24.12.1973

ENGLANDGrößte Stunde

Die Briten friert: weil Kohle fehlt und die Zukunft duster ist. Ausgerechnet zur Zeit der Ölkrise sind Regierung und Gewerkschaften zur Entscheidungsschlacht angetreten. Sie könnte Millionen Arbeitslose bescheren.
Die britische Armee war geschlagen. Die Soldaten flüchteten in Segelbooten und Barkassen über See, ihre Waffen ließen sie zurück: Dünkirchen 1940. Dennoch war England noch einmal davongekommen, es siegte sogar.
Für die Briten bedeutete Dünkirchen fortan, daß England auch Katastrophen überleben kann. Ohne zu murren ertrugen "die Engländer, daß Fleisch und Speck bis 1954 rationiert blieben.
Bei jeder "kleinsten Gelegenheit. spottete der "New Statesman", erinnerten Politiker und Fleet-Street-Journalisten seither an jene heroischen Tage, beschworen sie den Geist, der 1940 aus der Misere half: "Bezugsscheine? Britanniens größte Stunde!"
Seit drei Wochen verteilen die Postämter wieder Bezugsscheine (für Benzin), fordert der Premier das Volk zur Einheit auf, spricht der Schatzkanzler im Unterhaus von der "schwersten Krise seit Kriegsende".
Nur: Diesmal drohen nicht Deutsche, sondern Briten selbst ihr Land zu zerstören, erlebt England wohl nicht seine größte, sondern seine kälteste Stunde. Wie selbstmörderisch veranlagte Lemminge, klagte der Generaldirektor des Industrieverbands CBI, Campbell Adamson, "eilen sie auf den nächsten Abgrund zu, so schnell es eben geht".
England muß derzeit mit 15 Prozent weniger Rohöl wirtschaften. Es würde damit genauso gut fertig wie die Europäer auf dem Kontinent. Doch in konzertierter Aktion machen Kumpel, Lokomotivführer und Ingenieure der Elektrizitätswerke "Dienst nach Vorschrift. verweigern Überstunden und bringen so "England langsam zum Stillstand" ("The Times"). Denn von den 174 britischen Kraftwerken werden 120 mit Kohle betrieben, derzeit fehlen an den E-Werken bereits 40 Prozent des Bedarfs.
Die Bergleute wollen erst wieder mehr fördern, wenn die Regierung ihren Zulageforderungen in Höhe von neun bis dreizehn Pfund wöchentlich nachkommt, die Lokomotivführer (Grundlohn: 33 Pfund) wollen sieben Pfund mehr Lohn, bevor sie die Züge wieder planmäßig rollen lassen.
Premier Heath lehnt diese Forderungen ab, weil seine Preis- und Lohn-Politik in dieser Phase nur etwa sieben Prozent mehr erlaubt. Nur den Kumpeln will er, einschließlich Sonderzulagen. rund 16 Prozent mehr gewähren.
Sollten Gewerkschaften und Regierung sich nicht noch einigen und ihren Konflikt durch einen Kompromiß beilegen, müssen Millionen Briten um ihre Arbeitsstellen fürchten. Denn ab 1. Januar, so verfügte die Regierung, sollen Industriebetriebe, Werften und Stahlwerke, Automobil-Konzerne und Chemie-Unternehmen nur noch drei Tage in der Woche arbeiten, um Energie zu sparen. Ein Bankrott-Boom wäre dann zu erwarten.
Schatzkanzler Barber strich am Montag aus dem Budget 1,2 Milliarden Pfund für fast alle Sparten, von der Schule bis zur Verteidigung. Die Wirtschaftsexperten der Regierung kalkulierten, wie hoch in diesem Jahr Britanniens Handelsdefizit sein wird: vermutlich mehr als zwölf Milliarden Mark.
Der Vorgeschmack auf das neue Dünkirchen ist bislang noch erträglich: TV-Stationen beenden um 22.30 Uhr das Programm, Flutlichtspiele der Fußballer sind verboten. Vier Millionen Weihnachtspakete werden nicht ausgeliefert, weil die Züge entweder überhaupt nicht oder nicht mehr planmäßig fahren. In elektrisch beheizten Privatwohnungen soll nur noch ein Raum gewärmt werden.
Schlimmer scheint schon, daß die Zuversicht der Briten, die Krise so gut zu überstehen wie früher, dahin ist. Viele Engländer sehen finstere Mächte am Werk, die Zukunft scheint unausweichlich Unheil zu bergen.
Der konservative Premier vermutet, wie mancher der konservativen Abgeordneten, kommunistische Taktik hinter den Aktionen der Gewerkschaft. nur weil einige der Kumpel Mitglied der unbedeutenden britischen KP sind. Die "Trotzkyist Workers' Revolutionary Party" dagegen prophezeite Konzentrationslager für aufmüpfige Arbeiter und glaubte auch zu wissen, warum William Whitelaw aus dem Nordirland-Ministerium in das Arbeitsressort abkommandiert wurde: "Er ist der einzige führende Konservative mit Erfahrung im bewaffneten Kampf mit der Arbeiterklasse."
In der neueren Geschichte verschont von Diktatoren und Revolutionen, fürchten die Briten nunmehr um ihre Demokratie. "Schon manche große Nation" sei nach derartigen Krisen "in der Diktatur erwacht", erinnerte das Massenblatt "Daily Mirror". Und der "Observer" fragte: "Ist dies der Auftakt für die sozialistische Revolution?"
Nüchterner und wohl zutreffender urteilt der konservative Publizist Peregrine Worsthorne: Er sieht in der gegenwärtigen Krise den Auftakt für die Endphase in der Auseinandersetzung zwischen den Arbeiterführern und Heath. "Er will die Schlacht gewinnen". schrieb Worsthorne, "nicht sie umgehen." Auch der Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes TUC, Len Murray, glaubt: "Er will mit diesen Maßnahmen die Massen schocken." Vor zwei Jahren bereits deutete der Premier an, was die Nation unter seiner Führung vor allem benötige: "Feste Nerven und Entschlossenheit." Denn: "Wenn der Weg hart ist, den wir gehen, dann nur, weil wir im Herzen wissen, daß eine Abkürzung nicht existiert."
An den 466 britischen Gewerkschaften aber geht kein Weg vorbei. Mehr als 2000 Streiks jährlich registrierte die britische Industrie seit 1960. Im letzten Jahr allein büßte die Wirtschaft rund 24 Millionen Arbeitstage ein" mehr als Frankreich und Italien zusammen. 66 Prozent der Bürger waren nach einer Umfrage der Meinung: "Die Gewerkschaften haben zuviel Macht."
So konnte sich Keath ermutigt fühlen, den Gewerkschaften mit einer Politik der "kalkulierten Feindschaft" (Oppositionschef Wilson) entgegenzutreten.
Gegen den Widerstand der Gewerkschaften, die 118 der 268 Labour-Abgeordneten des Unterhauses nominiert haben. brachte der Premier den "Industrial Relations Act" durch das Parlament, ein Gesetz, das die Macht der Gewerkschaften im Extremfall mit Geld- und Gefängnisstrafen eindämmen soll. Im November 1972 beschlossen die Konservativen eine rigorose Preis- und Lohnstopp-Politik, mit der sie die Inflation auf der Insel bremsen wollten.
Mehrmals hatte Heath seinen Wählern versprochen: Die "katastrophalen Jahre sozialistischer Regierungen" seien vorbei, eine Epoche "hoher Produktion, niedriger Preise und hoher Löhne" beginne nun. Doch Mieten und Lebensmittelpreise stiegen in den letzten fünf Jahren um fast 50 Prozent, für Lohnerhöhungen aber mußten die Gewerkschaften stets erneut kämpfen. So forderte die Stabilitätspolitik die Gewerkschaften zum Widerstand heraus.
Vergebens mahnte des Premiers Chefdenker, Lord Rothschild, im September, England müsse die Illusion aufgeben" es zähle "noch immer zu den mächtigsten, reichsten und erfolgreichsten Staaten" der Welt: "Wir brauchen die Mentalität. die wir im Zweiten Weltkrieg hatten."
Doch die gepriesene Versenkung in die Vergangenheit machte Englands Industrie im verschärften Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt nicht wettbewerbsfähiger. Mit "erstaunlicher Geschwindigkeit" ("New Statesman") rutschte die einstige Großmacht "an das Ende der zweiten Liga ab", und nun "droht der Sturz sogar in die dritte Liga".
Die Briten traf der Spott des Auslands: Ugandas Staatschef General Am-in forderte seine Landsleute auf, für einen "Save-Britain-Fund" zu stiften. "New York Times"-Witzbold Russell Baker schlug vor: "Siedelt die energiegeladenen Israelis nach England um." Angesichts dieser Lage blieb den Briten nur noch eines: der eigene Humor. In der "Times" sinnierten Patrioten, wie ihr Staat noch zu retten sei: "Können wir für den Prinzen Charles vielleicht eine arabische Prinzessin finden?" Ein anderer Briefschreiber sah sich daheim um: "Warum nicht die Tochter eines Kumpels?"

DER SPIEGEL 52/1973
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