18.02.1974

Solschenizyn - „Hier ist ihm alles viel zu eng“

Zwangsausgebürgert, von einer Polizei-Eskorte über die Grenze abgeschoben wie einst Trotzki, landete der Moskauer Schriftsteller Alexander Solschenizyn im Westen. Die Mächtigen im Kreml haben der Herausforderung des Einzelkämpfers nicht standgehalten. Sie hoffen, daß der Regime-Kritiker außer Landes schnell vergessen wird.
Nach stürmischer Nachtfahrt lief der Dampfer "Iljitsch" von der russischen Schwarzmeerflotte. betagtes Passagierschiff mit dem Vatersnamen des großen Lenin, frühmorgens den türkischen Hafen Konstantinopel an.
An Bord waren außer der Besatzung nur fünf Personen: ein untersetzter Mann mit randloser Brille, seine Frau, sein Sohn, zwei uniformierte GPU-Offiziere.
Kurz vor der Landung. das Schiff war bereits im Bosporus, übergab einer der Polizeioffiziere dem diskret Eskortierten ein Kuvert. Inhalt: 1500 Dollar, laut beiliegendem Schreiben als Geschenk der Sowjet-Regierung an ihren ehemaligen Kriegskommissar gedacht, "um es ihm zu ermöglichen, sich im Ausland niederzulassen".
Lew Dawidowitsch Trotzki, Held der russischen Oktoberrevolution, engster Vertrauter Lenins, gefeierter Theoretiker, Gründer der Roten Armee, auf dessen Befehl Zehntausende liquidiert wurden -- der große Trotzki wurde mit einem staatlichen Taschengeld in die Türkei abgeschoben, zwangsausgebürgert wie ein rückfälliger Hühnerdieb aus einer mittelalterlichen Stadt.
Geplant und mit der türkischen Regierung abgesprochen war die Nacht- und-Nebel-Aktion von Stalin, der mit diesem Coup seinen gefährlichsten Rivalen um die Macht im jungen Sowjetstaat loswurde. Der erfahrene Terrorist wußte um die mögliche Alternative und fand sich in die aufgezwungene Rolle.
Er schrieb einen kurzen Brief an den türkischen Staatspräsidenten Kemal Pascha, aus dem eher Resignation und bittere Ironie als Zorn und Protest sprechen: "Am Tor von Konstantinopel habe ich die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß ich keineswegs aus eigener Wahl an die türkische Grenze gekommen bin und daß ich diese Grenze nur der Gewalt gehorchend überschreite. Ich bitte Sie, Herr Präsident. meine dementsprechenden Gefühle entgegenzunehmen." Das war am 11. Februar 1929.
Fast auf den Tag genau 45 Jahre später, am 13. Februar 1974, wird auf Befehl des Moskauer Politbüros erneut ein Sowjet-Bürger von einer Polizei-Eskorte über die Grenze geschafft -- zwangsweise aus der Sowjet-Union ausgewiesen, weil er den Mächtigen im Kreml zu mächtig geworden war.
Das Gefährt ins Exil ist diesmal ein Linienflugzeug der sowjetischen Aeroflot vom Typ Tupolew 154, und die Farnilie des Abgeschobenen ist nicht dabei -- noch nicht. Vor allem aber: Diesmal ist es keiner ihresgleichen, kein Kriegskommissar, der ihnen den Platz ah den hebeln der Macht streitig machen will, keiner, den sie fürchten müßten, weil er morgen die Konterrevolution anführen könnte. Dieser hier ist auf ganz andere Art gefährlich.
Der Mann mit dem üppigen Backenbart, der da am vorigen Mittwoch um 16.12 Uhr auf dem Frankfurter Flughafen zögernd aus der sowjetischen Maschine steigt und der, aus der Luft und zu Lande von einem Großaufgebot bundesdeutscher Grenzschützer bewacht, samt seiner acht ungebetenen Begleiter in einer Limousine der Bonner Regierung davonfährt, dieser Alexander Issajewitsch Solschenizyn, 55, sowjetischer Schriftsteller und Nobelpreisträger, ist das personifizierte Weltgericht über Anspruch und Inhalt, Geschichte und Resultat von 56 Jahren Sowjet-Macht.
Die über 15 Jahre alte Herausforderung des Moralisten an die Regierung seines Landes, von der Weit mit wachsender Spannung verfolgt, dieser atemberaubende Kampf des Menschen Solschenizyn gegen eine Supermacht, das selbsternannte Zentrum aller Kommunisten, hat mit der Zwangsausweisung ein überraschendes, wohl aber nur vorübergehendes Ende gefunden. Doch -- wer war hier David, wer Goliath?
Die Waffen des vermeintlich machtlosen einzelnen haben sich als ungemein wirksam erwiesen. In seiner 1958 erschienenen Lagerchronik "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" war es dem Schriftsteller noch um Rehabilitierung der Opfer aus der Stalin-Zeit gegangen. Das Buch, vom Stalin-Nachfolger Chruschtschow aus politischem Kalkül als Entstalinisierungs-Fibel favorisiert, mußte stillschweigend wieder aus dem Verkehr gezogen werden, weil zu viele Opfer nach dem Verbleib der Wärter und Schergen fragten.
Seine weiteren Bücher, "Der erste Kreis der Hölle" und "Krebsstation" die ihm und der UdSSR 1970 die Ehre eines Nobelpreises einbrachten, nannten dann schon Schuld und Schuldige und forderten Gerechtigkeit für die Partei ein hinreichender Grund, sie dem sowjetischen Publikum vorzuenthalten.
