07.01.1974

„Bereit, den Tod auf mich zu nehmen“

Eine publizistische Weltsensation steht bevor: Alexander Solschenizyn, Literatur-Nobelpreisträger und Leitfigur der innersowjetischen Opposition, hat unerwartet die Veröffentlichung eines Buches freigegeben, das er als sein Hauptwerk bezeichnet. „Der Archipel GULAG“ ist die bisher schärfste Abrechnung eines sowjetischen Autors mit dem System von Terror und Verbannung in Rußland, das er nicht erst Stalin, sondern bereits Lenin anlastet.
Fünf Tage und vier Nächte hielt die Untersuchungsgefangene den Fragen der Vernehmungsbeamten stand. Welche Tricks die Routiniers des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes KGB auch anwandten -- Jelisaweta Worotjanskaja, Vertraute des Schriftsteller-Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn, wich aus, gab nur vage Antworten.
Doch die KGB-Männer ließen nicht locker. Immer wieder kreisten ihre Fragen um ein Manuskript Solschenizyns, von dem sie offenbar nur den Titel kannten: "Der Archipel GULAG".
Schon Anfang 1969 hatte sich in Moskau herumgesprochen, der einflußreichste Wortführer der innersowjetischen Opposition habe ein Buch geschrieben, in dem er das Sowjetsystem der Vergangenheit schärfer als je zuvor attackierte. Der Titel verriet das Thema der Arbeit, denn GULAG ist das Kürzel für eine der beklemmendsten Institutionen der Sowjet-Union: "Glawnoje Uprawlenije Lagerei", Hauptverwaltung für Straflager.
Nur wenigen war bekannt, was Solschenizyn mit dem Manuskript vorhatte. Er hielt es an einem unbekannten Ort versteckt, nicht einmal die engsten Freunde durften es lesen. Immer wieder beteuerte der Autor, er werde sein "Hauptwerk" nur veröffentlichen, wenn er selber in Gefahr sei.
Dennoch wollten Gerüchte wissen, er habe das Manuskript bereits in den Westen schmuggeln lassen. Ein amerikanischer Verlag sollte die Abdrucksrechte erworben haben, das Buch in einem New Yorker Banksafe liegen. Solschenizyn reagierte auf solche Gerüchte "nervös und konsterniert" -- so "Time" im März 1970.
"Er bat seine Freunde", erinnert sich Solschenizyns Kampfgefährte Jaures Medwedew, "über das Manuskript nichts zu sagen, ja die Existenz des Manuskripts schlechthin zu leugnen. Er tat das, weil er damals tatsächlich nicht an eine Veröffentlichung dachte."
Daher wußte er ebenso wie die Fahnder des KGB, daß der heikle Text die Sowjet-Union noch nicht verlassen hatte. Keine Spur wies in das Versteck des Buches. Da packten die Staatssicherer den Dichter an einer schwachen Stelle seines Geheimhaltungsschirms: Im August 1973 geriet Solschenizyn-Vertraute Jelisaweta Woronjanskaja vor die Verhörscheinwerfer des Leningrader KGB.
In der fünften Vernehmungsnacht brach die Frau zusammen und gab das Versteck des Buches preis. Das Manuskript geriet in den Besitz des KGB. Die Woronjanskaja fuhr in ihre Wohnung zurück und erhängte sich.
Der Selbstmord seiner Konfidentin trieb Solschenizyn in eine Panik. Zug um Zug hatte ihn das KGB von der Umwelt isoliert; die Wohnungen seiner Freunde waren durchsucht, einige von ihnen verhaftet worden. Manuskripte waren beschlagnahmt. sein Mitarbeiter Gabriel Sperfin in einer KGB-Zelle verschwunden.
Jetzt sah er sich selber gefährdet. "Wenn ich plötzlich unerklärlicherweise im Sterben liegen sollte", vertraute er Ende August westlichen Korrespondenten an, "können Sie sich darauf verlassen, daß ich mit Zustimmung des Staatssicherheitsdienstes oder von ihm selbst umgebracht wurde."
