24.12.1973

Kandidat Scheel: „Man darf nie aufhören“

Mit Walter Scheel kommt zum erstenmal ein weitläufiger Präsident in die Villa Hammerschmidt. Dem Koalitionsklima aber droht Abkühlung. Mit einem Vizekanzler Genscher wird das Regieren für Willy Brandt schwieriger werden. Ein Bruch des Bündnisses, den sich die Opposition erhofft, scheint gleichwohl ausgeschlossen.
Walter Scheel wird erster Mann im Staat -- die Deutschen müssen sich an ein neues Präsidentenbild gewöhnen.
Der künftige Hausherr der Villa Hammerschmidt entspricht nicht dem vom Untertanen lange gehegten Wunschbild vom "Professor Hindenburg". Weniger noch läßt sich die Erscheinung des freidemokratischen Kandidaten vergleichen mit den Vorgängern Gustav Heinemann, dem emporgestreckten Zeigefinger der Nation. oder Adenauers Verlegenheitskandidaten Heinrich Lübke.
Noch ist das Bild des vierten Präsidenten der Republik schwankend
zwischen dem rheinischen Leichtfuß "Walterchen", wie die Kabinettskollegen den Außenminister der Regierung Brandt/Scheel titulieren, und dem vom Kanzler respektierten "Sir Walter".
Noch ist nicht ausgemacht. ob das Urteil des vorlauten SPD-Zweiten Helmut Schmidt schwankt oder der Gegenstand seiner Beobachtung. Schmidt 1969: "Der Luftikus". Schmidt 1973: "Walter Scheel ist ein Herr. kein rheinischer Schwätzer."
Noch ist nicht ausgemacht, ob der scheinbar oberflächliche Parlierer auch namens und im Auftrag der Nation persönliche Stärken und Schwächen hinter einem taktischen Schwall clownesker oder bramarbasierender Sprüche verbirgt. Scheel auf dem Höhepunkt außenpolitischer Erfolge mit Cäsaren-Gebärde und augenzwinkernd: "Ich bin der beste Außenminister, den Deutschland je hatte und haben wird -- vielleicht mit Ausnahme von Willy Brandt."
Oder ob Scheel -- bisweilen wenigstens -- jenen Mann hervorkehrt. der. wenn er gefordert wird, wie während seiner vermeintlichen Abschiedsrede vor der Bundestagsabstimmung über Rainer Barzels konstruktives Mißtrauensvotum 1972. schroff und hart. mit hohem moralischem Anspruch Begeisterung bei Freund und Respekt bei Feind erweckt.
Die Republik muß darauf gefaßt sein, daß ihr künftiger Präsident, wie jüngst ihr amtierender Außenminister. in Wim Toelkes "3 x 9"-TV-Schau, ohne Vorbereitung, Stellprobe und hilfreiches Playback -- ganz Sangesbruder des Düsseldorfer Männergesangvereins von 1902 -- "Hoch auf dem gelben Wagen" schmettert. Und das Kabinett muß gewärtig sein, daß -- ganz gegen den Bonner Komment -- Präsident Scheel zur Tür hereinkommt und an Beratungen teilnimmt, die den Politiker Scheel interessieren.
Eines ist gewiß, "der nächste Präsident ist aktiver Politiker und will es auch bleiben., Scheel: "Solange dieses Amt nicht erblich ist, ist es ein politisches Amt." Der neue Präsident glaubt an seine politische Sendung. Er möchte -- überparteilich zwar -- mit politischen Erklärungen in die öffentliche Diskussion wichtiger staatspolitischer Themen eingreifen.
Seine Vitalität läßt vieles erhoffen -- einiges befürchten. Vier Tage nach seiner fünften Nierenoperation zeigte sich der Patient letzten Dienstag so kregel, daß Scheels Stellvertreter im FDP-Vorsitz, Hans-Dietrich Genscher, nach einem Telephonat mit dem Vizekanzler frotzelte: "Der ist so munter, daß ich mich ernsthaft mit dem Gedanken trage, amtsärztlich untersuchen zu lassen, ob er überhaupt operiert ist," Nur ein Linker kann die Partei nach rechts führen.
Vitalität und politisches Engagement des 54jährigen berechtigen zu der Frage, ob denn der Übergang des Staatsamtes von Gustav Heinemann auf Walter Scheel eine ähnliche Wende, einen Machtwechsel gar, einleiten könnte wie 1969 der Übergang der Präsidentschaft auf den Sozialdemokraten.
Indizien mag es genug geben. Sympathienträger Scheel ist Kandidat nicht nur der Koalitions-Parteien. Auch die Opposition unterstützt den Liberalen -- vor allem deshalb, weil CDU und CSU keine Chance auslassen möchten, der FDP die Bereitschaft zu gemeinsamer Regierungszukunft zu signalisieren.
Entscheidender noch: Im höchsten FDP-Parteiamt und zweithöchsten Regierungsamt, dem des Vizekanzlers, folgt auf Scheel mit Genscher ein Mann, den seit je der Verdacht umwölkt, auf zwei Schultern zu tragen, der sozialliberalen und der bürgerlichen.