Im Streit mit der Partei, die ihn zum Schweigen und damit zur Unwirksamkeit verurteilt glaubte, schrieb Solschenizyn im Mai 1967 an den IV. Schriftstellerkongreß der Sowjet-Union einen offenen Brief: "Niemand kann der Wahrheit den Weg versperren, und für ihr Fortschreiten bin ich bereit, den Tod auf mich zu nehmen."
Dem Ziel Wahrheit ist der bedrängte Autor mit seinem jüngsten Werk. dem "Archipel GULAG", um ein vieles nähergekommen -- nach Meinung der Partei, die in diesem Fall einmal objektiv richtig war, ließ er jede bis dahin noch geübte Rücksicht fallen. Was Solschenizyn da niederschrieb, war die radikalste, unerbittlichste Anklage, der sich das System je gegenübersah.
Die Generalabrechnung -- bisher knapp 600 Buchseiten, dreimal soviel sind noch zu erwarten -- verweigert den Funktionären und Apparatschiks. ja selbst den loyalen Parteigenossen die Chance, noch in eine schützende Nische zu treten nach dem Motto: "ich bin doch nicht dabeigewesen." Mit unbestreitbarer Autorität, belegt mit konkreten Zeugen und Beispielen, wurden Unmenschlichkeit und Terror des Sowjet-Kommunismus als system-immanent entlarvt. Der Betriebsunfall Stalin erschien jählings als unausweichliche Konsequenz des Betriebsgründers Lenin. Solschenizyn hatte seine Hand gegen das Allerheiligste erhoben.
* An Bord des Sowjet-Dampfers "Iljitsch" beim Auslaufen aus Odessa.
Er spricht wie ein Literat, ist aber auch für den Kumpel und den Traktorfahrer verständlich. Der Einzelkämpfer, der sich anmaßt, Lenin vom Denkmalssockel zu stürzen, zeigt auch akribisch auf, wie jämmerlich die Bestarbeiter und Ingenieure der ersten Stunde zugrunde gingen, beweist, warum 56 Jahre nach der Revolution Industrie und Landwirtschaft, Fortschritt, Technik, Konsum und schließlich die Freiheit weit unter dem Niveau der angeblich todkranken kapitalistischen Welt liegen.
Das Buch GULAG, das Anfang Januar im Westen wie ein gewaltiges politisches und literarisches Feuerwerk vor staunendem Publikum explodierte, mußte im Osten als Zeitbombe wirken -- das wußte auch die Partei.
Vom "Denissowitsch" waren in der Sowjet-Union knapp 200 000 Exemplare erschienen, und sie schon hatten Unruhe, vor allem unter den Intellektuellen und Lagergeschädigten, verursacht. "Krebsstation" und "Erster Kreis der Hölle" konnten bereits nur im Untergrund erscheinen, etwa 300 000, höchstens 500 000 Exemplare beider Bücher wanderten als Samisdat von Hand zu Hand.
Vom "Archipel GULAG" aber sendet der in München stationierte US-Sender "Radio Liberty" seit dem 5. Januar täglich zwei Stunden in Richtung Osten, ins Baltikum, in den Kaukasus, nach Sibirien. GULAG-Sprecher Alexander Winogradow, gelernter Schauspieler, spricht fehlerfreies Russisch, ohne Emigranten-Akzent.
Weil der Sowjet-Staat die Lesungen für teures Geld durch Störsender vor allem in der Nähe der großen Zentren unhörbar zu machen versucht, fahren viele Städter .in die Datscha aufs Land, wo sie die brisanten Texte ungestört auf Tonbändern konservieren können.
Der Münchner Sender schätzt sein östliches GULAG-Publikum allein in der Sowjet-Union nach Millionen ein, angeblich erreicht er drei Viertel aller sowjetischen Studenten, drei von zehn KPdSU-Mitgliedern.
Die Propaganda-Abteilung des Moskauer Zentralkomitees konnte sich nach der Wahrscheinlichkeit leicht ausrechnen, in welchem Zeitraum das Buch in der ganzen Sowjet-Union bekannt sein wird, ohne daß auch nur eine Zeile davon gedruckt kursiert.
Die Offensive von außen trifft Moskau in einer riskanten Übergangsphase. Gedrängt von der Erkenntnis, daß der Sowjet-Kommunismus den Ansprüchen seiner Bürger nur noch gerecht werden kann, wenn er westliches Know-how und westliches Kapital ins Land zieht, hat die Kreml-Führung den waghalsigen Weg der Öffnung nach Westen gemacht -- mit unausbleiblichen dekompositorischen Folgen im Innern. Sie sind, mit Rücksicht auch auf die öffentliche Meinung des Westens, nicht mehr mit den Primitiv-Mitteln des alten Systems unter Kontrolle zu halten.
Der Autor des GULAG-Buches, das die sowjetische Nachrichtenagentur Tass nach einer Schrecksekunde von mehreren Tagen einen "ekelerregenden Dreck" genannt hatte, lebte unbehelligt mitten in Moskau, gab westlichen Journalisten sowjetfeindliche Interviews, zeigte sich beunruhigt, weil der Staat gegen ihn nicht einschritt. Und er war nicht allein.
Seit dem Sommer 1973, nach dem Ende der vorbereitenden Konferenz für die europäische Sicherheit, ist die Aktivität der Dissidenten in der Sowjet-Union jäh gestiegen. Die Furcht vor einem augenzwinkernden Arrangement des angeblich naiven Westens mit dem in ihren Augen barbarischen System der sozialistischen Staaten trieb prominente Moskauer Regime-Kritiker wie Andrej Sacharow und Wladimir Maximow zu ständig radikaleren Erklärungen. Sacharow beorderte den amerikanischen Kongreß, auf die Meistbegünstigungsklausel, auf sowjetische Warenwünsche so lange zu verzichten, bis Moskau die Auswanderungs-Kontingente für sowjetische Juden erhöht.
