11.02.1974

Juden in Amerika

1. Fortsetzung
Geld ist in einer kapitalistischen Demokratie wie den USA immer eine der Voraussetzungen für die Ausübung politischer Macht. Parteien, Kongreßabgeordnete, Senatoren, Gouverneure, Präsidenten finanzieren ihre Wahlkampagnen aus privaten Spenden. Und sie verpflichten sich den Stiftern.
Schon seit George Washingtons Zeiten reicht die politische Korruption bis ins Weiße Haus. Und alles vollzieht sich nach Spielregeln, die nicht von den Juden Amerikas, sondern bereits von "Wasps", den weißen angelsächsischen Protestanten, erfunden wurden.
Auch das Geld des amerikanischen Judentums spielt bei der Ausübung politischen Einflusses eine Rolle. Daß aber jüdische und zionistische Führer, zu Recht oder Unrecht, als Meister in der Nutzung der politischen Spielregeln gelten, hat wenig mit Geld zu tun. Man betrachtet es als Ergebnis des in Jahrhunderten der Verfolgung entwickelten Einfühlungsvermögens in wechselnde Situationen und der Notwendigkeit, sich zu behaupten oder unterzugehen.
Träger der jüdischen politischen (und gleichzeitig karitativen) Aktion sind be(c) 1974 Jürgen Thorwald
deutende, Amerika überspannende Organisationen. Ihre Namen sind Legion und für Außenstehende verwirrend. Sie entwickelten sich meist durch Zusammenschluß unzähliger kleiner Verbände, die amerikanisch-jüdischen Anliegen dienten und Fürsorge für notleidende Juden in der Welt betrieben.
Ein "American Jewish Council" wurde von dem Bankier Jacob Schiff 1906 in den Nachwehen der skandalösen Verurteilung des jüdischen Hauptmanns Dreyfus in Frankreich als Hilfsorganisation für bedrängte Juden gegründet. 1914, als der Erste Weltkrieg 600 000 Juden in Rußland entwurzelte, die zum Teil nach Deutschland flohen, entstand das stärkere "American Joint Distribution Committee".
Heute sind fast alle Organisationen mit dem Schicksal Israels befaßt. Umgekehrt kümmern sich israelische Institutionen um jüdische US-Bürger. So unterhält etwa die Jerusalemer "Jewish Agency" in New York die gewaltige Geldsammelzentrale "United Jewish Appeal" (nebst Ablegern im ganzen Land) oder der israelische Gewerkschaftsverband "Histadrut" die amerikanische Filial-Aktion "Israel Histadrut Campaigns".
Ganz besondere Bedeutung fällt dabei dem "American Israel Public Affairs Committee" (AIPAC) unter der Führung des 68jährigen Isaiah Kenen zu, der Verbindung zu allen wichtigen Persönlichkeiten in Regierung, Senat und Kongreß unterhält. Es ist die Israel-Lobby in Washington. Durch einen Beirat, der sich aus den Präsidenten aller wichtigen jüdischen Organisationen zusammensetzt, ist Kenen imstande. alle Organisationen notfalls gleichzeitig in Aktion treten zu lassen.
Teil ihrer Aufgabe ist es, mit den modernsten technischen und psychologischen Methoden Geld zusammenzutragen, und zwar nicht nur unter jüdischen, sondern auch nichtjüdischen Amerikanern, mit denen Geschäftsverbindungen bestehen. Arabische Mahnungen an nichtjüdische US-Geschäftsleute, "sich nicht durch die Drohung mit dem Abbruch der Geschäftsbeziehungen zugunsten von Israel erpressen zu lassen", waren lange an der Tagesordnung. Die große Erpressung mit dem Öl hat sie leiser gemacht.
In erheblichem Maße sind echte Sympathien der Nichtjuden im Spiel. Bei der Sammlung spielen allerdings die US-Finanzgesetze, die Spenden für Wohltätigkeit, wirtschaftliche Unterstützung, Kultur etc. bis zu 50 Prozent des Einkommens steuerfrei machen, eine wesentliche und umstrittene Rolle. Nicht nur Araber argumentieren, daß die Errichtung von Schulen, Krankenhäusern oder Wohnquartieren in Israel mit Hilfe solcher Spenden das israelische Budget entlaste und so höhere Rüstungsausgaben ermögliche.
Präsidentenwahlen: Juden als Zünglein an der Waage.
Hauptträger der Geldsammlung und des Verkaufs von Israel-Anleihen (Bonds) sind Zehntausende von Veranstaltungen mit Vorträgen jüdischer und nichtjüdischer Persönlichkeiten, vor allem die in Amerika üblichen Dinners, bei denen ein Gedeck 1000 Dollar kosten kann. Sie dienen aber gleichzeitig der Diskussion oder Propagierung jüdisch-israelischer
Probleme. Ein "Jewish Welfare Board Lecture Bureau" vermittelt den Interessenten die Redner.
Natürlich erweckt die Israel-Lobby in Europa am stärksten den Eindruck einer beherrschenden jüdischen Mafia in Washington. Aber nur der Vergleich mit anderen Lobbies zeigt die echten Dimensionen.
Es ist dazu nicht nötig, die weniger im Scheinwerferlicht stehende Lobby-Maschinerie von Autoindustrie, Öl- oder Landwirtschaft ins Auge zu fassen. Beobachter weisen auf die Lobby der AMA (American Medical Association) hin. Mit Jahresetats von über 30 Millionen Dollar vertritt sie die stark finanziellen Interessen von 160 000 US-Ärzten und blockiert die Entwicklung einer sozialen Krankenversicherung seit Jahrzehnten.
Diese Lobby unterscheidet sich von der jüdischen nicht in Methodik und Einflußmöglichkeit, dafür um so klarer in ihrem kapitalistischen Ziel. Auf jüdischer Seite steht ihr nach Meinung vieler ein eher vertretbares Ziel gegenüber: der Kampf um das Schicksal von Menschen.
