24.12.1973

„Die Rektoren haben die Nase voll“

SPIEGEL: Herr Roellecke, die deutsche Hochschulgeschichte scheint an einem Wendepunkt angelangt. Zum ersten Mal fordern die Rektoren das Verbot einer politischen Hochschulgruppe durch staatliche Instanzen, des Kommunistischen Studentenverbandes. Glauben Sie, daß durch Verbote an den Universitäten wieder Ruhe und Ordnung hergestellt werden können?
ROELLECKE: Es geht uns um die Aufrechterhaltung der freien Forschung und Lehre und um ein Stück Humanität für Hochschullehrer.
SPIEGEL: Wo wird die Humanität verletzt?
ROELLECKE: überall, wo systematisch Gewalttätigkeit geübt wird. Wir wissen, daß an einzelnen Universitäten planmäßig einzelne Professoren herausgeschossen werden sollen. Sie werden tätlich angegriffen, sie werden bedroht, und man macht es ihnen unmöglich, Vorlesungen zu halten. Davon haben die Rektoren jetzt die Nase voll. Lange genug hat man eine Politik der Angst und Duldung betrieben.
SPIEGEL: Nun soll der Staat Ordnung schaffen. Gibt die Universität damit nicht auf, was sie permanent beansprucht, die Hochschulautonomie?
ROELLECKE: Man kommt so oder so um den staatlichen Eingriff nicht herum, auch wenn man die Kochschulautonomie grundsätzlich erhält. Je mehr die Spannungen sich verschärfen, desto undifferenzierter aber werden die Maßnahmen des Staates. Man sollte deshalb etwas tun, solange man noch einigermaßen unterscheiden kann. SPIEGEL: Sonst?
ROELLECKE: Sonst sähe sich die Regierung eines Tages vielleicht veranlaßt, ständig Polizeikräfte an den Universitäten zu stationieren oder auch alle Studentenvereinigungen schlechthin zu verbieten. Und das kann nicht im Sinn der Hochschulen sein.
SPIEGEL: Was schlagen Sie konkret für die Befriedung vor: einen Strafkatalog für Vergehen auf dem Campus?
ROELLECKE: Nein. Aber wenn es um kriminelle Handlungen geht, müßte die Strafverfolgung durch die Staatsanwaltschaften verstärkt werden. Heute greifen die Staatsanwaltschaften manche Fälle überhaupt nicht auf, stellen zu schnell ein, ermitteln nicht gründlich genug.
SPIEGEL: Sie werfen dem Staat vor, er verfolge kriminelle Aktionen an den Universitäten zu nachlässig?
ROELLECKE: Ja.
SPIEGEL: Sollten KSV-Mitglieder von den Hochschulen verwiesen werden?
ROELLECKE: Die Rechtsgrundlage dafür ist zur Zeit nicht in allen Bundesländern gegeben. Ich könnte mir aber vorstellen, daß so eine Relegation eine abschreckende Wirkung hat. SPIEGEL: Wann würde relegiert?
ROELLECKE: Eine erhebliche Störung einer Lehrveranstaltung müßte meines Erachtens schon hinreichen.
SPIEGEL: Viele Professoren fühlen sich schon erheblich gestört, wenn ein Student im Kolleg eine Frage stellt.
ROELLECKE: Das halte ich für ein Gerücht. Sicher, es gibt Professoren, die ihren Unterricht etwas starr durchsetzen wollen, die keinen guten Unterricht halten. Nur würde ich meinen, man muß jedem Studenten zumuten, Unvollkommenheiten des Lehrers hinzunehmen. Ein gewisses Quantum an Ungereimtheit und Ungerechtigkeit muß man einfach ertragen.
SPIEGEL: Sind Sie selbst schon einmal angerempelt, ist eine Ihrer Vorlesungen gestört worden?
ROELLECKE: Nein. Dabei muß man berücksichtigen, daß die Zahl der Störer ja nicht sehr groß ist und daß der größte Teil der Lehrveranstaltungen ungehindert durchgeführt werden kann.
SPIEGEL: Im Bonner Wissenschaftsministerium wurde errechnet, daß weniger als ein Prozent aller Vorlesungen und Seminare gestört werden.
ROELLECKE: Wenn Sie sich einen Nagel in den Daumen stoßen, dann ist auch weniger als ein Prozent Ihrer Hautoberfläche beschädigt. Aber den Schmerz spüren Sie am ganzen Körper.
SPIEGEL: Die Hauptstörer vom KSV sind in Hochschulparlamenten und Fachbereichsräten kaum vertreten, Die Mehrheit der Studentenvertreter gehört zum DKP-treuen Spartakus und zum Sozialistischen Hochschulbund, der sich früher einmal sozialdemokratisch nannte. Wollen Sie die auch verbieten?
ROELLECKE: Nein. Wir sind uns einig, daß sich Spartakus und SHB prinzipiell im Rahmen des geltenden Rechts halten und die allgemein geltenden Verfahrensregeln einhalten. Damit ist über die Frage, ob diese Organisationen verfassungsfeindliche Ziele verfolgen, nichts gesagt.
SPIEGEL: Welche Note geben Sie der Studentenschaft insgesamt für ihr politisches Engagement?
ROELLECKE: Knapp ausreichend. SPIEGEL: Und den Professoren?
ROELLECKE: Wenn Sie auf die Wahlbeteiligung abheben, müssen die Professoren die Note "sehr gut" bekommen. Bei den Studenten wählen nur weniger als die Hälfte ihre Vertreter für die Hochschulgremien.
SPIEGEL: Ernsthafte Beobachter der westdeutschen Hochschulszene behaupten. die Studenten seien nur deshalb so links und so radikal, weil die Mehrheit der Professoren vernünftige Reformen noch immer blockiert.
ROELLECKE: Wenn jemand diesen Eindruck verbreitet, dann doch eigentlich nur, um die radikalen Studenten zu entschuldigen.
SPIEGEL: Immerhin lautet die Devise vieler Alt-Ordinarien: Solange ich hier bin, ändert sich nichts.
ROELLECKE: Wenn die Herren damit meinen, alles, was bis jetzt an Veränderungsvorschlägen vorgetragen worden ist, sei schlechter als das Bestehende, dann haben sie recht.
SPIEGEL: Was ist denn so schlecht an der Hochschulreform?
ROELLECKE: Man hat so seine Erfahrungen gemacht. Die Berliner Universitäten gelten ja als problematisch, die sind ganz fortschrittlich organisiert. Die Kölner Universität gilt als relativ unproblematisch. die ist relativ konservativ organisiert. Bayern als reaktionäres Land ist für Wissenschaftler so eine Art Fluchtburg geworden.
SPIEGEL: Sehen Sie eine Chance, daß überall in der Bundesrepublik wieder gelernt, gelehrt und geforscht werden kann, ohne daß Fenster klirren und Professoren und Studenten sich raufen?
ROELLECKE: Nun, ich würde meinen, daß eine Verknappung der reichlichen Mittel überall in der Gesellschaft und auch in der Universität sehr zur Beruhigung der Gemüter beitragen wird. Das muß man ganz deutlich sehen. Vielleicht ist das schon in fünf Jahren der Fall.

DER SPIEGEL 52/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die Rektoren haben die Nase voll“

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen