04.02.1974

„Die kapitalistische Universität zerschlagen“

SPIEGEL: Kein Hochschulkrawall ohne den Kommunistischen Studentenverband (KSV). Wo immer Professoren mit Faustschlägen und Fußtritten aus Uni-Gebäuden gejagt oder in Dienstzimmern eingesperrt werden, wo -- wie gerade in Frankfurt -- Vorlesungen mit Gewalt verhindert und Kommilitonen angerempelt werden, rühmen sich KSV-Mitglieder der Tat. Was sollen die Rüpeleien?
DOSE: Es gab in diesem und auch im letzten Semester an den Universitäten täglich Vorfälle, in denen die Gewalt durch Professoren provoziert wird. In Frankfurt beispielsweise trägt ein Herr Engels die wissenschaftliche Meinung vor, das System der freien Marktwirtschaft sei ein geschichtliches Prinzip.
SPIEGEL: Und deshalb gleich Gewalt?
DOSE: Engels hat in seiner Vorlesung explizit seine politischen Anschauungen geäußert, und die Hörer in dieser Vorlesung haben das Recht gefordert, über diese Vorstellungen zu diskutieren.
SPIEGEL: In der Vorlesung oder außerhalb?
DOSE: In der Vorlesung, und gerade das ist von Herrn Engels verhindert worden.
SPIEGEL: Sie hätten ja auch nach der Vorlesung mit ihm diskutieren können.
DOSE: Er wollte überhaupt nicht.
SPIEGEL: Warum lassen Sie ihn dann nicht links oder auch rechts liegen -- warum gleich Krawall?
DOSE: Die Studenten haben das Recht, über das, was der Professor verkündet, zu diskutieren. Denn die Professoren nehmen sich ja auch das Recht heraus, explizit ihre politischen Anschauungen vorzutragen.
SPIEGEL: Das steht ihnen doch wohl zu? In Berlin wurde Professor Koenigs mit Fußtritten und Farbbeuteln malträtiert, in Bochum und in Tübingen wurden Professoren in ihren Dienstzimmern eingesperrt.
DOSE: Grundtenor dieser Konflikte ist, daß Provokationen und Gewalt auf der Seite der Professoren liegen,
SPIEGEL: Wer hat denn Herrn Koenigs oder Herrn Engels ans Schienbein oder in den Hintern getreten?
DOSE: Die Professoren setzen heute ihre sogenannte Hochschulreform mit politischer Unterdrückung und Entrechtung durch. Wer gegen diese Gewalt und gegen dieses System und für die Errichtung der Diktatur des Proletariats kämpft, wird damit zwangsläufig an die Grenzen bürgerlicher Legalität stoßen und sie auch überschreiten müssen ...
SPIEGEL: ... wobei dann der Unterschied zwischen Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen ...
HORLEMANN: ... akademisch ist, wie er es immer war.
SPIEGEL: Halten Sie Ihre Argumente selber für so wenig überzeugend. daß Sie unbedingt mit Gewalt-Aktionen auf sich aufmerksam machen müssen? DOSE: Nicht Gewalt ist unser Ziel. Wir wollen unsere Argumente vortragen. Nehmen wir das Berliner Beispiel: Um für eine Veranstaltung in der Technischen Universität überhaupt einen Raum zu bekommen, haben wir uns bereit erklärt, Herrn Koenigs Zugang zu dieser Veranstaltung zu gewähren und ihm freies Geleit und Ungeschorenheit zuzusichern ...
SPIEGEL: Ist das denn keine Selbstverständlichkeit? Muß künftig jeder Professor, der seine Meinung sagen will, beim örtlichen KSV um freies Geleit einkommen?
KREIDT: Sie verdrehen doch die Tatsachen. Wer spricht Raumverbote aus, wer verbietet den Verkauf von Zeitungen? Sie wollen davon ablenken, daß die Hauptsache doch darin besteht, daß jede Kritik an den kapitalistischen Ausbildungsverhältnissen unterdrückt wird, und zwar vom Staatsapparat.
SPIEGEL: Der Frankfurter Universitätspräsident Kantzenbach fühlt sich durch Ihre Methoden an den Beginn der Naziherrschaft erinnert, als jüdische und marxistische Professoren von rechtsextremen Studenten angegriffen wurden.