Der Hauptteil jüdischer Wählerstimmen konzentriert sich in Gebieten, die besonders bei Präsidentenwahlen das Zünglein an der Waage sein können, und bietet daher eine andere Einflußmöglichkeit. Das gilt vor allem für den Staat New York (mit 2 535 870 jüdischen Bürgern gegenüber 18 391 000 nichtjüdischen -- also mehr als 13 Prozent), für Kalifornien (721 045 gegenüber 20 223 000) und Pennsylvama (471 930 gegenüber 11 978 000).
Die Bedeutung solcher Wählerkonzentration wird durch einen Wahleifer erhöht, der weit über dem amerikanischen Durchschnitt liegt. Sie wird auch kaum dadurch verringert, daß die Juden Amerikas nicht als "Block", sondern meist als politisch denkende Einzelne wählen.
Schließlich liefern jüdisch beeinflußte Newsmedien wie Fernsehen und Radio Möglichkeiten für eine Einwirkung auf die öffentliche Meinung, die anderen Minderheiten nicht oder nur in weit geringerem Maße zur Verfügung stehen. Hier kommt aber cm besonderes Phänomen ins Spiel. Es ist die simple, aber bedeutsame Tatsache, daß die meisten jüdischen Anliegen mit allgemeinen demokratisch-liberalen Anliegen Amerikas übereinstimmen. Das macht die überwiegende Masse nichtjüdischer liberaler Persönlichkeiten in den Medien zu natürlichen und dauerhaften Verbündeten.
Die vergilbten Bilder Franklin Roosevelts, des liberal-demokratischen Repräsentanten des "New Deal" von 1933, hängen heute noch in den Wohnzimmern älterer Juden in Brownsville (Brooklyn) ebenso wie in New Orleans mit seinen nur 10 500 jüdischen Einwohnern. Die sozialistischen Züge des New Deal haben Roosevelt auf doppelte Weise zu einem Helden des amerikanischen Judentums gemacht. Im New Deal fanden jüdische Sozialisten und sozial-liberale Intellektuelle zum erstenmal ein Betätigungsfeld. Anna Rosenberg, Spezialistin für Sozialversicherung, oder David Lilienthal, der Gründer des Gemeinschaftswerks der Tennessee-Tal-Kraftwerke, sind nur zwei Beispiele.
Gleichzeitig aber rettete Roosevelt Hunderttausende bürgerliche Juden vor dem Untergang in der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre. Dies hat die Masse des US-Judentums zu Anhängern der Demokratischen Partei gemacht. Sie sind es bis heute geblieben -- trotz mancher Ärgernisse.
Tatsächlich ist der demokratische Liberalismus auch heute das politische Wertzeichen der meisten Juden. Nur eine liberale pluralistische US-Gesellschaft sichert den Juden eine Freiheit und eine Sicherheit, die ihnen in keinem anderen Land der Welt jemals zuteil geworden ist.
Viele und vor allem ihre studierenden Söhne waren Vorkämpfer der "Civil Rights"-Bewegung, der Gleichberechtigung für die schwarze Minderheit, auch wenn die Praxis der Bürgerrechte für Juden im Norden oft anders aussah als für die jüdischen Minderheiten in den einstigen Sklavenstaaten des Südens.
Die "Black Panthers", die einen lauten Antizionismus predigten, bereiteten dem Judentum allerdings einige Enttäuschung. Aber die Mehrzahl nimmt einen solchen Preis für die Liberalität in Kauf. Rund 70 Prozent wandten sich auch gegen die amerikanische Kriegführung in Vietnam. Präsident Johnson versuchte 1966 vergeblich, jüdische Anti-Vietnam-Stimmen in einer Konferenz mit jüdischen Führern zum Schweigen zu bringen, indem er mit dem Entzug der ohnedies ständig schwankenden Unterstützung für Israel drohte.
Balfour-Erklärung 1917: Die Juden haben Anspruch auf Palästina.
Kaum jemand sah dabei voraus, daß genau diese Haltung zu einer jüdischen Seelenspaltung in der Frage führen mußte, welche die Mehrheit des Judentums in diesen Monaten bewegt: Israel.
Die Juden Amerikas haben sich erst spät den Träumen Herzls vom Judenstaat in Palästina zugewandt. Jacob Schiff wollte nichts davon wissen, obwohl er ernsthaft überzeugt war, von König Salomon abzustammen. Auch die kuriose Idee des Schriftstellers Israel Zwangwill, Teile von Texas und Oklahoma für einen Judenstaat aufzukaufen, fand bei Schiff keine Gnade.
Zum ersten Zionisten- Kongreß von 1897 in Basel erschien ein einziger Delegierter aus den USA. Frühe zionistische Klubs (darunter Zweige der Arbeiterbewegung "Poale Zion") und zionistische Abgesandte aus Europa fanden fast nur unter den Juden der New Yorker East Side, der Chicagoer Lower West Side und ähnlich ärmlichen Wohnvierteln anderer amerikanischer Städte Anklang. Sie wußten noch, was Pogrome waren. Also wünschten sie den Glaubensgenossen, die nicht nach USA kommen konnten oder wollten, ihren Staat.
Eine "Zionist Federation", aus der dann die größere "Zionist Organization of America" (ZOA) wurde, trug noch ausgesprochenen "East Side Charakter", auch wenn der erste Präsident, Richard Gottheil, Professor an der Columbia-Universität war, und der erste Sekretär Stephen S. Wise als Rabbiner am vornehmen Tempel Emanuel vor der deutsch-jüdischen "Schiff- Elite" gewirkt hatte.