Vieles spricht indes dafür, daß der zum Ersten aufgerückte Zweite, trotz hinreichend verdächtiger Neigungen nach rechts, sehr viel schwerer aus der von Scheel vorgezeichneten Bahn ausbrechen kann als der Machtwechsler selber. Mehr spricht noch dafür, daß der taktikerfahrene Kopilot bei der Übernahme des FDP~Steuerknüppels an der selbstverordneten Kursvorgabe festhält, die kleine Partei vertrage es nicht, wenn sie innerhalb einer Führungsgeneration zweimal radikal umschwenke.
Ebenso schwer wiegt Scheels Erwägung, ein Kurswechsel der Partei könne nicht ex cathedra verfügt werden, sondern stelle sich erst dann ein, wenn ein Trendumschwung hin zur Unionslage dies verlangt. Und auch dann sei wohl nur ein Linker in der Lage, die Partei wieder nach rechts zu führen, ein Rechter nicht.
Alles spricht aber auch dagegen, daß es nach Scheels Abtritt beim halbwegs friedlichen sozialliberalen Koalitions-Trott bleiben wird. Um Zusammenhalt und Gleichschritt der Brigade Brandt wird es ernster aussehen nach dem 15. Mai, dem Tag der Präsidenten-Wahl.
Den Doppelkopf Brandt/Scheel, Garantie für so manchen unkonventionellen Kompromiß, wird es nicht mehr geben. Scheel-Nachfolger Genscher wird eher als Vertreter freidemokratischer Parteiinteressen denn aus Bürge des Bündnisses auftreten, Taktik wird in Bonn künftig noch größer geschrieben als bisher, und dies nach einschlägigen Erfahrungen öfter noch zu Lasten des großen Partners SPD.
"Ein ursprüngliches Vergnügen an der Repräsentation".
Was also mag den sozialliberalen Protagonisten Walter Scheel bewogen haben, auf dem Höhepunkt seiner Popularität, die ihn nach Demoskopen-Zählung derzeit über Brandt rangieren läßt, wie ein gewiefter Börsenhändler das Wertpapier "Brandt/Scheel" abzustoßen?
Parteifreunde erinnern sich, daß Walter Scheel schon Mitte der sechziger Jahre Interesse am Präsidentenamt zeigte. Was ihn reizte, war das gerade Gegenteil von jenem Amtsverständnis, das beispielsweise der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss oder das derzeitige Staatsoberhaupt Gustav Heinemann praktizierte.
Der schwäbische FDP-Politiker Heuss, Bundespräsident von 1949 bis 1959, trat mit bildungsbürgerlichem Pathos auf, zitierte Platon und Goethe zu Tagesanlässen und verblüffte die banausische Generation der Davongekommenen mit literarischen Miniaturen.
Auch Gustav Heinemann, der laut Siegfried Lenz seine Aufmerksamkeit den "grauen Randzonen der menschlichen Gesellschaft" widmete und als "Störer der Selbstzufriedenheit" auftrat, ist von ganz anderer Art als der Kandidat Walter Scheel. Anders als dem protestantischen Sozialdemokraten sind Repräsentation und Zeremoniell dem liberalen Scheel nicht lästiges oder gar verdächtiges Beiwerk staatlicher Zurschaustellung, sondern eigentlicher Auftrag des Präsidenten. "Es ist etwas Genießerisches an ihm", fand FDP-Programmatiker Professor Werner Maihofer. "Ein ursprüngliches Vergnügen an der Repräsentation" entdeckte auch FDP-Wirtschaftssprecher Otto Graf Lambsdorff
Im Frühjahr 1969, als Walter Scheel die FDP-Wahlmänner in Berlin auf Heinemann einschwor und damit die Tür aufstieß für die sozialliberale Koalition, sprach er im Führungszirkel über sein Bild vom Amt des Präsidenten, als sei er selber der Kandidat. Ihn störte die verbreitete Vorstellung. das Amt als eine Art Ehrensitz für verdiente politische Altenteiler anzusehen. Aus jener Zeit ist das Scheel-Wort überliefert: "Der nächste Präsident heißt Walter ScheeL"
Das Thema ließ auch den Außenminister nicht wieder los, Im Frühjahr 1972 legte Scheel abermals Rechnung über seine Zukunftspläne ab. Freilich erwartete er erst im Jahre 1979 -- nach zehnjähriger Amtszeit Heinemanns die große Chance. Dafür wollte er 1976, nach einem dritten sozialliberalen Wahlsieg. den Parteivorsitz niederlegen.
Die Dinge aber kamen schneller in Fahrt. Denn schon vor Mitte dieses Jahres zeigte Gustav Heinemann erstmals Amtsmüdigkeit. Zugleich witterte Herbert Wehner die Gefahr, die Christdemokraten könnten Scheel zu ihrem Kandidaten erheben und damit nach dem Vorbild der Heinemann-Wahl einem liberal-konservativen Regierungsbündnis den Weg bereiten.
Im Weinhaus "Ende Höll" die Nachfolge besprochen.
Um möglichen CDU-Avancen an die Liberalen zuvorzukommen, sprach das SPD-Spitzentrio Brandt, Wehner, Schmidt bereits im März dieses Jahres im Weinhaus "En de Höll" zu Bad Münstereifel auch über Heinemanns Nachfolge. Dabei wurde als FDP-Kandidat der Name Scheel genannt, mit der Erwartung, Scheel werde das Amt, sollte es ihm angetragen werden, ausschlagen. Somit wäre der Weg frei geworden für einen Sozialdemokraten.
