorgio am 3. Januar 1996 in Corigliano Lucia heiratet, fotografieren Curcios Leute sämtliche Hochzeitsgäste, Giorgio Basile steht auf seiner Liste.
Das Vorpreschen der Ermittler belastet den Clan. Eine Gruppe unter der Führung eines Mannes namens Giuseppe Fabbricatore spaltet sich ab. Giorgio soll Fabbricatore beseitigen, und mehr: Der Clan beschließt die Parole "Terra bruciata" - verbrannte Erde. Das gesamte Umfeld Fabbricatores ist zum Abschuss freigegeben. Rein geschäftlich, versteht sich, das leuchtet Giorgio ein. Fabbricatore ist eine Gefahr für den Clan.
Giorgio und Tommaso Russo beginnen mit einem Vertrauten Fabbricatores, Giovanni Vitteritti. Sie töten ihn an einem abgelegenen Bahnhof mit mehreren Schüssen.
Es dauert noch Jahre, bis Killer den Abtrünnigen Fabbricatore selbst erwischen, aber die Strategie der verbrannten Erde zeigt schon vorher Wirkung. Corigliano gerät wieder fest in die Hand des Clans. Das Schutzgeldgeschäft floriert, Staatsanwalt Curcio hat zwar viele Gefangene, aber zu wenig Beweise. Nur Giorgio Basiles Helfer Russo erwischt es. Die Polizei hat an dem abgelegenen Bahnhof einen Zigarettenstummel mit seiner DNA gefunden. "Rauchen ist eben ungesund", sagt Staatsanwalt Curcio.
Als dann aber plötzlich Russos Frau verschwindet, wird Giorgio misstrauisch. Eine Anwältin warnt ihn: Der Mann habe die Seite gewechselt, er sei Kronzeuge geworden.
Zugleich entwickelt sich der alte Knastkumpan Mimmo zum Problem. Er betrügt Giorgio bei den Abrechnungen der Drogen. Der amtierende Clan-Chef Pietro Marinaro befiehlt seinen Tod. Giorgio lockt Mimmo im November 1997 nach Holland und erschießt ihn.
Doch diesmal ist etwas anders. Mimmo war sein Freund. Zum ersten Mal befallen den Killer Zweifel. Hätte es nicht andere Wege gegeben, Mimmo zur Ordnung zu rufen? Zudem spürt Giorgio den Druck der Ermittlungen. Viele Clan-Mitglieder sitzen im Gefängnis, sogar Oberboss Marinaro geht bald ins Netz. Giorgio befürchtet, dass er der Nächste sein könnte.
Er will nicht sterben, er will auch nicht einsitzen. Er hat nicht gegen die Regeln der 'Ndrangheta verstoßen und will nicht einem Machtkampf zum Opfer fallen. Er beschließt, sich mit Lucia und ihrer ein Jahr alten Tochter ganz in der Toskana niederzulassen. Er will weg von Corigliano, weg vom Clan, in aller Ruhe nur noch seinen eigenen Kokainring betreiben und das Leben mit seiner Familie genießen.
Die Geschäfte laufen gut. Der Nürnberger Ableger des Carelli-Clans ist ein regelmäßiger Abnehmer für die Drogen; dummerweise muss Giorgio Basile dafür ab und zu nach Deutschland.
Am 2. Mai 1998 nimmt er den Zug nach München, von dort fährt er weiter nach Kempten im Allgäu. Er will bei einem Landsmann 15 000 Mark abholen, die der ihm schuldet, ein Freund des Verräters Russo. Auf dem Kemptener Hauptbahnhof wird Giorgio festgenommen.
Schnell wird ihm die Ausweglosigkeit seiner Situation bewusst. Gemeinsam könnten ihn die Ankläger in Deutschland und Italien für Jahrzehnte im Knast verschwinden lassen: 30 Morde sind zu viel - auch wenn er nicht jedes Mal eigenhändig getötet hat. So oder so ist sein altes Leben zu Ende. Er würde Lucia so schnell nicht wiedersehen. Er vertraut auch dem Clan nicht mehr, und der Mord an Mimmo macht ihm zu schaffen, weil er nicht nötig war. Er hätte Mimmo in den Griff bekommen.
Es ist dieser besondere Moment, den Ernst Wirth, Mafia-Spezialist des bayerischen LKA, spürt, als er Basile vernimmt. Es gelingt dem Kommissar mit viel Einfühlungsvermögen und kriminalistischem Gespür, Giorgio zur Aussage zu überreden. Einige Wochen später präsentiert Wirth dem italienischen Kollegen Curcio einen Kronzeugen mit einem sehr präzisen Gedächtnis, dazu eine sehr dicke Akte.
Denn Giorgio Basile packt gegenüber den deutschen Behörden aus. Er erinnert sich an Namen, Zeiten und Orte, und noch besser: Er stellt Zusammenhänge her. In Italien werden seine Aussagen in den Jahren danach mehr als 50 Mafiosi hinter Gitter bringen. Mit Basiles Hilfe gelingt es Curcio, den Carelli-Clan vollständig zu zerschlagen.
Basile lebt jetzt als freier Mann irgendwo in Italien. Er kann seine Lucia jeden Tag sehen. Er hat einen neuen Namen, eine neue Vergangenheit, Curcios Beamte passen auf ihn auf. Er muss sich um seinen Lebensunterhalt nicht mehr sorgen, wohl aber um sein Leben.
Giorgio Basile wartet - auf einen jungen Mann, der so ist, wie er selbst einst war.
* In Corigliano Calabro 1993, Thurio 1997, Arcen 1997.
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 37/2005
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