Aus den ostjüdischen Vierteln reisten auch Gruppen von Pionier-Zionisten. darunter Golda Meir mit ihrem nichtzionistischen Mann Morris Myerson nach Palästina. Der Golda-Meir-Biographin Marie Syrkin zufolge bekannte er: "Die Idee von einem Palästina als jüdischem Territorium ist für mich lächerlich."
Erst nach 1910 gewann die Idee Anhänger. Bundesrichter Louis Brandeis wandte sich nach Begegnungen mit dem Zionisten Jakob de Haas dem Zionismus zu und prägte den Satz: "Um gute Amerikaner zu sein, müssen wir bessere luden sein, und um bessere Juden zu sein, müssen wir Zionisten werden."
Europa als finanzstarkes Zentrum des Zionismus wurde durch den Ersten Weltkrieg mehr oder weniger ausgeschaltet. Noch hielt Chaim Weizmann. seit 1904 Biochemie-Professor in Manchester, als "Visionär des Judenstaates" die Führung in der Hand. Er bewog den britischen Außenminister Arthur Balfour 1917 zu dem als "Balfour Erklärung" berühmten Brief an Lord Rothschild, wonach England die Gründung einer "jüdischen Heimat" in Palästina mit Wohlwollen betrachte -- mit der Einschränkung: sofern sie nicht die Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften beeinträchtige.
Aber für den Amerikaner Brandeis war Weizmann kein Tatmensch, der die Realisierung seines Traumes herbeiführen konnte. Schon bei der Überwindung der Londoner Widerstände gegen die Balfour-Deklaration gewannen die Zionisten aus den USA an Bedeutung.
Wise besaß gute Beziehungen zu Präsident Woodrow Wilson, der sich -- wie Wise nach London berichtete -- zustimmend zu einer jüdischen Heimat in Palästina äußerte. Wilson, der Calvinist und Weltverbesserer, liebte es, für die Juden den "Arm der Vorsehung" zu spielen, ohne projüdisch zu sein.
Auch während der Friedensverhandlungen in Paris von 1919 trat eine amerikanische Zionisten-Delegation hervor. Im Auftrag der mittlerweile von Wise begründeten Organisation "Jewish Congress" unterstützte sie zionistische Forderungen.
Vor allem ging es darum, daß die in der Balfour- Erklärung niedergelegten "historisch begründeten Ansprüche des jüdischen Volkes in bezug auf Palästina" in den Auftrag des frisch gegründeten "Völkerbundes" an England, Palästina als britisches Mandat zu verwalten, aufgenommen wurden. Erst dadurch gewann die durchsichtige Erklärung völkerrechtlichen Wert.
Auf dem Zionisten-Kongreß 1921 in Cleveland kam es zum Aufeinanderprall zwischen Weizmann und Brandeis, der sich mit amerikanischem Tatsachensinn klar darüber war, daß zum Aufbau eines Judenstaates nicht nur Visionen gehörten, sondern daß man dazu Dinge brauchte, die sich "in Kontobüchern niederschlugen".
Außerdem trugen er und seine Nachfolger neue Elemente in den Zionismus hinein. Als amerikanische Juden fühlten sie sich, trotz antisemitischer Strömungen, niemals bedroht, wie die Juden in Osteuropa. Sie fühlten sich auch nicht in der "Galut". der Verbannung von der historischen Heimat. Sie sahen im Judenstaat keine Heimat für alle Juden der Welt, sondern nur eine Zufluchtstätte für die wirklich Bedrängten. Ben-Gurion nistet zum Kampf gegen die Araber.
Erst die Judenvernichtung in Europa machte die Mehrzahl der amerikanischen Juden allmählich zu Förderern oder Verfechtern des heutigen Staates Israel. Leonard Slater, jüdischer US-Schriftsteller, formulierte 1970 in seinem Buch "The Pledge" (Das Versprechen>; "Tausende amerikanischer Juden, die nie zuvor am Zionismus interessiert gewesen waren, wurden durch die Nazi-Grausamkeiten so schockiert. daß sie zum erstenmal der Idee von einer jüdischen Heimat in Palästina Beachtung schenkten."
Zahlen sind aufschlußreich. Von 1920 bis 1948 (in 28 Jahren) flossen aus jüdisch- amerikanischen Spenden ganze 100 Millionen Dollar an die "Jewish Agency" in Jerusalem. Zwischen 1948 und 1967 dagegen (in 19 Jahren) waren es 1,3 Milliarden.
Noch als Ben-Gurion -- damals Exekutiv-Direktor der "Jewish Agency", welche die Ansiedlung in Palästina leitete -- im Juni 1945 nach den USA reiste, um Geld für Waffenkäufe für die von ihm mit kaltem Realitätssinn erwartete gewaltsame Auseinandersetzung mit den Arabern aufzutreiben, fand er verschlossene Türen.
Slater meint dazu: "Das jüdische Establishment der USA war bereit, alles Nötige aufzubringen, um die Flüchtlinge zu ernähren, aber keine Sympathien für das, was Ben-Gurion voraussah. Sie waren amerikanische Bürger und nicht bereit, Aktionen auch nur zu erwägen, die ihre hart erkämpften Positionen in der amerikanischen Gesellschaft gefährden konnten."
Nur bei Rudolf 0. Sonneborn, einem 47jährigen Petroleum-Industriellen aus Baltimore. Zionist und Brandeis-Vertrauter, fand Ben-Gurion Gehör. In Sonneborns New Yorker Penthouse East 75th Street trafen sich am 1. Juli insgeheim 17 wohlhabende Anwälte und Geschäftsleute, um sich Ben-Gurions Appelle anzuhören. "Welches Recht habt ihr, ein neues Getto zu gründen?"
Bald entstand ein "Sonneborn-Institut", zuerst im Hotel "Astor", dann im "McAlpin". das regelmäßig begüterte Juden einlud, um ihnen über die wachsende Abwehr der Araber gegen die jüdische Einwanderung in das britische Palästina-Mandat, über die Möglichkeit eines offenen Kampfes und die Notwendigkeit von Waffenkäufen zu berichten. Bis zum Jahresende 1946 wurden auf diese Weise eine Million Dollar zusammengebracht.
