24.12.1973

„Familien mit Zweitwagen nicht betroffen“

SPIEGEL: Herr Professor Sievert, das Sondergutachten der Sachverständigen prognostiziert für das nächste Jahr im Durchschnitt 400 000 Arbeitslose. Besteht die Gefahr, daß es auch mehr werden?
SIEVERT: Niemand kann genau angeben, wie hoch die Arbeitslosigkeit nächstes Jahr sein wird. Wenn unsere Annahmen hinsichtlich der Ölversorgung zu optimistisch sind, könnte eine größere Arbeitslosigkeit unvermeidlich sein. Daher gilt jetzt: Kampf gegen drohende Arbeitslosigkeit heißt Öl sparen, nicht hingegen durch expansive Konjunkturpolitik mehr Nachfrage anregen und damit auch mehr Nachfrage nach Öl.
SPIEGEL: Reichen nicht schon relativ geringe Abweichungen von den geschätzten Öl-Liefermengen. um die Arbeitslosenzahl wesentlich höher ansteigen zu lassen?
SIEVERT: Das dürfte der Fall sein. Denn bei all diesen Prognosen wird davon ausgegangen, daß zunächst einmal die ohne Produktionseinschränkungen mögliche Einsparung von Öl genutzt wird. So würde es etwa möglich sein, ein Wachstum des Sozialprodukts auch von mehr als einem Prozent -- etwa zwei oder drei Prozent -- vom Produktionspotential her zu erreichen, wenn wir einige wenige Millionen. Tonnen mehr Erdöl herbeischaffen können.
SPIEGEL: Der Sachverständigenrat schlägt vor, jedem Autohalter zukünftig durch den Staat eine bestimmte Grundmenge an Benzin für einen Höchstpreis zuzuteilen; wer mehr Sprit braucht, soll "ihn sich zu einem freien Marktpreis kaufen. Ist eine solche Teil-Rationierung bei uns bürokratisch-organisatorisch überhaupt zu bewältigen? Sind nicht Wochenend-Fahrverbote einfacher?
SIEVERT: Diese Fahrverbote sind zweifellos der einfachste Weg. Die Frage ist nur, ob man damit über die Runden kommt. Man muß daran denken, daß bei Fahrverboten. nicht nur eine Verminderung des Benzinverbrauchs bewirkt, sondern auch die Nachfrage nach Kraftfahrzeugen beeinträchtigt wird. Es wäre zu fragen, ob nicht eine Zuteilung von Grundmengen verbilligten Benzins, verbunden mit einem völlig freien Markt für Benzin, die Neigung der Leute zum Autokauf besser erhält als ein Fahrverbot.
SPIEGEL: Wird die jetzt beschlossene Regelung, jedes Wochenende nur einem Teil der Auto-Besitzer -- einmal jenen mit geraden, einmal denen mit ungeraden Wagen-Endnummern -- das Fahren zu verbieten, die Autoindustrie weniger schädigen als die bisherige Verordnung?
SIEVERT: Ich glaube ja. Die Frage isst nur, ob eine derartige Regelung so viel Benzin-Einsparung bringt wie das allgemeine Sonntags-Fahrverbot, da sich Autofahrer mit ihren Wochenend-Fahrwünschen weitgehend ohne Verzicht anpassen können. Hinzu kommt, daß Familien mit Zweitwagen in der Regel überhaupt nicht betroffen sein dürften.
SPIEGEL: Sie halten in Ihrem Gutachten Lohnsteigerungen bis höchstens 8,5 Prozent für vertretbar, die IG Metall beispielsweise fordert jedoch zwischen 15 und 18 Prozent. Bedeutet ein Plus von 8,5 Prozent bei einer siebenprozentigen Preissteigerung nicht, daß die Arbeitnehmer real und netto mit einem Rückgang ihres Einkommens rechnen müssen?
SIEVERT: Es bedeutet Konstanz ihres realen Nettoeinkommens im Verlauf des nächsten Jahres. Im Vergleich der Jahresdurchschnitte würde sich noch ein Plus ergeben.
SPIEGEL: Wem fallen dann die vierprozentigen Produktivitätsgewinne zu, die Sie ebenfalls voraussagen? Den Unternehmern?
SIEVERT: Nein. Schon aus konjunkturellen Gründen werden die Realeinkommen der Unternehmer eher noch weniger stark steigen als die Einkommen der Arbeitnehmer. Ein erheblicher Teil des Produktivitätszuwachses muß ja gleichsam an das Ausland abgegeben werden in der Form höherer Importpreise, namentlich für Rohöl. Außerdem: Die Einnahmen des Staates und die Einnahmen der Bezieher von Transfereinkommen werden zunehmen ...
SPIEGEL: ... also etwa die Sozialversicherungsrenten, die 1974 um 11,2 Prozent steigen ...
SIEVERT: ... ja, und dazu kommen die Mehrausgaben für jene, die arbeitslos sind oder Kurzarbeit machen. Diese Einkommen sind keine Leistungseinkommen. Für sie muß aber gleichfalls ein Teil des Sozialprodukts freigehalten werden.
SPIEGEL: Falls die Gewerkschaften Lohnsteigerungsraten von elf Prozent, vielleicht sogar -- wie kürzlich im Stahlbereich Nordrhein-Westfalens -- von jährlich 12,6 Prozent durchsetzen: Was bedeutete dies für die Preise?
SIEVERT: Wenn wir die Produktionsmöglichkeiten richtig einschätzen -- und wir liegen hier in der Schätzung eher etwas höher als andere -, ist unabweislich, daß zusätzliche Lohnsteigerungen nahezu voll in die Preise gehen, es sei denn, der Restriktionskurs der Wirtschaftspolitik bliebe noch schärfer, als wir angenommen haben. In diesem Fall würde aber die Arbeitslosigkeit noch stärker zunehmen, als ohnehin unvermeidlich ist.
SPIEGEL: Die Bundesregierung hat am Mittwoch ihr Stabilitätsprogramm vom Mai gelockert. So ist jetzt das Bauen und Investieren wieder attraktiver geworden. Sind diese Maßnahmen konjunkturgerecht?
SIEVERT: Im ganzen scheint, was Bonn beschlossen hat, ein Ausmaß an Lockerung zu sein, das mit dem Ziel, die Preissteigerungen auf das unvermeidliche Maß, etwa sieben Prozent, zu begrenzen, nicht ohne weiteres vereinbar erscheint. Je mehr Ansprüche der Staat durch Konjunkturanregung schafft, desto mehr muß eigentlich anderswo gekürzt werden. Man muß aber wohl für unrealistisch halten, etwa bei den Löhnen noch unter das zu gehen, was wir für vertretbar halten. Die Regierung hätte daher das Maß der Lockerung vielleicht doch etwas geringer ansetzen sollen.

DER SPIEGEL 52/1973
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