Maximow, seit jeher schärfer in Programm und Diktion -- er zieht ein westliches System dem Sozialismus schlechthin vor -, warf dem Bundeskanzler Brandt vor, er habe mit seiner leichtgläubigen Ostpolitik das sowjetische Unrechtssystem stabilisiert und solle sich deshalb vor einem neuen Nürnberger Tribunal verantworten.
Frauen aus der Ukraine schrieben an die Uno.
Sacharow und Maximow, aber auch Solschenizyn sparten nicht mit Erklärungen und Interviews für westliche Journalisten -- vor allem wohl, weil sie damit rechneten, daß die Partei den literarischen Widerstand brechen wolle: Die Dissidenten Jakir und Krassin waren. wenn auch milde, verurteilt. die wichtigste Untergrundzeitung "Chronik der laufenden Ereignisse" war ausgeschaltet worden.
Nun nach dem Erscheinen von "Archipel GULAG" im Westen heizten die Moskauer Dissidenten die Auseinandersetzung mit dem Regime abermals an, nicht zuletzt, um mit der Aufmerksamkeit der Welt die Gruppe der Regime-Kritiker vor Repressalien zu schützen.
Sacharow lobte Solschenizyns Werk über Telephon für Springers "Bild am Sonntag" und bat den französischen Staatspräsidenten Pompidou, er möge sich für den verhafteten Biologen Wladimir Bukowski einsetzen. Roy Medwedew, ein Zwillingsbruder des nach England zwangsausgebürgerten Jaures Medwedew und im Gegensatz zu Solschenizyn trotz aller Erfahrung überzeugter Sozialist, verteidigte das GU-LAG-Werk in einer 6000 Worte langen Erklärung, die er westlichen Journalisten gab.
Auch weniger Prominente beteiligten sich. In einem Schreiben an den Generalsekretär der Uno setzten sich Frauen aus der Ukraine für drei zu Zwangsarbeit verurteilte Intellektuelle, darunter die Dichterin Kalynez-Stassiw aus Lemberg. ein. Solschenizyn griff erneut zur Feder und nannte in einer Erklärung für westliche Journalisten den Ausschluß der Schriftstellerin Lidia Tschukowskaja aus dem sowjetischen Schriftsteller-Verband einen Akt der "Rachsucht und Einschüchterung".
Schon zwei Tage später, am 17. Januar, protestierte wieder Sacharow in einem offenen Brief an den Pen-Club, weil die Sowjetbehörden dem Politsänger und Filmemacher Alexander Galitsch, der inzwischen krank und mittellos in Moskau lebt, das Visum für eine USA-Reise verweigert hatten, Solschenizyn gab die nächste Erklärung an Westkorrespondenten nur fünf Tage später, diesmal mit dem Credo: "Indem wir Lügen entgegentreten, handeln wir moralisch, nicht politisch, und begehen kein Verbrechen.
Wie recht Solschenizyn hatte, im Plural zu sprechen, zeigte sich am Tag seiner Ausweisung. In der gleichen Stunde, als eine Tschaika-Limousine den Schriftsteller zum Flugplatz brachte. verteilten Freunde Flugblätter an westliche Journalisten. Aus dem Text dieser "Erklärung der Germanisten und Freunde von Solschenizyn":
* Text der Tafel links: Schande den Bummelanten. Das Transparent (M.) verspricht Freilassung durch "ehrliche Arbeit".
Er wußte sich verpflichtet, das zu sagen, was die Millionen Verstummter, Ermordeter, Hingerichteter, Verhungerter, zum Tode Gefolterter von schwerster Zwangsarbeit Erwürgter nicht sagen konnten.
Die beredte Dauerkampagne der Moskauer Dissidenten seit Anfang Januar hatte zumindest eine Folge: Die Namen der Aufrührer und ihrer Freunde verschwanden nicht mehr aus den Schlagzeilen der westlichen Presse. Die Sowjet-Union, in langfristiger Konzeption um Normalisierung und Ausgleich, wirtschaftliche Zusammenarbeit und wissenschaftlichen Austausch mit dem Westen bemüht, sah sich vor das fast ausweglose Dilemma gestellt, entweder die Dissidenten zum Schweigen zu bringen und damit das Werk der friedlichen Koexistenz aufs Spiel zu setzen, oder aber die Dissidenten reden zu lassen und damit die Risiken der Öffnung womöglich unkalkulierbar zu machen.
Die Kreml-Führer konnten sich, wie so oft in den letzten Jahren, über Monate hin offenbar nicht entscheiden. Sie behielten aber noch die Nerven, als andere Gruppen von Unzufriedenen, durch die Aktivität der Schriftsteller ermuntert, nun gleichfalls ihren Protest gegen das Sowjet-Regime steigerten: Ausreisewillige Juden demonstrierten fast täglich in Moskau, sechs deutschstämmige Esten und Letten, die auswandern wollen, zogen vor die deutsche Botschaft in Moskau, zwei flüchteten sich vor der Polizei ins Haus.
In Leningrad spürte die Polizei vier ältere Bürger auf, die nach dem Vorbild der Moskauer Dissidenten Zeitungen und Rundfunkanstalten mit Briefen bombardierten. in den Briefen "beschmutzten" sie laut Leningrader "Prawda" die Innen- und Außenpolitik der Sowjet-Union.
