24.12.1973

„Lieber keine Revolution als so eine“

Im Gründungssenat haben wir uns -- und die Hochschullehrer zumindest ohne Hintertürchen -- aus Überzeugung gegen die Unterstellung von konservativen und reaktionären Kritikern gewandt, wir wollten eine marxistische Kaderschmiede, eine einseitig gefesselte Universität. Nach den Erfahrungen, die ich bisher hier machen mußte, habe ich den Eindruck, unsere Ultralinken tun alles, um die konservativ-reaktionären Verdächtigungen nachträglich zu rechtfertigen.
Auch wenn Kommunistischer Studentenbund (KSB) und Kommunistische Studentenorganisation (KSO) nach der Integration mit der Pädagogischen Hochschule nicht mehr die Mehrheit unter den Studenten haben, ist der Druck bereits so groß, daß in den Bereichen, in denen ich tätig bin, von dieser Richtung immer wieder Versuche ausgehen, zumindest die Lehrer in einem eindeutig marxistisch-leninistischen Sinn auszurichten und zu fixieren.
Schaut man sich "die Argumente und Literaturhinweise genauer an, mit denen sie arbeiten, so erweist sich die neue Lehre als eine Verballhornung und Dogmatisierung sowohl von Marx als auch von Engels, in der Regel vorgenommen und kanonisiert durch Stalin, der von einigen auch offen als, wie ich es nenne, einer ihrer modernen Kirchenväter angerufen wurde.
Wir im Gründungssenat hatten jedenfalls nie die Absicht, was mir schon als Beschluß, dann, als es keinen Beschluß gab, als Konsensus vorgehalten wurde, daß z. B. das Integrierte Sozialwissenschaftliche Eingangsstudium (ISFS) nur auf dem Boden des sogenannten historischen Materialismus stattfinden dürfte. Als mir diese Ansicht zum ersten Male in einer -- im übrigen insgesamt sachlichen und rational verlaufenden -- universitäts-öffentlichen Diskussion entgegentrat. gab ich eine Antwort. die ich nach den bisherigen Erfahrungen auch öffentlich verallgemeinert wiederholen kann:
Wenn ich gewußt hätte, daß als einzig mögliche inhaltliche Ausfüllung des Bremer Modells nur der sogenannte wissenschaftliche Sozialismus marxistisch-leninistischer (heute würde ich hinzufügen, in Wahrheit stalinistischer) Observanz zugelassen wird, so hätte ich mich weder für diese Universität beworben noch mich an ihrer Gründung beteiligt. Allmählich komme ich mir mit meiner Beteiligung an der Gründung dieser Universität nur als "nützlicher Idiot" für politische Kräfte vor. von deren Existenz ich im Frühjahr 1970 noch nicht wußte und nach Lage der Dinge auch nicht wissen konnte.
Bisher ist es mir noch gelungen, in meinen Arbeitsbereichen eine solche bestürzend dogmatische und intolerante Verengung des Wissenschaftsbetriebs an dieser Universität zurückzuweisen ... Bisher lief die Diskussion trotzdem insgesamt einigermaßen rational. und ich habe in der Auseinandersetzung mit solchen "Marxisten" auch inhaltlich gelernt, in dem Bemühen, ihnen ihre Dogmatisierung klarzumachen und aufzubrechen. Aber ein einzelner kann nicht alles allein leisten. Allein die Tatsache, daß solche Tendenzen überhaupt so stark sind, daß man sich mit ihnen bis zur Erschöpfung herumschlagen muß, ist schon schlimm genug.
Eine der grundlegenden Schwierigkeiten an der Universität Bremen im besonderen, mit unseren neuen Ultralinken im allgemeinen, liegt im Unterschied zwischen dem Wissenschaftsverständnis. Das ultralinke Wissenschaftsverständnis ist so total politisiert und ideologisiert, daß es noch nicht einmal den Versuch wenigstens zur partiellen Trennung von Politik und Wissenschaft im Wissenschaftsprozeß zuläßt.
