01.04.1974

UNTERNEHMENAlarm aus Passau

Kommanditisten der Hamburger Heiner-Braasch-Gruppe wollen in den Gesellschaften ihres geflohenen Konzer-Chefs wieder Ordnung schaffen.
Bei der Schweizer Kreditanstalt in Genf baten in aci vergangenen Woche mehrere Herren von der deutschen Wasserkante um einen "dringenden Konferenztermin". Thema des Meetings, zu dem sich die Eidgenossen wegen ihres strengen Bankgeheimnisses bisher nicht bereitfinden mochten: "Forderungen der Kreditanstalt gegen den Hamburger Reeder Heiner Braasch."
Auftraggeber der deutschen Delegation waren Kommanditisten der Braasch-Gesellschaften, die befürchten, daß der vor kurzem ins Ausland abgewanderte Konzernchef seinen Mitgesellschaftern unbekannte Millionen-Schulden hinterließ. Kommanditisten-Sprecher Ulrich Strasser: "Allein in Genf hat sich Braasch rund zwölf Millionen Mark geliehen."
Solange die Schiffe im Chartergeschäft noch Geld verdienen, besteht für die rund 2000 Anteilseigner, vorwiegend Ärzte, Steuerberater und andere wohlhabende Freiberufler, keine unmittelbare Gefahr. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat Braasch jedoch mindestens sechs Millionen Mark Steuern hinterzogen, die das Finanzamt jetzt zurückfordert.
Um in den Genuß der Zonenrandabschreibung zu kommen, ließ der Flottenchef in Lübeck zum Beispiel 15 Kommanditgesellschaften registrieren. Tatsächlich wurden die Reederei-Geschäfte aber nur über das Hamburger Firmenhauptquartier abgewickelt.
Als Beweis für die Geschäftstätigkeit im unterentwickelten Grenzland diente dem Reeder zunächst lediglich ein Lübecker Briefkasten, später ein zehn Quadratmeter großes Zimmer An der Untertrave 107. Staatsanwalt Hans-Joachim Wehrmann: "Nur von Zeit zu Zeit ließ sich dort ein Angestellter der Firma blicken."
Selbst versierte Kommanditisten wie der ehemalige Präsident der Bundesärztekammer, Professor Ernst Fromm (Einlage: 25 000 Mark), und die Vermögenskammer Seiner Königlichen Hoheit Herzog Philipp Albrecht von Württemberg (Einlage: 100 000 Mark) mochten indes Honorigkeit und Verläßlichkeit ihres Rattenchefs nicht in Zweifel ziehen.
Dabei gab es schon bei den ersten Gesellschaftsgründungen Ende der sechziger Jahre Anlaß genug, dem Firmenchef zu mißtrauen. Bei der
Abschreibegesellschaft "MS Hamburg Tor KG" etwa hatte sich Braasch im
Gründungsexposé zum Kauf eines 25 300 tdw großen Frachters verpflichtet. Unter dem Vorwand, für ein solches Geschäft gebe es "Registrierungsschwierigkeiten" und "nicht ausreichende Absicherung der Zeitcharterfrachten", erwarb er jedoch nur einen 3300-Tonner.
Durch die Transaktionen verblieben ihm von den 1,8 Millionen Mark Kommanditeinlagen der Gesellschaft rund 850 000 Mark, die er eigenmächtig in eine Beteiligung an der "Meiner Braasch Schiffahrts-Gesellschaft MS Hamburger Wall KG" verwandelte. Die Kommanditisten konnten auf einer später einberufenen Gesellschafterversammlung nur noch "rügen", daß der Firmenchef sie "vor vollendete Tatsachen gestellt habe, die nicht mehr rückgängig zu machen seien".
Damit die Kommanditisten dem Hauptgesellschafter gewogen blieben, wurden sie von Braasch ständig mit kleinen Gefälligkeiten verwöhnt. So verschickte er an seine Gesellschafter zu allen möglichen Anlässen Schiffsbilder" Reedereiflaggen für den Stammtisch und andere Erinnerungspräsente. Außerdem durften die Kommanditisten an "Stapelläufen" und festlichen "Probefahrten" teilnehmen.
Die "Fahrt im gemeinsamen Boot" (Braasch) wurde unterbrochen. als der Passauer Kommanditist und Autohändler Ulrich Strasser Geschäftsgebaren und Bilanzen der Braasch-Gruppe untersuchte und dabei "von Jahr zu Jahr steigende Betriebsverluste" entdeckte.
Der Bilanzschnüffler fand schließlich auch heraus, warum der Fehlbetrag vorerst keinen Konkurs auslösen konnte. Nach Strassers Beobachtungen pumpte Braasch nämlich immer wieder Kredite "in Höhe des Betriebsverlustes" in die Firmenkasse.
Auf den Passauer Alarmruf meldeten sich inzwischen so viele Kommanditisten, daß die Gesellschafter jetzt auch auf eine Neuordnung des Braasch-Imperiums drängen können. Sobald ·ihre Experten die Untersuchungen in Hamburg und Genf abgeschlossen haben, wollen sie auf den Gesellschafterversammlungen der Braasch-Firmen für klare Verhältnisse sorgen. Strasser: "Notfalls werden wir ein Schiff verkaufen und eine neue Gesellschaft gründen."

DER SPIEGEL 14/1974
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