Im Chor der Leserbriefe an die Parteizeitungen, die das neue Werk Solschenizyns getreu der Redaktionslinie als "Verrat am Vaterland" verurteilten, ohne daß die Schreiber auch nur eine Zeile davon kannten, tauchte immer häufiger die Frage auf, wie lange sich die Partei die Auftritte dieser "Emigranten im eigenen Land" noch gefallen lassen wolle.
Bulgarisches Befremden über Moskauer Milde.
Auch in Ost-Berlin mußte Kommentator Leuschner von der "Stimme der DDR" die Hörerfrage beantworten. "warum die Sowjet-Union es zuläßt, daß Solschenizyn seinem Land Schaden zufügt". Leuschner: "Juristische Schritte könnten noch mehr antisowjetische Glut entfachen." Das bulgarische Parteiblatt "Rabotnitschesko Delo" meldete "gelinde gesagt, Befremden" über die lasche Gangart in Moskau.
Denn überall im sozialistischen Lager werden Betriebsleitern, Parteisekretären, Lehrern und Professoren unangenehme Fragen nach Solschenizyns neuer Schreibweise der russischen Geschichte gestellt; oft erweisen sich die Fragesteller als weitaus besser über das Werk GULAG informiert als die parteiamtlichen Antwortgeber.
Allein das kommunistische China findet trotz der vernichtenden Kritik an Stalin für. die Moskauer Dissidenten verständige Worte und nutzt den Hauskrach zum Propaganda-Krieg gegen "geistfeindliche Russen".
Im Januar sprachen sich die kommunistischen Parteien Frankreichs. Spaniens, Italiens und der Schweiz dafür aus, daß auch in der Sowjet-Union das Solschenizyn-Buch veröffentlicht werde -- für die Sowjets, die zur gleichen Zeit mit Vertretern von 67 kommunistischen Parteien in Prag eine neue Weitkonferenz der Kommunisten vorbereiteten. ein besonders harter Schlag.
Schließlich drohte der Dissidenten-Aufstand auch auf jenen Bereich einzuwirken, auf dem die Sowjet-Führung besonders empfindlich zu treffen ist: ihr mangelnder Kontakt zur Bevölkerung. Erst in der Neujahrsbotschaft hatte das ZK den sowjetischen Bürgern versprechen müssen, ihre "materiellen und geistigen Bedürfnisse besser zu befriedigen". Jetzt wurden neue, gefährliche geistige Bedürfnisse geweckt -- die Moskau unmöglich befriedigen konnte.
Die Rücksicht auf die sowjetische Westpolitik, die einer neuen Phase der Sicherheitskonferenz entgegengeht. mußte schließlich zurücktreten vor der Notwendigkeit, der wachsenden Unruhe im sozialistischen Lager entgegenzuwirken. Selbst die Rücksicht auf die bevorstehende KP-Weltkonferenz, der sich Moskau als moderner Staat präsentieren will, wog gegen die innere Krise nicht schwer genug.
Die einzige Chance, mit GULAG vielleicht doch noch fertig zu werden. hatten die Behörden verpaßt: Sie hätten, so meinen aufgeklärte Sowjet-Politiker, das Buch sogleich in langen Auszügen, jedoch gereinigt von den brisanten Angriffen auf den Gott Lenin, in einer sowjetischen Literaturzeitschrift abdrucken sollen, Statt dessen reifte der Gedanke, den Herausforderer, mit dem sich die Sowjet-Union nicht auseinandersetzen wollte und nicht konnte, vom Schauplatz der Handlung zu entfernen.
Unbequeme Kritiker außer Landes abzuschieben, war keine neue Idee. Schon im September 1973 hatte der Metalldreher und Ex-Partisan Sabello aus Podolsk in einem Leserbrief an die "Iswestija" vorgeschlagen, dem "Friedensfeind Sacharow doch den höchsten Rang in diesem Land, das Recht, ein Sowjet-Bürger zu sein, wegzunehmen".
Ostdeutsche Hilfe für den bedrängten Kreml.
Ähnliche Sprachregelungen fanden sich auch für Solschenizyn und seine Freunde: Der Chefredakteur der "Literaturnaja gaseta", Alexander Tschakowski, forderte den Schriftsteller am Abend des 15. Januar zur besten Sendezeit in der Pause eines Eishockeyspiels auf, als "literarischer Wlassow-Mann" das Land zu verlassen. Den Weg ins Exil empfahl am gleichen Tag auch Sergej Michalkow, Sekretär des Schriftstellerverbandes (SPIEGEL 6/1974).
Ost-Berlin half abermals nach: "Warum eigentlich, wenn es Solschenizyn im Kapitalismus soviel besser gefällt, wenn er seine Heimat so haßt, warum also nimmt er die ihm gebotene Möglichkeit nicht wahr, in die Arme seiner Verehrer zu sinken?"
Die Flucht ins Exil hat in Rußland Tradition. Alexander Herzen, Lenin und Trotzki entzogen sich auf diese Weise dem Zugriff der zaristischen Polizei. Aber erst mit der Machtübernahme Lenins wurden unbequeme politische Gegner auch zwangsexiliert.
So besorgte Lenin dem Führer der Menschewiki Martow, der krank in Moskau lag, 1920 persönlich Fahr- und Platzkarte für den letzten Zug, der im kohlenarmen Winter in Richtung Westen dampfte -- für den Sozialdemokraten Martow kam die Ausweisung einer Lebensrettung vor der Tscheka gleich. Die junge Sowjetmacht, im Westen im Ruch, eine Hinrichtungspartei zu sein, konnte ihr Image aufbessern.