Die Stunde der Entscheidung schien ihm gekommen. Denn das Manuskript enthielt die Namen oder Initialen von 227 Sowjetbürgern, die ihm Material zu seinem Buch geliefert hatten -- sie galt es durch internationale Publizität vor dem KGB zu retten. Solschenizyn in dem Vorwort des "Archipel GULAG": Die Pflicht gegenüber den noch Lebenden überwog die Pflicht gegenüber den Verstorbenen. Doch nun, da das Manuskript in die Hände des Staatssicherheitsdienstes gefallen ist, bleibt mir keine andere Wahl, als es unverzüglich zu veröffentlichen.
Noch im September kontaktierte er den Züricher Rechtsanwalt Dr. Fritz Heeb, der seit Anfang 1970 von Solschenizyn mit der Vertretung seiner Autorenrechte im gesamten Westen beauftragt ist,
Wie er zu diesem Auftrag kam, gibt Heeb nicht preis. Die Autoren einer unlängst bei Kindler erschienenen Solschenizyn-Biographie, David Burg und Georg Feifer, deuten es nur vorsichtig an; sie bezeichnen den Anwalt als "Sozialdemokraten des linken Flügels", schreiben ihm "enge Beziehungen" zu Dubcek-Anhängern zu und vermuten, "daß die Beauftragung auf diesem Wege erfolgte".
Auf welchem Wege der "Archipel GULAG" in den Westen gelangte, will Heeb "natürlich" ebenfalls nicht sagen -- nicht einmal, seit wann das Werk in seinem Besitz ist. Solschenizyn-Lektor Gert Woerner: "Es kam auf sehr, sehr umständlichen Wegen in den Westen" und "nicht als Manuskript-Paket",
Sicher aber ist, daß Vermittler Heeb sofort einen ganz bestimmten Abnehmer anvisierte. Seine Wahl war nicht ohne Überraschung: Verleger Rudolf Streit-Scherz in Bern "fiel aus allen Wolken". als ihm der Rechtsanwalt das neue Solschenizyn-Werk anbot und 200 Seiten der Erstfassung einer deutschen Übersetzung zur Prüfung vorlegte.
1971 hatte Heeb dem deutschen Luchterhand-Verlag die Weltrechte an Solschenizyns Roman "August Vierzehn" übertragen. Für den "Archipel GULAG" erteilte er Scherz nur das deutsche Copyright. Jeweils einzeln schloß er die Verlagsverträge für die amerikanische (Harper & Row), englische (Collins), französische (Seuil) und schwedische (Wahlström & Widstund) Ausgabe ab,
Für die Wahl von Scherz statt Luchterhand war auch ein Wunsch Solschenizyns ausschlaggebend, Heeb: "Ich bekam eine Andeutung von ihm, daß er für dieses Buch einen Schweizer Verlag wünsche."
Heeb selbst wünschte sich ebenfalls "einen Verlag in meiner Nähe, weil es ja auch sehr rasch gehen mußte", Außerdem schien ihm bei Scherz "die gebotene Geheimhaltung" des Projekts am besten gewährleistet,
Zu eben dieser vorläufigen Geheimhaltung -- Schutz vor allem gegen mögliche prohibitive Sowjet-Schritte wurden Scherz und die übrigen Verlage von Heeb vertraglich verpflichtet, auch der religiöse Emigranten-Verlag YMCA-Press in Paris, der am Freitag vorletzter Woche eine russische "Archipel"-Edition publizierte, die das Urheberrecht Solschenizyns sichert, und der überdies eine Miniaturausgabe im Format einer Zigarettenschachtel vorbereitet. Und tatsächlich gelang das Geheim-Manöver vollkommen:
Am 25. Oktober letzten Jahres erhielt Scherz von Heeb das Manuskript der deutschen Übersetzung, deren Verfasserin sich unter dem Pseudonym Anna Peturnig verbirgt. Eingeweiht und jeweils persönlich zur Diskretion vergattert waren im Verlag außer dem Inhaber Streit-Scherz und Cheflektor Woerner nur noch zwei weitere Mitarbeiter,
Am 1. November ging Woerner mit der Übersetzerin zur Endredaktion des Manuskripts "für vier Wochen in Klausur" (Woerner), Abschrift-Arbeiten wurden nicht von Verlagssekretärinnen, sondern von Woerner, von Anna Peturnig und von verlags- und branchenfremden Schreibkräften ausgeführt.
