12.09.2005

ZEITGEISTDer deutsche Hamlet

Die Linken gehen, die Konservativen kommen: Mit einem möglichen Machtwechsel gruppieren sich auch die Stichwortgeber der Politik neu. Von Matthias Matussek
Wie sollte man deutsche Schicksalswahlen erleben? Vielleicht ist diese Haltung nicht die schlechteste: In einem Klappliegestuhl drei Meter vor dem Fernseher, die Whiskyflasche griffbereit auf dem Boden, hoch über Ost-Berlin in einem Plattenbau am Tierpark in Friedrichsfelde.
Die Decke hat Risse.
Manchmal hört man das Brüllen der Löwen.
So ließ Heiner Müller die Volkskammerwahl 1990 vorbeiflimmern. Der Dramatiker war angeschlagen. Er zitierte Ernst Jünger, um sich aufzumöbeln. "Denn kein Glas Sekt war köstlicher als jenes, das man uns an die Maschinen reichte in der Nacht, da wir Sagund zu Asche brannten."
Schicksalshaft war die Wahl insofern, als sie ein bereits besiegeltes Schicksal absegnete. Der Kommunismus war mit dem Mauerfall abserviert, das war die Hauptsache, da kam es gar nicht darauf an, wer da nun im Einzelnen gewinnen würde.
Es war die CDU. Dass damals der politische Generationswechsel verpasst wurde und genau jene acht Jahre verstrichen, in denen die rot-grüne Experimentiergesellschaft hätte glänzen können, und dass sie, als sie dann endlich loslegte, konzeptionell und wirtschaftlich bereits bankrott war, sind Petitessen.
Heiner Müller kommentierte damals, 1990, in seinem Liegestuhl keine Wahl, sondern Geschichte. Es ging ihm nicht um Deutschland, sondern um die Welt. Und die sah er untergehen. Für ihn war der Kommunismus ja kein utopisches Projekt, sondern lediglich die Verlangsamung auf unserm Weg in die Katastrophe.
Nun sah Müller den Wegfall aller kommunistischen Bremsen, er sah die Zunahme des Tempos, die Überhitzung, das Verglühen. Man könnte sagen, dass der Linke Heiner Müller der letzte große Konservative war. Er begriff den Verlust der alten Welt als globales Verhängnis.
In jenen Tagen inszenierte er den "Hamlet". Die Aufführung begann im ewigen Eis, mit einer Übertragung von Stalins Beerdigung, und sie endete, Stunden später, in einem rötlichen Blaken, einer alles verschlingenden Weißglut. Vor Helsingör standen Fortinbras' Truppen. Es war eine Epocheninszenierung, auf dem Scheitelpunkt der Geschichte, die ihre Prophetien in grandiose Bilder fasste.
Mit Müller, dessen zehnter Todestag bevorsteht, ging der letzte Apokalyptiker von Format. Er fehlt heute, wo die Linke nur noch vom Kündigungsschutz redet und die Rechte von der Pendlerpauschale. Müller dagegen dachte planetarisch.
Es spricht vieles dafür, dass er recht hatte. Das Antlitz der Erde in diesen 15 Jahren hat sich mehr verändert als in den 50 Jahren zuvor: Terror, Klonen, Überalterung, soziale Zertrümmerungen, Hurrikane, neue Mächte, globale Zerstörungen.
Wo andere Nationen sich revolutionierten, wieder andere als neue Spieler in den Wettlauf um die Märkte eingriffen, wo neue Herrschaft begann und alte unterging, riegelte sich das vereinte Deutschland
ein wie Hamlets Sippe in Helsingör, und war vorwiegend mit dem Begleichen alter Rechnungen und mit zaudernden Helden beschäftigt.
Die "Wörter des Jahres" seit 1990 sind wie Stationsschilder auf dem Weg in dieses Dämmerreich: die neuen Bundesländer, Besserwessi, Politikverdrossenheit, Sozialabbau, Superwahljahr, Multimedia, Sparpaket, Reformstau, Rot-Grün, Millennium, Schwarzgeldaffäre, der 11. September, Teuro, das alte Europa, Hartz IV.
