24.12.1973

AFFÄRENSchläge im Hotel

Tausende von Bundesbürgern sind ein Opfer des raffinierten Verkaufssystems der amerikanischen Vertriebsfirma World Wide Products geworden.
Bei der Kölner Staatsanwaltschaft ging vor kurzem eine Betrugsanzeige gegen die Münchner Zentrale der Vertriebsfirma "World Wide Products" (WWP) und deren amerikanischen Geschäftsführer Charles R. Allen ein. Absender war der Kölner Architekt Dieter Reischl, der elf Monate lang dem Top-Management des Unternehmens angehörte. Reischl: "Ich konnte nicht länger mit ansehen, wie man Menschen fängt und finanziell miniert"
Bevor sich der ehemalige WWP-Angehörige im Range eines "Instructor General" an die Justiz wandte, hatte er "aus Gewissensgründen fristlos gekündigt". Um seinen ehemaligen Geschäftspartnern jedoch "für immer das Handwerk zu legen", übergab er jetzt der Justiz umfangreiches Belastungsmaterial. darunter Tonbänder, Abrechnungen und vertrauliche Korrespondenzen.
Das seit Herbst vergangenen Jahres in Deutschland operierende Unternehmen ist eine Schwester-Gesellschaft der amerikanischen Holiday Magic Inc., die in der Bundesrepublik vor vier Jahren mit einem Tür-zu-Tür-Verkauf ihre Geschäfte aufnahm. Das Unternehmen bekam jedoch bald Ärger mit dem Bundeskartellamt und mußte umorganisieren. Die Wettbewerbsschützer hatten damals die Preisbindung der Firma verboten, weil die Gesamthandelsspanne 65 Prozent betrug.
Die Kollision mit dem deutschen Wettbewerbsrecht brachte die US- Bosse freilich nicht in Verlegenheit. Denn das Mutterunternehmen "US Universal" im kalifornischen San Rafael konnte aus seinem insgesamt 200 Firmen umfassenden Konzern leicht eine Ersatzfirma an die deutsche Verkaufsfront schicken.
Der neue Universal-Ableger, der neben Reinigungsartikeln auch ehemalige Holiday-Magic-Kosmetik-Produkte anbietet, arbeitet nach dem gleichen Prinzip wie die seit geraumer Zeit von deutschen Staatsanwälten verfolgten Vertriebsfirmen "Golden Products" und "Lorimont Enterprises" --
Zur WWP-Masche gehört es, Produkte nicht über angestellte Firmenvertreter, sondern über selbständige Mitarbeiter zu vertreiben, die laut Händler-Handbuch gehalten sind, "alle Handlungen und Darstellungen zu unterlassen, durch die direkt oder indirekt ein Beschäftigungs- oder Vertretungsverhältnis mit der Gesellschaft angedeutet wird".
Angeworben wurden freie Mitarbeiter durch das Versprechen, mit "Produkten, die sich selbst verkaufen ... finanzielle Unabhängigkeit" zu erlangen. In mehreren deutschen Tageszeitungen erschienen zum Beispiel Anzeigen wie "Sind Sie der Mann, der DM 5000 im Monat verdienen möchte? Keine Vertretertätigkeit" oder "Unsere Mitarbeiter werden durch Schulung ins Management geführt. Verdienst: DM 3500. Keine Vertretertätigkeit."
Auf solche und ähnliche Offerten gingen tausende von Bewerbungsschreiben ein. Die Aspiranten, darunter Arbeiter, Handwerker, Polizisten und Akademiker, bekamen wenig später eine Einladung zu einem sogenannten Erfolgsmeeting. Dort wurde ihnen anhand nicht überprüfbarer Zahlen vorgegaukelt, daß sie hei World Wide Products "ihr Leben von Grund auf ändern können". Jeder "hart arbeitende" Mitarbeiter hätte nämlich die Chance, vom "Einzelhändler" über den "Organisator" und "Master-Großhändler" zum "General-Großhändler" aufzusteigen. Jahreseinkommen "über 100000 Mark" seien schon nach "Ablauf von zwölf Monaten" leicht zu erreichen.
Etwa 2000 Bundesbürger waren von den Verdienstaussichten so beeindruckt, daß sie sich von ihren Geschäftspartnern widerspruchslos eine Art Einstandsgeld abknöpfen ließen. So mußte der "Organisator" bei Vertragsabschluß für gelieferte Waren und Schulungsmaterial 286,38 Mark, der Master-Großhändler 6000 Mark und der General-Großhändler gar rund 14000 Mark an die Münchner Zentrale abführen.
Sehr bald stellten die Vertreter jedoch fest, daß die von WWP gelieferten Produkte fast überhaupt nicht zu verkaufen waren. Reischl: "Von der Grundausstattung wurden höchstens zwei Prozent verkauft, Nachbestellungen gab es gar nicht."
Kein Wunder, denn das Reinigungsmittel Watermate 7, das an der Haustür für 9,99 Mark angedient wird, hat nach Recherchen von Reischl nur einen Herstellungswert von 46 Pfennig. Ein ähnliches Mißverhältnis zwischen Produktions- und Verkaufspreis besteht auch bei den Kosmetika der Firma (Verkaufspreise zwischen 11,10 Mark und 27 Mark>. Damit die Kalkulation der Manager stimmt, dürfen die Produktionskosten immer nur acht Prozent des Endverkaufspreises betragen.
Eine Chance, zu Geld zu kommen, haben deshalb nur solche Mitarbeiter, die für die Firma Nachwuchs anheuern. Für jeden Newcomer, der einen Vertrag unterzeichnet, erhalten sie eine Kopf-Prämie. Außerdem steht ihnen von der Einstandsware jedes geworbenen Kollegen eine Provision zwischen zehn und 30 Prozent zu.
Um an dem Einkommen ihrer deutschen Kopfjäger kräftig mitzuverdienen, ließen sich die Universal-Manager noch einen zusätzlichen Trick einfallen. So sind für jede Stufe der Vertreter-Hierarchie Trainingskurse obligatorisch, deren Gebühren der Teilnehmer selbst bezahlen muß. Der niedrigste Kurs kostet 832,50 Mark, der höchste 15000 Mark.
Geboten wird den Vertretern für den hohen Preis freilich wenig Verkaufstraining, aber viel Hokuspokus. Im Münchner Arabella-Haus zum Beispiel wurde deutschen und Schweizer General-Großhändlern eine Mischung von schwarzer Messe und Dschungelkämpfer-Training serviert. Bei der Vier-Tage-Tortur, die um neun Uhr morgens begann und erst um drei Uhr nachts endete, mußten die karg verpflegten Teilnehmer in einem verschlossenen und abgedunkelten Raum vor "Instruktoren" und Kollegen eine Lebensbeichte ablegen.
Wer sich weigerte, seine Intimsphäre preiszugeben. wurde von dem amerikanischen Chefinstruktor Bill Sawayer. 24, zur "Bestrafung" freigegeben. Kräftige Kollegen durften dann ihre Aggressionen mit Faustschlägen, Fußtritten und Würgegriffen an dem Delinquenten abreagieren
Um ihre Bereitschaft zu bekunden. ein "neues Leben in Unabhängigkeit und Reichtum" zu beginnen, mußten sich andere Kursusteilnehmer mit nacktem Oberkörper aufs Parkett legen und zulassen, daß die übrigen Teilnehmer auf ihnen herumtrampelten. Kursabsolvent Reischl, der seit dieser Zeit eine mehrere Zentimeter lange Narbe auf dem Rücken trägt: "Dafür sollten wir auch noch 1000 Dollar bezahlen."

DER SPIEGEL 52/1973
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