24.12.1973

Eins, zwei, drei - wer hat, der hat

Es war einmal ein prominenter Politiker, der stellte sich ein hübsches Mädchen im Negligé als Zuhörerin vor, wenn er im Fernsehen eine Rede halten mußte; der konnte überhaupt machen, was er wollte, es geriet ihm alles irgendwie zur Gaukelei.
In seinen Ämtern kultivierte er den Arbeitsstil eines freischaffenden Künstlers, voller Abneigung gegen Aktenordner, aber voller Eingebungen. Privat bewährte er sich als Mittler zwischen Show und Busineß, war meistens von schicken und reichen, manchmal sogar von netten Leuten umgeben und blieb auf Bällen grundsätzlich bis morgens. Nicht nur sein privates, auch sein dienstliches Auto fuhr er mit Vorliebe selbst -- und dann so, als wäre sein Schutzpatron der heilige Bimbam.
In Wahlkämpfen focht er schneidig vor den wechselnden Kulissen seiner kleinen Partei -- einmal mit Leichtmetall-Image und einem gewissen Glitzern gegen die Große Koalition, etwas zerknittert in punkto Popularität, aber fesch in den Erscheinungsformen: König Silberfolie; ein andermal umgeben von Adriablau und Zitronengelb für die Vernunft als Maß des sozialen Fortschritts und für einen langen liberalen Bremsweg.
Und auf einmal ist er Staatsmann -fast unvermittelt, jedenfalls unverhofft: ein ernsthafter, zuweilen erkennbar überanstrengter Vertreter der liberalen wie der deutschen Sache; Akten studierend selbst noch auf kurzen Stadtfahrten im Fond der Staatskarosse; angesehen im Ausland als unermüdlicher Verhandler wie als geschliffener Gesellschafter; und daheim noch populärer als selbst der Friedenskanzler.
Aus dem "Bruder Leichtfuß" mit der "rheinischen Frohnatur", dem "geborenen Frühstücksdirektor" und dem "Knautschlack-Stresemann" der Gazetten und des Kabaretts ist (um Herbert Wehners Definition zu variieren) der "Professor Dr. Bischof von Scheel" geworden, der erste Mann im Staate.
Aber gibt"s so was? Eigentlich nicht. Bestimmt ist die Frage, was Walter Scheel denn nun wirklich sei. Luftikus oder Leitbild, nicht mit einem Entweder-Oder zu beantworten; eher schon mit Weder-Noch.
Walter Scheel ist ein Lockenkopf mit Glatze: ein Mann, der seine ambivalenten Eigenschaften so vehement zu verwirbeln weiß, daß man in seiner Gesellschaft leicht ein Gefühl bekommt wie hoch auf dem gelben Wagen: immer schwankend in Bewegung; ein Fuhrmann, für den Geradlinigkeit durchaus in Umwegen bestehen kann: ein Erfolgsmensch, der Karriere nicht mit Konzeption macht, sondern mit dem schnellen Zugriff des begabten Börsianers: Eins, zwei, drei -- wer hat, der hat.
Ein Luftikus ist er nicht, er ist ein Euphoriker, er kann Hochstimmung autogen trainieren. Spaß bereitet ihm so gut wie alles, was er tut, vorausgesetzt. es bringt etwas ein. Und wenn er hochgestimmt ist, macht er Sachen oder sagt Sätze, die seine vergleichsweise nüchterne Umgebung dazu bringen mögen, sich zu verfärben wie eine Pustetüte der Polizei beim Alkoholtest.
Aber was ihm als Leichtfüßigkeit angelastet worden ist, das hat in Wahrheit mehr mit Energie-Ersparnis zu tun. Scheel kann viel von sich fernhalten, indem er es einfach nicht ernst nimmt. Da brennt dann gelegentlich etwas an; aber Walter Scheel behält seine Kondition -- eine Kondition, die er sonst überhaupt nicht hätte,
Schwer zu entscheiden, wo solche energiesparenden Umwege in Fluchtwege aus der Wirklichkeit münden. In der Wahlnacht des Jahres 1969 zum Beispiel hat der geschlagene Parteichef Scheel gegen Morgen daheim Blinis mit Kaviar und Sauerrahm gespeist (mit Nachschlag). Und 1970 in Moskau, aus die deutsch-sowjetischen Vertragsverhandlungen in eine ernste Krise geraten waren, ist der Außenminister Scheel seiner "herausgehobenen Funktion" und seiner ziemlich ratlosen Delegation einmal schlicht entlaufen und zu sicher selber geflohen -- soll heißen: zu einem feuchtfröhlichen Abendessen mit Tanz und Tralala -- und einem Moralischen am nächsten Morgen.
Gelernt hat er schon etwas aus alledem. Das "etwas gedrückte Empfinden" nach dem Wahlergebnis von 1969 hat ihn zumindest "wacher und vielleicht auch ein bißchen mißtrauischer" gemacht. Und sein verhältnismäßig schlechter Start als Außenminister -- da war "über Monate hinweg eine gewisse Unsicherheit" -- hat ihn gelehrt, daß Amt und Würde auf die Dauer nicht zu tragen sind ohne Knochenarbeit.
Gelernt ist gelernt -- aber nicht geläutert. Walter Scheel hat sein Moskau-Erlebnis gehabt; um ein Damaskus haben ihn seine Umwege allemal herumkommen lassen. Er gehört zu den wenigen Glücklichen unter den Spitzenspielern, die nicht nachhaltig Unter Rollenfindungsschwierigkeiten leiden.
Aber Hans im Glück kann jeder sein. So simpel, so wenig elitär, so frei von Hintergedanken ist Walter Scheels politisches Selbstverständnis mitnichten. Dem letzten FDP-Parteitag hat er knapp vor seiner Kandidatur für das Amt des Bundeispräsidenten schmunzelnd dieses Gedicht eines jungen Poeten namens Ulrich Zimmermann vorgelesen: "haben gelernt / kennen unsere /rollen ganz gut / verzichten auf / die souffleure / von links und rechts / stolpern uns / durch so gut / es geht! sagen häufig / ja und amen / aber bewußt / mit hintergedanken".
Es war einmail ein prominenter Politiker, der liebte die heitere Muse und wußte den Zylinder so flott wie Johannes Heesters zu tragen; der wöllte in hohe und höchste Ämter aufsteigen und dennoch Mensch bleiben: der sagte von sich: "Ich will kein Unmensch werden. Ich will nicht um der Macht willen darauf verzichten, ein Mensch zu sein."
Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute.
Von Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 52/1973
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