Jede Menge Verdrussvokabeln, jede Menge Niedergang. Große Theaterkunst, ein Staatsakt wie Müllers "Hamlet", ist dabei nicht mehr entstanden. Die Politik fummelte herum, und die Theater fummelten herum und zeigten überwiegend Radau und Nackte an ihren marginalisierten Spielorten, alles zum Gähnen gewöhnlich.
Kein Schrecken, keine atemberaubende Vision. Nichts, was zu fürchten, nichts, was zu bewundern wäre. Es ist ja beileibe nicht so, dass nur die Politik ideenlos war. Dabei hätte es doch große Themen gegeben. Der Weltuntergang zum Beispiel, oder die deutsche Nation. Was ist nur schief gelaufen?
*
Ein anderer Abend, fünfzehn Jahre später. Der Himmel ist weiterhin vernagelt, und die linke Bürgergesellschaft trifft sich im Hamburger Abaton-Kino. Sie wirkt irgendwie groggy, aber schließlich auch reformbereit.
Kandidaten aller Parteien wollen sich zur Diskussion stellen. Davor aber läuft eine Premiere. Der Film "Weltverbesserungsmaßnahmen" lockt schon durch seinen Titel - es gibt keine deutscheren Wörter als "Weltverbesserung" und "Maßnahme". Zusammengenommen sind sie unschlagbar.
Es geht nicht um die Verbesserung der Welt, sondern um die Deutschlands. Filmemacher Jörn Hintzer und Jakob Hüfner machen Vorschläge, um unserer Republik nach vorn zu helfen. Der Film ist ein surreales Manifest zur Lage der Nation im Schicksalsjahr 2005. Alle Vorschläge, die hier gemacht werden, sind daneben, sind Dada. Sie strotzen vor dämlicher Gutwilligkeit. Die Teilnehmer der "Ampel-AG" zum Beispiel, die das gemeinsame Anfahren vor Ampeln üben, um Zeit zu sparen. Die Devise: Dabei sein ist alles. Maulen kann schließlich je-
der, doch es kommt darauf an, dass wir anpacken!
Beispielhaft, wie hier das Problem der Einzelkind-Familie angegangen wird. Einzelkinder sind asozial, das weiß jeder. Also mietet man ihnen einen Leihbruder, irgendeinen arbeitslosen schwer vermittelbaren Akademiker, dem es Spaß macht, sich die schütteren Haare mit Nutella vollzukleckern. Klar gibt es ödipale Verwicklungen, wenn die Rangen zu Mama ins Bett kriechen, aber letztlich können wir jedes Problem lösen in Deutschland, wenn wir nur guten Willens sind.
Der Film karikiert den Veränderungsdiskurs, den unsere Republik seit zwei, drei Jahren in unerschöpflicher Begeisterung produziert. Die Deutschen befinden sich in diesen Wochen vor der Wahl im rasenden Stillstand. Sie glühen vor Reformeifer. Der Ruck ist buchstäblich in sie gefahren, und nun werden Ergebnisse besichtigt.
Etwa dieser Student, der als Ich-AG auf einem Parkplatz an der Karl-Marx-Allee zwischen trostlosen Wohnsilos Autos nach Farben sortiert, um das ästhetische Elend zu beheben. Was für eine zarte, surreale Geste in der niederschmetternden Großstadthässlichkeit.
Schließlich aber, Höhepunkt unseres Veränderungsheroismus, diese neuartige kostensparende Krankenversicherung, die ihre Mitglieder zu Ärzten ausbildet, auf dass sie sich den Blinddarm selber operieren. Letztes Flehen des Sohnes, letzte Zweifel des Vaters werden weggebürstet. Jetzt heißt es Zähne zusammenbeißen. Keine Schwäche zeigen. Den inneren Schweinehund bekämpfen.