DOSE: Er ist mit dieser Äußerung auch prompt in der Empörung der Studenten untergegangen. Das ist doch die altbekannte Gleichung: rot gleich braun, brauner Terror -- roter Terror. Der Faschisten-Terror hat nichts mit dem Kampf der fortschrittlichen Stu-
* v. l.: Matthias Dose, Ernst Elitz, Hans-Wolfgang Sternsdorff, Jürgen Horlemann, Dietrich Kreidt und Stenograph waltet Steinbrecher.
denten zu tun, wenn sie Rede- und Kritikfreiheit fordern.
SPIEGEL: Für den Betroffenen ist Terror zunächst mal Terror, ganz gleich, wer ihm ans Schienbein tritt -- selbst wenn es, wie Sie es nennen, fortschrittliche Studenten sind. Profitieren Sie nicht davon, daß sich die Mehrheit der Studenten politisch inaktiv verhält?
DOSE: Es waren doch 5000 Studenten, die sich bei einer Urabstimmung in Frankfurt für einen Massenstreik ausgesprochen haben, Es waren doch 1500 Studenten in einer Vorlesung bei Engels, die sein autoritäres Gehabe nicht kampflos hinnahmen.
SPIEGEL: Wir sprechen nicht von den 5458 Studenten, die für den Streik gestimmt haben, sondern von den 15 000, die dagegen waren oder der Urabstimmung fernblieben.
HORLEMANN: Wenn unsere Bemühungen im Augenblick quantitativ noch nicht so erfolgreich sind, so liegt das daran, daß wir den Charakter dieser Art von SPD-Hochschulreform der großen Mehrheit noch nicht vollständig verdeutlichen konnten. Das wird während der Zuspitzung dieser Kämpfe sicherlich noch der Fall sein.
SPIEGEL: Wie soll eine Universität nach KSV-Vorstellungen aussehen"? Was wird gelehrt -- wer bestimmt, was gelehrt werden darf?
DOSE: Die kapitalistische Universität muß zerschlagen werden, aber erst durch die proletarische Diktatur. Erst im Sozialismus werden also die Arbeiter bestimmen, was an der Universität gelehrt wird.
SPIEGEL: Sind die Universitäten ein Exerzierplatz für Aktionen außerhalb der Universität -- in Betrieben und Wohngebieten?
KREIDT: Die Universitäten sind eine absolute Nebenfront. Die Hauptfront ist der Kampf zum Zusammenschluß der Arbeiterklasse in den Betrieben und den proletarischen Wohnvierteln. Die KPD hat beispielsweise den Streik bei Ford wesentlich mitgetragen.
"Die Mehrheit der Arbeiter fühlt sich unterdrückt."
SPIEGEL: Uni-Krawalle und Streiks als Vorstufen der Revolution -- haben wir in der Bundesrepublik eine revolutionäre Situation?
HORLEMANN: Im Augenblick keineswegs.
SPIEGEL: Will die KPD sie schaffen?
KREIDT: Ja. Wobei wir uns auf den sich entwickelnden Widerstand der Arbeiterklasse gegen die fortschreitende Unterdrückung und Ausplünderung stützen.
SPIEGEL: Wie viele Arbeiter fühlen sich Ihrer Meinung nach unterdrückt? HORLEMANN: Die Mehrheit natürlich, aber wir sind realistisch genug, um zu wissen, daß es im Augenblick eine Minderheit ist, die sich aktiv gegen die Unterdrückung auf lehnt.
SPIEGEL: Wann wird es die Mehrheit sein?
HORLEMANN: Wir sind keine Propheten. Es wird eine ziemlich lange Periode heftiger Klassenkämpfe geben.
SPIEGEL: Wie lange ist "ziemlich lange" -- drei Jahre, dreißig Jahre, hundert Jahre?
KREIDT: Das ist kein langsamer Prozeß, in dem man noch mal zehn und noch mal 20 Arbeiter zusammenführt. Die Entwicklung verläuft sprunghaft. Nehmen Sie die August-Streiks, wo die Arbeiter den Kapitalisten und Gewerkschaftsbonzen das Fürchten gelehrt haben, durch selbständige Streikführung.