Anfang Dezember lieferte der Verlag das satzfertige Manuskript an die Druckerei Ebner in Ulm -- unter dem Decktitel "Maximow II"; auch im Text hatten die Scherz-Leute den Namen Solschenizyn durch den Namen des sowjetischen Schriftstellers Wladimir Maximow ersetzt, der ebenfalls bei Scherz publiziert.
Noch vor Jahresende erledigte der Scherz-Lektor im Ulmer Druckhaus die letzten Korrekturen, während die Werber des Verlages ihre Instruktionen erhielten, Die ersten Exemplare der 50 000-Erstauflage sollen Ende Januar in den Handel kommen, Weil es Solschenizyns "sehr dezidierter Wunsch ist, daß dieses Werk möglichst weit verbreitet wird" (Heeb), erscheint der 608-Seiten-Band als Paperback zum Niedrigpreis: für 1980 Mark.
Erst im letzten Augenblick, gleichzeitig mit dem Erteilen des Imprimatur. ersetzte Woerner Decktitel und Tarnnamen durch eine neue Signatur: Alexander Solschenizyn. Eine publizistische "Weltsensation" (so die "Süddeutsche Zeitung") stand bevor.
Begleitet von den Protesten sowjetischer Presseorgane (Tass: "Eine neue antisowjetische Polit-Schmähschrift, Neujahrsgeschenk für die Feinde des Vaterlandes"), konnte Solschenizyns Bericht über die Straflager der UdSSR sofort die volle Aufmerksamkeit der westlichen Öffentlichkeit gewinnen. Weltblätter wie die "New York Times" und der Londoner "Observer" erwarben Vorabdruckrechte, auch der SPIEGEL griff zu: In diesem Heft beginnt er, Auszüge aus dem Buch zu veröffentlichen (siehe Seite 52).
Solschenizyns "poetisches j'accuse gegen die Übel des kommunistischen Regimes seiner Heimat" ("Newsweek") sprengt alle Grenzen, die sich die Wortführer der innersowjetischen Opposition in ihrem Kampf für ein liberales Rußland bisher noch zogen. Wie kein sowjetischer Autor vor ihm greift Solschenizyn das von Lenin und Stalin überkommene System an -- in "einem politischen Akt ohne Beispiel in den 56 Jahren seit der bolschewistischen Revolution", wie die "New York Times" urteilt. Bitterer, höhnischer, detaillierter hat kein Sowjetbürger über die Ära leninistisch-stalinistischer Menschenverfolgung gerichtet.
Die Tyrannei des Stalinismus -- das ist Solschenizyns Kernthese -- sei kein Betriebsunfall der Geschichte gewesen. sondern schon von langer Hand angelegt: Mit Lenins "Kampagne gegen das "Ungeziefer" der anpassungsunwilligen Kräfte habe diese Fehlentwicklung von Staat und Gesellschaft begonnen.
"Auch ich hing lange der Meinung an, so Solschenizyn, "daß es Stalin war, der die sowjetische Staatlichkeit in die verhängnisvolle Richtung getrieben hatte. Inzwischen ist Stalin still dahingeschieden -- aber der Schiffskurs. hat er sich wirklich um vieles geändert? Was er an Eigenem, Persönlichem den Ereignissen aufprägt, war die trostlose Stumpfheit, der starrsinnige Despotismus, die Selbstbeweihräucherung ohne Maß. In allem übrigen trat er genau in die vorgegebenen Fußstapfen."