Bei der anschließenden Diskussion mit den Parteikandidaten reden alle eifrig über die Kopfpauschale und darüber, wie das Steuerkonzept der CDU aussieht, aber keiner will wissen, ob der Junge im Film durchkommt. Alle sind schließlich Frontkämpfer der neuen Härte, auch wir im Parkett. Wir müssen Opfer bringen, das ist Konsens. Viele sympathisieren an diesem Abend murmelnd mit der FDP, obwohl deren Vertreter von unangenehmer Glätte ist.
Das Kino ist zum anarchistischen Einspruch geworden in diesen letzten Monaten:
Die Filmproduktionen des armen Deutschland sind vielseitiger, hintergründiger als die des fetten. "Die große Depression", "Muxmäuschenstill", das neue deutsche Kino ist bisweilen so engagiert und so skurril, wie es das britische der Vorwirtschaftswunderjahre war.
Im großen Ganzen aber ist die linke Kritik reaktionär geworden. Sie meldet sich mit der Besitzstandsrhetorik Lafontaines oder gar nicht.
Linke Visionen sind nicht mehr kulturstiftend, wahrscheinlich, weil sie sich zu oft revidieren mussten. Wen reißt heute noch der Internationalismus vom Hocker, wenn er um seinen Arbeitsplatz gegen die Globalisierung kämpft? Wer begeistert sich noch für Multikulti, wenn in den muslimischen Ghettos westlicher Großstädte Frauen verprügelt und Bomben gebastelt werden?
Ja, wem hängt nicht der hedonistische Selbstverwirklichungszirkus der Geschlechter zum Halse raus, wenn der nur noch zertrümmerte Familien, allein gelassene Kinder, soziale Verrohungen anrichtet? Die Welt, sagt Hamlet, ist aus den Fugen.
Ab und zu melden sich noch ein paar Strategen der linken Intelligenz. Sie melden sich nun kurz vor Ende der rot-grünen Ära mit einem beleidigten Türenknallen, und man erschrickt: Huch, waren die etwa die ganze Zeit noch im Zimmer?
Da ist etwa das neu belebte "Kursbuch" zur Wahl. Man liest sich zwei Absätze lang durch die abgedroschenen dialektischen Kalauer des Aufmacheraufsatzes, und dann ist man ermüdet, selbst wenn es weiter hinten ein wenig munterer zugeht.
Einige erinnern sich noch einmal melancholisch an ihren Zugang zur Macht, an die Leseabende mit dem Kanzler. Nun hat man den Eindruck: Rot-grüne Kultur war nie mehr als haarsträubende Nettigkeit und Ministerduzerei.
Eigentlich ist das Spiel für niemanden aufgegangen, weder für die Künstler noch für die Macht. Selbst Michael Naumann musste sein Kultur-Staatsministeramt bitter mit der Teilnahme an SPD-Ortsvereinssitzungen bezahlen.
In seltenen Fällen wie der Freundschaft von Brandt, Böll und Grass schaffte die Allianz aus Politik und Intelligenz einen Richtungswechsel. In den meisten anderen Fällen - wie peinlich damals der Besuch Kohls bei Ernst Jünger! - haben sie sich nichts zu sagen.
*
Ein letzter Abend vor der Wahl. Kanzler Schröder und Angela Merkel fummeln sich in ihrem TV-Duell durch Steuermodelle und Benzinpreise und Kirchhofs Streichlisten. Die Verbesserung Deutschlands: eine Rechenaufgabe.
Doch plötzlich wird die Bilanzprosa durchbrochen von lyrischer Leidenschaft, von Beteuerungen, von nationalen Appellen. Plötzlich geht es nicht um Rechnungen, sondern um Kinderlosigkeit, um Lebensentwürfe, um Staat und Revolution, und darum ging es wahrscheinlich schon lange, ohne dass es den Beteiligten klar geworden wäre.
Plötzlich lodert der Kulturkrieg.