SPIEGEL: Sie zitieren gern Mao. Der hat auch gesagt: "Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen." Wollen Sie die revolutionäre Situation herbeischießen?
HORLEMANN: Wir rufen selbstverständlich in der gegenwärtigen Periode nicht zum bewaffneten Volkskrieg auf. Das wäre abenteuerlich und absurd. Die herrschende Kapitalistenklasse tritt ihre Macht nie freiwillig ab. Die Gewalt, die die Volksmassen anwenden, ist nur die Antwort auf die unterdrückende Gewalt der Kapitalisten -- siehe Chile, siehe Vietnam.
"Die Bundeswehr der herrschenden Klasse entwinden."
SPIEGEL: Also Blutvergießen. HORLEMANN: Es hat in der ganzen Geschichte kein Beispiel für eine unblutige Revolution gegeben. Auf dem Höhepunkt der allgemeinen Krise wird es auch bei uns zur bewaffneten Auseinandersetzung kommen -- schon deshalb, weil Bundeswehr, Bundesgrenzschutz und Polizei von der SPD/FDP-Regierung auf die Niederschlagung von Massenkämpfen abgerichtet sind. Die Antwort der Volksmassen kann nicht sein, die Wange hinzuhalten, sondern nur: die Gewehre umzudrehen und auf diejenigen zu richten, die sie mit diesen Gewehren unterdrücken.
SPIEGEL: Wollen Sie den Volksmassen die Gewehre verschaffen?
KREIDT: Trauen Sie ihnen schon zu, daß sie sich die nötigen Waffen selber besorgen können?
SPIEGEL: Empfehlen Sie deshalb Ihren Genossen, Wehrdienst zu leisten und die Bundeswehr zur roten Volksarmee umzufunktionieren?
HORLEMANN: Wir bauen in der Bundeswehr systematisch Organisationsformen auf, um in einer revolutionären Situation die Bundeswehr der herrschenden Klasse zu entwinden, damit sie ihre Waffen nicht auf die Arbeiter richtet.
SPIEGEL: Ihr Fernziel ist die Diktatur des Proletariats. Was passiert mit denen, die den Diktatoren mißliebig sind? Werden sie -- wie heute die Professoren -- von ihren Arbeitsplätzen gejagt?
HORLEMANN: Wir wollen solche Verhältnisse schaffen, in denen die Unterdrückung der Konterrevolutionäre so effektiv sein wird, daß sie sich nicht regen können.
SPIEGEL: Sind Arbeitslager, wie Solschenizyn sie im "Archipel GULAG" beschreibt, für Sie ein Modell zur Umerziehung?
HORLEMANN: Zu Solschenizyn: Er ist nur eine Kreatur derjenigen Kräfte, die unter Chruschtschow mit der Wiederherstellung der kapitalistischen Verhältnisse in der Sowjet-Union begonnen haben. Wir sind der Ansicht, daß alle Parasiten, die auf Kosten des werktätigen Volkes leben, einer nützlichen Tätigkeit zugeführt werden müssen.
SPIEGEL: Und wer ein Parasit ist. bestimmen Sie?
HORLEMANN: Dafür gibt es objektive Merkmale. Auch die bürgerlichen Journalisten werden die Entscheidung zu treffen haben, ob sie sich weiterhin für die "Bild"-Zeitung oder den SPIEGEL engagieren oder ob sie Journalisten im Dienste des Volkes werden wollen.
SPIEGEL: Welchen Schutz wird es für Andersdenkende geben?
HORLEMANN: Diktatur des Proletariats heißt Unterdrückung der konterrevolutionären Kräfte -- sonst wäre der Begriff Diktatur ja auch ganz unangebracht. Aber jedem wird die Möglichkeit gegeben, an der Lösung der gesellschaftlichen Probleme mitzuwirken. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Der ehemalige Kaiser von China übt heute eine nützliche Tätigkeit in der Gärtnerei aus.
SPIEGEL: Keineswegs, er ist schon 1967 gestorben und war zuvor noch befördert worden -- zum Mitglied einer historischen Kommission.
