25.02.1974

FLUGHÄFENZiemlich hilflos

Mit neuartigen Löschmethoden könnte bei Flugzeugbränden die Gefahr für Menschen und Maschinen vermindert werden. Aber die Flughafen-Manager scheuen die Modernisierung.
Frankfurts Oberbranddirektor Ernst Achilles, 44, zugleich Feuerwehrchef auf Deutschlands größtem Flughafen, fürchtet keinen Hochhausbrand und keine brennende Lagerhalle so sehr wie einen brennenden Jumbo auf Rhein-Main: "Da sind wir doch ziemlich hilflos."
Denn "bei der Flugzeugbrandbekämpfung", so klagt der international gefragte Lösch-Experte, "da wird das krasse Mißverhältnis zwischen unserer Ausrüstung und dem Entwicklungsstand der Luftfahrttechnik besonders deutlich".
Wenn auf dem Frankfurter Flughafen -- wo täglich rund 600 Maschinen starten und landen -- Feueralarm gegeben wird, dann rückt die motorisierte Achilles-Wache aus wie andere Wehren zu einem Wald- oder Wirtshausbrand: mit Löschfahrzeugen, die erst einmal kilometerweit über das verkehrsreiche Airport-Areal mit Tatü-Tata zur Piste oder Aufschlagstelle kurven müssen.
Doch dann dürfte die Rettung von Menschen und Maschinen "in den meisten Fällen unmöglich sein" (Achilles). Großbrandversuche haben ergeben, daß eine Flugzeugzelle dem Feuer nur etwa 120 Sekunden standhalten kann. Binnen zwei Minuten müßten also beispielsweise die 360 Passagiere einen Jet vom Typ Boeing 747 über die Notrutschen verlassen.
Wenn aber Panik oder Pannen die Räumung verzögern, würden in Frankfurt, wie auf anderen Flughäfen mi In- und Ausland, die Löschmannschaften zu spät anrücken: Bei einer 2,5 Kilometer langen Anfahrtsstrecke braucht die Feuerwehr -- vom Erkennen des Brandes durch den Mann im Tower bis zum ersten Löschangriff -- viereinhalb Minuten.
Angesichts dieser deprimierend langen Zeitspanne scheint dem Frankfurter Diplom-Ingenieur eine "weitgehende Abkehr von konventionellen Vorstellungen bei der Bekämpfung von Flugzeugbränden" dringend vonnöten.
Beraten von Elektronikern und Chemikern. Militär- und Luftfahrtexperten, ersann Achilles daher neue "Brandschutztechnologien", die in der Bundesrepublik noch weitgehend ignoriert, im Ausland aber schon erprobt oder gar in der Praxis eingesetzt werden: eine "Löschrakete", einen "Löschpanzer" und einen "Löschflugkörper".
Die Achilles- Rakete aus Preßstoff, bei Großversuchen in England, Frankreich und Dänemark vorgeführt, wird von auf dem Tower oder am Rollfeldrand installierten Werfern abgeschossen und elektronisch über den Brennpunkt gesteuert. Dort explodiert sie und wirft ihren Inhalt -- 50 Kilo Schaum -- ab. "Damit kann", erklärt Achilles, "ein Flugzeugbrand nicht völlig abgelöscht. aber das Feuer niedergehalten und ein Großbrand verhindert werden, bis die Löschfahrzeuge da sind."
Nur noch 60 Sekunden sollen vom Alarm bis zur Wirkung der Löschraketen -- Reichweite: fünf Kilometer -- verstreichen. Erkennen und genaue Lokalisierung eines Brandes je 15 Sekunden, Eintasten der Zielkoordinaten in den Computer der Werfersteuerung fünf Sekunden, Ausfahren des (im Gelände versenkbaren) Werfers drei und Abschuß-Auslösung zwei Sekunden; Flugzeit: 20 Sekunden.
Eine typisch denkbare Einsatz-Gelegenheit für Löschraketen gab es beispielsweise am 17. Dezember in Rom, als nach einem Palästinenser-Attentat mit Handgranaten auf eine Boeing 707 der Pan American 29 Menschen verbrannten und die Maschine gänzlich zerstört wurde.
Doch bei der "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) in Stuttgart findet der Frankfurter Feuerlöscher bislang kaum Gegenliebe. Denn der zuständige ADV-Flugingenieur Ernst Weber glaubt die Achilles-Ferse des Raketensystems bloßgelegt zu haben: "Es gibt noch kein Löschmittel, mit dem man aus der Luft Brände unterdrücken kann, erst recht nicht bei Sog, Auftrieb oder Windgeschwindigkeit."
Genau dieses ideale Löschmittel aber, so meint Achilles, habe das Chemiewerk Josef Schaberger & Co. GmbH in Gau-Algesheim inzwischen entwickelt: eine "Löschemulsion", die aus geringer Grundmasse große Mengen feinporigen Schaums bildet, der "als kompakter Strahl abgeworfen wird und erst bei Erwärmung im Flammenbereich aufschäumt".
Hauptinteressent für die heuartige Löschlösung, seit Achilles sie auf einer Feuerwehr-Fachtagung in Brünn vorstellte, ist der Sowjet-General Fjodor Obuchow vom Moskauer Innenministerium, Chef aller russischen Feuerwehren und persönlicher Freund von Achilles.
Obuchow ließ auch schon eine andere Erfindung seines deutschen Kollegen für seine Sowjetwehren nachbauen: einen ferngesteuerten, unbemannten kleinen Panzer, der aus dem Bauch großer Feuerwehrfahrzeuge direkt an den Brandherd geschickt und über eine feuerfeste Leitung mit Löschmasse für seine Schaumkanone versorgt wird.
Doch Flughafen-Ingenieur Weber ("das erfordert doch alles Millionenaufwand") steht auch den Kleinpanzern skeptisch gegenüber: "Auch hier sind unsere Überlegungen negativ, denn man kann einen Flugzeugbrand bei schlechter Sicht gar nicht orten, und so ein Panzer muß ja auch erst antransportiert werden."
An solchem Widerstand sieht Achilles auch die Chancen für sein drittes Projekt schwinden: ein ferrgelenktes Mini-Flugzeug mit 500 Kilo Lösch-Ladung, das nach Achilles Anregung von der Raumfahrt-Firma Erno in Bremen entwickelt wurde und noch dieses Jahr erprobt werden soll. Nach dem Abschuß von einem Lafettengestell wird der unbemannte Flugkörper per Funk über den Brandort gesteuert, nach dem Abwurf des Löschmittels nach oben gezogen und zurückbeordert.
Hauptinteressent für die Erne-Entwicklung ist fürs erste wieder Moskaus Obuchow. In der Bundesrepublik jedoch werden die Flughafen-Feuerwehren wohl auch weiterhin wie anno dunnemals flitzen und spritzen. Denn für ADV-Weber ist das "alles Zukunftsmusik, wie das Leitkabel für Kraftfahrer auf der Autobahn". Weber: "Der Mensch ist bei der Flugzeugbrandbekämpfung nicht zu ersetzen."

DER SPIEGEL 9/1974
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