Die "konservativen Sehnsüchte" (Jürgen Busche), die sich an die Gestalt Kirchhofs knüpfen, haben eine lange Vorgeschichte. Es sollte auffallen, dass es seit Heiner Müllers Aufforderung aus der Wendezeit, die Fress-Etage des KaDeWe zu plündern (SPIEGEL 43/1989), keine einzige linke Polemik gab, die haften geblieben wäre.
Die bemerkenswerten Provokationen waren vielmehr kulturkonservativer Natur und gegen den linken Mainstream gerichtet. Botho Strauß' Aufruf zur Askese im "Bocksgesang", Sloterdijks "Menschenpark", auch Walsers melancholisch-störrischer Abschied von der Gedenkkultur.
Ab und zu schlägt noch die linke "Pranger-Philologie" ("Süddeutsche Zeitung") durch, doch solche Anfälle sind selten geworden, und sie können den gewandelten Grundton im Selbstgespräch der Deutschen nicht mehr überdecken. In den Büchern und Interviews Paul Noltes, in den Einwürfen Jürgen Busches, in den Essays Joachim Fests, im neuen Buch des Verfassungsrichters Udo Di Fabio ("Die Kultur der Freiheit") spricht sich ein konservatives Bürgertum aus, ein neues Besinnen auf Familie, auf Kirche, auf Vaterland.
Nach den Dichtern haben sich die Soziologen und Historiker zu Stichwortgebern der Politik gemacht. In allen ihren Essays spielt die Nation eine große Rolle, so, als wolle man das Land, das nun den eisigen Stürmen der Globalisierung ausgesetzt werden soll, vorher warm einpacken. Historiker Hagen Schulze: "Aus der deutschen Einheit haben wir viel zu wenig gemacht" (siehe Seite 198).
Besonders das Letzte wird bestimmend werden, sollte es Angela Merkel tatsächlich gelingen, als erste Frau, als erste Ostdeutsche Kanzlerin zu werden. Sie selber macht klar, welchen Teil dieser Doppel-Identität sie für den bedeutenderen hält.
Als sie bei ihrem großen TV-Duell gefragt wurde, ob sie als Karrierefrau nicht ein Ergebnis rot-grüner Gesellschaftsveränderung sei, gab sie trocken zurück: "Nein. Ich bin ein Resultat der deutschen Einheit."
Was auch sonst? Berufstätigkeit und Mutterschaft war der Regelfall in der DDR. Das brauchte sie nicht zu lernen, das bringt sie ein. Das, und womöglich ein gewachsenes Misstrauen den Allmachtsphantasien eines übermächtigen Staates gegenüber.
Dieses Misstrauen hätte sie mit ihrem Landsmann Müller geteilt. Doch im Gegensatz zu Merkel hätte Müller nie versucht, Deutschland zu verbessern. Er hätte sich fern gehalten, in angemessenem Abstand zur Macht. Da denkt es sich besser, hätte er gesagt.
An jenem Abend 1990 spielte er mir das legendäre Radiostreitgespräch zwischen Gottfried Benn und Johannes R. Becher von 1930 noch einmal vor.
Becher wollte den Dichter als Kämpfer für eine bessere Welt, Benn sprach dagegen, resignativ, unbestechlich: "Die Unteren wollten immer hoch und die Oberen wollten nicht herunter, schaurige Welt, kapitalistische Welt, seit Ägypten den Weihrauchhandel monopolisierte."
Heiner Müller hielt zu Benn.
Er war Realist.
* Oben: Staatschef François Mitterrand, Kanzler Helmut Kohl (1993); Mitte: Durs Grünbein, Christina Weiss, Marcel Reich-Ranicki; unten: Hillary Clinton, Sandra Maischberger, Liz Mohn, Gro Harlem Brundtland.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 37/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGEIST:
Der deutsche Hamlet

  • Die Ü50-Mütter: Schwangerschaft statt Menopause
  • Filmstarts: Im Auftrag der Gerechtigkeit
  • Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt "Ode an die Freude"
  • Seltene Ultraschallaufnahmen: Zwillinge "boxen" im Mutterleib