Derlei Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch. Brandt hätte zugreifen können, zeigte aber kein Interesse, und als Gustav Heinemann im November dem Drängen von Kanzler und Fraktionsvorsteher standhielt und sich nicht zu einer erneuten Kandidatur bewegen ließ, hatten sich die Sozialdemokraten selber ausgetrickst. Scheel griff das alte, wenn auch nur zum Schein erdachte SPD-Angebot auf.
Scheels Motive, Parteivorsitz und Ministeramt fahrenzulassen, verraten offenbar "richtiges feeling" (Genscher) für Marktwert und rechten Zeitpunkt.
Seit Monaten steigt der Name Scheel in der Wertordnung der Meinungsforscher unablässig. In der Skala der. beliebtesten Politiker rangiert er mit Abstand vor dem populären Kanzler. 70 Prozent der Bundesbürger haben eine gute Meinung von Scheel. nur 60 Prozent von Brandt.
Zudem bietet die Außenpolitik dem AA-Chef kaum noch Gelegenheit, sein
* Präsidenten-Paar Lübke 1964 bei Kaiser Haile Selassie von Äthiopien.
Ansehen zu mehren Nach dem Abschlu.ß der wichtigsten Ostverträge, die den Bonner Akteuren Brandt und Scheel zu geschichtlichem Rang verhalfen, ist außenpolitischer Alltag. Rückschläge in der Ost-Politik drohen, das gemeinsame Europa will und will nicht wenden.
Die schönen Tage der Koalition sind vorüber.
Kompetenzstreitigkeiten mit den SPD-Ministern Egon Bahr und Erhard Eppler in der Außenpolitik haben die Lust Scheels an seiner bisherigen Rolle weiter gedämpft. Einem Freund verriet er: "Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das AA ankotzt."
Die schönen Tage sind vorüber, auch in der Koalition. Resigniert über den Dauerstreit zwischen SPD und FDP in allen wichtigen Reformfragen, äußerte Scheel schon Ende Juni: "So geht jede Koalition eigentlich vom. ersten Tag an ihrem natürlichen Ende entgegen. Wenn die gemeinsamen. Ziele erreicht sind, bleiben nur noch die Divergenzen übrig." Irgendwann sei der "Vorrat an Gemeinsamkeit verbraucht", und es könnte die Zeit kommen, da die Partner ehrlich sagen müßten: "Wir haben gemeinsam fürs Vaterland getan, was wir konnten, nun müssen wir uns wieder trennen."
Das Spielen mit neuen Möglichkeiten gehört zu Scheels politischem Naturell wie die Beharrlichkeit, das einmal angepeilte Ziel trotz schwer überwindbarer Hindernisse zu erreichen. Was ihn beweglich macht, ist der Mangel an politischen Überzeugungen. Scheels Liberalismus ist der kleine Nenner des Karrieremachers, der den individuellen Freiheitsraum für das persönliche Fortkommen braucht. "Soziale Gerechtigkeit steht für ihn weniger im Vordergrund als die individuelle Freiheit", formulierte ein Freund vorsichtig.
Sein" Planungschef im Außenamt und langjähriger Intimus Guido Brunner nennt den FDP-Vorsitzenden einen "Mann der Minderheitenpolitik", für den Toleranz. Geduld und Sicherung der Individualrechte die politischen Leitlinien sind.
Dem Sohn eines Solinger Steilmachers" der den Krieg als Nachtjäger überlebte, war 1946 die CDU zu weit links, die SPD vor Godesberg zu kollektivistisch. So kam der gelernte Bankkaufmann 1946 zur nordrhein-westfälischen FDP, in der damals Nationalliberale wie Friedrich Middelhauve den Ton angaben.
Gerade die Tatsache, daß er den großen Parteien weder besondere Vorlieben noch ausgeprägte Ressentiments entgegenbrachte (wie etwa Erich Mende für die CDU und gegen die SPD), befähigten ihn zu Koalitionswechseln" mit denen er schließlich die Freidemokraten aus der langjährigen Bindung an die Christdemokraten befreite.
Seinen politischen Einstand gab Scheel, der 1953 in den Bundestag kam, als Konrad Adenauer 1956 versuchte, den liberalen" Koalitionspartner mittels einer Wahlrechtsänderung zu strangulieren. Zusammen mit den etwa gleichaltrigen Freunden Willi Weyer, Wolfgang Döring und Erich Mende inszenierte Scheel daraufhin im Düsseldorfer Landtag, wo die CDU zusammen mit der FDP die Regierung stellte, mitten in der Legislaturperiode eine Koalitionskrise. Die Liberalen scherten aus dem Bündnis mit der CDU aus und bildeten mit den Sozialdemokraten eine neue Regierung.
Das Komplott in Düsseldorf hinderte Scheel freilich nicht daran, 1961 ins Kabinett Adenauer einzutreten und als erster Bonner Entwicklungshilfeminister ein Ressort aufzubauen, das es ihm gestattete, seine Reise- und Repräsentationslust ungehemmt auszuleben. Er bereiste ganz Lateinamerika, Afrika, den Iran und Indien, zog im Autotreck über den Khaiber-Paß und saß in Afghanistan am Lagerfeuer eines Bergstammes, der ihn zum Ehren-Khan ernannte.