Gleichzeitig entwickelte sich in Amerika eine zionistische Untergrundorganisation, die sich aus palästinensischen und amerikanischen Juden rekrutierte. In ständiger Verbindung mit Ben-Gurion begannen Zionisten wie Jakob Dostrowsky (später erster Direktor der technischen Hochschule "Technion" in Haifa) und Teddy Kollek (nach 1965 Bürgermeister von Jerusalem) von obskuren Quartieren im Hotel "Fourteen" und in der 112th Street aus mit dem Kauf von Waffen.
Die USA verschleuderten in ihrem naiven Glauben an einen Weltfrieden ihre Rüstungsbestände. Im Pazifik wurden Tausende von Jeeps einfach ins Meer gekippt. Versandkataloge boten MGs und Panzerabwehr-Geschütze an. Das FBI wachte allerdings darüber, daß keine Waffen exportiert wurden. Zwischen dem Haus des jüdischen Anwalts Reuben Gross in West New Brighton und Tel Aviv entstand eine geheime Funkverbindung, die später vom FBI aufgespürt wurde.
Mit wieviel Vorbehalt die zionistischen Ziele noch akzeptiert wurden, zeigt ein Ausspruch des jüdischen Inhabers des Hotels "Fourteen": "Welches Recht habt ihr, das Gesicht der Welt zu ändern, indem ihr ein neues Getto gründet?"
Die Waffenkäufer hatten rasch Erfolg: Sie erhandelten 28 000 Stahlhelme hier, TNT-Sprengstoff dort, 128 Fässer als Düngemittel getarntes Schießpulver hier und Bazookas dort. Sie kauften viermotorige B-17-Bomber (20 000 Dollar das Stück), C-46- und "Constellation"-Transporter und den Geleit-Flugzeugträger "Attu", der für ganze 125 000 Dollar in Norfolk/Virginia zu haben war.
In der Bronx, im New Yorker Hafen und in Jersey City wurden getarnte Lagerhäuser gemietet und Tarnfirmen wie "Carribian Atlantic Steamship Company" oder "Lineas Aereas de Panama" gegründet, um Waffen, Maschinen und Flugzeuge aus den USA herauszuschaffen und zunächst nach Italien oder Frankreich in "Wartestellung" zu bringen. Der Staatspräsident von Nicaragua. Somoza, kassierte 200 000 Dollar dafür, daß er sich als Waffenkäufer vorschieben ließ.
Golda Meir gegen Amerikas "Edel-Zionisten".
Unter dem Decknamen "Land and Labour for Palestine" entstand eine Anwerbestelle für jüdisch-amerikanische Offiziere des Zweiten Weltkrieges. Der Leiter Aron ging dabei nach dem US-Register für Reservisten vor und wandte sich an alle, deren Namen jüdisch klangen. Wer sich zum Dienst bereitfand, erhielt falsche Pässe, weil die Vereinigten Staaten den Dienst in fremden Armeen verboten.
Ein großer Teil der Waffenkäufe wurde vom FRI entdeckt. Die "Attu" kam nicht von ihrem Liegeplatz weg. Im Januar 1948 erbeutete das FBI eine Ladung TNT, als beim Transport auf das Schiff "Execution" eine Kiste zerbarst. Jüdisch-amerikanische Flieger wurden wegen der Überführung von Flugzeugen nach Palästina vor US-Gerichte gestellt.
Die Geldeingänge durch das Sonneborn-Institut reichten aber nicht aus. Im Januar 1948, als die jüdische Waffenausrüstung derjenigen der arabischen Seite immer noch weit unterlegen war, kehrte der Schatzmeister der "Jewish Agency", Eliezer Kaplan, von einer Amerika-Reise zurück und berichtete, aus den USA seien nicht mehr als fünf bis sieben Millionen Dollar zu erwarten. Das wohlhabende bürgerliche Judentum sei durch die radikalen Ansichten zionistischer Gruppen schockiert oder ermüdet. Es mißfiel, daß gleichzeitig Vertreter Ben-Gurions und Beauftragte der Terrororganisation "Irgun" für Waffenkäufe sammelten.
Die Kämpfe mit den Arabern hatten schon begonnen, da flog Golda Meir nach Chicago, um an den dort tagenden amerikanischen "Council of Jewish Agencies" einen persönlichen Appell um Hilfe zu richten. Der Council war nichtzionistisch, zumindest aber reserviert. Washington hatte seit der Jahreswende 1947/48 ein Waffenausfuhrverbot für den Nahen Osten verhängt.
Der amerikanische Vertreter der "Jewish Agency", Henry Proctor, hielt es für wenig sinnvoll, die in Chicago Versammelten anzusprechen. Nur entschlossene Zionisten, insbesondere der 1893 aus Litauen eingewanderte silberhaarige Reform-Rabbiner und feurige Kanzelredner Abba Hillel Silver aus Cleveland, traten für das Vorhaben ein. In Begleitung von Roosevelts ehemaligem Finanzminister Henry Morgenthau trat Golda Meir eine Vortragsreise an, die von Chicago bis nach Palm Beach führte.
Sie fand, wenn sie an Palästina und Europa dachte, den Reichtum erdrückend und entwickelte Ressentiments gegen die -- wie sie sich ausdrückte -- "Edel-Zionisten", die nicht daran dachten, in Israel zu siedeln und zu kämpfen.
1951 äußerte sie: "Wenn wenigstens zehn amerikanische Zionistenführer am
* US-Zöllner in New Jersey requirieren Sprengmaterial, das illegal nach Palästina exportiert werden sollte: Januar 1948.