Deshalb liege Rußlands Überlebenschance einzig darin, sich von dieser Vergangenheit radikal freizumachen. Ohne Vergangenheitsbewältigung gebe es keine Zukunft: "Wie unbehaglich. wie unheimlich wird es sein, in einem solchen Land zu leben!"
Ohne Rücksicht auf die Gefühle seiner Landsleute verlangt Solschenizyn, bei den Westdeutschen zu lernen, wie man sich von den Massenverbrechen der eigenen Vergangenheit befreit. In Westdeutschland seien 86 000 politische Verbrecher gerichtet worden. "bei uns aber stand ein knappes Dutzend vor Gericht".
Mindestens 250 000 Funktionäre will er vor Gericht gestellt sehen, denn zu groß seien die von ihnen begangenen Verbrechen in der Lenin- und Stalin-Zeit gewesen. 12 Millionen Menschen hätten gleichzeitig in den Lagern der GULAG gehaust. Und die "Männer mit den blauen Mützen", die Mitglieder des Staatssicherheitsdienstes seien zu allem bereit gewesen, hätten gemordet. vergewaltigt, geplündert, gestohlen.
Solschenizyn: "Vielleicht gab"s auch Blaubemützte, die niemals gestohlen, nichts sich angeeignet hatten, doch für mich ist solch ein Blauer entschieden nicht vorstellbar." Diese "aufgefressenen Visagen. diese Fratzen" seien jeder Bevölkerungsgruppe hinterhergesetzt, sobald sie der Parteiführung lästig schien.
So verrucht dünkt ihn das Korps der Regimeschützer, daß sogar auf den deutschen Totalitarismus unter Hitler ein milderes Licht fällt. Die Anhänger der KPD seien bekämpft, aber nicht ausgerottet worden, wie Solschenizyn am Beispiel des KPD-Mitglieds Maximilian Hauke erkennen will: "Wurde er vernichtet? Keineswegs. Er bekam zwei Jahre. Danach natürlich abermals verurteilt? Wieder falsch. Freigelassen. Das verstehe unsereins, wie er will!"
Und, einmal in Rage, versteigt er sich gar dazu, Hitlers Gestapo mit Stalins MGB zu vergleichen: "Gefoltert wurde da wie dort, doch die Gestapo versuchte trotz allem, die Wahrheit zu finden. Dem MGB war die Wahrheit egal, und es hatte nicht die Absicht, einen einmal Verhafteten wieder aus den Klauen zu lassen."
Viele Sowjetbürger, zürnt der Autor, hätten der Hatz auf vermeintliche Staatsfeinde nur allzuoft zugejubelt. Ruhig habe man zugeschaut. wie eine Gruppe nach der anderen, sofern es nur nicht die eigene war, in der Lagerwelt der GULAG unterging, wie sich die sowjetische Gesellschaft selber zerstörte: "Solcherart Glied um Glied vom Schwanz her verschmausend, arbeitet sich der Drachen bis zum eigenen Haupt vor."
Nur wenige hätten gegen die fortschreitende Unfreiheit protestiert: "Sehr, sehr viel Mut brauchte einer in diesem johlenden Chor für sein "Nein!' -- unvergleichlich mehr als heute." Die Freiheit war längst verloren: "Wir hatten uns in dem einen ungestümen Aufbruch des Jahres 17 verausgabt und beeilten uns danach, wieder gefügig zu werden, fanden Freude daran, wieder gefügig zu sein. Wir haben alles weitere einfach verdient."
Da will es ihn dann auch nicht wundern, daß dieses Volk und dieser Staat im Zweiten Weltkrieg jene Rotarmisten verurteilte, die das Unglück gehabt hatten, in deutsche Gefangenschaft zu fallen. Solschenizyn klagt: "Diese vielmillionenfache Niedertracht: seine Kriegsmänner zu verraten und sie auch noch zu Verrätern zu erklären -- wo hat es das sonstwann gegeben?!"