Feinde hat sich Walter Scheel nie gemacht. Zu allen Politikern, Gewerkschaftlern, Industriellen, Banker und Verbandsfunktionären unterhält er angeblich gute Verbindungen. "Ein sehr herzliches, persönliches Verhältnis", so beschreibt der fröhliche Walter Scheel seine Beziehung zu jedem, mit dorn er einmal zu -tun hatte.
Und fast immer kam er zum Erfolg. Sein. Rezept: "In keinem. Bereich habe ich explosive Kraft benutzt. Eigentlich immer nur dosierte Kraft, weil man durch sorgfältige Beobachtung der sich verändernden Chancen, bestimmte Dinge zu tun, natürlich die Periode des schwächsten Widerstands nutzt, um Fortschritte in einer bestimmten Sache zu machen."
Diese Taktik ist nicht nur rationell, sie hält auch die Verluste gering -- ein für Scheel wichtiger Gesichtspunkt: "Bei aller Beharrlichkeit, ein Ziel zu erreichen, habe ich immer den Versuch gemacht, dieses unter möglichster Schonung der dabei Beteiligten zu bewerkstelligen." Das Ergebnis stärkt seine Selbstachtung: "Da sind wenige Tote auf der Strecke geblieben."
"Ich bin der Vorsitzende einer geschlagenen Partei."
Das gleiche Mittel "der sanften Härte setzte Scheel, seit 1968 Parteivorsitzender, ein, als es galt, den liberalen Haufen -- meist Nationalkonservative vom Schlag Erich Mendes, Siegfried Zoglmanns und Knut von Kühlmann-Stumms -- gegen den CDU-Kandidaten und traditionellen FDP-Freund Gerhard Schröder auf den linken Sozialdemokraten Gustav Heinemann einzuschwören.
Im Berliner Hotel "Europäischer Hof" bearbeiteten Scheel, Genscher und Mischnick die rechtslastigen Wahlmänner in stundenlangen Einzel- und Gruppengesprächen. Genscher hatte die Operation bereits verlorengegeben, doch Scheel ließ nicht locker. Seine Devise: "Man darf nie aufhören, seine eigenen Entscheidungen durchzudrücken."
Am 5. März 1969 wurde Gustav Heinemann mit den Stimmen von SPD und FDP zum ersten sozialdemokratischen Bundespräsidenten gewählt. Damit war nach Scheels Wunsch der Weg frei zur Bildung einer sozialliberalen Koalition unter SPD-Kanzler Willy Brandt.
Wieder hielt Scheel durch, obwohl die FDP am Wahltag 1969 mit nur 5,8 Prozent der Stimmen ihre schlimmste Schlappe einstecken mußte (Scheel in der Wahlnacht: "Ich bin der Vorsitzende einer geschlagenen Partei") und die Koalitionsmehrheit nur hauchdünn war.
Auch als der rechte Flügel seiner Fraktion abbröckelte und CDU-Chef Rainer Barzel am 27. April 1972 über ein konstruktives Mißtrauensvotum an die Macht wollte, bewies der Freidemokrat Nervenstärke. In einer Rede, die zu den besten in der Geschichte des Bonner Parlaments zählt, stellte er die Überläufer als fragwürdige Figuren bloß. Nach dem Scheitern des Barzel-Vorstoßes drängte er den zögernden Brandt zu vorzeitigen Neuwahlen.
Bei allem, was er tat, war jedoch immer "ein bißchen vom Bruder Leichtfuß" (ein FDP-Präside) mit dabei. Tiefere Einsichten in das Wesen des Liberalismus, so meinen seine Freunde. habe ihr Parteiführer nie gewonnen. Scheels ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär Ralf Dahrendorf, heute EG-Kommissar in Brüssel. urteilt. Scheel vertreibe allenfalls "die Ladenhüter liberaler Theorie". So stammt denn auch keines der FDP-Reformkonzepte für das Freiburger Programm von 1971 vom Parteivorsitzenden.
In den ersten Monaten als Bonner Außenminister leistete sich Scheel gravierende Pannen. Der erste Auftritt des schlecht vorbereiteten und mit der Materie nicht vertrauten AA-Chefs geriet zum Debakel. Schließlich mußte ihm Kanzler Brandt in der Debatte um den Atomwaffensperrvertrag beispringen, um das Schlimmste zu verhindern.
Als Bonns Botschafter in Guatemala. Karl Graf von Spreti, von Stadtguerillas im Frühjahr 1970 entführt und ermordet wurde, blieb Spreti-"Dienstherr Scheel zunächst ungerührt in seiner Ferienvilla im österreichischen Hinterthal und überließ die Rettungsversuche seinen Beamten. Nach. Spretis Tod verfiel er in nutzlosen Aktionismus: In einer Luftwaffen-Boeing holte er mit großem Gefolge des Toten heim.
Auch in der Ostpolitik war der Chef des Bonner Außenamtes zunächst nur Statist. Er nahm hin, daß die wichtigen Verhandlungen um den Moskauer Vertrag vom Kanzler-Vertrauten Egon Bahr geführt wurden, ohne daß Scheels Auswärtiges Amt darauf Einfluß nehmen konnte. Er ließ es sich auch gefallen, daß der Kanzler, ohne ihn als zuständigen Ressortminister zu informieren, wegen des deutsch-polnischen Vertrages an den damaligen Warschauer KP-Chef Wladyslaw Gomulka schrieb.
