24.12.1973

TSCHECHOSLOWAKEIUm die Ohren

Die Folgen des sowjetischen Überfalls auf die CSSR stören die Moskauer Entspannungs-Politik -- Indizien sprechen dafür, daß der Kreml deshalb die Prager Führung auf Ausgleich mit den Reformern drängt.
Das tschechische Parteiblatt "Rudé pravo" zählte ihn noch vor drei Jahren namentlich zu "den Leuten, auf die sich unser sozialistischer Staat nicht verlassen kann -- am vorletzten Dienstag hingegen prostete der untersetzte Mann zwischen Bonns Kanzler Brandt und Prags Parteichef Husák beim Staatsempfang im Prager Cernin-Palais auf eine reichlich späte. aber endliche Normalisierung: Valter Taub, 66, Prager Schauspieler (und in Hamburg als "Schwejk" unvergessen), Sohn eines Brunner Sozialdemokraten, Anhänger Dubceks und Bewunderer Brandts.
Auf die Überraschung angesprochen, ihn beim Bankett zu finden, lächelte raub gequält: "Nu', die Zeiten ändern sich; auch in Prag.
Ob sich die Prager Zeiten nach dem gewaltsamen Stopp der Prager Reformer wirklich zum Besseren ändern werden, war während des Brandt-Besuchs freilich noch unklar. Fast eine halbe Million aus der KPC ausgeschlossene Funktionäre und Mitglieder, die Entlassung von über 70 Prozent aller Hochschullehrer und über 80 Prozent aller Journalisten und über 10000 Inhaftierte sprechen eher für einen totalen Kahlschlag durch die Konservativen.
Auch gestiegener Lebensstandard, bessere Versorgung mit Konsumgütern, zu denen seit kurzem auch wieder italienische Schuhe, französische Stoffe und westdeutsche Elektrogeräte gehören, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Partei die Bevölkerung streng auf Linientreue hält -- nach eigenem Eingeständnis im Moskauer Auftrag.
Dennoch gibt es im selben Prag, in dem der ehemalige Rektor der Hochschule für Politik, Milan Hübl, sechseinhalb Jahre Gefängnis absitzt und Karel Bartosek, Ex-Dekan für tschechoslowakische Geschichte des 20. Jahrhunderts, als Heizer arbeitet, auch Anzeichen einer vorsichtigen Wende -- bisher noch schwer deutbare Spuren, die gleichfalls nach Moskau führen.
So ist neuerdings von zivilverkleideten Sowjet-Offizieren aus dem Stabsquartier der Besatzungstruppen in Milovice die Rede, die ebenso unauffällig wie regelmäßig Prager Reformpolitiker von einst zu langen und geheimen Gesprächen aufsuchen: den ehemaligen Parlamentspräsidenten Josef Smrkovski, die Chef-Ideologen des Prager Frühlings, Cestmir Cisal und Zdenek Mlynár (der heute die Insektensammlung im Prager Nationalmuseum verwaltet) oder den gestürzten Kreissekretär von Südmähren, Josef Spacek (derzeit ein kleiner Angestellter).
Von den, Emissären zu Stillschweigen vergattert, gaben die wiederentdeckten Politiker den Inhalt der Gespräche nicht preis -- "um den Erfolg nicht zu gefährden". Auch Ex-Parteichef Dubcek soll von den Moskauern bereits ins Gespräch gezogen sein. So viel scheint sicher: Bei den Erkundungen ging es vor allem um eine Verbesserung des politischen Klimas in der CSSR.
Dem entsprächen auch überraschende Besuche von Vertretern des Prager Innenministeriums in den Zellen der zur Zeit prominentesten Dubcek-Anhänger: Milan Hubl und Jaroslav Sabata, im Prager Frühling Parteichef in Brünn. Die beiden Professoren, die Wegen angeblicher Verbreitung von staatsfeindlichen Flugblättern einsitzen, wurden von den Beamten befragt, ob sie sich -- "langfristig gedacht"- eine loyale Mitarbeit im Staatsdienst vorstellen könnten; es komme die Zeit, "da man Leute wie Sie braucht".
Der Rentner Smrkovsky, nach Dubcek Prags Reform-Idol Nummer zwei, wurde bei dem Versuch, ein persönliches Schreiben an den Moskauer Parteichef Breschnew -- mit Vorschlägen fur eine echte Normalisierung -- in der Prager Sowjet-Botschaft abzugeben, von einem Botschaftsrat höflich empfangen und konnte einer Begegnung mit dem neuen Botschafter Mazkewitsch nur entgehen, indem er Zeitnot vorgab.
Antwort aus Moskau -- so Wollen Prager Parteikenner wissen -- bekam statt Smrkovsksý Parteichef Husák, Vom Politbüro in den Kreml bestellt, wurde der Parteichef aufgefordert, mit Rücksicht auf die Westpolitik des "Sozialistischen Lagers" eine rasche Aussöhnung der KPC mit dem starken Anhang Dubceks zu suchen.
Husák habe erwidert, daß eine derart abrupte Korrektur der Parteilinie sorgfältig vorbereitet werden müsse und frühestens auf dem nächsten Parteitag möglich sei, in zwei Jahren. Außerdem stehe der bisher von Moskau gestützte konservative Parteiflügel unter ZK-Sekretär Bilak solchem Wechsel entgegen.
So lange aber will die Sowjet-Union offenbar nicht warten:
* Die Prag-Okkupation belastet nach wie vor Moskaus Position bei den Ost-West-Konferenzen "Wir bekommen Prag bei jeder Gelegenheit um die Ohren gehauen" -- so ein Sowjet-Diplomat zum SPIEGEL. > Moskau braucht die rund 100 000 Sowjet-Soldaten, die noch immer als Besatzungsmacht in der (SSR stehen, um die sowjetischen Grenzen in Ost- und Mittelasien zu sichern. V" Das Grundprinzip der Prager Reformer, den Sozialismus für den Bürger erträglicher, ihn moderner und effektiver zu machen, ist heute auch Gedankengut der Moskauer Führung -- nur soll eine solche Reform sehr viel langsamer und kontrollierter vor sich gehen.
Daß sich der neue Wille Moskaus in Prag bereits durchzusetzen beginnt, auch dafür gibt es bescheidene Zeichen: Der dogmatische Kulturminister Bruzek mußte zugunsten des Schwiegersohns von Staatspräsident Svoboda, Milan Klusák. sein Amt quittieren.
Zwei der prominentesten und mutigsten Regime-Kritikern, dem Journalisten Jiri Hochman und dem Atomphysiker Frantisek Janouch (Leserbrief SPIEGEL 41/1973), beide seit Jahren arbeitslos, erlaubte die Partei am vorigen Dienstag die Ausreise in den Westen. Prag schiebt seine Dissidenten ab -- nach Moskauer Vorbild.

DER SPIEGEL 52/1973
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