So hart und kompromißlos kann nur ein Intellektueller formulieren, der sich in der großen russischen Tradition des literarisch-politischen Protests stehen sieht. In dem lange Zeit unterentwickelten Riesenreich. in dem es bis heute an demokratischen Erfahrungen fehlt, waren es stets die durch Wortgewalt und Wissen Privilegierten, die gegen die dumpfe Autorität der Zaren und Popen aufbegehrten -- und oft mit Tod oder Verbannung bezahlen mußten.
Fjodor Dostojewski wurde als Teilnehmer eines studentischen Widerstands-Zirkels zum Tode verurteilt und erst auf dem Richtplatz zu vier Jahren Zuchthaus begnadigt. Und den Kirchenkritiker Leo Tolstoi überantwortete ein Pope Sonntag für Sonntag der ewigen Verdammnis -- zusammen mit zwei Räuberhauptleuten.
Die Revolution der Kommunisten im Oktober 1917 änderte an dem gestörten Verhältnis der Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler zum Staat nur wenig. Maxim Gorki resignierte vor der mißtrauischen Parteibürokratie: Wladimir Majakowski und Sergej Jessenin, die das neue Rußland in mitreißenden Versen besungen hatten, wählten enttäuscht den Freitod.
Auch Alexander Issajewitseh Solschenizyn, am 11. Dezember 1918 in Kislowodsk im Kaukasus geboren, hatte an sich und seiner Familie das Auf und Ab wandelbarer Staats- und Parteitreue erfahren.
Die Solschenizyns waren ein unruhiges Geschlecht: Der Ahnherr Filip Solschenizyn wurde von Peter dem Großen nach dem fernen Woronesch verbannt. weil er eigenmächtig Ackerland des Zaren besetzt hatte, und einen seiner Nachkommen (Alexanders Ur-Ur-Großvater) traf ebenfalls ein Verbannungsukas wegen Teilnahme an einer Bauernrevolte.
Dem "Sohn der Revolution Lenins". wie später die Stockholmer Nobelpreis-Jury formulierte, schien ein ruhigerer Lebensweg sicher. Alexander Solschenizyn wuchs nach dem Tod seines Vaters (Jagdunfall) in Rostow auf, wo seine Mutter als Stenotypistin arbeitete. Er wurde religiös erzogen -- nichts deutete auf eine dramatische Entwicklung hin.
Er entschied sich für ein Mathematik-Studium und absolvierte es mit hoher Auszeichnung, im Oktober 1941 wurde er zur Armee eingezogen. Von 1942 an stand der Artillerie-Hauptmann Solschenizyn als Batteriechef an der Front -- bis er die Aufmerksamkeit der gefürchteten militärischen Spionageabwehr "Smersch" auf sich lenkte.
Die Smersch-Überwacher hatten im Februar 1945 einige Feldpostbriefe abgefangen, die der inzwischen zweifach dekorierte Offizier einem Schulfreund geschrieben hatte. Da war der Hauptmann in "jugendlicher Sorglosigkeit" (Solschenizyn) über Stalins strategische Fehler und "ungepflegte" Ausdrucksweise hergefallen.
Offiziere der Smersch verhafteten ihn in seiner ostpreußischen Stellung. Von Stund an war "ich ein entlarvter. Feind des Volkes, denn es ist bei uns jeder Festgenommene von Anfang an auch schon vollkommen entlarvt".
Solschenizyn wurde in das Moskauer Lubjanka-Gefängnis gebracht und ohne Prozeß zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt. Bei seiner Verhaftung beschlagnahmte die Abwehrpolizei auch literarische Aufzeichnungen und von ihm gesammelte historische Photos -- seit 1936 trug er sich mit der Absicht, einen großen Roman über den Ersten Weltkrieg zu schreiben.