Das Unbehagen der Liberalen an Walter Scheels Partei- und Amtsführung erreichte einen gefährlichen Grad. als im Juni 1970 die FDP aus den Landtagen von Hannover und Saarbrücken herausgewählt wurde und in Düsseldorf nur knapp den Sprung ins Parlament schaffte.
In der Parteispitze bildete sich eine Anti-Scheel-Bewegung, die den stellvertretenden Vorsitzenden Hans-Dietrich Genscher an Scheels Stelle setzen wollte. Doch der Bundesinnenminister blieb loyal; er lehnte das Ansinnen ab, Schatzmeister Rubin und Partei-Ideologe Werner Maihofer nahmen sich den Chef vor und hielten ihn in einem langen Gespräch zu mehr Sorgfalt und größerer Härte bei den Verhandlungen mit Moskau an.
Am Rosenmontag auf der Haupttribüne.
Erst jetzt besann sich Scheel und streifte die Rolle des lachenden Diplomaten ab, der mangelndes Aktenstudium durch Heiterkeit und Possen zu verdecken suchte. Zunächst in Moskau, dann in Warschau und bei der Nato, vor allem aber im Brüsseler EG-Ministerrat erwarb er sich den Ruf eines zähen und hellwachen Verhandlers, der selbst nach zwölfstündigem Palaver immer noch frischer ist als die Mehrzahl seiner Partner. In ungeliebter Arbeit erworbener Sachverstand und viele Auslandsreisen führten ihn allmählich aus dem Schatten seines Vorgängers Brandt und machten ihn zum unangefochtenen, populären Außenminister.
Trotz zunehmender Belastung im Außenamt verlor Scheel nicht die Lust am guten Lehen und die Freude an aufwendiger Repräsentation. Jahrzehntelang wurden in Bonn Staatsgäste in Hotels oder im engen Kanzler-~Bungalow untergebracht. Scheel drängte so lange, bis die Regierung das Wasserschloß Gymnich mietete, wo die Bonner Regenten nun hofhalten und Staatsbesuchern die Honneurs machen. Sonderminister Maihofer verständnisvoll: "Er ist der Typ eines Menschen, der geboren ist, in Schlössern zu wohnen."
Beim Bundespräsidenten beschwerte sich der Außenminister, daß Heinemann keine Luxuskarosse vom Typ Mercedes 600 fahre. Deshalb könnten auch die Bonner Botschafter in den Hauptstädten das Nobel-Auto nicht benutzen, was der deutschen Repräsentation und vor allem dem Export abträglich sei.
Selbst unter Zeitdruck läßt sich Scheel nicht davon abhalten, Geschenke für seine Staatsgäste eigenhändig auszusuchen. So bestellte er einmal eine Kollektion Gläser ins Dienstzimmer" um die schönsten Stücke für einen englischen Besucher auszuwählen. Für sich selbst sammelt Scheel Jugendstil-Löffel und ausgefallene Spazierstöcke. Alle Scheel-Karikaturen kauft er im Original und verwahrt etwa 500 Stück in Mappen -- die ältesten zweiundsechzig hängte er ins Treppenhaus seiner Wohnung in der Bonner Schleichstraße 6.
Die Bürde des rheinischen Erbes offenbart sich besonders im Kölner Karneval, wo Scheel keinen Rosenmontag auf der Haupttribüne versäumt. Dekoriert mit einer Narrenkappe, beteiligt er sich am tollen Treiben.
Ungeniert umgibt sich Scheel mit den Statussymbolen der Arrivierten. Er liebt schnelle Wagen wie den 80 000 Mark teuren englischen "Jensen Interceptor" (Scheel: "Leider kann ich mir den nicht leisten."), trägt 800-Mark-Anzüge von einem Düsseldorfer Modeschneider, läßt seine Schuhe (Größe 46) von einem ungarischen Schuhmacher in Hamburg anfertigen, kauft seine Hemden in New York, wedelt Gästen mit exquisiten Havanna-Zigarren Marke "Montecristo" zu sieben Mark das Stück vor der Nase herum und spielt auch mal ein wenig Golf im feinen Kölner Golfklub Marienburg. Parteifreund Dahrendorf: "Er pflegt eine gewisse Liebe zum Angelsächsischen."
Ebenso leicht freilich fällt es dem künftigen Präsidenten, sich auch außerhalb des Karnevals volkstümlich deutsch zu gerieren -- etwa wenn er im Düsseldorfer Männergesangverein den "Weißen Flieder" intoniert. Noch heute zieht er bisweilen durch die Kneipen der Düsseldorfer Altstadt oder trinkt etliche Kölsch im Kölner Brauhaus Sion.
"Wenn ei kommt,
zieht er die Lederhosen an."
In seinem Ferien-Domizil im österreichischen Hinterthal ist er -- wie stets ganz schnell angepaßt -- bodenständig und volksverbunden, in feiner Umgebung freilich. Seine Nachbarn sind der Millionär Forrest Mars (Mars-Schokolade, Chappi, Kitekat), der amerikanische Maschinenfabrikant Sobb, der Großagrarier Boisgelin und Scheel-Schulfreund Klaus Dahmann (Solinger Bestecke). "Als erstes". so erinnert sich ein Hinterthaler, "zieht Scheel gleich seine Lederhose an, wenn er kommt."