HORLEMANN: Jedenfalls ein hervorragendes Beispiel, um bürgerliche Elemente umzuerziehen. Man wird ihnen die sozialistische Gesellschaft vor Augen führen. Sie wird ihnen imponieren, und sie werden sich freiwillig und mit Freude für uns entscheiden.
SPIEGEL: Ist das noch freiwillig oder schon Zwang?
HORLEMANN: Das ist Einsicht in die Notwendigkeit. Das Mittel der Kommunisten ist die politische Überzeugungsarbeit.
SPIEGEL: Daß die auch scheitern kann, erleben Sie doch jeden Tag. Nicht einmal mit ihren kommunistischen Stiefbrüdern von der DKP und der SED sind Sie einig.
HORLEMANN: Bei der herrschenden Klasse in der DDR handelt es sich um Restaurateure kapitalistischer Verhältnisse, was einschließt die Auspressung der Arbeiterklasse bis aufs Blut, die Schweißauspressung.
Mitgliederzahl: "zwischen 300 und 1000".
SPIEGEL: Für die hiesigen DKP-Kommunisten beleben Sie allenfalls den Antikommunismus.
KREIDT: Äußerungen aus dieser Ecke, die indirekt zum Verbot der KPD auffordern, beweisen, daß diese Herrschaften es mit der Angst zu tun bekommen, wenn eine echte kommunistische Kraft in der Bundesrepublik den
* 1960 im Botanischen Garten in Peking
Kampf aufnimmt. Dann ist ihnen jedes Mittel der Diffamierung recht.
SPIEGEL: In Ihrem Statut brüsten Sie sich aber, "Seite an Seite mit anderen kommunistischen Parteien" zu kämpfen. Einzelheiten darüber lassen Sie allerdings gern im Nebel. Das "Schöntun mit angeblichen Verbindungen und erlogenen Konspirationen" galt schon Karl Marx als Kennzeichen der Sektiererei.
HORLEMANN: Wir geben nicht mit Beziehungen an. Das ist gerade ein Anzeichen von nicht-sektiererischem Verhalten.
SPIEGEL: Geben Sie uns denn Auskunft über Mitgliederstand und Budget Ihrer Partei?
KREIDT: Wir haben über 30 Zellen hauptsächlich in den Großbetrieben -- zum Beispiel bei Ford in Köln, bei Hoesch, Mannesmann und Daimler-Benz -- und einige Straßenzellen. Auf unserer Parteikonferenz im vergangenen Jahr waren etwa 100 Delegierte.
SPIEGEL: Wie viele Delegierte auf dem Parteitag waren, sagt uns über die Mitgliederzahl gar nichts.
HORLEMANN: Eine genaue Zahl zu nennen, wäre bei der derzeitigen relativen Kleinheit unserer Partei ein zu wichtiger Hinweis für die Organe des Staatsapparats.
SPIEGEL: Im Bundestag hat Innenminister Genscher die Mitgliederzahl mit "zwischen 300 und 1000" beziffert.
KREIDT: In dieser Differenz ist es schon richtig ausgedrückt.
SPIEGEL: Und wie viele Mitglieder hat der KSV?
DOSE: Wir haben am 5. und 6. Januar in Nürnberg eine außerordentliche Delegiertenkonferenz durchgeführt. Da haben 180 Delegierte aus über 80 Zellen von 24 Hochschulen teilgenommen ...
SPIEGEL: Nun speisen Sie uns doch nicht wieder mit Delegiertenzahlen ab. KREIDT: Sie müssen uns schon überlassen, was wir auf Ihre Frage antworten.
SPIEGEL: Wie hoch ist der Mitgliedsbeitrag?
HORLEMANN: Alles, was der Genosse erübrigen kann, gibt er der Partei freiwillig. Alle Mitglieder sollen einen Lebensstandard haben, der dem durchschnittlichen Standard der Arbeiter entspricht. Luxus kommt für uns nicht in Betracht.
SPIEGEL: Was ist für Sie Luxus"? HORLEMANN: Luxus orientiert sich am augenblicklichen Kulturniveau. Lammfellteppich und Farbfernsehgerät muß nicht sein, Schwarzweiß-Fernseher und Waschmaschine gehören zum Inventar. Wir bemühen uns darum, daß die Genossen fahrtüchtige Autos haben, aber keine Superwagen. Wir sagen grob, alles, was über 850 Mark hinausgeht. gehört der Partei,
Parteibudget: "über 100 000 Mark"".
SPIEGEL: Sie selbst, Herr Horlemann, sind hauptamtlich als Parteiführer tätig. Dürfen wir Sie nach Ihren Einkünften fragen?
HORLEMANN: Ich bekomme ein Gehalt von 800 Mark.
SPIEGEL: Sie stammen aus einer Fabrikanten-Familie -- schickt Ihr Vater ab und zu mal einen Wechsel?
HORLEMANN: Nein. Die Verbindungen sind seit 15 Jahren abgebrochen.
SPIEGEL: Hat Ihr Herr Vater Sie schon enterbt?
HORLEMANN: Mehr als ein Pflichtteil ist nicht drin.
SPIEGEL: Haben Sie außer den Mitgliedsbeiträgen noch andere Finanzquellen?
HORLEMANN: Wir sammeln bei jeder Veranstaltung und haben Einkünfte aus der Produktion von Büchern, Zeitungen und Broschüren.
SPIEGEL: Sie drucken ja auch Werke des koreanischen KP-Führers Kim Il Sung. Steckt Ihnen die koreanische KP dafür etwas zu?
HORLEMANN: Wir erhalten keinen Pfennig und werden auch niemals Gelder vom Ausland annehmen. Insgesamt liegt das Gesamtaufkommen unserer Partei wohl über 100 000 Mark.
SPIEGEL: Der Bundesgerichtshof hat die KPD im Januar zwar als Partei anerkannt, die Frage des Verbots ist damit aber noch nicht für alle Zukunft vom Tisch. Sind Sie für die Illegalität gerüstet -- haben Sie geheime Druckereien, tote Briefkästen und Treffpunkte im Untergrund?
HORLEMANN: Es wäre verantwortungslos, wenn wir uns nicht auf solche Fälle vorbereitet hätten. Wir sind nicht wehrlos.
SPIEGEL: Bislang haben Sie mit Ihren militanten Aktionen doch nur ein Rollback in Hochschule und Gesellschaft bewirkt -- Ordnungsrecht für Studenten, Staatsaufsicht statt Hochschulautonomie, Entlassung linker Arbeiter aus den Betrieben.
DOSE: Wo Unterdrückung und Entrechtung ansetzt, wächst auch der Widerstand ...
Arbeiter Heinz Krause mußte ausgeschlossen werden.
SPIEGEL: ... und die Isolation. Von linken Gewerkschaftern werden Sie ebenso geschnitten wie von traditionellen Kommunisten. In Hamburg hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft einen Unvereinbarkeitsbeschluß gefaßt. SED-Politbüromitglied Kurt Hager sieht in Ihnen nur "eine maoistische Bande von Provokateuren", und die Spartakus-Studenten von der DKP halten Sie -- wir zitieren -- für "vollkommen bekloppt."
HORLEMANN: Der Stein, den die Revisionisten erheben, wird auf ihre eigenen Füße zurückfallen.
SPIEGEL: Den Spruch von Mao kennen wir -- halten wir uns an Fakten: Von 1016 Sitzen in westdeutschen Studentenparlamenten hält der KSV gerade 18.
DOSE: Der politische Einfluß einer Organisation drückt sich nicht allein in der Zahl der Parlamentssitze aus. Sehen Sie sich doch die Kundgebungen Tausender beispielsweise gegen die Landeshochschulgesetze und die machtvolle Demonstration vom letzten Donnerstag gegen Ordnungsrecht und Polizeieinsatz an der Frankfurter Universität an.
SPIEGEL: Diese Demonstrationen haben doch Spartakus und Sozialistischer Hochschulbund organisiert, die zusammen die Mehrheit in den Studentenparlamenten haben. Glauben Sie denn, die Studenten sind gekommen, nur weil der KSV gerufen hat: "Rote Fahne voran"?
DOSE: Wir stehen am Anfang einer Entwicklung. Massenstreiks gegen die SPD-Hochschulreform werden nicht mit Rufen "Rote Fahne voran" organisiert, hier zählt die revolutionäre Linie und die Überzeugungsarbeit.
SPIEGEL: Die Mitglieder des KPD-Zentralkomitees treten als Führer ihrer Klasse auf. Welche Klasse führen Sie?
HORLEMANN: Wir sind die gewählten Organe der Kommunistischen Partei, und die ist Teil der Massen, Vorhut der Arbeiterklasse.
SPIEGEL: Wie viele Arbeiter gehören der Partei an? In einem Rechenschaftsbericht heißt es: Ein führender proletarischer Kern auf allen Ebenen der Partei besteht noch nicht, der Anteil der Intellektuellen kleinbürgerlicher Herkunft sei verhältnismäßig hoch.
HORLEMANN: Das war 1972. Heute können wir sagen, daß die Mehrheit der Parteigenossen aus Arbeitern und anderen Werktätigen -- Krankenschwestern, Verkäuferinnen und Angestellten -- besteht.
SPIEGEL: Sprechen Sie überhaupt eine Sprache, die auch Arbeiter verstehen?
HORLEMANN: Wir haben da keine Schwierigkeiten.
SPIEGEL: Und das bei ihrer Herkunft, Herr Horlemann?
HORLEMANN: Selbstverständlich war der Umerziehungsprozeß eines Menschen bürgerlicher oder kleinbürgerlicher Herkunft mit einer intellektuellen Vergangenheit langwierig.
SPIEGEL: Ist es denn Zufall, daß uns hier drei Akademiker gegenübersitzen und kein Arbeiter? Einen Renommier-Proletarier hatten Sie doch mal in Ihrem Zentralkomitee, das war der Berliner Metaller Heinz Krause. -- -- KREIDT: Der mußte ausgeschlossen werden aufgrund eines klaren Verstoßes gegen die ideologischen Grundlagen der Partei. Er war auf einer Veranstaltung der SEW gegen uns aufgetreten. Wir haben jetzt mehrere Arbeiter in allen Leitungsebenen.
SPIEGEL: Und warum sitzt denn keiner hier?
KREIDT: Wir wollen die Arbeiter nicht dem harten Zugriff der Konterrevolutionäre ausliefern. Seit Monaten ist eine unglaubliche Verfolgungs- und Entlassungswelle im Gange.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich als Akademiker -- trotz Ministerpräsidentenbeschluß -- sicherer? Sie, Herr Kreidt" sind Assistenzprofessor. Wollen Sie Berufsrevolutionär werden oder Beamter auf Lebenszeit?
KREIDT: Darüber entscheidet die Partei.
SPIEGEL: Und Sie, Herr Horlemann, wollen Sie für den nächsten Bundestag kandidieren?
HORLEMANN: Die KPD wird an den Bundestagswahlen teilnehmen und 1975 auch an mehreren Wahlen auf kommunaler oder Landesebene -- zum Beispiel in West-Berlin.
SPIEGEL: Wieviel Prozent der Stimmen erwarten Sie?
KREIDT: Wir können Vergleiche ziehen zu marxistisch-leninistischen Organisationen in anderen Ländern. Die Zahlen lagen so ungefähr um ein Prozent. Wir haben ja auch nicht vor, über ein, zwei, drei bis schließlich 51 Prozent die politische Macht zu übernehmen.
HORLEMANN: Wenn man den sozialistischen Staat aufbauen will, muß man den bürgerlichen Staat erst zerschlagen haben. Man kann ihn nicht zerschlagen, indem man auf parlamentarischem Wege die Macht in diesem bürgerlichen Staate ergreift.
SPIEGEL: Herr Horlemann, Herr Kreidt, Herr Dose, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 6/1974
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/1974
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die kapitalistische Universität zerschlagen“

  • Die Ü50-Mütter: Schwangerschaft statt Menopause
  • Filmstarts: Im Auftrag der Gerechtigkeit
  • Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt "Ode an die Freude"
  • Seltene Ultraschallaufnahmen: Zwillinge "boxen" im Mutterleib