24.12.1973

INDUSTRIEBillig und willig

Weil sie die Ergebnisse einer Regierungsrecherche anzweifeln, suchen SPD-MdB nach neuen Wegen, die Unterbezahlung schwarzer Arbeiter bei deutschen Firmen in Südafrika zu ermitteln.
Sieben Monate lang ließ die Bundesregierung ermitteln. Jetzt endlich konnte SPD-MdB Lenelotte von Bothmer, die durch eine Anfrage im Bundestag den Anstoß zur Regierungs-Recherche gegeben hatte. das Ergebnis sichten. Ihr Fazit: "Das befriedigt mich ganz und gar nicht."
Flankiert von 54 Koalitions-Abgeordneten, hatte die Afrika-Expertin der SPD-Fraktion im April wissen wollen, ob deutsche Firmen in Südafrika ihren schwarzen Arbeitern Hungerlöhne zahlen. Überprüft werden sollte der Verdacht zunächst bei den Niederlassungen und Töchtern jener Unternehmen, an denen der Bund beteiligt ist: bei VW, der Lufthansa, der Salzgitter AG und der Frachtagentur Schenker.
Doch statt die Lohnverhältnisse auch unter den südafrikanischen Belegschaften erforschen zu lassen, begnügten sich die Prüfer aus dem Wirtschaftsministerium des Freidemokraten Hans Friderichs mit Angaben aus den Chef-Etagen. Die Auskünfte waren entsprechend: "Die Löhne", so das Regierungs-Resümee, "liegen teilweise weit über den saatlich festgelegten Mindestlöhnen"
Daß südafrikanische Mindestlöhne freilich teilweise unter dem Existenzminimum liegen, hatte bereits Anfang des Jahres der englische "Guardian" enthüllt. Nur in drei Prozent der in Südafrika niedergelassenen englischen Firmen, so ermittelten die "Guardian"-Reporter, verdienen alle Beschäftigten so viel, daß sie sich und ihre Familien wenigstens ausreichend ernähren können: zahlreiche Betriebe geben ihren Arbeitern nicht einmal die Hälfte des Existenzminimums von monatlich 300 bis 400 Mark für eine fünfköpfige Familie.
Während große deutsche Unternehmen in Südafrika -- wie Siemens, AEG und Demag -- ihre Löhne für schwarze Arbeiter in den letzten Monaten dem Existenzminimum angepaßt haben, sind es vor allem mittlere Betriebe, so Horst Kleinschmidt von der südafrikanischen Kirchenorganisation "Sprocas", "die sich hinter dem Glanz der Großen verstecken".
Einer dieser Kleineren ist der Nürnberger Blumenhändler Simon Kerscher, der in der Bundesrepublik Nelken und Rosen aus seiner Gärtnerei Springbok Flower Company in Kempton Park vertreibt Seine Löhne sind, so Kleinschmidt, "sicherlich mit die schlechtesten in diesem Teil Transvaals": Schwarze Arbeiter verdienen etwa 25 Mark in der Sechs-Tage-Woche, ein Vormann rund 29 Mark.
Im Vergleich mit den Wohnbaracken der Springbok Flower Company hausen Gastarbeiter in der Bundesrepublik fast komfortabel. Kleinschmidt: "Jeder Arbeiter erhält ein Stahlbett ohne Matratzen oder Decken. Es gibt keine Zimmerdecken, und das Dach leckt, wenn es regnet. Es gibt kein Licht, kein heißes Wasser."
Wenn auch im Februar erstmals eine schwarze Streikwelle über das Kapland rollte und 60 000 unterbezahlte Zulu-Arbeiter höhere Löhne durchsetzten, so gilt Südafrika doch noch immer als Markt der billigen. und willigen Arbeitskräfte. Denn von den 7,5 Millionen Werktätigen sind nur 400 000 gewerkschaftlich organisiert.
Im Durchschnitt verdienen Südafrikas Schwarze 130 Mark monatlich, die Weißen dagegen 1400 Mark. Millionen Afrikaner bilden ein Arbeitslosen-Heer. das stets bereit ist, auch für Hungerlöhne in die Fabriken zu gehen.
Stichproben des SPIEGEL vor deutschen Fabriktoren in Südafrika enthüllten Unerfreuliches. So hat Witness Granville Cele, Maschinenführer im Werk der Düsseldorfer Henkel GmbH in Natal, einen Wochengrundlohn von rund 50 Mark. George Khuluse, Packer beim Remscheider Werkzeughersteller Gedore, kassiert pro Woche knapp 50 Mark.
Zahlen über Investitionen und Löhne für die Schwarzen werden in den meisten deutschen Unternehmen denn auch wie geheime Kommandosachen behandelt. Als eine Gruppe von Wissenschaftlern der Universität Kapstadt im April einen Fragebogen an 110 deutsche Firmen verschickte, gab es nur zwei verwertbare Antworten.
Gleichwohl will die Afrika-engagierte Lenelotte von Bothmer einen neuen Versuch starten. Der DGB und die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung sollen nach den Wünschen der Sozialdemokratin Mittel lockermachen, datnit unabhängige Wissenschaftler die südafrikanischen Lohnverhältnisse untersuchen können.
Eine andere Informationsquelle blieb unergiebig. Der deutsche Südafrika-Botschafter Erich Strätling. der Mitte Dezember vor dem SPD-Arbeitskreis Außenpolitik über das Los schwarzer Arbeitnehmer referierte, überzeugte seine Zuhörer allenfalls von seinem "beklagenswerten Bewußtseinsstand" (von Bothmer). Auch Arbeitskreis-Teilnehmer Karl-Heinz Hansen fand: "Das war mehr ein feuilletonistischer Beitrag"

DER SPIEGEL 52/1973
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