Im Wirtshaus trinkt er mit Pfarrer und Briefträger Obstler. Den örtlichen Honoratioren-Zirkel, .den "Sir Club" -- ihm gehören an der Notar, ein Finanzbeamter, ein Landmaschinenhändler, der Chef der Elektrizitätsgesellschaft, der Leiter der Raiffeisen-Kasse und Eder-Sepp" der Bürgermeister -, lud er sogar schon einmal nach Bonn ein. Der deutsche Außenminister und Vizekanzler empfing die Hinterthaler mit gedrucktem Programm. Reden und Festessen.
So wie Walter Scheel heute lebt, will er auch sein künftiges Amt versehen, ein Herr, der das Gepränge mag und immer mal wieder ausbricht aus dem feinen Trott. Verstand sich der gegenwärtige Bundespräsident Heinemann vor allem als Anwalt der Unterprivilegierten, so will Scheel die Mehrheit des Volkes repräsentieren, den Bürger. der es aufgrund seiner Leistungen zu etwas gebracht hat und der stolz darauf ist. Das Volk werde sich, so der SPD-Altlinke Jochen Steffen, nach dem Mann, "der wie ein erzürnter Wellensittich von der Mattscheibe guckt", noch zurücksehnen.
Ein Scheel-Kenner über den künftigen Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland: "Er will nicht immer mit erhabenem Zeigefinger herumlaufen, sondern als Optimist die Leute loben und ihnen sagen, wie gut sie sind."
In Frau Mildred steht Scheel eine First Lady zur Seite, die gleichfalls gern oben mitmischt, durch ihre direkte und bisweilen ganz offene Art freilich das diplomatische Protokoll ins Wanken bringen könnte. Die Röntgen-Ärztin aus vermögendem Elternhaus tut sich keinen Zwang an, wenn ihr etwas nicht paßt. Als sich der Bonner Apotheker der Scheels bei der Ministergattin erkundigte, wie es den. drei Kindern der Familie gehe -- neben den Töchtern Cornelia, 11, und Andrea Gwendolyn, 3, "dem indianischen Adoptivsohn Simon Martin, 4 -, fuhr ihn die 1,80 Meter hohe Frau an: "Ich erkundige mich ja auch nicht nach ihren Gören."
Doch will sich der künftige Präsident nicht im Schaugeschäft erschöpfen. Als derzeit populärster deutscher Politiker hofft er im Gegensatz zu dem als FDP-Mann weitgehend unbekannten Theodor Heuss, seiner Partei auch von der Villa Hammerschmidt aus nutzen zu können, in der Annahme, daß der Wähler den Bundespräsidenten Scheel noch nach Jahren mit der FDP identifiziert -- oder vielleicht gar umgekehrt. Scheels Überlegung: Ein freidemokratischer Präsident garantiere ein liberales politisches Klima in der Bundesrepublik, und in einem solchen Klima gedeihe auch langfristig die FDP. Im übrigen trägt sich der Aufsteiger mit der Hoffnung, auch vom hohen Stuhl aus Partei und Koalition unter Kontrolle halten zu können. Der Staatssekretär in Scheels Präsidialamt -- entweder der bisherige FDP-Presseamtsbaron Rüdiger von Wechmar oder Außenamtsplaner und Scheel-Vertrauter Guido Brunner -- soll künftig stellvertretend für den früheren Parteichef an Sitzungen des FDP-Präsidiums teilnehmen und Wünsche des Staatsoberhauptes an seinen alten Haufen übermitteln.
Indes, mit dem massigen Karriere-Liberalen Genscher tritt ein Mann neben Brandt an die Spitze der sozialliberalen Koalition, der wie kein anderer FDP-Oberer Reizfigur für Linke ist -- in beiden Koalitionsparteien. Jungdemokraten-Vorsitzender Friedrich Neunhöfer fürchtet, das progressive FDP-Etikett könne durch den konservativen Ruf des neuen Vorsitzenden "beschädigt werden: "Wir haben weniger Angst vor der Politik, die er macht, es ist mehr das Image, das uns stört. Der Genscher ist zum Teil ein Rechter und sieht noch viel rechter aus."
Genscher als Parteivorsitzender, so ängstigt sich auch Jung-MdB Jürgen Möllemann, könne jene stärken, die es als "Lebensaufgabe der FDP ansehen, bestimmte Dinge zu verhindern, anstatt sie im Sinne des Freiburger Programms zu verändern", wie Wirtschaftsminister Hans Friderichs und FDP-Wirtschaftssprecher Graf Lambsdorff.
SPD-Vorstandsmitglied Rudi Arndt ("Dynamit-Rudi"), einer der Lautsprecher der SPD-Linken, die den begrenzten Konflikt mit dem Koalitionspartner fordern, explodiert bei dem Gedanken an das neue Kabinetts-Tandem: "Von einer Regierung Brandt/Genscher zu sprechen, ist eine Beleidigung für Willy Brandt. Das ist ein echter Abstieg, ein Genscher als Vizekanzler."
Der Zorn kommt nicht von ungefähr: Genschers Hang, den Staatsfeind vor allem links zu orten, haben den ersten Polizisten der Nation bei den. Linken abgestempelt. Die Art und Weise, wie der Bundesinnenminister sein Ordnungsamt verwaltet, brachte ihn in ständige Konflikte mit jenen, die "sich als Hüter der Toleranz in Gesellschaft und Staat verstehen.
Genscher: "Ich spiele die Nachhut der Partei."