Tage nach der Staatsgründung (14. Mai 1948) gepackt und in Israel gesiedelt hätten, könnte man sagen, daß sie die Bedeutung Israels verstünden ..." Die Masse der amerikanischen Juden nannte sie "lauwarm", fügte aber hinzu: "Ich halte sie noch nicht für verloren."
Doch 1948 gelang es Golda Meir, die Lage der überlebenden Juden Europas, die antijüdische Haltung der britischen Mandatsverwaltung in Palästina und die akute Bedrohung der existierenden jüdischen Siedlungen so überzeugend darzustellen, daß die "Jewish Agency" bis zum April den damals ungeheuren Betrag von 50 Millionen Dollar aus den USA einnahm.
50 Millionen Dollar -- das war das Dreifache der Einnahmen, die Saudi-Arabien damals aus seinen Ölquellen bezog. Und niemand konnte voraussehen, daß 25 Jahre später im Jom-Kippur-Krieg die jüdische Bevölkerung Amerikas binnen weniger Monate 500 Millionen Dollar für Israel aufbringen oder an Bonds erwerben würde, daß aber die Öleinnahmen Saudi-Arabiens nun (vor der Öl-Krise und den Preiserhöhungen) die Höhe von 2,2 Milliarden Dollar erreichten.
So wurde 1948 die Finanzierung der geheimen Waffenkäufe gesichert. Trotz des FBI gelangten viele Schiffe mit ihrer Fracht nach Palästina. B-17-Bomber und Transportflugzeuge kamen nach dramatischen Flügen über Mexiko, Natal, Labrador oder Grönland auf verlassene Weltkriegs-Flugplätze in Italien und von dort später nach Palästina.
Einige erreichten die Tschechoslowakei, wo Beauftragte Ben-Gurions wie Ehud Avriel inzwischen deutsche Jagdflugzeuge des Typs Me 109, die von den Tschechen weitergebaut worden waren, zum Preis von 155 000 Dollar pro Stück, ferner Maschinengewehre und Munition erwarben.
Die Sowjet-Union, die für ihr kommmendes Vordringen nach Nahost noch insgeheim auf Israel als sozialistisches Land und nicht auf die arabischen Königreiche setzte, schob die Tschechoslowakei als Waffenlieferantin vor. Eine "Constellation" brachte die erste zerlegte Me 109 am 26. Mai 1948 auf einen von den Engländern geräumten Flugplatz in Palästina. Insgesamt gelangten auf diesem Weg 60 amerikanische und 78 tschechoslowakische Maschinen nach Palästina.
Sie kamen gerade noch zurecht, um die Kämpfe bis 1949 zugunsten der jüdischen Seite zu wenden. Die Aktion gilt als der entscheidende Beitrag amerikanischer Juden zur Bewaffnung Israels in der Phase seiner Geburt.
Die Amerikaner, von denen nur wenige daran dachten, ihre US-Heimat aufzugeben (von 1948 bis 1952 waren es nach vorliegenden Unterlagen nur 3700 bis 4000), blieben für die Israel-Pioniere Menschen, die sich durch Geld von der Verpflichtung zur Besiedelung Palästinas loskaufen wollten. Es dauerte einige Zeit, bis sie die realistischen Worte des heutigen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann, akzeptierten: "Die Juden, die außerhalb Israels leben, sind die große Reservearmee. Wenn die Reservearmee eines Tages Israel im Stich lassen würde, sehe ich für das Land keine Zukunft mehr."
Der Sechs-Tage-Krieg von 1967 lieferte schließlich den Schlußstein zu der Entwicklung einer tiefen inneren Beziehung des US-Judentums zu Israel. Die zionistischen Organisationen spielen zwar nach wie vor eine werbende, fordernde Rolle. Aber für die Mehrheit des US-Judentums wurde Israel zum Symbol eines so lange entbehrten eigenen Heimatlandes, auch wenn es mehr metaphysische als praktische Bedeutung besitzt
Niemals wurde diese innere Beziehung deutlicher als in den ersten bedrohlichen Wochen des Jom-Kippur-Krieges 1973. Das unvergessene Auschwitz-Trauma stand in voller Größe auf. Es gab nur noch einen Gedanken: Israel durch erhöhte Spenden beizustehen und allen Einfluß aufzubieten, damit Washington seine volle Macht für die Erhaltung Israels einsetzt.
Mehr noch als durch die 500 Millionen Dollar, die seit Beginn des Oktoberkrieges für Israel aufgebracht wurden (eine gewaltige Summe, verglichen mit den 2,2 Milliarden Dollar Israel-Waffenhilfe, die US-Kongreß und Senat im Dezember 1973 bewilligten), dokumentierte sich die innere Beziehung durch zahllose Einzelereignisse: Wenigbemittelte stifteten die Ersparnisse eines ganzen Lebens. junge Juden beliehen ihre Autos, um die geborgten Beträge Israel zur Verfügung zu stellen, Frauen nähten Winterwäsche für Soldaten auf den Golan-Hohen.
Die Bemühungen um den Einsatz Washingtons für Israel berühren gleichzeitig den Kern einer entscheidenden Frage: Wie stark ist wirklich der Einfluß des US-Judentums auf die Außenpolitik der USA?
"Die armen Tröpfe denken, wir täten etwas für sie."
lm Dezember 1970 hat Earl Raab in einem Essay seine jüdischen Mitbürger davor gewarnt, die Anstrengungen von Komitees und Lobbies mit echter Macht zu verwechseln: "Die Einstellung der jüdisch-amerikanischen Gemeinde übt, so sehr sie auch zu pressen versucht, nur insoweit Einfluß auf die amerikanische Außenpolitik aus, als damit keine entscheidenden Abweichungen von den auch sonst verfolgten Interessen der Vereinigten Staaten verbunden sind." Er hätte ergänzen können: soweit sie dem gerade bestimmenden Trend der amerikanischen öffentlichen Meinung und den Neigungen des Präsidenten entspricht, auf jeden Fall aber nicht widerspricht.
