24.12.1973

WEINSüßer Spitz

Schneller als der Weinverbrauch stiegen bisher die Preise -- jetzt fallen sie. Denn die Ernte 73 spulte so viel Wein wie nie in die Keller.
Mit Recht", so fand der Weinbauverband Rheinhessen, sollen sich Deutschlands Weinfans "auf diesen neuen Jahrgang freuen". Denn beim 73er habe man "eine Preisgestaltung" vereinbart, "die eine Verteuerung der Ware mit sich bringt".
Gleichwohl -- der "bedeutende Beitrag zur Stabilität", den Deutschlands Winzer per Absprache rheinab, mosel auf leisten wollten, lief gegen den Preistrend, den der Markt diktierte. Der nämlich zeigt abwärts: Wegen Preisabsprachen mit dem Handel, unter Strafe bis 300 000 Mark verboten, ermittelt nun die Mainzer Kartellbehörde.
Die Winzer trifft das hart. Ihnen waren 1973 etwa 10,4 Millionen Hektoliter, 35 Prozent mehr als 1972, in die Keller geschwappt. Die Keller aber waren noch zu einem Drittel durch Altweinbestände blockiert, denn "der problematische 72er", meldete die "Allgemeine Deutsche Weinfachzeitung" selbstkritisch, "wurde vom. Verbraucher nicht akzeptiert, auch der überzogene Preis dürfte dabei eine Rolle gespielt haben".
Noch im Sommer hatte CDU-MdB Elmar Pieroth. als Weinversandhändler ganz vorn am Spundloch der Nation, vor dem angeblichen "Engpaß" einer "zunehmenden Weinverknappung" gewarnt. "Dringend erforderlich" sei deshalb. drängelt er schon lange, eine Ausweitung der Rebflächen.
Aber gerade der forcierte Anbau und die Umstellung auf qualitativ geringe. aber quantitativ ergiebige Rebsorten. sogenannte Massenträger, spülte den Weinbereitern jenen Segen in Fässer und Gärtanks, der ihnen jetzt Ungemach bereitet.
Hatten sie 1953 bis 1962 im Jahresdurchschnitt erst 3,5 Millionen Hektoliter Wein geerntet, so waren es zwischen 1963 und 1972 bereits 6,7 Millionen, und die Ernte 73 bringt nun noch fünf Prozent mehr als die billige Rekordlese von 1970.
So überflügelt Rheinhessen, das den Weinbau seit 1964 um rund 30 Prozent ausdehnte, mit 22000 Hektar die Pfalz, das bisher größte Anbaugebiet. In Baden gar wucherte das Rebareal ("von der Sonne verwöhnt") um satte 55 Prozent; der Kaiserstuhl, in gewaltige Weinterrassen umgestaltet, gleicht einer Vaubanschen Festung.
Was die Natur versagt, ersetzt Küferkunst streng nach Bonns neuem Weingesetz, das alles, was am deutschen Rebstock hängt und nach Wein riecht. zu "Qualitätswein" adelt. Ordinärer Tafelwein aus deutschen Landen wurde zur echten Rarität.
"Auch mit Begriffen läßt sich trefflich panschen, es muß nicht immer Wasser sein " verdolmetschte die "Süddeutsche Zeitung" die Intentionen der Gesetzmacher in "Biertrinkerdeutsch": "Man hat den sauren Plempel aus den Preisniederungen der Tafelweine in besser dotierte Gefilde hochetikettiert."
Kreszenzen jener Güteklasse, die der Franzose plastisch "Pipi de Vagabond" nennt, verhilft Zusatz von totgeschwefeltem Traubenmost, sogenannte Süßreserve, zum schmeichelhaften Prädikat "Qualität", Vorzugsvokabel des Weingesetzes. Die faden Süßlinge von Mosel und Rhein, da sagt die Weinwerbung wahr, sind "einzig unter den Weinen".
So muß in der Schweiz ein Tischwein mit mehr als vier Gramm unvergorenem Zucker je Liter, "süßer Spitz" genannt, als "leicht süß" deklariert werden, und Kenner meiden ihn. Hingegen deutscher Vier-Gramm-Wein gilt, so das Gesetz, als "trocken" alles andere ist Süßreserve.
Ein 71er Dalshaimer Hubacker etwa. Qualitätswein mit Prädikat Kabinett, kleinster deutscher Naturwein also, enthält 35,7 Gramm Zucker je Liter. Als schierer Sirup gar präsentiert sich eine 71er Trockenbeerauslese aus der Pfalz, Edesheimer Forst, mit mehr als einem halben Pfund Zucker im Liter: exakt 270 Gramm.
Dem wohlstandsdeutschen Drang nach gehobener alkoholischer Repräsentation entsprachen die Kellerkünstler 1971 und 1972 mit saftigen Preisaufschlägen. Die Winzerei, freute sich der Weinbau-Verband Rheinhessen noch im September, sei der "gesündeste Zweig der Landwirtschaft", und die "Weinzeitung" bestätigte: "Die Verbraucherpreise für deutsche Weine sind so hoch wie nie zuvor."
Als beim vorzüglichen 71er die Flaschenpreise jäh von vier auf sieben Mark sprangen, warnte das Fachblatt vor "Preiseuphorie". Doch teuer waren auch die 72er. denen -- von Natur "miserabel"(, Handelsblatt") -- "eigentlich nur noch etwas Öl und Salat zu einem runden Geschmack fehlt" ("Süddeutsche Zeitung").
Da liefen immer mehr Konsumenten zum Auslandswein über. Seit 1965 hatte der deutsche gegenüber dem importierten Weißwein den Preisabstand von drei Pfennig auf über zwei Mark erhöht und lag im Durchschnitt bei 4,50 Mark je Liter. Billigerer Auslandswein buchte nun die stolzesten Zuwachsraten.
Mit 6,2 Millionen Hektoliter war 1972 die Einfuhr fast so groß wie eine gesamte deutsche Weinernte, sie stieg um 28,5 Prozent. Die Weißweinimporte nahmen um nicht weniger als 69 Prozent zu und erreichten an Menge erstmals die Rotweine. Während ihnen die Kundschaft schon weglief. weigerten sich die deutschen Winzer -- nach Art der Ölboykotteure und auch mit ähnlicher Begründung -, ausreichend Ware an den Handel abzugeben: "Der Wein im Keller sei ihnen lieber als das Geld auf der Bank" ("Weinzeitung">.
Doch Geld war ohnehin nicht mehr drin: Bald fragte der Handel schon von sich aus nicht mehr nach Wein, denn seine Vorräte lagen wie Blei in den Regalen. Rheinhessens Weinkellereien beklagten ein "fast völlig ausgebliebenes Sommergeschäft". die Pfälzer "eine äußerst bedenkliche Absatzlage". 71er Spätlesen werden nun zum Standardpreis von 3,98 Mark verkümmelt. Vergangenes Jahr kosteten sie noch eine Mark mehr. Gehobene Qualitäten des jungen 73er, Binger St.-Rochus-Kapelle oder Maikammerer Mandelhöhe. gibt es bereits ab 1,98 Mark, und 72er Qualitätströpfchen wie Ensheimer Adelboden, Weinheimer Sybillenstein oder Liebfrauenmilch sind, samt Literflasche, bis auf 1,69 Mark heruntergekommen.
Erkannte die "Weinzeitung": "71er wird knapp. Der 73er kommt schnell auf den Markt. Der 72er wird verschleudert."

DER SPIEGEL 52/1973
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