04.03.1974

Muß England noch mal wählen?

Der Konservative Heath wollte die Wahl und verlangte: „Die Entscheidung muß deutlich ausfallen.“ Doch England wählte ein politisches Patt: Heath verlor seine Mehrheit, aber Labour gewann sie nicht. Die Liberalen gewannen zwar Stimmen von den Großen, nicht aber die Sitze. Nur Neuwahl könnte die Krise beenden.
England ähnelt einem Pferd, das zur Hälfte tot ist und dessen andere Hälfte nicht so aussieht, als könne es das Rennen doch noch gewinnen, klagte der britische Publizist David McKie 1972. Seit vergangenen Donnerstag hat auch die andere Hälfte des toten Pferdes das Rennen verloren.
Ratlos, wenn auch nach wie vor ohne die Contenance zu verlieren, vermerkten die Briten, daß sie auf ihrem mühseligen Weg in die Selbstzerstörung wiederum einen Schritt vorwärts gekommen waren: Bei der Unterhauswahl gewann, erstmals seit 1929, keine der Parteien die absolute Mehrheit.
"Who governs Britain" -- Wer regiert England, hatte Edward Heath durch die Wahl erfahren wollen und hinzugefügt: "Meine Botschaft an das Volk lautet: Die Entscheidung muß deutlich ausfallen."
Mehr als 32 Millionen Wähler, mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten. (1970: 72 Prozent) entschieden sich, doch nach den ersten Computerrechnungen klagte Douglas Houghton, bisher Fraktionsführer der Sozialisten: "Gott allein weiß, was der Wille des Volkes ist." Die "schweren Zeiten für England", die Heath der Nation im Wahlkampf für die nächsten Jahre prophezeit hatte, begannen am Tag nach der Wahl.
Überrollt von immer höher schlagenden Preiswellen, verängstigt durch zwei Millionen Arbeitslose und Kurzarbeiter, gedemütigt vom Kursverfall des einst stolzen Pfundes, frierend in einem ungeheizten Land, in dem die Bomben irischer Terroristen explodieren, hatten die Briten bislang wenigstens noch einen Regierungschef und eine klare Mehrheit im Parlament. Seit Donnerstag haben sie beides nicht mehr.
In einem dramatischen Kopf-an-Kopf-Rennen legten sich Konservative (38 Prozent Stimmen) und Sozialisten (37 Prozent Stimmen) gegenseitig lahm -- entgegen den Vorhersagen der Meinungsforscher, entgegen auch allen Behauptungen, das Mehrheitswahlrecht garantiere den Briten sichere Mehrheiten und mache Koalitionshändel wie auf dem Kontinent entbehrlich. Froh wären die Briten gewesen, wenn ihnen am Freitagabend wenigstens eine eindeutige Koalition eine regierungsfähige Mehrheit versprochen hätte. Doch: "Solange ich diese Partei führe, wird es keine Koalition geben", legte sich Harald Wilson fest. Liberalen-Chef Thorpe hatte schon vor dem Wahltag entschieden, weder Wilson noch Heath seien für ihn koalitionsfähig.
Aber selbst wenn die Liberalen zu einer Koalition bereit wären, würden Konservative wie Sozialisten die absolute Mehrheit im Unterhaus nicht mal mit ihrer Hilfe erreichen.
Im ehrwürdigsten Parlament der Welt hängen Entscheidungen künftig vom Goodwill politischer Exoten ab: von schottischen und walisischen Nationalisten, nordirischen Ultras und einem abtrünnigen Sozialisten, die insgesamt 23 Mandate kassierten. William Craig, einer der radikalen Katholikenhasser Nordirlands, sitzt fortan im Unterhaus.
Waghalsig hatte Edward Heath den Kampf mit der Bergarbeiter-Gewerkschaft eskaliert, dem Land die Drei-Tage-Woche auferlegt und schließlich, als nichts mehr ging, die Rettung durch Neuwahlen gesucht. Ein Sieg sollte ihm den moralischen Rückhalt geben, die widerborstigen Bergarbeiter und die sie unterstützenden Labour-Linken Mores zu lehren.
Doch vor der Alternative Wilson oder Heath flüchteten sechs Millionen Wähler zu jenen Liberalen des Jeremy Thorpe, die seit 1924 ein Kümmerdasein am Rande der politischen Szene fristen. Die Konservativen verloren um sieben, die Sozialisten etwa fünf Prozent ihrer Stimmen, der Anteil der Liberalen aber verdreifachte sich, nur das Mehrheitswahlrecht stoppte den Wiederaufstieg der alten Gladstone-Partei: Stolze 19 Prozent der Stimmen brachten ihr nur 2 Prozent der Sitze.