Argwohn wecken auch Genschers kaum kaschierte Kontakte zu den Christdemokraten, Genschers Gegner kreiden. ihm an,. daß er sich mit Helmut Kohl in den Ferien am Wolfgangsee oder zum Plausch in der Mainzer Staatskanzlei trifft, sie weisen darauf hin, daß er den heutigen FDP-Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs anderthalb Jahre lang als liberalen Brückenkopf in Kohls Mainzer CDU-Kabinett belassen hat, und sie werfen ihm vor, daß er im Innenressort wichtige Posten von CDU -Ministerialen verwalten läßt. CDU -Wähler belohnten den freundlichen Freidemokraten -- nach einer Infratest-Untersuchung -immerhin mit einem Popularitätsindex von, 1,3 (Willy Brandt: 0,1).
Der Angefeindete freilich fühlt sich mißverstanden. Er will als Innenminister den rechten Part nicht aus eigenem Antrieb, sondern gemäß der innerparteilichen Rollenverteilung aus Pflichtbewußtsein gespielt haben, um einer nach links tendierenden FDP das Stammpublikum zu erhalten. Genscher: "Ich spiele die Nachhut der Partei."
Wandlungsfähig und taktisch versiert, weiß Genscher, daß er als Führer der Gesamtpartei nicht mehr erster Mann der Nachhut sein kann- Der gebürtige Sachse, dem Freunde nachsagen, er habe ein hochentwickeltes Gespür für Mehrheitsmeinungen in der Partei, hat längst begriffen, daß er mindestens bis zur Bundestagswahl 1976 den sozialliberalen Kurs beibehalten muß, wenn er nicht den Höhenflug der FDP und seine eigene Karriere jäh unterbrechen will.
Genscher-Freunde von rechts wie der nordrhein-westfälische FDP-Chef und Wirtschaftsminister Horst-Ludwig Riemer und sein im Strapazieren einer SPD/FDP-Koalition nicht minder geübter Kompagnon aus dem Düsseldorfer Innenressort, Willi Weyer, glauben denn auch nicht daran, daß nun mit einem Vormann Genscher in Bonn die Endzeit der sozialliberalen Regierung anbricht.
Nicht einmal die Freunde von einst, die FDP-Abtrünnigen und heutigen CDU/CSU-Fraktionsangehörigen Siegfried Zoglmann und Erich Mende, setzen große Hoffnungen auf den Scheel-Nachfolger. Zoglmann: "Jeder, der glaubt, jetzt läuft der Laden rückwärts und das Signal für den Machtwechsel ist da, liegt schief." Mende sieht nicht einmal, "daß die Koalition 1976 wechselt, das sind Wunschvorstellungen abseits der Realität".
Was Scheel auf Genscher als Wahrer der Koalition Vertrauen läßt, ist nicht nur die Tatsache, daß der Innenminister zu den ersten freidemokratischen Initiatoren der neuen Ost- und Deutschlandpolitik zählt. Genscher betrieb auch, gemeinsam mit Scheel sowie den Reformliberalen Ralf Dahrendorf und Werner Maihofer, den Wandel der FDP von einer zerrissenen Individualistengruppe zu einer dritten Partei mit einem eigenen Programm -- beginnend mit dem Wahlkampf 1969 über die Stationen Freiburger Reformparteitag, Mißtrauensvotum im Parlament bis zur Neuauflage der sozialliberalen Koalition 1972.
Auf die neue FDP und den Teil ihrer Anhänger, fur den Scheels Liberale nur im Bündnis mit den Sozialdemokraten wählbar geworden waren, gründet sich denn auch die Hoffnung der Sozialdemokraten. SPD-MdB Dietrich Sperling: "Die Wähler wollen einen sozial- und keinen christ-liberalen Genscher haben." SPD-Vorstandsmitglied Bruno Friedrich: "Es ist ein großer Irrtum zu meinen, Genscher werde nicht koalitionsloyal sein. Das kann gerade er sich nicht leisten."
Bereits auf dem Wiesbadener FDP-Parteitag formulierte Genscher eindeutiger als Scheel die Absage an die CDU: "Was "die Zusammenarbeit in der Koalition angeht -- wir werden uns in der Treue zur Regierungserklärung von niemandem übertreffen und in dem Willen, diese Reformpolitik durchzusetzen, von niemandem bremsen lassen.
Personalpolitisch gibt sich Parteiführer in spe Genscher, der sich seiner konservativen Garde Friderichs und Lambsdorff sicher weiß, betont links.
Reformminister Werner Maihofer soll Partei-Vize, der linke Wortführer der FDP-Fraktion und künftige badenwürttembergische Landesvorsitzende Martin Bangemann Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt werden. Bangemann-Gesinnungsgenosse Gerhart Raum ist Favorit für die Nachfolge des verstorbenen Karl Hermann Flach im Amt des FDP-Generalsekretärs.
Dennoch: Was immer sich Genscher und seine liberalen Strategen zur Parteikosmetik einfallen lassen -- nach dem Tode von Flach und dem Ausscheiden Scheels aus der Regierungspolitik fehlen der Koalition auf FDP-Seite die beiden wichtigsten Stabilisatoren. Das Klima wird schlechter, die Spannungen nehmen zu. Die Ära Brandt/Genscher beginnt mit Streit.