1902 beispielsweise erreichte die Verfolgung der Juden in Rumänien einen Höhepunkt: jüdische Persönlichkeiten baten Präsident Theodore Roosevelt um Protestschritte in Bukarest. Roosevelt versprach Abhilfe. Aber sie bestand in wirkungslosen Schreiben seines Außenministers Hay an die Unterzeichner der Berliner Verträge von 1878, die den Juden in Rumänien bestimmte Rechte zugesichert hatten. Hay äußerte privat: "Die Hebräer, die armen Tröpfe, denken jetzt überall im Land, wir täten etwas Energisches für sie."
1906 verletzte das zaristische Rußland das Paßabkommen mit den USA. Amerikanische Bürger russisch-jüdischer Abstammung, die ihre Verwandten in Rußland besuchten, wurden wie russische Juden behandelt und -sogar verhaftet.
US-Außenminister Root nahm die Bitte des "American Jewish Committee" um Intervention entgegen. Der Regierung in St. Petersburg aber teilte er lediglich mit, man werde keine Pässe mehr für amerikanische Juden ausstellen, sofern nicht die russische Zustimmung vorliege, daß man sie als Amerikaner behandeln werde. Er traf damit die Juden, aber nicht die zaristische Regierung, die keinen Wert auf jüdische Besucher legte.
1911 beschwerten sich Schiff und Louis Marshall bei Präsident Taft. Der wies sie ab und erzählte ihnen einiges über die Wichtigkeit eines 60-Millionen-Dollar-Exports, darunter von Singer-Nähmaschinen, nach Rußland. Schiff erwiderte: "Herr Präsident, man hat uns getäuscht, und wir müssen die Sache jetzt dem amerikanischen Volk vortragen."
Dann exerzierte Marshall eine gesteuerte Briefkampagne. Broschüren erschienen, in denen darauf hingewiesen wurde, daß Rußland durch Mißachtung der Pässe jüdisch-amerikanischer Bürger alle US-Bürger beleidige. Am 17. Dezember kündigte Taft das alte Paßabkommen.
Die Amerikaner interessierten sich schwerlich für das Schicksal der Juden im fernen Rumänien (wo lag das überhaupt?). Hier aber fühlte sich jeder freie Amerikaner durch den Zaren mißachtet und mit den jüdischen Mitbürgern identisch.
Die meisten der noch lebenden jüdischen Verehrer Franklin Roosevelts sind sich kaum bewußt, daß er zwar Hitler-Deutschland, den erbarmungslosesten Feind des Judentums, besiegte, aber wenig Wirksames zugunsten der verfolgten Juden unternahm.
Als die Judenverfolgung in Deutschland unübersehbar deutlich wurde, erhielt Roosevelt Gesuche und Bitten jüdischer Führer und Komitees, er solle intervenieren, auf jeden Fall aber die seit 1924 bestehenden Einwanderungsbeschränkungen zugunsten verfolgter Juden beseitigen.
Doch die Mehrheit der Amerikaner war noch nicht bereit, sich in europäische Auseinandersetzungen verwickeln zu lassen. Roosevelt konnte, abgesehen von einigen wirkungslosen Protesten seines Berliner Botschafters Dodd im Jahr 1933 und der Abberufung des Dodd-Nachfolgers Wilson im Winter 1938, wenig unternehmen.
Noch weniger entsprach es Roosevelts weltpolitischen Interessen, in der Sowjet-Union zu intervenieren, als Stalin 350 000 polnische Juden, die 1939/40 bei der damaligen Teilung Polens zwischen ihm und Hitler in sowjetische Hand fielen, in die wilden persischen Grenzgebiete transportieren ließ. Dort starben sie zu Tausenden an Hunger und Kälte.
Briten versperren den Juden den Weg nach Palästina.
Genausowenig war Roosevelt imstande, die amerikanischen Einwanderungsquoten für jüdische Flüchtlinge nach 1937 ausweiten zu lassen, als zum Beispiel die Quoten für Emigranten aus Deutschland nicht mehr ausreichten. Nach praktisch fruchtlosen Unternehmen wie der Internationalen Flüchtlingskonferenz von 1937 kam es erst 1943, als die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas für die breite amerikanische Öffentlichkeit deutlicher wurde, zu einer "Bermuda Conference on Refugees".
Aber noch in den ersten acht Monaten des Jahres 1946 erlaubten die USA lediglich 4767 Juden die Einwanderung. Und der US-Kongreß, der über Einwanderungserleichterungen entscheiden sollte, gab die Vorlagen an den zuständigen Ausschuß zurück.
Damals hatten mehr als 300 000 Juden das große Massaker überlebt -- von den 3 300 000 polnischen waren kaum 74 000, von den 356 000 tschechischen nur 14 000 und von den 156 000 holländischen kaum 20 000 verschont geblieben. Sie warteten in den Lagern Mitteleuropas darauf, aus einer Umgebung herauszukommen, vor der sie sich fürchteten.
Die britischen Mandatstruppen in Palästina versperrten ihnen den Weg ins gelobte Land, um die Araber, deren wachsender Nationalismus sich gegen die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung richtete, nicht zu reizen und die britischen Interessen im Nahen Osten nicht weiter zu gefährden.
Als Roosevelt am 12. April 1945 starb und Vizepräsident Harry Truman sein Amt übernahm, warnte ihn das Außenministerium davor, daß Führer des amerikanischen Zionismus von ihm amerikanischen Druck auf England fordern würden. Es schlug vor, Roosevelts Kurs in dieser Frage beizubehalten.
Roosevelt hatte zwar seine "Sympathien für gewisse jüdische Ziele zum Ausdruck gebracht", gleichzeitig aber arabischen Politikern versichert, daß es "nach Ansicht der amerikanischen Regierung keine Entscheidung über Änderungen in Palästina geben dürfe ohne volle Konsultation mit den Arabern".
Noch aus den Tagen vor seinem Tode existiert eine Mitteilung an König Ibn Saud, er werde "in bezug auf Palästina keine feindselige Bewegung gegen die Araber unternehmen und die Juden nicht gegen die Araber unterstützen". Alle Bemühungen jüdischer Verbände konnten nicht verhindern. daß Roosevelt alles unterließ, was das Bündnis mit England und die Notwendigkeit, die arabischen Gebiete wenigstens für die Kriegsdauer ruhigzuhalten, hätte gefährden können.
Ein anderes Beispiel liefert der 1944 entstandene Morgenthau-Plan für die Behandlung Deutschlands nach dem Kriege. Nichts hat die nationalsozialistische Propaganda über die Macht des US-Judentums mehr gestützt als die Veröffentlichung von Einzelheiten des Planes in der amerikanischen Presse.
Darin war die Zerstückelung West- und Mitteldeutschlands vorgesehen, auch die Vernichtung der Ruhr-Industrie einschließlich sämtlicher Bergwerke und die Verwandlung der Deutschen in ein von Hungersnot bedrohtes Agrarvolk. Das lieferte Propagandaminister Goebbels alle nötigen Argumente, um die Deutschen vor die Wahl zu stellen, zugrundezugehen oder bis zum letzten zu kämpfen. Der Deutschlandsender kommentierte: "Der Jude Morgenthau singt dasselbe Lied wie die Juden im Kreml."
Dabei wurde natürlich übersehen, daß Morgenthau legitime Gründe für Rachegedanken gegenüber Deutschland hatte. Und für die deutsche Kriegsgeneration, deren Führer Pläne zur Versklavung der Bevölkerung riesiger polnischer und sowjetischer Gebiete in Angriff nahmen, besteht keine Berechtigung zu moralischer Kritik.
Der Morgenthau-Plan -- "Produkt blinder Rache".
Es steht auf einem anderen Blatt, ob Morgenthau eine Chance zur Realisierung des Planes besaß, den US-Außenminister Cordell Hull "außerhalb jeder Vernunft" und "ein Produkt blinder Rache" nannte. Roosevelt war und blieb die beherrschende Persönlichkeit, Morgenthau aber ein Mann, der sich nur als Dienender gegenüber seinem Präsidenten empfand.
Die Gelegenheit, seinen Deutschland-Plan an Roosevelt heranzutragen, kam 1944, als in der "German Country Unit" des amerikanisch-englischen Oberkommandos in England unter Beteiligung von Außen- und Kriegsministerien ein "Handbuch" für eine Militärregierung in Deutschland vorbereitet wurde. Ein Vertrauensmann sorgte dafür, daß ein Exemplar in die Hand Roosevelts geriet, der wie fast alle Politiker von der Vergangenheit beherrscht und unfähig war, vorauszusehen, daß eine künftige Friedensbedrohung gar nicht mehr von dem geschlagenen Deutschland ausgehen konnte.
Roosevelt war entschlossen, eine neue Aggression Deutschlands für alle Zukunft auszuschließen und den Deutschen durch Hunger und Not eine Lehre zu erteilen; das ließ ihn die Pläne der "German Country Unit" in aller Öffentlichkeit als zu milde verdammen. Morgenthau nutzte Roosevelts Stimmung, um sein "0. K." für den eigenen Plan zu erhalten.
Trumans Minister warnt: Amerika braucht arabisches Öl.
Auf der Quebec-Konferenz zwischen Roosevelt und Churchill im September 1944 nutzte der Finanzminister Churchilis dringendes Bedürfnis nach einer amerikanischen Anleihe von 6,5 Milliarden Dollar, um auch die Zustimmung des britischen Premiers zu erhalten. Laut Hull kehrte Morgenthau in "wildem Enthusiasmus" nach Washington zurück.
Aber die Zustimmung Churchills blieb verbal. In der kommenden Zeit plante England eine eigene Besatzungspolitik" und Hull, der selbst an einen "Sub-Lebensstandard" für die Deutschen, doch nicht an die totale Vernichtung ihrer Industrie dachte, lief zusammen mit Kriegsminister Stimson Sturm gegen den Plan. Sie machten klar, daß er die wirtschaftliche Zukunft ganz Europas bedrohte.
Da auch Harry Hopkins, Roosevelts "graue Eminenz". Bedenken hatte, geriet der Plan auf die lange Bank. Dies bedeutete gewiß nicht, daß Morgenthau und seine Freunde (von vielen Amerikanern später "Morgenthau-Boys" genannt) nicht versucht hätten, ihre
Grundideen wieder vorzubringen. Aber nachdem Roosevelt mehr und mehr von dem Plan abgerückt war, entfernte Truman sich noch weiter.
Niemand weiß, wie Roosevelt nach Kriegsende in der Palästina-Frage gehandelt hätte, als die Entdeckung der deutschen Juden-Vernichtungslager die breite amerikanische Woge der Empörung und des Willens, den Überlebenden zu helfen, entstehen ließ. Doch man weiß, was unter Präsident Truman geschah.
Nie zuvor und niemals danach hat das Wirken jüdischer Organisationen und Persönlichkeiten in den USA so heftige Formen angenommen wie in den Jahren 1945 bis 1948, in denen die Gründung Israels entschieden wurde. Dahinter stand der Schock der nun brutal enthüllten Judenvernichtung, standen zwölf Jahre meist vergeblicher Bemühungen, in Washington oder London Gehör zu finden und die Katastrophe wenigstens zu mildern.