1922 gab Lenin dem Genossen Kurski den Befehl, die Landesverweisung gegenüber "allen Arten von menschewistischer, sozialrevolutionärer und dergleichen Tätigkeit" im neuen Gesetzentwurf der Erschießung gleichzusetzen -- Solschenizyn beschreibt die Szene in seinem GULAG auf Seite 337, und er zitiert auch Lenins Brief an den Tscheka-Chef Dserschinski:
Gen. Dserschinski! Zur Frage der Ausweisung von Schriftstellern und Professoren, die der Konterrevolution helfen. Dies muß sorgfältiger vorbereitet werden. Ohne Vorbereitung werden wir Dummheiten anstellen ... Die Sache muß so organisiert werden, daß diese "Kriegsspione" beständig und systematisch aufgespürt, gefangen und ins Ausland geschickt werden. Ich bitte Sie, den Brief unter Geheimhaltung und ohne Vervielfältigung den Mitgliedern des Politbüros zu zeigen.
Lange bevor er selbst des Landes verwiesen wurde, kommentierte Solschenizyn den Einfall Lenins mit Spott: Jene unferne Zeit schwebte Wladimir Iljitsch wohl vor, da man sich bei uns der Einreisewilligen aus Europa nicht würde erwehren können und umgekehrt, von uns nach Europa auszureisen, keiner freiwillig zu bewegen sein würde.
Erste Opfer -- oder Nutznießer -- der neuen Regel wurden fast 300 der besten russischen Geisteswissenschaftler, die Geheimdienstchef Dserschinski Ende 1922 als "bürgerliche Intelligenzler" per Schiff in den Westen abschob: die gesamte Philosophenschule Rußlands, von Berdjajew bis Stepun, die Historiker, ja selbst Mathematiker wie Seliwanow, die Moskau dringend gebraucht hätte.
Zu den wenigen, die unter Stalin das Land verließen und damit wahrscheinlich ihrer Hinrichtung entgingen, gehörte der Sowjet-Schriftsteller Jewgenij Samjatin, Verfasser des utopischen Romans "Wir", in dem numerierte Menschen in einer gläsernen Stadt alle zur selben Sekunde erwachen, wie ein Mann den Löffel mit künstlicher Naphtha-Nahrung zum Munde führen und zur selben Sekunde zur Arbeit antreten. Ohne "Wir" hätte Orwell 27 Jahre später sein "1984" nicht geschrieben.
So skurril Samjatin seinen Roman auch angelegt hatte, die gespenstische Vision paßte nicht in den Fortschrittsglauben der Stalinisten. 1931 schrieb der Visionär an Stalin einen persönlichen Brief: Die Atmosphäre einer systematischen, von Jahr zu Jahr sich steigernden Hetze mache es ihm unmöglich zu schreiben, bedeute seinen Tod. Er bitte, dieses "höchste Strafmaß" durch Verbannung ins Ausland zu ersetzen, damit er zurückkommen könne, "sobald es bei uns möglich sein wird, der Literatur mit großen Ideen zu dienen".
Stalin gewährte die Ausreise, der Schriftsteller starb im Pariser Exil. Das von Lenin erlassene, erst nach Lenins Tod 1929 vom Zentralen Exekutiv-Komitee bestätigte Gesetz über die Ausbürgerung galt bis in die Ära Chruschtschows und wurde erst 1961 modifiziert.
Jetzt gelten getrennte Tatbestände für "Ausweisung" (Artikel 20 des Strafgesetzbuchs) und Verlust der sowjetischen Staatsangehörigkeit, den entweder ein ordentliches Gericht oder
durch Sondererlaß -- das Präsidium des Obersten Sowjet der UdSSR als "überwiegend politisch bedingte Maßnahme" aussprechen kann. Rechtsmittel gibt es gegen diese Entscheidung nicht.
Damit ist die Sowjet-Union -- im Gegensatz etwa zu Polen, Rumänien oder der CSSR -- das einzige sozialistische Land, das gegen Bürger, die im Lande leben, den Verlust der Staatsbürgerschaft als Strafe aussprechen kann.
Eine Zwangsausbürgerung wie im Fall Solschenizyn -- ein Sowjet-Bürger wird gegen seinen Willen über die Grenze gebracht -- hat es in der jüngeren Sowjet-Geschichte dennoch nicht gegeben. Fast immer wurden Russen ausgebürgert, die sich bereits im Ausland befanden.
Nach einer Forschungsreise die Heimkehr verweigert.
Prominentester Fall: Swetlana Allilujewa, Stalins Lieblingskind. Nachdem sie von einer Reise nach Indien nicht mehr in die UdSSR zurückgekehrt war, sich im April 1967 in den USA niedergelassen und ihre Memoiren "Zwanzig Briefe an einen Freund" veröffentlicht hatte, wurde ihr am 19. Dezember 1969 die Staatsbürgerschaft aberkannt.
Dem Genetiker und Kritiker Jaures Medwedew nahmen sowjetische Botschaftsbeamte in London durch einen Trick den Paß ab; der Physiker Walerij Tschalidse verlor die Staatsbürgerschaft und das Recht auf Heimkehr Ende 1972 nach einer Forschungsreise durch die USA.
Der Schriftsteller und Literaturkritiker Andrej Sinlawski, als Regime-Kritiker 1966 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, bekam zusammen mit Frau und Sohn im Frühjahr 1973 die Erlaubnis zur Studienreise nach Frankreich -- gegen das Versprechen, nicht zurückzukommen.
Die Methode, unliebsame politische Gegner an der Rückkehr ins Vaterland zu hindern, wandten freilich auch andere autoritäre Regime wie die Griechenlands, Brasiliens oder Spaniens an. Besonders lang ist die Liste der Nazis. Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Tucholsky, Döblin oder Georg Kaiser verloren nach dem Hitler-Gesetz über den "Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung" die deutsche Staatsangehörigkeit.
