24.12.1973

KAPITALANLAGEZeit der Driller

Die Energiekrise macht zum Jahresende auch Deutschlands Abschreibungs-Geschäftsleute wieder munter: Jetzt sammeln sie Geld für Ölbohrungen und benzinlose Auto-Motoren.
Pleiten zu Wasser, zu Lande und in der Luft machten ihr nichts aus -- zukunftssicher hat die Zunft der Steuerverkürzer auch dieses Mal das Jahresende fest im Blick, um von Vielverdienern schnelles Geld zu kassieren: "Greifen. Sie dem Finanzamt in die Tasche. bilden Sie mit Steuern Vermögen:
Mit Sprüchen solcher Art wollen auf Superabschreibungs-Objekte spezialisierte Geld-Einfänger dieses Jahr mindestens vier Milliarden Mark Kommanditistenkapital an den Kassen der Finanzämter vorbeischieben und die eigenen risikolos füllen.
Als Primus der Abschreibungsbranche gilt heute der 34jährige Diplomkauf mann Erwin Walter Graebner, Chef der Consulta Wirtschafts- und Finanzberatung GmbH & Co. KG in Köln. Er brachte in den letzten sechs Jahren über eine Milliarde Mark Privatkapital vor den Finanzämtern in Sicherheit. Treffsicher hat er den nächsten Abschreibungsfeldzug schon fixiert: steuerbegünstigte Beteiligungen an Erdölbohrungen in Alabama. Florida. Louisiana und Texas.
Sofort, als die arabischen Scheichs den Ölfluß drosselten, gründete der Consulta-Chef in Köln die Prominex Mineral-Explorationsgesellschaft mbH & Co. Beteiligungs-KG. Sie will durch den Verkauf steuerbegünstigter Kommanditbeteiligungen 42 Millionen Mark für die US-Schürfgesellschaft Watson Oil Corporation schaffen, eine Tochter des New Yorker Geldunternehmens City Investing Company.
Mit ganzseitigen Großanzeigen ("Jetzt fündig werden -- das Steuerangebot des Jahres") und mit bunten Prospekten klärt Graebner seine Kundschaft über den neuesten Steuertrick auf: Nach den deutschen Bergbauregularien. die 1957 von der Oberfinanzdirektion Hannover aufgestellt wurden. sind die Kosten für Schürf- und Untersuchungsbohrungen in voller Höhe als Aufwand steuerabzugsfähig.
Wenn die Bohrungen ergebnislos verlaufen, so fand Graebner überdies her aus, ist nur der Fiskus Verlierer. Die Kommanditisten erhalten dann für ihr Engagement ei ne Verlustzuweisung von bis zu 215 Prozent. können mithin mehr als das Doppelte des von ihnen eingesetzten Eigenkapitals vom steuerpflichtigen Einkommen abziehen.
Werden die Driller fündig, verspricht das US-Unternehmen sogar die Hälfte aller Gewinne aus der Öl- und Erdgasförderung ihres Claims. Diese Erträge. so lockt Graebner. werden nur nach den milden Tarifen der USA versteuert: dort sind 22 Prozent der Einkünfte aus der Produktion von Erdöl und Erdgas abgabenfrei.
Allerdings: Öl zu finden ist eine Art Glücksspiel, wenngleich die Summe der Bohrungen eine durchschnittliche Trefferquote gibt. Graebners Prominex-Geschäftsführer Wulf Schendekehl gibt denn auch tu: "Das Unternehmen ist hoch spekulativ und extrem."
Boß Graebner steigt zwar dennoch selbst mit einer Million Mark in das Risiko ein. Da Graebner aber von den einlaufenden Kommanditistengeldern gleich 3,9 Millionen Mark als Vergütung für die Vorarbeit und "Konzeption" einbehält und außerdem für Werbung und Vertriebskosten noch 4,2 Millionen Mark abzieht, ist ihm der Geschäftserfolg auf jeden Fall sicher,