Wir alle wissen, daß Wissenschaft und Politik nicht total voneinander zu trennen sind: In der Motivation wirken beide aufeinander ein, ebenso in den Konsequenzen. Aber dazwischen muß es, schon um der wissenschaftlichen Arbeit selbst willen, einen Freiraum geben. wo der Wissenschaftler bei der Durchführung seiner Arbeit Politik und Wissenschaft trennen muß. Solche Anschauungen werden aber von unseren neuen Linksradikalen als angeblich "unpolitisch" verdreht und denunziert.
Ihr Verfahren erlaubt ihnen, gegenüber sogenannten "bürgerlichen" Wissenschaftlern oder der Öffentlichkeit abwechselnd mit dem politischen oder dem wissenschaftlichen Argument zu spielen, so wie Hase und Swinegel: Geht es um die Klärung wissenschaftlicher Fragen, so erschallt die Antwort: Alles ist politisch. Geht es um die Zurückweisung politisch-ideologischer Aussagen, so heißt es: "wissenschaftliche Auseinandersetzung" oder gar "wissenschaftlicher Sozialismus" ...
Die sogenannte "wissenschaftliche Auseinandersetzung" leidet zudem darunter, daß bei manchen Ultralinken das Wissensniveau in dem Fach, das ich vertrete und über das sie oft mit einer verblüffenden intellektuellen Arroganz mitreden wollen, so gering ist, daß von einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung noch gar keine Rede sein kann -- und Wissenschaft kommt schließlich von Wissen. Ihre neue Wissenschaft besteht im wesentlichen aus einigen ritualisierten Regeln. die sie auf alles anwenden.
Deshalb geht es auch nicht mehr um fortschrittliche Lehrinhalte, mit denen sie ihren Kampf an der Universität Bremen, aber auch sonstwo drapieren, denn ihre Lehrinhalte und Methoden sind in zweifacher Weise rückschrittlich: Auf der einen Seite beinhalten sie, i. B. gerade in meinem Fach. einen dogmatisierten Stalinismus "wissenschaftlicher" Ausprägung, auch wenn er in den sozialistischen Ländern wenigstens politisch, teilweise auch intellektuell überwunden ist oder noch überwunden wird.
Ich kann es nicht als fortschrittlich betrachten, freiwillig, aber unter Druck von unten, z. B. von KSB/KSO, Lehrinhalte als die einzig verbindlichen einzuführen oder überhaupt als wissenschaftlich akzeptabel hinzunehmen, die letzten Endes auf einen kanonisierten Stalinismus zurückgehen, der seinerseits Marx, Engels, Lenin verkürzte, vergröberte und dogmatisierte.
Zweitens bedeutet ihre Methode des ermüdenden Zitierens von Autoritäten mitsamt damit verbundenem pseudowissenschaftlichem Personenkult einen Rückfall ins Mittelalter, nämlich in die Scholastik, die wir in unseren Breitengraden seit rund 200 Jahren, seit der Aufklärung, glaubten überwunden zu haben. Ich vermag keinen Fortschritt der Wissenschaft zu erblicken, wenn wir um rund 700 Jahre auf die Anfänge mittelalterlicher Wissenschaft zurückgeworfen werden sollen ...
Und wenn sie schon ihre psychologische oder gar mehrheitliche Macht in manchen Kommissionen dieser Universität so mißbrauchen, wie würden sie erst regieren, wenn sie die Macht an dieser Universität hätten, gar in Staat und Gesellschaft"? Das ist der Kern des politischen Konflikts, um den es hier letzten Endes geht. Das Verhalten von KSB/KSO samt Sympathisanten liefert nur einen Vorgeschmack auf die Art ihres Sozialismus oder Kommunismus, wenn sie das Sagen hätten. Nach den bisherigen Erfahrungen, die sich ja noch ändern können, vielleicht aufgrund der von mir provozierten klärenden Diskussion, kann ich vorläufig nur sagen: lieber keine Revolution als so eine Revolution, lieber keinen Sozialismus als einen à la KSB und KSO.

DER SPIEGEL 52/1973
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