Regimegegner gegen ihren Willen über die Grenze zu schaffen, das wagten freilich nicht einmal NS-Staatsanwälte.
Gegenüber den besonders heimatverbundenen, bodenständigen Russen mag das Mittel "besonders wirkungsvoll sein. Und das Moskauer Kalkül, die politischen Gegner in der Fremde mundtot und unwirksam zu machen, ging in den meisten Fällen auf. Unfähig, sich in der fremden Sprache literarisch zu artikulieren, dem Kreis der Freunde und Anhänger, aber auch den Archiven und Quellen entzogen, lebt der Widerstand gegen Moskau im Zwangsexil weitgehend von der Erinnerung.
Ganz sicher, ob das Verfahren auch im Fall Solschenizyn zum Erfolg führt, war sich der KGB aber offenbar nicht: Das Talent des Schriftstellers könnte stark genug, seine Unversöhnlichkeit absolut genug sein, die Gefahren der Emigration. zu überstehen.
Moskau hätte es gewiß vorgezogen, den Moralisten zu einem Stillhalte-Abkommen zu bewegen -- keine Chance. Moskau versuchte es dann mit einem anonymen Nervenkrieg und dem Ausbruch "spontaner" Volkswut -- keine Chance.
Dem Regime-Kritiker Ingenieur Alexander Feldman aus Kiew hatte der KGB Anfang Dezember eine Falle gestellt, um ihn wegen Rowdytums verurteilen zu können: Feldman bemerkte auf dem Nachhauseweg eine Frau, die auf dem Boden kniete, und bot sich an, ihr zu helfen. Doch die Frau begann zu schreien, die Männer, die aus dem Gebüsch auf Feldman stürzten, bezeugten später, er habe die Frau zu Boden gestoßen und mit obszönen Worten beleidigt.
Solschenizyns Photo im Hausgarten beerdigt.
Für Solschenizyn ließ sich der KGB etwas anderes einfallen: Seine ehemalige, 1973 von Ihm geschiedene Ehefrau Natalja Reschetowskaja beerdigte im Hausgarten ein Photo des Schriftstellers -- um die Trennung symbolträchtig zu unterstreichen. Gleichzeitig kündigte Natalja, "die an dem Entstehen von "Erster Kreis der Hölle" und "Krebsstation" als Sekretärin ihres Mannes mitgewirkt hatte, ihre "Memoiren" an, in denen sie keinen, schon gar nicht Solschenizyn zu schonen gedenke.
Selbst sein ehemaliger Schulfreund und Frontkamerad, der Chemiker Nikolai D. Witkewitsch, stellte sich für den Nervenkrieg gegen Solschenizyn zur Verfügung. Witkewitsch, mit dem der GULAG-Autor einst die Briefe gewechselt hatte, die beide wegen allzu offener Kritik an Stalin in Gefängnisse und Lager brachten, erklärte nun, Solschenizyn habe -- im Gegensatz zu seinem GULAG-Text -- ihn und andere Freunde im Gefängnis schwer belastet, um sich selbst zu retten.
Gegenüber der Moskauer Wohnung von Solschenizyns Frau montierten der Leibzeichner Stalins, Boris Jefimow und der Liederdichter Scharow eine Collage, die Solschenizyns Bücher als Totentanz zeigen, darunter steht: "Verräter und Handlanger der Faschisten".
Schließlich griff der KGB zum bewahrten Mittel anonymer Drohungen per Brief oder per Telephon, auch das ohne die gewünschte Wirkung.
So kam es, daß der Schlußakt in diesem Drama mit jenen "polternden Offiziersstiefeln" beginnt, die Solschenizyn in seinem "Archipel GULAG" zum Symbol für willkürliche Verhaftungen in der Stalinzeit erhoben hat.
Es geschieht wieder, wie bei seiner ersten Verhaftung 1945 in Ostpreußen, "eines mattmüden europäischen Februartages".
Seit Januar mit Verhaftung nicht mehr gerechnet.
Acht Beamte des KGB stehen am Dienstag-Nachmittag kurz nach 17 Uhr in der Wohnung von Solschenizyns Frau im ersten Stock der Gorkistraße Nummer 12. Sie sind gekommen, um Solschenizyn, der zwei Vorladungen des Untersuchungsrichters ignorierte, notfalls zwangsweise vorzuführen.
Solschenizyn fügt sich. Nach der Auslegung der sowjetischen Strafprozeßordnung gab es zu diesem Zeitpunkt mindestens drei Gründe, ihn zu verhaften und in einem Prozeß abzuurteilen:
* Solschenizyn, dem nach Paragraph 26 des Strafgesetzbuches verboten ist, in Moskau Wohnung zu nehmen, wohnte bei seiner (zweiten) Frau.
* Seine Interviews und Erklärungen an die westliche Presse reichen aus, um ihn der "antisowjetischen Tätigkeit" anzuklagen.
* Die nicht durch "die neue literarische Agentur "Wsesojusnoje agenstwo po awtorskim prawam" (WAAP) autorisierte Veröffentlichung von "Archipel GULAG" im Westen verstieß gegen das neue sowjetische Urhebergesetz.
Ein sowjetischer Funktionär zum SPIEGEL: "Streng nach dem Legalitätsprinzip hätte das ausgereicht, Solschenizyn zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe zu verurteilen. Es war die Lage entstanden, daß er die Rechte eines Sowjet-Bürgers beanspruchte, ohne die Pflichten wahrzunehmen."