Die Briten wählten sich ein politisches Patt, das keinen Gewinner zuließ, wohl aber zwei Verlierer: Edward Heath und Harold Wilson, gleich wer von ihnen das neue Minderheitskabinett anführen wird.
Die Lust an der Konfrontation hatte den konservativen Premier 16 Monate vor dem Ende seines Mandats um den Verlust seiner 1970 errungenen komfortablen Mehrheit von 30 Sitzen gebracht. Mit landeseigenem Mißtrauen weigerten sich die Briten, ihm zu glauben, daß die "Roten unter dem Bett" (so eine Industriellen-Broschüre) zum Angriff bereitlägen und die angeblich rot unterwanderten Gewerkschaften die Alleinschuld am konservativen Regierungsdebakel trügen.
England hat nach vier Heath-Jahren
* 1974 das größte Handelsdefizit seiner Geschichte (vier Milliarden Pfund),
* 1974 eine Inflationsrate von wahrscheinlich 15 Prozent und 1,5 Millionen Arbeiter, die wegen der Drei-Tage-Woche Arbeitslosenunterstützung erhalten.
Wie muß die Opposition aussehen, die diese Bilanz der Regierung nicht in Stimmengewinn umzusetzen weiß? Harold Wilson, Parteichef seit mehr als einem Jahrzehnt, sechs Jahre davon Premier, führte seinen vierten Wahlkampf als Labour-Chef mit einer Mannschaft politischer Oldtimer, denen die Briten 1970 den Abschied gegeben hatten. Ein Mann des Volkes, wenn man so will, ein Provinzler aus dem Norden Englands, anders gesagt: ein eifriger Kirchgänger, der gleichwohl auch andächtig "Des Volkes Fahn' ist tiefstes Rot" singt; ein Sozialist, der von sich selbst sagt, er habe nicht einmal zwei Seiten in Marxens "Kapital" gelesen; vor allem aber ein begnadeter Opportunist, der seine Karriere mit Katastrophen pflasterte, aber sie alle überlebte:
* Einmal formulierte er seine Weltmacht-Politik so: "Vielleicht gibt es Leute, die sich zurückziehen wollen, um den Amerikanern und Chinesen alles zu überlassen." 1961 sprach er sich für die Räumung der Briten-Stützpunkte in Malaysia und am Persischen Golf aus.
* Ein anderes Mal erklärte Wilson, er werde den Pfund-Kurs halten. Doch er mußte abwerten.
* 1966 wollte er England in die EWG bringen, 1972 wollte er nicht mehr und nannte Heath, der es tat, einen "Schoßhund Pompidous"
* 1969 schlug er das "für die Nation lebenswichtige" Gesetz gegen den Machtmißbrauch der Gewerkschaften vor. Unter Druck der Gewerkschafter und der Labour-Linken zog er es wieder zurück.
Anthony Lewis, Korrespondent der "New York Times", höhnte: "Falls er irgendeine politische Philosophie besitzt, auf die er festgelegt ist, muß es objektiven Beobachtern seiner Karriere mißlungen sein, sie zu entdecken." Inzwischen ist Wilsons Partei von Konferenz zu Konferenz radikal nach links gedriftet, vor allem unter dem Druck der Gewerkschaften. Die mächtigen Arbeitnehmerorganisationen kontrollieren auf den Labour-Parteitagen 88 Prozent der Stimmen, von den 6 Millionen Mitgliedern der Partei sind 5,3 Millionen Gewerkschafter.
Am Ende dieses linkslastigen "Rutsches zur Schwäche" (so der gemäßigte Labour-Politiker Roy Jenkins) forderte der Parteitag im Oktober 1973 in Blackpool Verstaatlichungen von chilenischen Dimensionen: Bauland und Baufirmen, der gesamte Schiffs- und Flugzeugbau, Häfen und Speditionsfirmen mit über fünf Fahrzeugen sollen unter einer Labour-Regierung sofort verstaatlicht werden, Banken, Versicherungen, Baufirmen und die Ölvorhaben in der Nordsee später,
Diese größte Verstaatlichungs-Orgie seit Ende des Krieges (als Labour-Premier Attlee Eisenbahnen und Kohlengruben nationalisierte) ist dennoch nur ein Teil des "schönsten sozialistischen Parteiprogramms, das ich Zeit meines Lebens gesehen habe" -- wie Mitautor Michael Foot jubelte.