Viele Zionisten waren nach dem Urteil zeitgenössischer Beobachter von der Erkenntnis des "Jetzt oder nie" erfüllt. Die Brutalität der Geschichte läßt wenig Zweifel daran, daß der Traum vom jüdischen Staat in Palästina ohne die monströsen Ausbrüche des Nationalsozialismus keine Chance gehabt hätte.
In der Nachkriegszeit aber verband sich das ausweglose Drängen der Oberlebenden nach Palästina mit einer weltweiten Woge der Sympathie. Und angesichts der Unbeeinflußbarkeit der Engländer konzentrierte der Zionismus das Schwergewicht seiner Bemühungen auf das Weiße Haus und die soeben begründete Uno in New York.
Trotzdem sind sich die Beobachter darüber einig, daß keine moralische, politische oder persönliche Anstrengung der Juden das Weiße Haus dazu bewogen hätte, sein damaliges Gewicht für die Öffnung Palästinas und für die Schaffung eines jüdischen Staates einzusetzen und dabei den arabischen Nationalismus sowie US-Interessen in Nahost zurückzustellen, wenn nicht mehrere zeitgebundene Voraussetzungen bestanden hätten.
Es war nicht nur die tiefe Sympathie der US-Öffentlichkeit, sondern zugleich eine Desorganisation im amerikanischen Regierungssystem, Folge des Übergangs vom Krieg zum Frieden, vor allem aber ein Präsident, der so fühlte wie die Masse der Amerikaner.
Truman, der im Ersten Weltkrieg in Oklahoma eine Kantine geführt hatte, Artillerist auf dem europäischen
* Mit Generalkonsul Lourie, der ihm eine Gedenk-Fackel aus Israel überreicht.
Kriegsschauplatz gewesen war, nach der Heimkehr in Kansas City einen Herrenmode-Laden eröffnete, war ein durch die demokratische Parteimaschine in Kansas City emporgetragener "Mann von der Straße", der erst mit seiner kommenden Aufgabe wuchs. Als Roosevelts Tod ihn zum Präsidenten machte, wußte er über den Nahen Osten praktisch nichts.
Aber er verkörperte das naive amerikanische Sendungsbewußtsein, Unterdrückten und Unfreien zu helfen, das erst in Vietnam mehr oder weniger aus seiner Naivität erwachte. Er war weder pro- noch antijüdisch.
Aber in seinen Memoiren bekannte er: "Das Schicksal der jüdischen Opfer des Hitlerismus war ein tiefes persönliches Anliegen für mich." Mit diesem Gefühl verband sich das Mißtrauen des "Selfmademan" gegenüber den "striped pant boys"" den Diplomaten mit den gestreiften Hosen, die ihn über Weltpolitik belehren wollten.
Im Sommer 1945 setzte er sich über die Einwände des Außenministeriums hinweg und forderte die britische Regierung auf, 100 000 überlebende europäische Juden in ihr Mandatsgebiet Palästina einwandern zu lassen. Es war eine gefühlsmäßige Reaktion -- bestärkt durch die Berichte eines persönlichen Beobachters, Earl G. Harrison, den er in die Lager jüdischer Überlebender geschickt hatte.
Die Briten lehnten ab. Außenminister Bevin beschuldigte Truman sogar, er wolle nur einer Einwanderung jüdischer Flüchtlinge in die USA aus dem Wege gehen, weil er wisse, daß die Hochflut öffentlicher Sympathie für die Juden bei einer Masseneinwanderung ins Gegenteil umschlagen werde.
Das ging an der Sache vorbei, denn Truman und die interessierte Masse der Amerikaner waren einfach davon überzeugt. daß Sieger und Uno zusammen in Palästina eine dauerhafte, endgültige Lösung für das dezimierte Judentum finden würden.
Bevin bestritt auch, daß eine Notwendigkeit bestünde, die Juden aus Europa "herauszubringen". Nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes denke kein Mensch mehr daran, ihnen Schaden zuzufügen. Wer sich bedroht fühle, könne Aufnahme in Lagern wie Philippeville in Nordafrika finden und später in sein angestammtes Heimatland zurückkehren.
Unterdessen aber war Truman schon zum bevorzugten Ziel des verzweifelttätigen "American Zionist Emergency Council" und insbesondere ihres Führers Abba Hillel Silvers geworden. Von der "Jewish Agency" in Palästina kamen hervorragende Köpfe nach Amerika, darunter Moshe Sharret und Abba Eban.
Truman klagte später: "Die Zionisten taten ungeduldig alles, um meine eigenen Anstrengungen zu erschweren. Sie verlangten mehr als eine Erleichterung der Einwanderung. Sie wünschten, daß die amerikanische Regierung ihr Ziel der Gründung eines jüdischen Staates unterstützte."
Truman gab jedoch seine Sympathie für die verzweifelten Überlebenden in Europa und seinen Vorschlag der sofortigen Noteinwanderung von Hunderttausend nicht auf. Liest man heute, was ihm vom Außenministerium und von Verteidigungsminister Forrestal vorgetragen wurde, regen sich aktuelle Gedanken, und man versteht, weshalb Ben-Gurion das US-Außenministerium für einen Gegner Israels hielt.
Forrestal warnte dringend davor, den arabischen Nationalismus zu unterschätzen. Er schrieb bereits: "Ich stehe auf dem Standpunkt, daß wir wegen des schnellen Versiegens der amerikanischen Ölreserven und des steigenden zukünftigen Verbrauchs gezwungen sein werden, Nachschub in der übrigen Welt zu suchen. Die größten Reserven der Welt aber befinden sich im Nahen Osten"
Im nächsten Heft
US-Juden setzen Delegierte der Uno unter finanziellen Druck -- Präsidentenwahl 1972: Die jüdischen Wähler verweigern dem pro-israelischen Nixon die Unterstützung -- Der jüngste Nahostkrieg fördert den Antisemitismus in Amerika
Von Jürgen Thorwald

DER SPIEGEL 7/1974
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