Solschenizyn, der nach dem Verlauf der Kampagne gegen ihn von Mitte Januar an mit einer Verhaftung müht mehr gerechnet hatte, war sich bei der Zwangsvorführung über die möglichen Folgen im klaren -- freilich, er sah sie dramatischer, als das Regime erlauben wollte. Seine für den Fall der Verhaftung vorbereitete und am Mittwochabend auch prompt von den Westjournalisten in Moskau veröffentlichte Erklärung klingt wie ein Testament: Falte ein (solches) Tribunal gegen mich einberufen wird, werde Ich mich dorthin nicht auf eigenen Füßen bewegen. Man wird mich mit gefesselten Händen in einem Polizeiwagen dorthin bringen müssen. Ich werde keinerlei Fragen beantworten, wenn man mich verurteilt, werde ich mich diesem Urteil nicht beugen, ohne daß man meine Hände in Handschellen legt ... Falls man mich einkerkert, werde ich nicht einmal eine halbe Stunde für meine Unterdrücker arbeiten, damit überlasse ich ihnen nur die Möglichkeit der Tyrannen: mich schnell zu töten, weil ich die Wahrheit über die russische Geschichte geschrieben habe. Voreilig ließ Solschenizyn zudem ein 1500 Wörter umfassendes Stück aus dem noch unveröffentlichten Teil von "Archipel GULAG" in der "New York Times" veröffentlichen -- einen Essay über das sowjetische Recht, "das völlig anders ist als alles, was anderswo in der Welt unter Recht verstanden wird".
Das bekam Solschenizyn nun abermals am eigenen Leibe zu spüren: Der Untersuchungsrichter, um die Wahrung von Verfahrensnormen bemüht, nahm Solschenizyn nur in Arrest, um ihn nicht verhaften und verurteilen zu müssen. Denn das Urteil über das künftige Schicksal hatte bereits das Politbüro gefällt: Zwangsausbürgerung.
Die Frage, warum Solschenizyn gerade in die Bundesrepublik transportiert wurde, beantwortete ein sowjetischer Gewährsmann dem SPIEGEL so: "Die Bundesrepublik hat ein politisches Asylrecht wie nicht jedes Land. Angebote von Nixon und Heath kamen zudem erst nach der Ausweisung."
"Man kann so einen Gast doch nicht ins Hotel bringen."
Eine Rolle -- so sowjetische Stellen -- hat die Münchner Rede von Bundeskanzler Brandt aus Anlaß der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises gespielt. Brandts Bemerkung, in der Bundesrepublik könne Solschenizyn ungestört seiner Arbeit nachgehen, war von Ghostwriter Harpprecht nachträglich in das Brandt-Manuskript eingesetzt worden, mit Zustimmung Egon Bahrs, aber gegen die Bedenken des Auswärtigen Amtes.
Bahr: "Unsere Beziehungen zur Sowjet-Union sind eine Sache, aber die Frage unserer Auffassung und Kritik an diesem System sind eine ganz andere."
Nach der Münchner Rede ließ sich ein Tass-Korrespondent den Wortlaut des Kanzler-Statements geben, in den sowjetischen Zeitungen tauchte es freilich nicht auf.
Ausdrücklich auf Brandts Solschenizyn-Satz berief sich Sowjet-Botschafter Falin, als er sich am Mittwoch zu ungewöhnlicher Zeit, morgens um acht Uhr, bei AA-Staatssekretär Frank melden ließ: Die Sowjet-Union habe den Schriftsteller ausgebürgert, ob der Bundeskanzler noch zu seinem Wort stehe, daß Solschenizyn in der Bundesrepublik jederzeit Aufnahme finden werde. Frank gab eine grundsätzliche Zusage. Die weiteren Verhandlungen mit Moskau übernahm Egon Bahr.
Brandt, der von dem bevorstehenden deutsch-sowjetischen Hoheitsakt in der morgendlichen Kabinettsrunde durch einen Zettel erfuhr: "Das nehmen wir zur Kenntnis; das muß aber zunächst top secret bleiben."
Erst als es um die praktischen Erwägungen der Unterkunft für Solschenizyn ging, schlug Bahr vor, den Nobelpreisträger Heinrich Böll einzuschalten: "Man kann so einen Gast doch wohl schlecht in einem Hotel unterbringen."
Die Vorbereitungen in Moskau reichten trotz vierstündigen Wartens der Linienmaschine nicht aus -- der Arrestant Solschenizyn mußte in einem eiligst vom KGB gekauften Anzug in die Bundesrepublik reisen: Seine eigene Garderobe war nicht schnell genug aus der Häftlings-Kleiderkammei- herbeizuschaffen.
Zum erstenmal in seinem Leben, so Solschenizyn später zu seinem Gastgeber Böll, sei er ohne Bleistift gewesen. Von acht starken KGB-Offizieren auf das Flugfeld gebracht, wußte Solschenizyn nach eigener Aussage auch nach der Landung in Frankfurt noch nicht genau, wohin man ihn gebracht hatte. "Ich ahnte es nur."
Solschenizyn, der zuvor Emigration als "Todesurteil" angesehen hatte, mußte wohl etwas gewaltsam von Bord gebracht werden. Er wirkte energisch und entspannt zugleich.
So wurde denn das Eifeldorf Langenbroich, in dem Böll sich vor acht Jahren ein Bauernhaus gekauft hat, für zwei Tage Zwischenstation ·im Kampf des Schriftstellers Solschenizyn gegen die Sowjet-Union. Der Zwangsausgewiesene verbrachte die Zeit bei dem Deutschen in weitaus besserer Verfassung als der Gastgeber.
