24.12.1973

SOWJET-UNIONWichtige Hilfe

Nach einer Rekord-Ernte plant Breschnew eine Reform der Landwirtschaft. Die Regierungszeitung „ Iswestija“ empfiehlt das Gegenteil.
Vorigen Mittwoch, einen Tag nach Willy Brandt, feierte Sowjet-Parteichef Leonid Breschnew Geburtstag -- glücklich: Das vergangene Lebensjahr hat ihm Erfolg gebracht. Seinen größten Sieg errang Breschnew, 67, an einer Front, die über das Schicksal jeder sowjetischen Regierung entscheidet: in der Landwirtschaft. 1973 wurde die größte Ernte in der Geschichte Rußlands eingebracht. Wie hoch der Rekord genau ausfiel, ist allerdings strittig.
Das US-Landwirtschaftsministerium, neuerdings auch für die Ernährung der Sowjetbürger zuständig, schätzte im Juli 195 Millionen Tonnen Getreide. Geplant waren 197,4 Millionen Tonnen, die wurden -- laut "Iswestija" im Oktober -- "erreicht". Das wären schon 30 Millionen Tonnen mehr als in der Mißernte des Vorjahres und etwa ebensoviel, wie von den Kapitalisten dazugekauft werden mußte.
Es gab seltsame Zahlenspiele: Am 9. Oktober meldete Ukraine-Parteichef Schtscherbizki für sein Bundesland in der "Prawda" 45 Millionen Tonnen. In derselben Nummer spezifizierte die "Prawda"-Redaktion: in der Ukraine wurden 14 Millionen Hektar mit einem Durchschnittsertrag von 28,2 Doppelzentner bestellt -- das sind dann aber nur 39,5 Millionen Tonnen.
Am 30. Oktober meldete der Premier der Russischen Föderation (RSFSR), Solomenzew, 126 Millionen Tonnen -- auf 70 Millionen Hektar mit je 17 Doppelzentner (BRD: 38,2 Doppelzentner). Das sind, zusammengerechnet, nur 119 Millionen Tonnen.
Auf dem Weltfriedenskongreß im Kreml gab Breschnew als Gesamtresultat der UdSSR "offenbar über 215 Millionen Tonnen" bekannt. Am 12. Dezember nannte Planungschef Baibakow 220 Millionen Tonnen, und in der "Prawda" vom vorletzten Sonntag waren es schon 222,5 Millionen.
Doch der Berg des abgeernteten Getreides wächst nicht, sondern nimmt eher ab: Die durch einen regenreichen Sommer nasse Frucht wurde gleich nach dem Dreschen gewogen, mit der Feuchtigkeit. Die Scheunen reichen nicht, mitunter wird im Freien gelagert. wo das Korn im Schnee verkommt. Beim Lkw-Transport zu den Staats-Silos gehen nach sowjetischen Angaben bis zu 15 Prozent der Ladung verloren.
Schon wird wieder zu sparsamem Verbrauch aufgerufen. Der Vize-Vorsitzende des Obersten Gerichts der RSFSR, Schubin, rügte am 6. Dezember Staatsläden, die Brot in Übermengen verkaufen, und Nachbarn, die das nicht anzeigen. Manche Bürger, drohte Schubin, kaufen 10 bis 15 Laib Brot und füttern damit ihr privates Vieh -- ein derart gemeingefährliches Verhalten könne drei Jahre Haft eintragen.
Laut US-Landwirtschaftsministerium hat die UdSSR in den USA auch 1973 3,5 Millionen Tonnen Weizen und fast vier Millionen Tonnen Mais geordert. Moskau veröffentlicht dazu selbs.t keine Zahlen -- die Mammut-Importe des vorigen Jahres wurden dem Sowjetvolk verschwiegen. In der offiziellen, gedruckten Statistik des Außenhandelsministeriums für 1972 (316 Seiten) fehlt die Position 700: die Warengruppe Getreide.
Daß die sowjetische Landwirtschaft endlich von Grund auf reformiert werden muß, hatte auch Breschnew erkannt. Er entschied sich für einen radikalen Wandel.
Ober den Plan hinaus dirigierte er für 1971 bis 1973 zusätzlich fast neun Milliarden Mark in den Ackerbau. Im nächsten Jahr sollen 27 Prozent aller sowjetischen Investitionen in Landmaschinen, Dünger und Speicher gesteckt werden. Vor dem ZK kündigte Breschnew jetzt eine durchgreifende Reform an: Die Landwirtschaft soll industrialisiert werden.
Die 32 800 Kollektiv-Genossenschaften (Kolchose) und die 15 500 Staatsgüter (Sowchose) sollen zu einer neuen Produktionseinheit zusammengeschlossen werden, in der mit Fabrik-Methoden und nach dem Gewinnprinzip gearbeitet wird -- was immer das heißt.
Wie in der Industrieverwaltung (SPIEGEL 15/1973) muß nun auch in der Agrarproduktion der bürokratische Überbau vereinfacht werden. Höhere Löhne und Renten sowie mehr Kultur sollen den krassen Unterschied zwischen Stadt und Land abmildern. Dafür aber sollen die Bauern offenbar ihr Privatland in die neuen Agrar-Komplexe einbringen.
Acht Stunden täglich arbeitet der Kolchosnik lustlos für das Kollektiv, das ihm dafür im Schnitt 840 Rubel (etwa 3000 Mark) im Jahr zahlt, zum Teil in Naturalien. Seine freie Zeit arbeitet er für sich und damit intensiv: Bis zu zwei Morgen darf er selbst bebauen und die Bodenfrüchte eigenhändig auf dem freien Markt verkaufen, dazu eine Kuh und zwei Schweine heranfüttern.
Das Mini-Privatland macht weniger als ein Prozent der Agrar-Nutzfläche in der UdSSR aus, aber brachte 1970 so der Präsident der Landwirtschafts-Akademie, Pawel Lobanow -- 40 Prozent der gesamten Fleisch- und Milchproduktion. 20 Prozent der Wolle und einen großen Teil des Aufkommens an Obst, Gemüse und Kartoffeln.
Schafft Breschnew mit seinem Industrialisierungs-Plan die privaten Gärten ab, kommt es mit Sicherheit zunächst zu einer Versorgungskrise. US-Experten haben deshalb das Gegenteil vorgeschlagen: Verdoppelung oder Verdreifachung des privat bebauten Bodens.
Ähnlich dachte wohl auch die "Iswestija", als sie am 14. November einem Musterbauern das Wort gab: Unter der Überschrift "Die Privatwirtschaft hat gesellschaftliche Bedeutung" interviewte die Regierungszeitung Alexander Grigorjewitsch Kowalischin, einen Kolchos-Vorsitzenden aus der Gegend von Smolensk und Abgeordneten des Obersten Sowjet der RSFSR.
Kowalischin (Tagelohn seines Kolchos: 4,57 Rubel, rund 16 Mark) klagte. noch nie habe sich der Staat um das Privatland gekümmert oder es gar gefördert -- dazu werde nur immer der schlechteste Boden zur Verfügung gestellt. Der Landmann wünschte sich Saatgut von der Regierung, Kolchos-Land für das private Vieh und Beistand beim privaten Vertrieb der Produkte.
Dazu die "Iswestija": "Das private Land war und bleibt eine wichtige Hilfe" für die Ernährung des Sowjetvolks.

DER SPIEGEL 52/1973
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