Daß er studierter Mathematiker war, verhalf ihm zur Einweisung in ein Spezialgefängnis bei Moskau -- Vorbild des Getto-Forschungsinstituts für Inhaftierte Wissenschaftler ("Mawrino") in seinem späteren Roman "Der erste Kreis der Hölle".
Später kam er in das Lager Ekibastus in Kasachstan, wo er als Maurer und Gießer arbeitete. Am 5. März 1953, Stalins erstem Todestag, wurde der Häftling Nr. 232 entlassen -- zu "ewiger" Verbannung in das Dorf Kok-Terek (Kasachstan). Dort durfte er als Mathematik- und Physik-Lehrer tätig sein. Er arbeitete, obwohl er körperlich litt.
Schon im Lager Ekibastus war Solschenizyn an Darmkrebs erkrankt und operiert worden. 1953 erkrankte er erneut. "Ich war am Sterben", berichtete er später, "doch irgendwie gelang es mir, Taschkent zu erreichen, und nach einer langen Behandlung wurde ich gesund." Die Taschkenter Klinik, in der er behandelt wurde, war das Vorbild zu dem Roman "Krebsstation".
Bereits im Lager hatte Solschenizyn literarische Werke im Kopf konzipiert, darunter das Versdrama "Das Bankett der Sieger", das ihm von allen seinen Arbeiten den ärgsten Verdruß eintragen sollte.
Im "Bankett der Sieger" verglich er Stalin mit Hitler und artikulierte sogar Sympathie für die verrufensten Figuren in der Sowjet-Union: die Anhänger des ehemaligen Sowjetgenerals Wlassow, die auf deutscher Seite gekämpft hatten.
Nie konnte Solschenizyn eine Szene vergessen, die er 1944 im Kessel von Bobruisk erlebt hatte: Vor seinen Augen trieb ein Sergeant vom Sonderdienst der Roten Armee hoch zu Pferd einen gefangenen Wlassow-Soldaten mit der Peitsche vor sich her. "Er ließ die Knute", erinnert sich Solschenizyn. "auf den nackten Leib des Opfers sausen, daß der sich nicht umsah, nicht um Hilfe rief: er trieb den Mann vorwärts und schlug auf ihn ein. immer neue blutige Striemen in seine Haut prügelnd."
Er selbst aber, der Hauptmann der Roten Armee, sah der Tortur ruhig zu: "Ich war zu feige. den Wlassow-Mann vor dem Sonderdienstler in Schutz zu nehmen, ich habe nichts gesagt und nichts getan, ich ging vorbei, als ob ich nicht gehört hätte."
Seine Wut und Scham aber schrieb er in das " Bankett der Sieger", so aggressiv, daß noch heute seine Verfolger im KGB mit dem Gedanken spielen, das antisowjetische Drama (das KGB besitzt die einzig erhaltene Kopie des Manuskripts) im Westen aufführen zu lassen, um ihn als Vaterlandsfeind zu diffamieren -- und das, obwohl sich Solschenizyn längst von seinem Werk distanziert hat.
Seine Aufmerksamkeit galt denn auch zunächst anderen literarischen Plänen. Als er 1956 aus der Verbannung entlassen und offiziell rehabilitiert wurde, hatte er bereits mit der -- heimlichen -- Niederschrift mehrerer Erzählungen begonnen. In Rjasan, rund 200 Kilometer südöstlich von Moskau, fand er eine Anstellung als Mathematik- und Physik-Lehrer.
Dort schrieb er auch die Erzählung vom Lager-Alltag des unschuldigen Häftlings und unkorrumpierbaren kleinen Sowjet-Mannes Iwan Denissowitsch. das erste Hauptbuch der antistalinistischen Sowjet-Literatur, mit dessen Veröffentlichung im November 1962 Solschenizyns Weltruhm begann -- und auch sein bis heute nicht entschiedener Konflikt mit dem Sowjet-Regime.