Außer Graebner will allerdings noch ein anderer Abschreibungs-Promoter ölfündig werden: Der Münchner Kapitalanlage-Vermittler Otto Bruno Rintzner, 42, ein ehemaliger Globetrotter, der im Vorderen Orient und in den USA die Ölbranche kennenlernte, gründete in fliegender Eile die Steuerabschreibungsfirma "Transenergie-Gesellschaft zur Exploration von Erdöl und Erdgas mbH & Co., Gewinnungs- KG".
Die Rintzner-Company soll als Juniorpartn er der amerikanischen Schürfgesellschaft Beacon Resources Corporation für ein begrenztes Bohrprogramm 2,4 Millionen Mark beschaffen. Die Beacon-Ölsucher wollen dafür 25 bis 28 Sonden bis auf 1000 Meter Tiefe niederbringen. Rintzner optimistisch: "Unser Partner Beacon erzielt Fündigkeitsquoten von 68 Prozent." Durchschnittliche Quote in der Ölindustrie: acht Prozent, Durchschnittskosten einer Suchbohrung: zu Lande zwei bis fünf. zu Wasser sieben bis zehn Millionen Mark.
Angeblich haben steuermüde Bundesbürger bereits eine Million Mark für die Ölspekulation gezeichnet oder reserviert, obwohl noch kein Finanzamt die von Rintzner angepriesene Verlustzuweisung von 150 Prozent für 1973 bestätigt hat.
Aufwind durch die Ölkrise fühlt auch der schleswig-holsteinische Entwicklungsingenieur Hans Alexander Freiherr von Seid, 65, der mit 40 Millionen Mark steuerbegünstigtem Kommanditistengeld in Bad Oldesloe ein Entwicklungszentrum bauen will, um dort einen bisher nur auf dem Reißbrett eindrucksvollen Hochdruck-Heißgasmotor zur Konstruktionsreife zu bringen.
Der Edelmann tüftelt an seinem Wundermotor, der statt Benzin auch jeden anderen Brennstoff verfeuern kann, schon über ein Jahrzehnt, doch stets gingen ihm die finanziellen Mittel aus. Den Erfinder irritierte auch nicht, daß Ingenieure des holländischen Elektro-Konzerns Philips bereits eine serienreife, wenngleich für Autos ungeeignete Heißgasmaschine bauten, deren Prinzip der englische Pastor Stirling schon vor hundert Jahren erfunden hat. Kühn behauptet der Baron aus dem Holsteinischen: "Ein Auto mit meinem Motor könnte auch mit Kohle fahren."
Zäh belagerte der Ideenbrüter deshalb die Bonner Ministerien. Als ihn Technologie-Minister Horst Ehmke nicht vorließ, fing Seld ihn an der Portiersloge ab. um seinen Wundermotor und einen Sparvergaser als Retter aus der Energiekrise anzupreisen.
Schließlich bekniete der robuste Holsteiner die Ministerien in Bonn und Kiel so lange, bis sie seinem Entwicklungsprogramm das Prädikat "volkswirtschaftlich wertvoll erteilten. Der zuständige Sachbearbeiter im schleswigholsteinischen Wirtschaftsministerium schränkte allerdings ein: "Es ist eine völlig abstrakte Geschichte. Nun kommt es darauf an, was Herr von Seid daraus macht."
Ob Herr von Seld etwas daraus macht, könnte ihm gleichgültig sein. Mit dem amtlichen Prädikat kann der Freiherr jetzt alle unbedarften Geldgeber einfangen. die darauf hoffen, daß ihnen die Finanzämter nach der Erfinder-Verordnung von 1951 eine Verlust-Zuweisung von etwa 200 Prozent bewilligen. "Wichtig für Ihre Geldanlage ist". teilte der Baron seiner Klientel denn auch schon mit, "daß bei Beteiligung an der Entwicklung von Erfindungen eine nachträgliche Heranziehung zur vollen Steuerzahlung auch dann entfällt, wenn die Entwicklungen erfolglos verlaufen."

DER SPIEGEL 52/1973
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