Es verspricht, den tristen Schuttplatz konservativer Mißwirtschaft in ein wahres Paradies zu verwandeln: drastische Einnahme-Erhöhungen für Rentner, Sozial- und Krankenfürsorge-Empfänger, Einführung des Null-Tarifs in städtischen Nahverkehrsmitteln' kostenlose Milch, Kleidung und Transport für Schulkinder, paritätische Mitbestimmung der Gewerkschaften -- nicht der Arbeitnehmer -- in den Aufsichtsräten der verstaatlichten Großbetriebe und ein reiches Repertoire zur "Wiederherstellung der verwahrlosten Landschaften.
Die Reformer machen keinen Hehl daraus, woher sie die 35 Milliarden Mark jährlich zu nehmen beabsichtigen, die der Inhalt ihres Füllhorns den Staatshaushalt zusätzlich kosten würde: von den Reichen. So nannte der konservative Londoner "Economist" den linken Wunschzettel "geisterhaft, ungereimt, altmodisch und schlicht stupide", das gesamte konservative England bezog Front gegen die "Linken".
Doch auch innerhalb Labour war die Opposition groß, größer als es die Apologeten des neuen Kurses erwartet hatten. Im Gegensatz zur linkslastigen Partei ist die Parlamentsfraktion heute bürgerlicher als je zuvor, so sehr, daß der Labour-Rebell und EG-Freund Dick Taverne ein Auseinanderbrechen in einen liberalen Flügel, der mit der Liberalen Partei zusammengehen würde, und eine lupenreine Arbeiterpartei für möglich hält.
Mit einer Labour-Partei am Bein, die ihren ideologischen Standort noch nicht erkannt, geschweige denn bezogen hat, und ohne Mehrheit im Parlament müßte ein Premier Harold Wilson zum Drachenkampf um Englands Zukunft antreten. Daß diese Trauer-Bilanz konservativer Herrschaft den mit Schenkungs-Versprechen um sich werfenden Sozialisten dennoch keine neuen Wählermassen zuführte, spricht für den politischen Appeal des Verlierers Heath und gegen den des Beinahe-Verlierers Wilson.
Während der Konservative seinen Wahlkampf "wie ein wiederauferstandener Julius Caesar" (so Labour-Abgeordneter Short) führte, wirkte Wilson müde und welk, so als ob ihn angesichts der trostlosen Lage des Vaterlandes der Gedanke an Sieg ebenso bedrücke wie die Angst vor der Niederlage. Ein Mitglied des Labour-Vorstands zum SPIEGEL: "Harold macht das nun seit zehn Jahren, da macht sich schon Abnutzung bemerkbar."
Böse, aber matt schalt Wahlkämpfer Wilson seinen Gegner Heath einen "herzlosen Unterdrücker der Armen". Monoton klagte er: "Brot wurde unter den Konservativen um 42,5 Prozent teurer, Mehl um 76 Prozent, Fleisch um 81,4 Prozent."
Tatsächlich -- unter Edward Heath (1970 bis 1974) stiegen die Konsumgüterpreise um 37,1 Prozent, unter Harold Wilson (1964 bis 1970) um 17,6 Prozent. Wilson könnte den Bergarbeiterstreik schneller beenden. Bergarbeiterchef Joe Gormley: "Länger als 14 Tage wird es kaum noch dauern."
Vielen Briten mag das wenig Trost geben, viele fürchten sich vor den Verstaatlichungen, die Labour angekündigt hat. In der Londoner City sackten Grundstück- und Erdöl-Aktien erheblich ab.
Doch in der Nacht zum Samstag brachte die Stimmenauszählung die Konservativen dicht an die 301 Labour-Sitze heran. Edward Heath sah eine Chance, selbst Minderheits-Premier zu werden.
Nicht einmal 24 Stunden nach der Wahl nahm die Wettfirma Ladbroke's wieder Wahlwetten an: Um eine tragfähige Regierung zu bekommen, müßte England noch einmal wählen.

DER SPIEGEL 10/1974
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1974
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Muß England noch mal wählen?

  • Angriff auf saudische Raffinerie: "Es kann die gesamte Region anzünden"
  • Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten