04.02.1974

Delirium der Phantasie

Helma Sanders' Film "Die letzten Tage von Gomorrha" (Fernsehpremiere morgigen Dienstag, 5.2., um 21.20 Uhr im 1. Programm) ist ein höchst eigenwilliges und merkwürdiges Kintopp-Spektakel. Das knallige Science-fiction-Melodram der sensiblen und resoluten 33jährigen, die für einen ihrer politisch-agitatorischen Dokumentarfilme einen Juso-Preis erhalten hat, sprengt expressiv die Grenzen des sonst so blutleeren und zahmen deutschen Jungfilms.
Einige Leute kamen sich nach einer Vorbesichtigung von "Gomorrha" wie in einer Wäscheschleuder hin und her geschüttelt vor. Helma Sanders, intellektuell und mädchenhaft, spielt mit Technik und Ästhetik auf Teufel komm raus, als wäre sie, nach so viel politischer Anstrengung und Ernsthaftigkeit, in ein lustvolles Phantasie-Delirium ausgeflippt. Die Geschichte, die sie dabei erzählt, funktioniert nicht so richtig, ist allzu bedeutsam angelegt. In einer fernen Zukunft, die freilich auf die Gegenwart verweist, gibt es ein reizvolles Callgirl namens Mary Malone (gespielt von Mascha Rabben), das sich in vertrackte Kämpfe mit ihrem Freund, einem allmächtigen Konzern und seiner Traum-Maschine, deren Erfinder und anderen unbequemen Gestalten und bedrohlichen Zuständen verstrickt.
Was in der Terrorwelt von Gomorrha los ist, wird nicht gerade einleuchtend klar; die Konstruktion der ideologisch überfrachteten Parabel erinnert an das Pathos politischer Science-fiction-Fabeln und an die Abstrusität von Comics. Aber das ist nicht weiter schlimm: Sosehr Helma Sanders" "Gomorrha"-Botschaft im Chaos verpufft, so brillant zünden ihre Effekte, Träume und Ängste. Der Film ist eine Tour de force durch Filme von Fritz Lang bis zu Werner Schroeter oder Stanley Kubrick, deren Bilder Helma Sanders mit erotischer Kühnheit zu einer provozierenden Polit-Oper neu gebündelt und reflektiert hat, wobei die Musik stark an die Pink Floyd erinnert. S.Sch.
Von S. Sch.

DER SPIEGEL 6/1974
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/1974
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Delirium der Phantasie