Das von Hunderten von Journalisten belagerte Haus Nummer 13, für Gästebesuch ohnehin zu klein, wirkte durch Dutzende von Polizei- und Sicherheitsbeamten, die es abgeschirmt hatten, noch enger. Im kleinen Wohnzimmer saßen sich die beiden Nobelpreisträger gegenüber. Auf dem Tisch das Buch: "Freies Geleit für Ulrike Meinihof", an der Wand daneben ein Porträt von Rosa Luxemburg, darunter in der Nähe des Ofens eine fette weiße Katze.
Zwischen dem ständig kaffeetrinkenden Böll und dem bedächtig seinen Tee schlürfenden Solschenizyn, zwischen Buch, Katze und Rosa Luxemburg stellte am Donnerstagabend ein Beamter der nahen Kreisstadt Düren für den ausgewiesenen sowjetischen Schriftsteller einen deutschen Fremdenpaß aus, das erste Dokument für sein neues Leben.
Solschenizyns Begeisterung für Deutschland hielt sich in Grenzen. Er lobte, was Ausländer in Deutschland fast stereotyp zu loben haben: die guten Autobahnen und die vielen Autos. Aber er ließ sehr bald durchblicken, daß dies für ihn kein Wohnsitz auf längere Dauer sei. Freund Böll mutmaßt: "Hier ist ihm alles viel zu eng."
Erste private Initiative zeigte er, als es darum ging, die ihm vor der Moskauer Abreise in aller Eile besorgte Garderobe -- Solschenizyn nannte die zu weite Jacke und Hose "KGB-Lappen" -- gegen einen Anzug von der Stange einzutauschen. Das einzige, was er aus seinem Privatbesitz aus Moskau herausbrachte, ist seine abgetragene braune Bärenfellmütze.
Am Donnerstag kam aus Zürich Fritz Heeb -- Freund, juristischer Berater und Vermögensverwalter Solschenizyns. Rund fünf Millionen Mark dürften sich aus Autoren-Honoraren im westlichen Ausland und dem Nobelpreis (300 000 Mark) im Laufe der Jahre angesammelt haben.
Heeb, nicht nur oberflächlich ein Typ vom Schlage Jean Gabins, sieht seinen Mandanten -- Heeb: "Der Fall meines Lebens" -- zum erstenmal. Denn in der Sowjet-Union ist der kommunistische Renegat, seit dem Ungarn-Aufstand 1956 linker Sozialdemokrat, nie gewesen.
Der Jurist, der im Krieg für die Sowjet-Union schwärmte, gehört heute zum Schweizer Establishment. Er ist Mitglied des Zürcher Kantonsrates, des Landesparlaments, Mitglied des Kassations-Gerichtes und gilt inzwischen als Experte für Markenschutz- und Urheberrechtsfragen. Für die DDR-Firma VEB Zeiss-Jena gewann er vor drei Jahren sensationell gegen die bundesdeutsche Firma in Oberkochem.
Wo sich Solschenizyn endgültig niederlassen wird, ist vorerst noch nicht entschieden. Fürs erste will er in der Schweiz, in der Nähe von Fritz Heeb bleiben. Schon bald nach seiner Ankunft in Zürich am vorigen Freitag hat der zwangsausgewiesene Autor ein Landhaus zwischen Küsnacht und Meilen, etwa 20 Kilometer südlich Zürich, am Ufer des Züricher Sees gemietet.
Die Familie, seine Frau Natalja Swetlowa, 34, und die beiden Söhne Jermolai, 3, und Iguatij, 2, sollen ihm in den Westen folgen dürfen, "wann immer sie es wünschen", so sowjetische Stellen zum SPIEGEL, dazu alle Verwandtschaft, "welchen Grades auch immer".
Außerdem, so heißt es in Moskau, sei "anzunehmen", daß der Schriftsteller nicht nur seine Anzüge, sondern auch seine Manuskripte nachgeschickt bekommt. "Wenn man schon von dem Verfasser Abschied genommen hat, wird man auch von seinem Archiv nichts zurückhalten wollen."
"Was soll ein trojanisches Pferd ohne Troja?"
Für die weiteren Bände von "Archipel GULAG" wäre eine solche Entscheidung ohne Belang, Durchschläge des Manuskripts sind ohnehin seit langem im Westen. Zurückgeblieben sind Aufzeichnungen und Archivmaterial für den Fortsetzungsband von "August 1914", der unter dem Titel "Oktober 1916" erscheinen soll.
Nach der geglückten Transaktion mit Solschenizyn will Moskau offensichtlich auch andere prominente Dissidenten abschieben: Der Romanautor Maximow bekam überraschend für sich und seine Frau Tanja ein Visum, um für ein Jahr Frankreich zu besuchen.
Die Kreml-Führung ist spürbar darum bemüht, den Fall Solschenizyn nun, da er das Land verlassen mußte, herunterzuspielen. Der Mann sei für Moskau kein politischer, sondern ein sozialer Fall, von dem man annimmt, daß er bald vergessen ist. "Was soll ein trojanisches Pferd ohne Troja?"
Ob freilich die Sowjet-Bürger ihren größten lebenden Schriftsteller, den sie bisher nicht richtig kennenlernen durften, so schnell vergessen werden, steht noch dahin.
Die Meldung von seiner Ausbürgerung stand auf der vierten und letzten Seite in der Donnerstag-Ausgabe der "Prawda", knappe fünf Zeilen.
In der Moskauer Metro und in den Omnibussen hatte am Donnerstag jeder zweite Zeitungsleser die vierte Seite der "Prawda" aufgeschlagen.

DER SPIEGEL 8/1974
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