Der Zank um das von Scheel geräumte Außenamt wird, wie immer er auch ausgeht, die Koalition schwächen. übernimmt Genscher, der im FDP-Vorstand seine Kandidatur angemeldet hat, die AA-Leitung, wird der SPD-Vorsitzende und Bundeskanzler Willy Brandt weiter beschädigt. Die Genossen sehen ihm ohnehin den Verzicht auf eine SPD-Nachfolge im Präsidentenamt nur schwer nach.
Wenn Brandt sich schon von dem FDP-Argument habe überzeugen lassen, der beste Mann müsse Präsident werden, so muß nach dem Willen der SPD-Vorständler Horst Ehmke, Bruno Friedrich und Rudi Arndt dasselbe Prinzip auch für den neuen Chef im AA gelten. Arndt: "Da gibt es Leute, die hundertmal mehr von der Außenpolitik verstehen als Genscher. Der glaubt, wenn er in einer Bundeswehr-Maschine nach China fliegt, sei er schon ein Außenminister."
Sollte ein SPD-Kandidat von Brandt -- der über Scheels vorzeitigen Rückzug aus der Koalition enttäuschte Kanzler ist zu Kompensationsverhandlungen entschlossen -- ins AA berufen werden, würde ein Genscher FDP-Vorsitzender werden, dem es nicht gelungen ist, den liberalen Besitzstand in der Koalition zu wahren. Einer verliert immer das Gesicht.
Streit wird es bei den neuen Koalitionsverhandlungen auch über das von FDP-Mann Rüdiger von Wechmar geführte Bundespresseamt geben, das die SPD mit dem Näherrücken der Landtagswahlen für sich beansprucht. Kanzleramtschef Horst Grabert: "Das Amt gehört nicht zum Koalitionshandel, das untersteht dem Kanzler direkt, da kann er reinsetzen, wen er will."
Gewinnt die SPD die Bundespressestelle, hat Staatssekretär Günter Gaus Chancen, neuer Regierungssprecher zu werden. Anstelle von Gaus soll dann Kanzleramtsvorsteher Grabert als erster Bonner Bevollmächtigter nach Ost-Berlin in Marsch gesetzt werden. (Grabert: "Auf diesen Posten war ich eigentlich bei der Regierungsbildung präpariert gewesen.") Neuer Kanzleramtschef würde Dietrich Spangenberg, bisher noch Staatssekretär im Präsidialamt. Doch ist es keineswegs ausgemacht, daß Brandt seinen Grabert so elegant los wird: Die FDP hat am Presseamt Gefallen gefunden. FDP-Bundesgeschäftsführer Harald Hofmann: "Da werden beträchtliche Mittel verteilt. Da muß man sich den Zugang wahren."
An dem von den Liberalen feilgebotenen Innenministerium sind die Sozis nur mäßig interessiert. Denn welcher Genosse auch immer auf diesem Stuhl sitzt, ihm droht der Konflikt mit Parteifreunden: Entweder er führt ihnen das Amt zu lasch oder zu scharf.
"Nur die SPD kann die Koalition aufkündigen."
Der Streit um Ämter und Posten belastet die Endrunde der Koalitionsverhandlungen um die innenpolitischen Reformschwerpunkte dieser Legislatur. Allzu leicht kann die grundsätzliche Einigung der Partner über Mitbestimmung und Vermögensbildung und damit die Geschäftsgrundlage des zweiten SPD/FDP-Bundes dabei wieder in Frage gestellt werden.
Schon hängen führende Genossen wie der stellvertretende SPD-Vorsitzende Heinz Kühn Träumen nach von einem Regieren ohne die FDP, mit einem idealen Partner: den Sozialausschüssen der CDU, deren gesellschaftspolitischer Kurs der SPD näher ist. Willy Brandt hält dies seit 1949 für die Wunschkoalition, doch, so klagte er, es habe ja nie geklappt, weil sich bei der Union nichts abspalte. Der SPD- Vorsitzende riet seinen Genossen Anfang Dezember dennoch, die Beziehungen zum linken CDU-Flügel zu pflegen: "Die SPD soll meines Erachtens im Frühjahr Aktionen starten, die nicht zuletzt der Überzeugung von Mitgliedern der Sozialausschüsse dienen."
Schon ziehen sich Genscher und seine Freunde auf eine Position zurück, von der aus sie -- sollte es in den nächsten Jahren zum Bruch der Koalition kommen -- die Schuld von sich wegschieben wollen. Riemer: "Die Koalition wird und kann nur durch die Entwicklung in der SPD beendet werden." Rubin: "Meine Vorstellung war, daß die Koalition acht bis zwölf Jahre halten soll, dazu stehe ich auch noch -- wenn die SPD nicht noch weiter nach links rückt." Genscher bekannte mit: "Die FDP kann die Koalition nicht auf kündigen. Das kann nur die SPD."
Wie auch immer das Schicksal der sozialliberalen Koalition ausgehen wird, ob Scheel die Chance zur zweiten Kandidatur hat oder nicht, ehrenvoller Weiterverwendung glaubt er sich sicher.
1980, ein Jahr nach Ende der ersten Amtsperiode Scheels, soll die politische Union Europas beginnen -- mit einer supranationalen Regierung. Schon heute geben Frankreichs Außenminister Michel Jobert und sein britischer Kollege Sir Alec Douglas-Home zu erkennen, daß sie Scheel gern als ersten europäischen Außenminister sehen würden. Walter Scheel hat nichts dagegen.

DER SPIEGEL 52/1973
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