24.12.1973

„Eine schauerliche Angelegenheit“

In einem ZDF-Interview äußerte sich der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner am 9. Dezember zur Wahl des Bundespräsidenten.
WEHNER: Die erste Bundespräsidentenwahl war -- jetzt einmal völlig abgesehen von der Hochachtung, die die Persönlichkeit verdient, die damals zwei Perioden lang Bundespräsident gewesen ist, Professor Heuss -- eine ausschließlich unter Herrn Heuss und Herrn Adenauer ausgemachte Angelegenheit. Es war eine Sache des Koalitionsproporzes. Die zweite Wahl, die dann eine Wiederwahl von Heuss war, ging darum, daß -- weil jeder wußte, Herr Heuss würde ein zweites Mal Bundespräsident sein sollen -- min die Opposition, das waren wir, die Sozialdemokraten, sich zu entscheiden hatten zur Person. Der größte Teil von uns hat für die Person Heuss gestimmt.
Die "dritte Bundespräsidentenwahl war eine schauerliche Angelegenheit. Da hat der damalige Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer seinem damaligen Wirtschaftsminister Professor Erhard gesagt, tauschen wir mal. Ich werde mal sehen und Bundespräsident werden, und Sie werden Bundeskanzler. Und Herr Erhard reiste nach Amerika, und unterwegs erfuhr er, daß sich sein Bundeskanzler umbesonnen hatte. Der war mit dem Grundgesetz in den Urlaub gereist, für einen Denkurlaub, und hatte dabei gefunden, daß er sich doch geirrt hatte, wenn er meinte, aus dem Amt ließe sich kraft Verfassung mehr machen, als der bisherige Bundespräsident, Herr Heuss, hat daraus zu machen vermocht.
Das war dann jene Situation, aus der heraus es zur Wahl des Bundespräsidenten Lübke gekommen ist. Eine Wahl, die zu Unrecht so bezeichnet wurde, als sei da ein Verlegenheitskandidat plötzlich hineingeholt worden. Der Mann konnte doch nichts dafür, daß vorher das geschehen war, was ich jetzt eben in der gebotenen Kürze versucht habe, in Erinnerung zu rufen. Lübke wurde gewählt als der Kandidat der Christlichen Demokraten, der Christlich-Sozialen und anderer, die damals dazugehörten ...
Und nun hatten wir 1969 die fünfte Wahl eines Bundespräsidenten. Damals wäre die große Chance der sogenannten Großen Koalition gewesen, das Amt herauszuheben aus dem Koalitionsproporz. Dies ist vertan worden. Und in einem Brief, den mir der verstorbene Baron von und zu Guttenberg sehr persönlich sieben Seiten lang geschrieben hat, hat er da seine eigenen Einsichten mir noch einmal ganz persönlich niedergelegt, daß dies der Anfang vom Ende der sogenannten Großen Koalition gewesen sei, wie sich der damalige Bundeskanzler Kiesinger umentschied. Auch damals ist es einem Menschen wie mir nicht darum gegangen, das Amt in Koalitionsproporz auszuhandeln. Nun gut, damals haben die Sozialdemokraten und die Freien Demokraten den gegenwärtigen Bundespräsidenten Gustav Heinemann gewählt.
Wir haben damals, so war mein Gesichtspunkt, vor allen Dingen nicht gewollt, daß ein von den Christlichen Demokraten gestellter Kandidat mit den Stimmen der NPD gewählt würde. Das ist damals verhindert worden durch das, was die SPD und die FDP zusammen gemacht haben. Und nun sind wir zum erstenmal auf freiem Felde, so sehe ich das, im fünfundzwanzigsten Jahr, das es dann sein wird, der Bundesrepublik. Wir können entscheiden, nachdem der gegenwärtige Bundespräsident freimütig und so, daß es wohl jeder verstanden hat -- gleichgültig, wie er sonst zu ihm persönlich stehen mag -, gesagt hat, er könne, aus Gründen, die er darlegte, nicht ein zweites Mal kandidieren. Jetzt geht es um den Bundespräsidenten, der aus der 6. Wahl hervorgeht. Und da möchte ich, daß soviel wie möglich von dem, was dem Amt des Bundespräsidenten angehaftet hat aus der Entstehung der vorhergegangenen Bundespräsidenten ... nicht wiederkommt.
FRAGE: Sehen Sie die Chance, daß ohne Koalitionsgesichtspunkte nach den Grundsätzen, die aus Ihrer Darstellung jetzt deutlich wurden, ein Bundespräsident bei uns gewählt werden kann? Gleich konkret gefragt, Herr Wehner, bedarf es dann nicht ·des Kontakts zwischen den großen Parteien?
WEHNER: Den Kontakt habe ich von Anfang an nicht ausgeschlossen, es ist aber, wie hier üblich, überhört worden. Ich hätte es im Ausland noch einmal sagen müssen, dann wäre es hier bemerkt worden. Ich habe viele Dinge hier gesagt, die sind genauso unter den Tisch gefallen, wie auch dieses unter den Tisch fallen wird ...

DER SPIEGEL 52/1973
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