Solschenizyns Entdecker war der Schriftsteller Alexander Twardowski, Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Nowy mir" und eine Zentralfigur der liberalen sowjetischen Intelligenzija. Er erkannte in dem Verfasser und Einsender des "Denissowitseh" einen "neuen Klassiker" und brachte das Manuskript dem Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow nahe.
Chruschtschow, dessen Entstalinisierungs-Politik Solschenizyn zu einem Veröffentlichungs-Versuch ermutigt hatte, kam die Geschichte von den Zuständen in Stalins Todeslagern, die er sich an seinem Feriensitz Pitsunda am Schwarzen Meer von seinem Assistenten Lebedew vorlesen ließ, gelegen. "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" durfte in "Nowy mir" und als Buch erscheinen, wurde in der Sowjet-Presse als meisterlich und als "wahr" gefeiert. wurde ein Sowjet-Bestseller mit Millionen-Leserschaft.
Das Glück hielt nicht lange. Schon zwei Jahre später signalisierte die Tatsache, daß Solschenizyn beim fälligen Lenin-Preis unter offiziösem Druck ausjuriert wurde, einen Umschwung. Chruschtschow warnte öffentlich vor einer Überflutung mit Häftlings- und Lager-Literatur; die Entstalinisierung schien systembedrohend auszuufern.
Ihr literarischer Protagonist Solschenizyn geriet nach Chruschtschows Sturz 1964 rasch in Bedrängnis. Sein "Denissowitsch" verschwand aus den Bibliotheken, Parteifunktionäre setzten gezielte, zum Teil groteske Verleumdungen über den unerwünschten Autor in Umlauf: Solschenizyn habe im Krieg mit den Deutschen kollaboriert; er sei nach Ägypten geflohen; er heiße in Wirklichkeit "Solschenitzer" und sei Jude.
Andere Solschenizyn-Werke wie "Der erste Kreis der Hölle" und die "Krebsstation" wurden nicht mehr gedruckt. Im Mai 1967 wurde der Konflikt heiß: Der bedrängte Schriftsteller wehrte sich öffentlich, zum ersten Mal klagte Solschenizyn an.
in einem offenen Brief an den in Moskau tagenden sowjetischen Schriftstellerkongreß forderte er die Beseitigung der Zensur, attackierte den Schriftstellerverband als ein Instrument der Repression und enthüllte die Unterdrückung seiner eigenen Schriften.
In der SoWjet-Presse steigerten sich darauf die Schmähungen und Drohungen gegen den Schriftsteller. 1969 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. wurde Alexander Solschenizyn nun endgültig zur Leit- und Symbolfigur innersowjetischer Opposition, zum Wortführer des kleinen Kreises der erklärten Dissidenten und des größeren einer auf Liberalisierung hoffenden sowjetischen Intelligenz.
Der Name Solschenizyn schien das Häuflein der Opponenten und Systemkritiker zusammenzuschweißen. Weder Strafen noch Strafandrohungen konnten verhindern, daß die Zahl der Kritiker stetig wuchs. Bald waren Moskaus Dissidenten in der Innenpolitik, später auch in der Außenpolitik ein Faktor, mit dem der Kreml rechnen muß.
Wie groß allerdings die Zahl der Dissidenten ist, läßt sich nur vermuten. Regime-Kritiker Amalrik ermittelte 738 Personen, die 1966 bereit waren, Protest-Petitionen mit vollem Namen zu unterzeichnen.
Aufgesplittert in kleine Grüppchen, Cliquen oder Freundeskreise, mitunter durch registrierte Mitgliedschaft organisiert, kann sich die Opposition gegen den Kreml nur auf das eher schadenfrohe denn empörte Einverständnis einer schweigenden Minderheit stützen. Mancher Sowjetbürger ahnt ohnehin, daß die Rolle der Dissidenten kaum möglich wäre, gäbe es nicht in der UdSSR eine Liberalisierung.
Zudem haben Moskaus intellektuelle Kritiker längst aufgehört, sich nur mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Sie fordern Reformen der Innenpolitik, Presse- und Informationsfreiheit, bessere Versorgung mit Konsumgütern und Freizügigkeit.
Doch das Urteil der Dissidenten ist nicht einheitlich; unterschiedlich, wenn nicht gar widersprüchlich sind auch ihre politischen Ziel-Vorstellungen.
Der Biologe Jaures Medwedew qualifiziert den Widerstand des Historikers Jakir ("Der Geheimdienst hat ihn jahrelang als eine Art Halb-Provokateur benutzt") ab, während sein Zwillingsbruder Roy Medwedew, Historiker und Regime-Kritiker, seinem Gefährten Maximow widerspricht, der die verständigungsbereite Ostpolitik des Westens gegenüber Moskau als "weiche Welle" verurteilt hatte.
Erste Ordnung in die diffuse Welt der Opposition brachte der Physiker Andrej D. Sacharow, neben Solschenizyn der bekannteste der Moskauer Dissidenten, der für eine Annäherung der Systeme von Ost und West eintritt. Der Professor, der als Vater der sowjetischen H-Bombe gilt, hat sich nach eigenem Zeugnis "vom Marxisten zum Liberalen" entwickelt; was er politisch für machbar hält. ist jedoch eher sozialdemokratische Politik.
Sacharow und sein Freundeskreis, lose organisiert im "Komitee für Menschenrechte", halten als ersten Schritt zur Verbesserung ihrer Lage die konsequente Einhaltung der verfassungsrechtlichen Normen durch den Sowjet-Staat für ausreichend: In den Artikeln 124 und 125 der Sowjet-Verfassung sind Gewissens-, Rede- und Pressefreiheit garantiert.
Im Endstadium -- so Sacharow -- führt "eine sozialistische Konvergenz zur Glättung der Unterschiede in der sozialen Struktur ... zur Schaffung einer Weitregierung und zum Ausgleich nationaler Widersprüche".
Eine Zeitlang hoffte Sacharow, Solschenizyn für dieses Programm zu gewinnen. Er bot dem Schriftsteller an, seinem Komitee beizutreten. Doch Solschenizyn mißtraut derartigen Programmen. Er wies Sacharow ab.
Sein Kampf gilt mehr einer Reform der politischen Moral als des Systems. Solschenizyn, der sich nach dem Vorbild altrussischer Kirchenmärtyrer oder auch in der Nachfolge Dostojewskis als einzelner und als Leidender versteht, als Wegbereiter eher durch Beispiel denn als handelnde politische Kraft, entzog sich der Organisation.
Er glaube nicht an den Wert von Resolutionen, hat er die Menschenrechts-Kämpfer wissen lassen. Solschenizyns Kredo will am Absoluten gemessen sein: "Niemand kann der Wahrheit den Weg versperren, und für ihr Fortschreiten bin ich bereit, den Tod auf mich zu nehmen."
So ging er denn daran, jenes Manuskript erneut zu bearbeiten, das er 1958 zu schreiben begonnen hatte: "Der Archipel GULAG". Je mehr die innersowjetische Opposition zerfaserte, desto stärker fühlte er die Pflicht, der Stimme des Protestes weiten Widerhall zu geben. Zufälle erleichterten ihm die Entscheidung. Das brisanteste Buch zeitgenössischer Sowjet-Literatur gelangte in den Westen.
Zugleich erreichte weiteres Manuskriptmaterial den Scherz-Verlag, denn "Der Archipel GULAG" enthält nur den kleineren Teil des Solschenizyn-Werkes. eben jenen, der dem KGB in die Hände gefallen war. Bei Scherz werden bereits zwei neue "Archipel"-Bände anvisiert.
Alexander Issajewitsch Solschenizyn ist damit ein Wagnis eingegangen, dessen Folgen sich zur Stunde noch nicht überblicken lassen. Doch Solschenizyn-Vertrauter Heeb hofft: "Er hat alle Risiken genau bedacht. Hoffentlich passiert ihm nichts."

DER SPIEGEL 1/1974
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