24.12.1973

Rudolf AugsteinDer linke Genscher

Das Bild, das wir von Menschen haben, wandelt sich; wir gewinnen es ständig neu, nicht allein, weil die Menschen sich ändern, sondern mehr noch, weil die Erwartungen, die wir an Menschen festmachen, dem Wechsel unterliegen.
Hält man diese Erfahrung für wahr, so muß freilich wundernehmen, welch beständiges Bild sich mit der Person des künftigen FDP-Vorsitzenden Hans-Dietrich Genscher verbindet. Ihm traut man zu, was genau betrachtet nicht zueinander passen will: daß es einerseits "nichts gibt, was Genscher nicht personell repräsentieren kann" (so, im Jahre 1971, der neue Landesvorsitzende der FDP Baden-Württembergs, Martin Bangemann), daß er aber andererseits ebenso ungern von der CDU weggegangen sei, wie er jetzt gerne wieder zu ihr hinstrebe.
Noch genauer betrachtet, wären diese Eigenschaften gar nicht so unvereinbar; nur fragt sich, ob sie den Mann Genscher des Jahres 1973 ausmachen, der nach den Wahlen des vorigen Jahres sichtlich bestrebt war, den Ruch des Law-and-order-Ministers loszuwerden und seine ausladende Figur nach links zu öffnen.
Die gängige Lesart will wissen, daß Scheels Abfahrt auf die "mondbeglänzte Zauberwiese" (Strauß) der Villa Hammerschmidt das Ende der Koalition bedeuten müsse, spätestens 1976. Überdenkt man Personen und Sachen, sind hier wohl die Erwartungen mit der Wirklichkeit durchgegangen, geflügelte Erwartungen, Befürchtungen nämlich.
Erst einmal war nicht nur Genscher 1969 bereit, mit den Christen zu gehen, Scheel und Mischnick waren es auch. Der Wahl-These der Freien Demokraten, die Große Koalition ruiniere die Demokratie, entsprachen Wille und Bereitschaft, auf jeden Fall wieder mitzuregieren, auch mit der CDU/CSU, die sich bei sechs Sitzen mehr ihren Partner hätte aussuchen können.
Genscher schätzte die Wahlchancen der eigenen Partei skeptischer (und, wie sich zeigen sollte, realistischer) ein als der erwartungsfrohe Scheel, also traf er Vorsorge. Überhaupt ist er vorsichtiger, in seinem Bauch trägt er einen ganzen Porzellanladen mit sich herum. Die Entscheidung, mit einer so winzigen Mehrheit zu regieren, mußte der Parteivorsitzende treffen; hätte er damit Schiffbruch erlitten, wäre immer noch ein intakter Genscher als Nachfolger bereitgestanden.
Seitdem ist die Grundströmung - nicht unbedingt der Fraktion - beständig nach links gedriftet. Ein Bruch der Koalition wäre für die Partei in jedem Fall eine halsbrecherische Operation. Kein Vorsitzender, auch Scheel nicht, könnte ihn ohne den zwingendsten Grund anstreben; wenn aber einer, dann der Seiltänzer und Brandt-Freund Scheel viel eher und viel leichter als Genscher, der Bär zwischen Rosenbeeten, der mit den Schlangen seines Öffentlichkeitsbildes (Ahlers: "nach rechts tendierend") wie ein Laokoon ringt.
Also bleibt alles, wie es war? Nicht doch. Das Zwillingspaar Brandt/Scheel ist getrennt, das hat Nachteile und Vorteile. Die Nachteile sind evident, die Vorteile weniger. Ganz gewiß hat es den Vorteil, daß Brandt nicht länger seinem Freund "Sir Walter", sondern dem Vorsitzenden einer konkurrierenden Partei gegenübersitzt; es muß ihm künftig leichterfallen, sich zu behaupten, was der inneren Ausgewogenheit der Bundesregierung nur bekommen kann.
Gewichtiger freilich ist ein Umstand, von dem man nur hoffen kann, daß Walter Scheel ihn ausreichend bedacht hat. Es gab ja nicht nur das Paar Brandt/Scheel, es gab auch das Tandem Scheel/Genscher. Beide haben verschiedene Breiten des FDP-Spektrums abgefahren. Ist schon zweifelhaft, ob Scheel ohne Genscher den letzten Bundestagswahlerfolg hätte erringen können, so ist nahezu ausgeschlossen, daß Genscher allein jenen durchschlagenden Effekt erzielt hätte, den er mit und hinter dem populären Scheel erreicht hat.
Auch Genscher ist populär. Aber ein populärer Mann allein kann die FDP nicht ernähren. Von Genscher, der den Ruf, nach allen Seiten wendig zu sein, noch nirgends widerlegt hat, wird eine zu große Bandbreite verlangt. Ob er die "Linken", die er zu sich heranholt, mit den "Rechten", die er handeln läßt, wirksam integrieren kann, das ist die Frage.
Am Ende wird ein in seiner Partei anerkannter Genscher für den Erfolg dieser Bundesregierung so wichtig sein wie ein in seiner SPD anerkannter Brandt.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 52/1973
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